Datengold

In einem lesenswerten Artikel beschreibt Evgeny Morozov die USA als drogensüchtiges Gebilde, weil es süchtig nach Daten ist. Diese Sucht ist, so Morozov, ein die ganze Welt ganz und gar real betreffendes Problem (denn aus Sucht entsteht Übergriffigkeit) – Horror vacui war gestern, heute ist die Welt Oberkante Oberlippe voll mit Daten, Daten, Daten, die in verknüpf- und les- und deutbarer Masse mächtigen Organisationen zur Verfügung stehen. Die Gefahr, die daraus resultiert, muß zwingend diskutiert werden, keine Frage. Was jedoch in dieser absolut notwendigen Diskussion um menschliche Werte und der Gefahr ihrer Beeinträchtigung und Vernichtung bisher unberücksichtigt bleibt, ist die Frage, was nicht in abgreifbaren und speicherbaren Worten und Zahlen und Verhältnismäßigkeiten erscheint, dennoch aber für den einzelnen Menschen Relevanz besitzt und nicht zwingend vermittelt werden muß und womöglich nicht einmal vermittelt werden kann. Den Kirchen und religiösen Gruppen ist das sicher der Glaube in seiner ursprünglichsten Form, der, das macht sein Wesen aus, von keiner Fragwürdigkeit erreicht werden kann, für Künstler mag das die Seele sein, für Psychoanalytiker das Unterbewußtsein, wie auch immer. Ins Reale, in Sprache und Zahlen gezerrt, erzeugen diese Momente selbstverständlich dann aber wieder Daten, die die datenerzeugenden Menschen zunächst für menschengemachte Maschinen lesbar machen und sie einer formalen Bewertung unterwerfen, worauf dann aus diesen Maschinenerkenntnissen Handlungsnotwendigkeiten abgeleitet werden, die oft darauf hinauslaufen, zu bekämpfen oder zu behandeln, was für die Ausführenden zugleich bedeutet, wesentlich sich selbst und die eigene Gruppe zu schützen. Das alles scheint also, sieht man es auf diese Weise, imgrunde nur der altbekannte Kampf aller gegen alle in der allerneusten Variante zu sein, in der, und das ist die schlechte Nachricht, aber auch der totale Rückzug in ein datenfreies Sein nichts helfen würde, denn auch eine Datenlücke ist von Daten umgeben, die eben diese Lücke definieren, so wie ein Zaun einen Claim, in dem der claimsetzende Goldsucher Gold vermutet. Ist der Zaun erst einmal gesetzt, vermuten ausnahmslos alle dort Gold – das ist das Problem.

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2 Responses to Datengold

  1. derdilettant sagt:

    Auffallen durch Unterlassen. Unterlassene Datenleistung, gewissermaßen. Unterlasser aller Länder vereinigt euch!

  2. Viele Unterlasser werden wohl nicht zusammenkommen, ist ja immer bequemer, die Dinge, die man glaubt nicht ändern zu können, einfach laufen zu lassen. Angeblich halten ja 96 % der erwachsenen Deutschen den NSA-Ausspähskandal für ein politisch nicht relevantes Thema – kein Wunder eigentlich bei dem schlechten Bildungsniveau hierzulande, trotzdem aber fast noch gruseliger als die weltpolizeistaatliche Schnüffelei selbst. Aber wahrscheinlich denken die meisten, Demokratie sei, alle paar Jahre wählen zu gehen.