Zeiten, als nämlich das Schreiben noch geholfen hat

Man wird mir, Entschuldigung, also bitte!, schon nachsehen müssen, einigermaßen verwirrt zu sein. Ist ja auch alles so undurchsichtig heutzutage, das Leben selbst als das eigene mit Leib und Seele, das Leben der anderen, die Literatur als Gänze, die Weltwirtschaft als solche, das deutsche Steuersystem im besonderen, die Funktion des sogenannten Internet ganz global, die Stoffwechselvorgänge im Säugetier stofflich betrachtet, die Überwachung aller Menschen durch alle Geheimdienste, dazu all diese Kriege jedweder Art mit all diesen Greueln, naja, und so weiter. Alles unklar, undurchsichtig, wenn überhaupt nur dem Fachmenschen einzeln und im Einzelnen (Einzellnen!) einigermaßen verständlich. Das Eindeutigste, was also oftmals überhaupt präsentiert werden kann, ist eine schematische Vereinfachung – da also wird, sagt eine Grafik, nur so als Beispiel, die Ware hergestellt und verpackt, dann wird sie transportiert, sehen Sie, da fährt ein LKW über die Autobahn, und da wird die Ware vom Menschen gekauft, sofort gefressen, dann verdaut und so weiter, und das geht auch mit Krieg und Literatur und Wirtschaft und Internet, wir sehen Symbole, Pfeile, Zahlen … fatal ist nur, daß mit dieser Art der auf einfachste Einfachheit heruntergebrochenen Information nichts weiter verbreitet wird als Scheinwissen, selbst wenn dazu ein pfiffiger Journalist noch einen Text schreibt und damit, wenn er Glück hat, sein Geld verdient, das dann als bunte Scheinchen oder als Plastikkarte in Erscheinung tritt und gegen Waren und Dienstleistungen aller Art getauscht werden kann, was dann aber eben auch nicht die ganze Wahrheit ist sondern auch nur so ein winziges, bewegliches Pünktchen im Gespinst des Allseins. Ich persönlich denke ja, nicht das Schlechteste ist immer noch, sich die Welt als einen ins Licht gehaltenen fadenscheinigen Hosenboden einer Anzugshose vorzustellen und darüber dann sich nicht nur der schlechten Qualität wegen maßlos aufzuregen, denn eben da soll ja nicht durchgeblickt werden können, sondern darüber auch noch tatsächlich verrückt zu werden, auch wenn man, statt buchstäblich ins Irrenhaus zu kommen, eben auch einen Text schreiben könnte, in dem eben dies erzählt wird, wie das Thomas Bernhard schon Anfang der 1970er Jahre tat mit seiner Erzählung Gehen, doch waren das, scheint mir, andere Zeiten, solche nämlich, in denen das Schreiben noch geholfen hat.

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8 Responses to Zeiten, als nämlich das Schreiben noch geholfen hat

  1. glumm sagt:

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    Literatur, die von einer versunkenen Zeit kündet, einer Ära, die es so vielleicht nie gegeben hat, wer weiß das schon, die Beweise fehlen, sie sind lange verloren, niemand weiß, wo sie abgeblieben sind..
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  2. Die Frage ist ja, obwohl die Beweise tatsächlich weitgehend fehlen, wie relevant Literatur vielleicht einmal gewesen ist und ob diese Relevanz höher einzuschätzen wäre als heute. Rainald Goetz schreibt ja 1983 in seinem Roman Irre (st 1224, S.278): „Es gibt so knapp eintausend notorische Käufer der Neuen Deutschen Literatur, vielleicht kommt ein weiteres Tausend durch dein spezielles Thema dazu und noch eines durch die zwei guten Kritiken, ploff, das wars. – Und was lernen wir jetzt daraus?“ Daran jedenfalls hat sich wohl nix geändert, denke ich.

  3. derdilettant sagt:

    Das Leben in seiner Komplexität ist ja immer größer als der Einzelne. Kann man also nix wissen, oder verstehen. Nun sind wir aber ja nun mal da, um da zu sein, und da muss man sich, denke ich, schon behelfen. Z. B. mit den von Ihnen so geschmähten Grafiken. Auch ein Gemälde, also Kunst, kann ja als so eine – erweiterte – Infografik betrachtet werden. Und was tut man denn unablässig anderes, als Schneisen durch den Dschungel – sogar: die Dschungel – des Lebens zu schlagen – oft genug mit der Machete, leider – , Schneisen jedenfalls, die das Dickicht begehbar machen sollen. Schreiben, statt irre zu werden, find‘ ich prima. Wobei das „Schreiben“ für ganz viel stehen kann. Manche leben übrigens einfach nur, statt irre zu werden. Die Königsdisziplin, zugegebenermaßen. Bernhard übrigens hat ja gerade durch seinen Minimal-Techno-artigen Stil das Komplexe des Lebens ins Erhaben Monotone des Schreibens überführt.

  4. glumm sagt:

    1983 gab es 3000 notorische Freunde neuer deutscher Literatur??! Himmelsakra!

    Wo sind die alle tot?

  5. Sagt(e) der Goetz. Ich persönlich fände 3000 Leser für einen einzelnen anspruchsvollen, deutschsprachigen Roman ja schon viel, soll aber vorkommen. Auch unter heutigen, lebenden Lesern.

  6. @derdilettant
    Ein Gemälde als „erweiterte Infografik“ betrachten?! Also da kann ich Ihnen nicht folgen, denn die Infografiken, die ich meine, sind die uns aus der Schulzeit bekannten Schaubilder, die die Dööfsten ganz unten abholen und die Schlaueren vom Begreifen abhalten sollen. Heutzutage arbeiten ja viele Coaches mit solchem Zeugs, ist mir letztens vorgeführt worden, und ich frage mich ernsthaft, wie Erwachsene auf so einen Scheiß reinfallen können. Naja. Aber in einer Welt, in der die Menschen allen Ernstes dafür bezahlen, sich beim Abnehmen helfen zu lassen, anstatt einfach weniger zu essen, ist alles möglich.

    Das mit dem Schneisenschlagen sehe ich allerdings ähnlich, wir alle arbeiten uns ja mehr oder weniger behutsam durch das Deleuze/Guattari-Rhizom, die einen schreibend, die anderen malend oder singend oder wie auch immer, auch sich einfach durchzuleben ist sicher möglich, wenngleich die Gefahr des Irrewerdens so oder so nie auszuschließen ist (lese ja grad Irre von Goetz, da hat man auch so einen Thomas-Bernhard-Effekt).

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