Auf die Länge kommt es an, und auf die Kürze!

Innen Sommer, außen Herbst, so will es die gegenwärtigste Gegenwart, denn im Schnürregen auf dem Balkon sind’s 15° Grad Celsius, in der Wohnung, dank der Hitze der letzten Woche, immer noch 25° Grad, da kann ich lüften wie ich will. Was nun bedeutet das literarisch? Nun, ich fürchte nix, wenngleich sich daraus eine kleine Geschichte machen ließe, deren Herstellung ich hiermit aber verweigere! Sollen doch die Diplom-Schriftsteller sich solcher Aufgaben annehmen, mir ist das durchaus nicht angenehm, denn tatsächlich bin ich der Ansicht, das Unbesondere als solches bestehen zu lassen als es selbst, das Besondere aber aus einer unendlichen Vielzahl solcher Kleinheiten und einiger weniger Besonderheiten zu komponieren, sozusagen nach dem Prinzip der Oper. Gedichte dürfen nämlich gerne kurz sein, Prosa aber habe ich gerne lang, als Roman oder auch als längere Erzählung oder Novelle. Alles Kurze macht mir seelische Schmerzen, hinausgeworfen fühle ich mich aus einer eben erst betretenen Welt, wenngleich es herausragende kurze Geschichten gibt, die nachklingen eben wegen ihres Herausragendseins. Wie kam ich drauf? Ach ja, wegen des Wetters, das sich gerne als nur kurze Erscheinung herausstellen darf, denn warum wohl sollte sich im Deutschen sonst Kürze und Würze so prima reimen. Auf Länge reimt sich hingegen nichts, was irgendeinen Sinn ergäbe – na also, haben wir auch das mal geklärt!

Nassesberlin, Norbert W. Schlinkert

 

 

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4 Responses to Auf die Länge kommt es an, und auf die Kürze!

  1. derdilettant sagt:

    Als der wunderbare John Cage einmal gefragt wurde, ob denn das Öffnen der Tür Kunst sein könne, sagte er, in dem Moment, wo man es auf die Bühne bringt, ja. Und Recht hat er, denn Aufgabe des Künstlers ist ja gerade, das in allem Unbesonderen schlummernde Besondere für das geneigte Publikum sichtbar zu machen. Z. B. will ich als Leser ja auch nichts von Schlössern, High-Society-Burgen, Mittel- und sonstigen realen oder irrealen -erden wissen, sondern im Roman meine blöde Welt vorfinden, die aber allein dadurch, dass der Dichter sich ihrer annimmt, einen betörenden Glanz bekommt, der wiederum ungemein beruhigend in meine blöde Welt zurückstrahlt.

  2. Das Hin- und Herstrahlen, das sich gegenseitige Verlebendigen macht auch meiner Ansicht nach das Wesen der Kunst aus, denn ohne das Ergreifenwollen des vermeintlich Fremden oder Neuen würde kein Mensch zum neugierigen Leser werden – der dann das Viele, das er kennt, auch tatsächlich neu angerichtet sieht, ohne es aber, wenn das Lesen gelingt, als fremd zu empfinden. So ist insbesondere auch das intensive Lesen einem Liebesakt ähnlich, Lust wird entzündet, obwohl „nur“ eine Tür geöffnet wird. Ich habe etwa Franz Werfels ‚Stern der Ungeborenen‘ oder Alfred Döblins ‚Wallenstein‘ deswegen mit Begeisterung gelesen, weil das Allzumenschliche dort alle Feste feiert, die zu feiern sind, die lustvollen und fröhlichen wie auch die traurigen, die Umkehrfeste und die zeremoniellen, die persönlichen und die weltbedeutenden.

  3. Manfred Bibiza sagt:

    John Cage’s Klänge
    Ziehen sich in die Länge,
    lösen auf die Menge
    gegenwärtiger Zwänge.
    (Ein Scherz)

    Das Besondere scheint mir jenes Detail des Unbesonderen zu sein, das herausgegriffen, herausgehoben wird – indem es mit Worten beschrieben, … mit einer Kamera fotografiert, … mit einer Taschenlampe angestrahlt, … auf die Bühne gestellt … wird.

  4. Ich denke, daß das Besondersmachen eines Einzelnen dennoch „nur“ dazu führt, es im neuen, dann künstlerischen Kontext wieder unbesonders zu machen, weil ihm eine dem Ganzen dienende Funktion zukommt. (Ausnahmen gibt es natürlich, wo das Unbesondere qua Behauptung kontextfrei Kunstding ist, ich denke da zum Beispiel an die Ready-mades bzw. die Objet trouvé.) Ich finde es aber immer wieder auch erstaunlich, was sich etwa aus zweieinhalb Dutzend einzelnen Buchstaben und aus den dem Menschen erkennbaren Farben und Tönen so alles neu machen läßt.