„Das Gefühl, nicht verstanden zu werden“

Da ich im Moment einen unterhaltenden Langtext schreibe, für den ich immer wieder kleine Informationen einholen muß, ihn stimmig zu machen, sehe ich öfter bei Wikipedia nach. Nicht auszudenken, ich müßte jedes Mal in die Bibliothek deswegen. Gestern also sah ich, um einen Dialog zu schreiben, unter Schizophrenie nach, worauf ich das folgende unter dem Stichwort Vorpostensymptome fand: „Die häufigsten Symptome im Frühverlauf der Schizophrenie sind: Unruhe, Depression, Angst, Denk- und Konzentrationsstörungen und Sorgen. Andere Untersucher haben als häufige Frühwarnzeichen bei 72 % der Betroffenen Ruhelosigkeit, bei 64 % Schlafstörungen, bei 62 % Nervosität, bei 60 % Schwierigkeiten bei der Arbeit sowie bei 56 % das Gefühl, nicht verstanden zu werden, gefunden.“ Ist das nicht erstaunlich! So gesehen müßte man in Berlin für ganze Bezirke konstatieren, daß praktisch jeder der Bewohner:innen ziemlich eindeutig Gefahr läuft, schizophren zu werden. Vor allem sehe ich auch für Künstler schwarz, denn beispielsweise das Gefühl, nicht verstanden zu werden, haben wohl nicht wenige – mal ganz abgesehen davon, daß vom Rest der Symptome auch noch eine Menge am Künstler klebt wie Pech und Schwefel. Aber vielleicht sind die Künstler ja selbst ein Krankheitssymptom für die Gesellschaft? Wer weiß! Muß ich gleich mal bei Wikipedia nachschlagen.

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2 Antworten auf „Das Gefühl, nicht verstanden zu werden“

  1. ANH sagt:

    vielleicht sind die Künstler ja selbst ein Krankheitssymptom für die Gesellschaft
    Der Gedanke ist nicht neu, sondern blickt auf eine lange Tradition zurück, bei Adornos falschem Leben angefangen, in dem kein wahres möglich sei, über die Entdeckung des Geisteskrankheit als Protest und Motor künstlerischer Bewegungen bis hin zu vielen höchst modernen Texten von >>>> Ronald D. Laing („Knoten“). Wir können insofern pervertieren (also „umdrehen“) und füglich behaupten, die Künstler:innen seien im Gegenteil ein Symptom dafür, daß eine Gesellschaft noch nicht krank ist. Selbstverständlich ist diese Lesart mir ausgesprochen sympathisch, und ich mag Ihnen mit einem Augenzwinkern raten, es einfach ähnlich zu sehen wie ich.

  2. Ich habe ja zuletzt immer mal wieder den Begriff der „Wohlstandsverwahrlosung“ ins Spiel gebracht und damit andeuten wollen, daß die vermeintlich Vollfunktionsfähigen oftmals einen unsozialen Keim in sich tragen, der dazu führt, daß Teile der Gesellschaft für unproduktiv und schädlich (= krank) erklärt werden. Der finanziell nicht erfolgreiche Künstler gehört für viele Menschen offensichtlich gemeinhin dazu, vor allem, wenn er partout nicht lassen will von seinem Tun. Das Befragen des Künstlerischen nach rein marktwirtschaftlichen Kriterien ist für viele Menschen aber offensichtlich die einzige Möglichkeit, in Kontakt zu treten mit der Kunst, gegen die sie sich oftmals zu wehren glauben müssen – letzteres sehe ich persönlich als ein Symptom einer in sich kranken Gesellschaft, in der Zahlen, Statistiken und Effektivitätszwang das „gute Leben“ selbst immer mehr verdrängen. Insofern sehe ich die Lage tatsächlich ähnlich wie Sie, mit und ohne Augenzwinkern.

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