Winter, Broch und Vergil

Der lange, schreckliche Berliner Winter schickt seine Vorboten voraus, und dabei wird es erst Herbst dieser Tage. Zum Glück befinde ich mich seit etwas mehr als zwei Jahren ohnehin in überwiegend schwermütiger Stimmung, da läßt sich auch mieses Wetter gut ertragen, nicht zuletzt auch durch einfaches Gehen, Spazierengehen. Auch sind die Prenzlauer Berge nun bald befreit vom allzu massenhaften Angestelltengeschmeiß aus aller Herren Länder, die hier sommertags die Wege verstopfen und abends fressend und saufend und grunzend in den Straßen hocken. Hocken sie eben wieder als Lohnsklaven in ihren Büros und vermehren dort das Unheil der Welt – Hauptsache, sie sind mir aus den Augen! Man stelle sich vor, es gäbe ganzjährig diese Massenaufläufe! Doch das richtige Maß wird sich ohnehin nie für lange einstellen, nur für kurze Zeit wird es uns immer wieder mal die Ehre geben, das ist alles, was wir hoffen können. Zum Glück rege ich mich nicht wirklich auf, zum Glück kann ich es oft lange in meinem Bergfried aushalten, zum Glück habe ich die Literatur, die mich immer wieder und seit je her, ja! – rettet. Im Augenblick lese ich übrigens von Hermann Broch Der Tod des Vergil, was unbedingt laut zu lesen ist seiner unglaublichen Musikalität wegen, seiner unglaublich schönen, langen Sätze wegen, kurz: seiner ganz und gar betörenden Sprache wegen. Jedem sehr geübten Leser zu empfehlen, wenn auch ausschließlich diesen. Nicht alles dient der Masse.

Herbstlicher Balkonblüher, Norbert W. Schlinkert

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