Der Geist der Literatur

Wenn man Célines Reise ans Ende der Nacht gelesen hat, ist man überwältigt. Ein grandioser Roman, kein bißchen verdorben durch literaturwissenschaftliches Denken und Machen – nee, das ist richtige Literatur! Nicht so eine Harmoniesauce, so ein Marktanpassungsgeschreibsel. Letztens erst machte sich jemand ein wenig darüber lustig, daß ich nur selten aktuell erscheinende Romane läse, was natürlich stimmt, aber auch heißt, daß ich aus dem „Aktuellen“ eben nur das wirklich Gute heraussuche. Kann man mir wohl nicht verübeln, und außerdem habe ich alle Argumente auf meiner Seite, daß nämlich erstens alles, was ein Mensch liest, durch sein Lesen aktuell ist, und zweitens – habe ich jetzt vergessen. Was Céline betrifft, so ist augenfällig, wie sehr er Samuel Becketts Prosa beeinflußt hat, darüber ließe sich einiges schreiben, absolut, und natürlich könnte ich das tun, wenn auch nur auf Grundlage der Übersetzungen ins Deutsche. Das wäre sehr, sehr interessant, würde aber wohl kaum jemanden interessieren außer mich selbst, und ich sehe es ja schon. Schade natürlich, aber so ist das nun mal in einer Zeit, in der das Sterbeglöckchen der Geisteswissenschaften schon unablässig leise vor sich hinbimmelt, selbst in Deutschland, dem geisteswissenschaftlichsten Land der Welt. Bald ist es also vorbei damit, obwohl ja deren Aufgabe noch garnicht erfüllt ist. Der Geist selbst immerhin, der bleibt, und manchmal zeigt er sich sogar, vor allem zwischen den Jahren. Huuuuuh.

Der Geist der Literatur, Norbert W. Schlinkert

Dieser Beitrag wurde unter NACHRICHTEN aus den PRENZLAUER BERGEN! veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten auf Der Geist der Literatur