Mein trauriges Künstlervorsichhinlebenleben, frei nach Kafka

Die Vergnügungen für Nichtkünstler, so wurde mir klargemacht, sind für Künstler immer beides, nämlich zu viel des Guten und zugleich zu wenig. Ich täuschte Nichtverstehenkönnen vor und klimperte fleißig mit den Augendeckeln, obgleich mir schon schwante, was da kommen mochte. Und es kam, denn wie nur könnte ein Feingeist, er wies mit dem beringten Zeigefinger auf mich, genauer: auf meine Nasenspitze, solcherart gemeines Vergnügen zu schätzen wissen – daraus ließe sich doch wohl nichts Künstlerisches herleiten oder ableiten oder zubereiten. Ich widersprach. Ein Komponist etwa könne, sagte ich, aus dem Stimmengewirr an einem Strand und dem Rauschen der Wellen, dem Schreien der Möwen ohne weiteres eine Fuge oder doch wenigstens ein Fugato machen, und er solle doch mal an die impressionistischen Maler denken oder auch an die expressionistischen mit ihren Straßenszenen und Jahrmarktsszenen und großen Badenden und Cancantänzerinnen und trüben Barszenerien und so weiter und so fort, da könne er doch unmöglich annehmen, einem Künstler sei auch nur ein Aspekt des Lebens zu gering – das könne er doch unmöglich annehmen! Während ich das, auf ihn hinunterblickend, sagte, verging ihm das hämische Grinsen, es floß sozusagen unten aus seinem Gesicht heraus und tropfte ihm in den Schoß, so daß es aussah, als hätte sich der so lässig in seinem Liegestuhl fläzende Torwächter in die Shorts gepinkelt. Mmh, sagte er, ich solle nicht glauben, er wisse nicht von was ich spreche, denn die Kunstmuseen und die Musik der westlichen Hemisphäre kenne er wohl, aber da ich doch nun weder Komponist noch Maler sei, so frage er sich doch, was ich denn da, er wies mit dem Daumen über die Schulter in den Trubel hinein, wolle – doch nicht etwa etwas darüber schreiben? Derweil er nun mit der lässigen Miene eines hochgeachteten Wächters Kreti und Pleti durchwinkte, es quietschte jedesmal gotterbärmlich, wenn das arme rotweiße Drehkreuzchen eine Vierteldrehung mit dem Gast machte, der freilich geradeaus ging, während er also durchwinkte, setzte ich ihm auseinander, wie moderne Autoren aus dem Alltagsleben ganze Romane gemacht hätten, backsteindicke Romane, und da sei es doch mehr als nur nachvollziehbar, wenn ich mein trauriges Künstlervorsichhinlebenleben etwa aufpeppen wolle durch den Besuch einer Volksvergnügungswiese, die dann mitunter bald eine Rolle in meinen Schriften spielen könnte. Mmh, sagte er, komme ich denn dann auch vor in dem Roman? Er grinste und legte den Kopf ein wenig schief. Ja, sagte ich knapp, denn ich hatte Durst und wollte ein Bier, Sie kommen auch darin vor, worauf sich sein Mündchen spitzte, mmhmmh machte es, und dann winkte er mich, zugleich die Augendeckel hinunterklappend, tatsächlich mit lässiger Geste in Richtung Vergnügen! Ich ließ mich nicht lange bitten und tat also einen Schritt, das Drehkreuzchen tat pflichtschuldig sein Geräusch, und schon war ich mitten drin im Getriebe. Schreiben würde ich über das hier natürlich keine Zeile, das versteht sich ja von selbst. Puh! Was für ein Trubel.

 

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