Des Schriftstellers sein Sein

Der von mir erwählte Beruf ist keiner der Berufe, in denen klar vorgestanzte, womöglich tradierte und den Berufsumständen dienende Strukturen bestehen, Karrierewege, Abrechnungsmodalitäten, Arbeitsorte, Hierarchien und so weiter, nein, vielmehr ist der Beruf des Schriftstellers ein lose im Wind hängendes Gebilde, und zwar durchaus ein im kapitalistischen Wind hängendes, denn auch der Schriftsteller muß in dieser Welt essen, trinken, wohnen, was nicht weiter überrascht und natürlich als Binse durchgeht und als Wahrheit. Warum man den Beruf des Schriftstellers trotzdem aber nicht, quasi aus Vernunftgründen, nebenbei bewältigen kann, das ist eine Fragestellung, über die im Grunde nur der Schriftsteller wirklich etwas weiß und folglich auch nur er oder sie etwas Substantielles schreiben kann, was aber dann, ist es geschrieben, wohl kaum bezahlt werden wird, was das Schreiben eines solchen Beitrags überflüssig macht und zugleich, als das aus diesem Grund Nichtgeschriebene, Inhalt ist desselben, denn gleich ob er geschrieben ist oder nicht, für’s Essen, Trinken, Wohnen ist damit nichts getan – man es also folglich gleich bleiben lassen kann und sich anderen Fragestellungen und Texten zuwenden sollte, etwa diesem Text hier, der aber naturgemäß auch nicht bezahlt werden wird, obwohl es sich um eine Arbeitsleistung handelt.

Schriftsteller wird man aus persönlichen, nicht aus privaten Gründen. Der Bewegungspunkt (nicht: Standpunkt) des Schriftstellers ist demgemäß eine Linie, die ihren Gegenstand, das Leben, das Gespinst des Lebens, in einem bestimmten, selbstgewählten, dennoch aber variablen Abstand umkreist und sich zugleich in ihm bewegt. Diesen Abstand und den Ort des jeweiligen In-ihm-Seins für sich immer wieder neu zu tarieren ist schon Teil der Arbeit selbst und hat durchaus etwas mit Wissenschaft im Sinne von Erforschung zu tun, denn aus dem Abstand zum „Ding“, zum Objekt der Beobachtung, des Interesses, ergibt sich Haltung und Spannung und Energie, je nachdem, wo und wie ich mich bewege. Ich selbst, um einmal von mir zu sprechen, bin schriftstellerisch weder der Typ Soziologe noch der Typ Psychologe, das eine ist zu weit entfernt vom Gegenstand der Begierde, das andere zu nah an ihm dran, oder sogar in ihm drin, so daß ich mich tatsächlich in der Mitte der Extreme befinde und mich als Typ des Kulturwissenschaftlers sehen würde, was ich ja auch tatsächlich bin des Studiums und der Haltung und der Herangehensweise nach, ganz gleich, als wie lau die Kulturwissenschaft von anderen Wissenschaften angesehen wird, das muß einem egal sein, und wie sehr auch andere Kulturwissenschaftler diese meine schriftstellerische Tätigkeit als Abweichung vom Kurs und falsche Hinwendung zur Kunst sehen. Aber was soll ich sagen: da bewege ich mich nun und kann nicht anders, schreibe an meinem neuen Roman und … mache eben, frei nach Beckett, weiter, solange es Worte gibt.

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2 Responses to Des Schriftstellers sein Sein

  1. Platzda sagt:

    Abweichung vom Kuss hab ich da gelesen..Ja ja, sie mögen wie immer Recht haben, ich würde trotzdem gerne das Gegenteil behaupten, aber ohne jegliche Begründung, geht das?

  2. Ich begrüße es sogar ganz außerordentlich, wenn Sie das Gegenteil behaupten, ganz besonders dann, wenn es ohne Begründung erfolgt, denn im Falle einer Begründung müßte ich ja wieder … und Sie dann wieder …