Tagebuch, fiktiv

Manchmal denke ich darüber nach, was ich schreiben würde, schrieb ich täglich Tagebuch. Natürlich nicht so eins, das dem späteren Ruhm zu dienen hat, sondern ein echtes. Was würde ich schreiben? Etwa dies: „Interesse an meiner Arbeit, meinem Roman läßt von allen Seiten rapide nach, oder bilde ich mir das ein? Darf ich Interesse überhaupt erwarten, wenn so viele meiner Freunde im Angestelltenmodus leben und bzw. oder einen Sack voll Kinder haben? Die Welt scheint da draußen ohne mich weiterzulaufen, nur manchmal bricht jemand aus und besucht mich, bleibt eine kleine Weile, erklärt mir, wie gut es mir geht und ist dann auch schon wieder fort. Seltsam, so ein Leben.“ Würde ich dies wirklich schreiben, mit Füllfederhalter ins Buch, Datum und Ort obenauf, und wenn ja, ginge es mir dann besser oder schlechter? Ich weiß es nicht. Vielleicht würde ich ja auch jeden Eintrag beenden mit diesem Satz, mit dem früher die Geschichten in so Grusel-Groschenheften endeten: „Seltsam, aber so steht es geschrieben.“ Ja, das trifft es genau!

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4 Responses to Tagebuch, fiktiv

  1. phyllis sagt:

    Ein privates Tagebuch zu führen: Manchmal vermisse ich das. Seitdem ich TT mache, liegt mein Tagebuch brach. Mir war damals nicht klar, dass das Weblog sich so auswirken würde. Das Zwiegespräch mit sich selbst, der Gang nach Innen wird ersetzt von diesem (für mich immer noch erstaunlichen) Gefühl, sich mit der öffentlich dargebrachten Gabe ein bißchen mit der Welt, den Anderen vermischen zu können.
    Was dadurch gewonnen werden kann, ist künstlerische Form. Was mir allerdings verloren geht, manchmal, sind die Spitzen – die Ausschläge nach ganz oben und ganz unten. Für jene eine Form finden zu wollen, bedeutet immer schon Relativierung: Wie sag ich’s meinem Publikum.
    In dieser Formfalle, diesem Anspruch, das Gegenüber nicht überfordern zu wollen, liegt für mich eine Gefahr, über die ich in letzter Zeit oft nachgedacht habe.

  2. Ein Tagebuch ist sicher eher ein vertrautes Wesen, während ein Weblog, wie Sie sagen, tatsächlich bereits eine Relativierung bedeutet; Rücksicht wird verlangt, die man gegenüber sich selbst nicht hätte. Ich habe mich ja eine Weile mit autobiographischen Texten (vom Ende des 17. Jahrhunderts bis ins 19. Jahrhundert) beschäftigt, die aber alle den Weg schon gefunden hatten vom ursprünglichen Tagebuch zum öffentlichen Buch. Das Ursprüngliche aber war der Tagebucheintrag, das merkt man den autobiographischen Schriften meist sehr deutlich an. Insofern fehlt uns, die wir ein persönliches Blog machen, die Tagebuch-Stufe, wir schreiben „es“ direkt öffentlich, dabei aber bereits verklausuliert und somit schon ohne die Ausschläge nach ganz oben und unten, die allenfalls ahnbar sind. Wir sind Autoren unserer selbst und vergessen womöglich, dem Text ein Original als Basis zu geben – ist das so? Darüber wäre nachzudenken!

  3. Ich nenne Tagebuchschreiben „Briefe an mich selbst“ und Blogschreiben „Briefe an andere“. in meinem Buch über das Tagebuchschreiben gibt es darüber ein Kapitel. Ich schreibe seit fast 50 Jahren Tagebuch, seit 4 Jahren ein Blog – und für mich ist das ein großer Unterschied. Übrigens freue ich mich, dieses Blog entdeckt zu haben, werde mir das Link gleich „bookmarken“ (Oh heiliger Denglesius!)

  4. Ich selber habe nie ausführlich Tagebuch geschrieben, nur als ich so etwa zwanzig war, habe ich die Fakten des Tages, so aufregend sie auch sein mochten, trocken notiert. Das Thema selbst aber hat mich immer gereizt, so daß es nur folgerichtig war, vor etlichen Jahren mit Karl Philipp Moritz‘ ‚Anton Reiser‘ ein auf Tagebucheintragungen basierendes literarisches Werk aus dem späten 18. Jahrhundert zu entdecken, daß mich tief beeindruckt hat. Die Umarbeitung von intimen (Tagebuch)-Aufzeichnungen zu lebendigen Selberlebensbeschreibungen, Memoiren oder eben Romanen (von Glückel von Hameln Ende des 17. Jahrhunderts über Adam Bernd, Heinrich Pestalozzi, Jung-Stilling, Johann Christian Edelmann, Ulrich Bräker, F. Ch. Laukhard, Johann Christian Müller bis hin zu Max Dessoir im 20. Jahrhundert) zeigt in jedem Fall den Drang des Menschen, aus den, wie Sie sagen, Briefen an sich selbst solche zu machen, die sich nach außen richten, an den anderen Menschen. So gesehen ist das anspruchsvolle Blog eine neue Möglichkeit, sich in anderer Art und Weise als im Tagebuch möglich nach außen zu wenden, allerdings eben ohne die „Rücksichtslosigkeit“, die einer Tagebucheintragung zu eigen ist.
    Ich freue mich, daß Sie mein Blog bookmarken; deutlichen Tagebuchcharakter haben übrigens die Blogs Tainted Talents, Die Dschungel und Blütenblätter, um nur einige zu nennen; bei Litblogs finden sich noch weitere.