Machtspielchen, Respektlosigkeit, Häme & Neid

In Wahlkampfzeiten sind alle immer so gereizt – und Wahlkampfzeiten sind ja relativ oft. Allerdings ist es ja nicht so, daß plötzlich ein jeder Mensch entdeckt, wie überaus wichtig er und seine Stimme ist – ganz im Gegenteil, sehr viele bemerken jetzt bei der Bundestagswahl, wie sehr sie nur Teil der Masse sind. Meine Stimme, so überlegen manche ganz richtig, ist nur ein Zweiundsechzigmillionstel der Entscheidung, ich bin nur Einzweiundsechzigmillionstel der Wahlberechtigten! Da muß man doch die Krätze kriegen, da muß man doch vor Machtlosigkeit geradezu implodieren! In der Akademie der Künste in Berlin wurde dementsprechend letztens während einer Podiumsdiskussion dazu aufgerufen, doch wenigstens ungültig wählen zu gehen, bitte, bitte, bitte! Rettet, drunter tut’s heutzutage keiner mehr, die Demokratie, die in Wahlzeiten als Demokratismus daherkommt, fußend auf der Ansicht, alle normsetzenden Kräfte gingen von der Masse aus, was, unter uns gesagt, sowohl richtig als auch Quatsch ist. Richtig ist das in gewisser Hinsicht, wenn durch Wahlbeteiligung das demokratische Wesen des Staates als solches genährt wird, indem also einer Regierung die Volksvertretungsmacht und der Opposition die Überwachungsaufgabe auf Zeit verliehen wird; Quatsch ist es, wenn das Volk in seiner Mehrheit Vorgängen zustimmt, die etwa gegen die Menschenrechte verstoßen, denn dann hat eine jede Regierung die Pflicht, gegen Volkes Meinung zu handeln. Das dazu, fiel mir grad nur so ein.

Es werde Licht (I), Norbert W. Schlinkert

Allerdings bin ich die Machtspielchen, die Respektlosigkeiten, die Häme und den Neid, also das, was so einen Wahlkampf bestimmt, insgesamt leid – ich selbst reagiere ja schon gelegentlich überreizt auf Angriffe, wenn ich mich denn mal nicht beherrschen kann. Beherrsche ich mich aber, wird mir das durchaus übel genommen, weil es als Versuch der Machtübernahme wahrgenommen wird, beherrsche ich mich nicht, sind alle sauer, denn wie kann ich es wagen, andere zu kritisieren, wo ich doch selbst genau so bin wie alle anderen, wie es sich ja grade soeben zeigt. Zwar durchschaue ich diese Zusammenhänge, aber wehe ich versuche diese dann zwecks Herstellung von Harmonie auch noch zu erklären! Warum ich denn immer alles so kompliziert machen muß, heißt es dann, ob ich denn nicht mal ganz normal sein könne. Und dann kommt immer einer und kippt mir seine Häme über den Kopf und haut mir alles Mögliche, die „Wahrheit“ über mich, um die Ohren – wenngleich ich dabei äußerlich nahezu immer ruhig bleibe, ich mache seit 30 Jahren Kunst, da lernt man das und muß das lernen, wenn man nicht zum Serienmörder werden will.

Es werde Licht (II), Norbert W. Schlinkert

Während alle anderen sich also totarbeiten, scharwenzelt der Künstler durchs Leben und wird dann vielleicht auch noch mit Unsterblichkeit belohnt! Darf das sein? Nein, und dagegen muß auch etwas getan werden, keine Kränze mehr für das Dreckskünstlerpack, weder zu Lebzeiten noch danach. Ist das Volk der Souverän, so muß die Kunst dem Volk dienen, wie dazumal dem Klerus und dem Adel! Hört, hört! Subventionen nur noch für Sinnvolles, für Fleischfabriken, Waffenfabriken und die Unterhaltungsindustrie, außerdem für Apotheker und die Pharmafritzen und überhaupt für alle, die sich um das Wohl des Staates verdient machen! Jawoll, jawoll, jawoll!

Es werde Licht (III), Norbert W. Schlinkert

 

 

„Was ist denn mit dem Schlinkert los?“

„Der faselt, akuter Anfall von Wahlkampffieber.“

„Ist das gefährlich?“

„Ach was, die Demokratie wird’s überleben.“

„Dein Wort in Gottes Ohr – Dein Wort in Gottes Ohr!“

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