War Louis-Ferdinand Céline ein Hämorrhoid?

Ist Louis-Ferdinand Céline ein Hämorrhoid gewesen, also ein krankes Arschloch? Nach dem, was wir über seine antisemitischen Pamphlete wissen können, sieht es in der Tat so aus, vor allem wenn wir zugleich annehmen, daß er an einer Psychose erkrankte. Krank also, aber bei vollem Bewußtsein. Aber kann das sein, fragen sich sicher viele, also auf der einen Seite herausragender Schriftsteller, auf der anderen aber haßerfüllter Autor extremer Schmähschriften? Wäre dann aber nicht eher von Schizophrenie zu sprechen, wodurch für den Widerspruch wenigstens ein Wort gefunden wäre? Doch so einfach ist es natürlich nie. Besonders ausgeglichen aber wirkt er nun auch wieder nicht, das muß man schon sagen, wenn man ihn so sieht. Dabei unterscheidet er sich kaum von meiner Vorstellung (des älter gewordenen) Ich-Erzählers aus Reise ans Ende der Nacht, in dem ich einen recht typischen Vertreter des Kleinbürgertums der um 1900 herum geborenen Generation erkenne, einer Zeit also, in der meine Großeltern das Licht jener anderen, uns überwiegend fremden Welt erblickten. Lebendig kann diese Zeit, wenn man es denn will, aber nur werden, denke ich, wenn wir uns lesend konkret einlassen, ohne Nebenschauplätze, wenn wir also mit einem poetischen Ich des Romans verschmelzen und so dem Unbekannten mittels der eigenen Vorstellungskraft ein wenig näherrücken, mitleben, mitleiden. Dokumentationen, Sachbücher, Spielfilme oder TV-Serien können dies meiner Ansicht nach eher nicht oder nur sehr bedingt leisten, ein Nachfühlen, ein sozusagen begrenztes Dabeisein ist nur in der Verschmelzung mit anderen Menschen respektive Figuren möglich, die eben nur noch quasi in Form des literarischen Original-Textes erscheinen können, höchste Qualität vorausgesetzt, wie sie eben bei Céline mit seiner Reise oder bei Döblin mit Berlin Alexanderplatz gegeben ist. Alles in allem bleibt also nur der Text als solcher, ihn nur können wir lesend beleben. Die Frage, wes Geistes Kind der Verfasser war, wie er lebte, was er tat, ist dann im Kontext des Romanlesens irrelevant, denn nicht der Autor als Mensch ist uns gegeben und bleibt uns erhalten, sondern sein Werk – wenn wir es denn lesen.

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