Muße, Müßiggang, Langeweile und andere Perversitäten

Nichts Gutes, so scheint es mir, ist außerhalb des gelobten Landes zu finden – also jenseits des Daseins, in dem die Fragen nach Effektivität, Gewinn, Wachstum, Besitz und Macht elementar sind. Ein Mensch, der etwa einfach so in seiner Mietwohnung sitzt und ein antiquarisch erworbenes Buch liest, ist nämlich schon fast, so jedenfalls könnte man meinen, ein Systemfeind, denn sein Konsum ist womöglich zu gering, um andernorts nennenswerten Gewinn zu generieren, und wenn er darüberhinaus noch einen alten Mietvertrag besitzt und es keine Möglichkeit gibt, diesen in einen Staffelmietvertrag umzuwandeln, dann ist dieser Mensch vielleicht sogar eine Art Krankheitserreger, auf den Gedanken kann man durchaus kommen, denn er macht die Konsumgesellschaft krank mit seinem Nichtstun, seinem Rumgehänge, dem Lesen abgehangener Bücher und so weiter. Schlimm, wirklich! Aber Scherz beiseite, niemand will diesem Menschen wirklich Böses, nicht einmal die FDP, er soll nur gefälligst sich seiner gesellschaftlichen Verantwortung bewußt werden und mehr Geld ausgeben, Bücher neu kaufen und allerlei Leckereien beim Lesen konsumieren, und wenn er kein Geld dafür hat, dann soll er es sich leihen, denn die Banken, vor allem die systemrelevanten, müssen ja auch leben, und käme dies diesem Mann nicht schließlich auch zugute, frage ich, denn er müßte sich nicht mehr so sehr langweilen beim Bücherlesen, mit ordentlich Schulden kommt Langeweile nicht mehr vor, und bekommt der dann normgerechte Konsument Depressionen, kann immerhin die Pharmaindustrie daran verdienen, die dann wieder ordentlich Steuern zahlte … ja ist der bücherlesende Müßigmensch, das fällt mir an diesem Punkt der Überlegung siedendheiß ein, also doch zu etwas gut? Ein wichtiger Teil der von allen Parteien und allen politischen Richtungen beförderten Industrie – und Dienstleistungsgesellschaft? Mmh, man müßte das mal genau durchrechnen lassen von einem Durchrechnungsinstitut, um dann Strategien zu entwickeln, wie der antiquarischebücherlesende Mensch als behandlungsbedürftig dargestellt werden und wie dieser davon auch selbst überzeugt werden kann, und am besten wäre natürlich eine Studie, die gleich alle notwendigen Meß- und Grenzwerte bietet und die auch die Frage beantwortet, wie viel der Patient selbst zu zahlen hat und wie viel die Krankenkasse beitragen muß. Heißen könnte die Studie Generierung von Wertschöpfungsmöglichkeiten aus nichteffektiver Tätigkeit von Individuen unter Berücksichtigung gesellschaftspolitisch notwendiger Fragen nach Effektivität, Gewinn, Wachstum, Besitz und Macht. Oder so ähnlich, den Experten fällt da schon etwas ein, fleißig wie sie sind. Und wenn sie schon einmal dabei sind, dann können sie auch gleich mal ergründen, was aus einem Menschen rauszuholen ist, der schwachsinnige Glossen schreibt. Würde mich sehr interessieren!

[In einem Beitrag für die FAZ spricht Eugen Ruge, unter Punkt 7, das selbe Thema an!]

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