Wenn Männer & Frauen nicht mehr zum Masturbieren kommen, wie es früher einmal war

Schon in den 50er-Jahren des letzten Jahrhunderts gab es Diskussionen zum Thema der drohenden Kommerzialisierung der Sexualität. Sicher, geklagt wird immer, bereits Goethe war der kommerzielle Reizüberfluß zu viel, Nietzsche glaubte deswegen schier wahnsinnig zu werden, und auch Heinrich Schirmbeck thematisiert das in seinem großen Roman von 1957 hier und da recht eindrucksvoll (verknüpft auch mit der Thematisierung der Überwachung des Einzelnen durch einen mißtrauischen Staat). Die Gefahr, die schon immer im Raume stand ist die, sich nicht mehr zurückziehen zu können, vor lauter Überflutung mit Reizen nicht mehr mit sich alleine sein, keine eigenen Bilder und Geschichten mehr hervorbringen zu können, nicht zuletzt auch mangels Übung. Es ist ja immer alles schon vorgefertigt da, man muß nur zugreifen.

Nee, das Buch habe ich nicht gelesen, hört man nicht selten, aber den Film habe ich gesehen. Wahrer, tiefempfundener Genuß entsteht so nicht besonders oft, möchte man meinen. Und dabei ist nicht das Problem jenes, daß es Verfilmungen gibt, die ja auch eigenständig gut sein können, oder Fast-Food, das ja nicht grundsätzlich schlecht sein muß, sondern daß alles immer überall und zu jeder Zeit verfügbar ist und der Mensch eben eher zu dem greift, was leicht zu konsumieren und oft auch billiger ist. Jederzeit Brot & Spiele, so gedeiht das Untertanenwesen der Postdemokratie am besten, ohne sich etwa durch Ausspähaffären aus der Ruhe bringen zu lassen. Verkümmert da, möchte man fragen, nicht die eigene Phantasie, beziehungsweise, wird sie etwa gar nicht entwickelt? Heutzutage sind im letzten Winkel des Landes alle denkbaren digitalen Produkte präsent, während man vor der digitalen Revolution und der damit einhergehenden Kommerzialisierung aller Lebensbereiche schon einiges in Kauf nehmen und wagen mußte, wollte man (als noch junger Mensch) zum Beispiel an pornografische Produkte gelangen. Gefälschte Schülerausweise waren da nur die eine Seite, man mußte sich auch noch reintrauen, in den Sex-Shop oder das Kino. So war das damals, liebe Kinder, in den alten Zeiten, also von den alten Ägyptern bis vor ungefähr zehn Jahren – anstrengungslos ging gar nichts! Und meistens mußte man sich seine Phantasien selber machen, Männlein wie Weiblein. Skurril, nicht?

Selbstverständlich ist das angestrebte Ergebnis, wenn wir mal bei diesem Beispiel des Masturbierens bleiben wollen, immer das selbe, seit Urzeiten, denn es ist Sex, wie Woody Allen mal richtig sagte, mit jemandem, den ich liebe. Aber nicht nur der Orgasmus als solcher wird angestrebt (den könnte man ja auch mit einem Sexualpartner haben), sondern das Ausleben, das Verlebendigen seiner eigenen Phantasie ganz mit sich allein in einem erzählenden Sinne, mit einer Geschichte – das Reizen der Geschlechtsteile bzw. der entsprechenden Hirnareale mit vorgefertigten Bildern aus dem Internet ist da etwas anderes, so ähnlich sie den eigenen im Prinzip auch sein mögen. Imgrunde ist das Masturbieren anhand von Pornografie also, wie schon angedeutet, ganz ähnlich dem Fast-Food-Fressen, es befriedigt den Hunger, ohne tieferen Genuß zu bieten. Natürlich ist das Ganze kein Weltuntergang, wenngleich die Herstellung des Produkts Pornografie eine Menge berechtigter Fragen aufwirft, wie etwa auch die Herstellung von Fast-Food, bedenklich aber scheint es mir zu sein, wenn keine Alternative zur Masturbationsvorlageabrufung mehr vorhanden ist – im eigenen Kopf, in der eigenen Phantasie! Sucht (und Abhängigkeit vom Dealer) kann die Folge sein, eben weil es keine Alternative weit und breit gibt und die Befriedigung immer ohne phantasieerzeugendes Eigentun auskommt. Sie sehen also, ich mache mir Sorgen, und zwar besonders um die Jugend, deren Köpfe immer mehr belegt zu werden scheinen von den Produkten der Industrie – denn alles wird bebildert, jede Lücke bedeutet eine Marktlücke, die gefüllt wird, sobald die Technik das zuläßt. Wie gesagt, Brot & Spiele in einer Welt, in der der Untertan fröhliche Urstände feiert!

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