Das Kreuz mit der Anrufung

Mein Gott, warum hab‘ ich Dich verlassen!? Kommst Du zurecht? Fehlt Dir auch nix? Naja, wer hat schon die Fähigkeit, sich selbst so ganz traditionell zu kreuzigen, niemand!, sage ich, und das wußten bereits die alten Römer, als sie diesen Deal machten mit dem großen Regisseur. Das ist lange her. Heutzutage ist das mit dem Selberkreuzigen keine Kunst mehr, ein falscher Satz, eine Nachlässigkeit, eine Lüge, schon ist man da, wo man hingehört. Richtig so! Das Schöne am traditionellen Kreuzigen ist ja, daß die Edelmaße des Menschen nahezu dem damals noch nicht so genannten goldenen Schnitt gemäß ausgestellt werden, wenngleich, das darf nicht verschwiegen werden, diese Kunst des Kreuzigens den Besatzern diente und damit politisch instrumentalisiert war. Man kennt das aus allen Zeiten, alle Regime und Diktaturen suchen die Kunst für ihre Zwecke zu nutzen, auch wenn die öffentliche Zurschaustellung der Strafe so ungefähr seit dem späten 19ten Jahrhundert der öffentlichen Zurschaustellung des Prozesses hat weichen müssen. Gott ist nun also nicht mehr der Himmel über der Kreuzigung, sondern die Saaldecke des Gerichts, vom Amtsgericht bis zum Bundesverfasstheitsgericht. Damit muß er, sie, es leben, selber schuld, sage ich da nur.

Für irgendwas muß dieser Gott ja gut sein, und wenn Sie mich fragen, so ist er Der- (oder meinethalben auch Die- oder auch Das)jenige, der anzurufen ist, wenn es denn richtig existentiell abgeht. Hiob hat das getan, als er merkte, daß er das einzig überlebende Opfer einer Wette von Gott und Luzifer war, und natürlich gab Gott ihm dann recht, als Richter und Angeklagter zugleich, woraufhin die Akte Der zerbrochene Hiob geschlossen ward. Auch lange her, länger noch. Heutigentags aber würde niemand, dessen brillanter Ruf ihm oder ihr selbst das wichtigste auf der Welt ist, zugeben zu wissen, daß diese Anrufung, Gott, Jesus, der Heilige Geist, selbst auch Maria müssen da mal ran, rein statistisch am häufigsten beim Geschlechtsverkehr geschieht, ganz gleich, ob dieser vermeintlich privat und unmedial vonstatten geht oder ob er als Videobotschaft an die Welt entlassen wird. Und da die Menschen zunehmend englischsprachig vögeln, wird in eben dieser Sprache in die Welt hinaus gehaucht und geschrien, daß die Kassen nur so klingeln. Dagegen waren die paar Kreuzer, die Judas für seine Rolle bekommen hat, nur Peanuts. Echt ma‘!

Norbert-W.-Schlinkert-Temporäres-Ausstellungsobjekt-NB-HH

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2 Responses to Das Kreuz mit der Anrufung

  1. Prinz von Weilburg sagt:

    Viel konnte er nicht anfangen damit, noch drei Bier, paar Schnäpse, dann ab zum nächsten Baum und weg du furchtbare Welt.
    Ich sage Ihnen was, Judas ist unschuldig.

  2. Naja, wie ich schon sagte, er hat eine schlechtbezahlte, wenn auch in der Tragödie notwendige Rolle gespielt und sich dabei buchstäblich seinen Namen ruiniert.