Ich winkte weder noch wunk ich

Gestern am sehr späten Abend sah ich die startende Air Force One gen Osten Westberlin verlassen, in ihr der uns beehrt habende US-Präsident und Anhang. Da soll einer noch behaupten, man erlebe nichts auf so einem Berliner Balkon! Trotzdem blieb ich ruhig. Nun ja, dachte ich, das war’s dann wohl gewesen mit dem Präsidentenbesuch, fast alle sind zufrieden, die Journalisten haben Geld verdient, ob durch Hofberichterstattung oder versuchte Analyse, Obama hat eine seiner typischen Reden gehalten, die jeder mit dem Grundkurs-Rhetorik-Schein so leicht durchschaut wie der Präsident die Scheibe, die ihn während der Rede von seinen begeisterten Zuschauern trennte, Merkel hat ihren „Wahlkampf“ aufgehübscht und so weiter. Wer allerdings Sorge hat, ob nicht in aller Welt private oder auch berufliche Kommunikation von Machthabern aller Couleur mitgelesen wird, der hat nur die präsidiale Antwort bekommen „Schnauze halten, ist alles nur zu Deinem Besten, vertrau uns, denn wir haben alle Macht und Du keine“. Wie gesagt, alles in bester Ordnung.

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5 Responses to Ich winkte weder noch wunk ich

  1. Andreas Wolf sagt:

    Ich sah das auch von meinem Balkon aus und ganz ähnliche Gedanken beschlichen mich. Seltsam: ein ganz normales Flugzeug aus der Ferne, wie man es jeden Tag beobachten kann, aber da weiß man nun: das ist die Air Force One, da sitzt der Herr Obama drin, wegen dem man hier den Tag über sämtliche Straßen gesperrt und alle Gullideckel verplombt hatte, so dass wir am Nachmittag nur um ein Haar überhaupt noch nach Hause gekommen waren ohne einen riesigen Umweg radeln zu müssen, weil man dem Herrn Obama sein Abendessen natürlich in königlicher Kulisse im Schloss Charlottenburg hatte servieren müssen, nachdem er gesagt hatte, die Datensammlerei ginge schon in Ordnung, da solle man sich mal nicht so aufregen. Ja, der Berliner Balkon ist schon ein echter Logenplatz im Welttheater.

  2. Andreas Wolf sagt:

    Überflüssig hinzuzufügen, dass auch ich weder wunk noch winkte. Es könnte allerdings sein, dass ich, für einen außenstehenden Beobachter kaum sichtbar, ein ganz klein wenig wankte.

  3. Kurz zusammengefaßt ließe sich ja sagen, Obama hat in diesen Tagen Merkel als Anführerin Europas „geadelt“ und dem (westberliner) Volk Gefühlsaufwallungen geschenkt, während ansonsten die Errungenschaften der Moderne bezüglich Privatsphäre in einer einzigen Rede, in der es ausschließlich um Freiheit ging, als ebenso gefährlich enlarvt worden sind wie der Terrorismus, denn lebt Letzterer nicht, sagt Obama, von unserer Naivität!?

  4. derdilettant sagt:

    Erinnert sich noch jemand an das schöne Wort „Briefgeheimnis“? Und wie ehrfurchtsvoll man es in den Mund nahm. Aber vergessen wir nicht: sich mit einem Buch in eine Kammer, eine Ecke zurückziehen, sich mithin der häuslichen Gemeinschaft entziehen – also nicht mehr mit einem realen Gegenüber kommunizieren sondern mit der geheimnisvollen Macht der Buchstaben in einen unsichtbaren Dialog treten: wie unerhört das mal war, wie neu und unbegreiflich? Und gefährlich? Privatsphäre war ein schönes, leider kurzes Kapitel in der Kulturgeschichte des Westeuropäers. Denn eines ist klar: Was technisch Machbar ist wird gemacht. Ermöglicht der Buchdruck die massenhafte Verbreitung von Schriftgut, verbreitet sich das Schriftgut massenhaft. Ermöglicht die elektronische Kommunikation die lückenlose Überwachung, wird lückenlos überwacht. Was es uns bringt/gebracht hat kommt auf das Jahrhundert an, aus dem man zurückblickt. Einstweilen schlage ich vor, den herrlichen Sommer zu genießen

  5. Ich fürchte, Sie haben in allem ganz recht – die Epoche der Privatsphäre ist vorbei, wer sich abschottet, ist von nun an per se verdächtig. Sicher höre ich in dieser – deutschen – Debatte über das Überwachen des Internetverkehrs auch bald wieder diesen Satz (wahrscheinlich bei einer Straßenumfrage von Radio oder Fernsehen): „Wer nichts zu verbergen hat, muß sich auch keine Sorgen machen.“ Mir ist jetzt schon schlecht!