Das gemeine literarische Weblog

Das gemeine literarische Weblog ist so langsam, scheint mir, den Kinderschuhen entwachsen, richtet aber auch keinen Schaden mehr an. Schade. Alles ganz nett also, kaum eine Spur noch der Aufgeregtheiten, als es, Sie erinnern sich sicher, um allerlei Grundsätzliches ging und sich die Kontrahenten bis aufs Blut peinigten, als noch Negerkönige gegen Südseekönige kämpften und Adornojünger gegen Antiadornoisten, Österreicher gegen Deutsche, Grassisten gegen Grasshasser, Aléatoriker gegen Antialéatoriker, Gleichberechtigungsanhänger gegen Feministinnen und so weiter und so fort. Aus. Vorbei. Gewesen. Alles ruhig. Nicht mal bösartige Trolls machen sich in nennenswerter Anzahl noch die Mühe, anständige Schriftsteller:innen übelst zu beschimpfen. Lohnt sich nicht. Nun wird also zur See gefahren. Und nach Paris. Es werden Stadtteile besichtigt. Fotos gemacht und gezeigt. Weblogger interviewen sich selbst. Lyrik entsteht und steht da. Bücher werden besprochen und allseits gelobt, Widerspruch zwecklos, wird weggenickt. Alles schön. Alles easy. Alles gut. Alles supergeil! Schönen Tag noch!

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8 Responses to Das gemeine literarische Weblog

  1. bersarin sagt:

    Ach, für einen gepflegten Streit oder eine gute Polemik bin ich immer gerne zu haben. Wenn einer das Florett oder den Degen zu führen versteht, ist das eine feine Sache. Apropos Sache: um diese sollte es am Ende bei solchen Disputen freilich gehen, und das erschöpft sich dann nicht in pro oder kontra, dafür oder dagegen, in dieses unsägliche „Sag mir wo du stehst!“ (Oktoberklub, DDR). Adorno oder Heidegger, Brecht oder Benn, Mann oder Kafka oder oder oder oder „Entweder – oder“. Adornos Philosophie, Aléa Toriks Prosa sind von der Sache her, von ihrem Gehalt, von ihrem Gemachtsen, von ihren Ansprüchen her zuzustimmen oder eben: zu kritisieren. Das hat mit der internen Beschaffenheit eines Textes, mit seinen Argumenten oder bei der Literatur mit der ästhetischen Form und der Konstruktionsleistung zu tun. Es gibt objektive Gründe, weshalb die Philosophie Adornos noch heute uneingeholt ist und Wesentliches zu sagen hat, und es gibt Gründe, wo Adorno zu kritisieren ist. Die sind nicht ins Belieben oder ins Meinen gestellt. (Sehr wohl aber kann man mit Argumenten darüber streiten.) Das Positionsdenken war Adorno übrigens verhaßt. Daß es nämlich nicht mehr um den Gegenstand und seine Mannigfaltigkeit mehr geht, sondern um dessen vorschnelle Einordnung und Kategorisierung und darum vor allem, Kritik nicht mehr an der Beschaffenheit der Sache auszumachen, indem die Relation von Subjekt, Objekt, Gesellschaft und Sprache in den Blick genommen wird, sondern Kritik fungiert als bloße Meinung, als Wohlfühlrefugium um sich seiner eigenen Herrlichkeit zu vergewissern, wenn im Phrasenstanzsound geschrieben wird: Geschmacksurteile in einem heruntergerockten Sinne (für unsere Feministinnen wunderbar passend dieses Wort): Der eine so, der andere anders. So kann man über Spaghetti Carbonara oder über Sushi-Brocken debattieren. Nicht aber über Philosophie und Kunst.

    Solche Erfahrungs- und Denkräume, Mannigfaltiges und etwas ganz anderes als das Übliche und Immergleiche aufzutun, können auch Blog sein.

    Ich will hier keine Blogs nennen. Aber es gibt halt einige, die schreiben über Dinge, von denen sie eher wenig denn viel verstehen. Fordert man die Betreiber dann auf, Butter bei die Fische zu geben, kommt das große Schweigen im Walde. Und da wird dann unsereiner fuchsig. Vorbild bleibt übrigens für mich Karl Kraus. Der war polemisch, doch nicht aus Bösartigkeit heraus, sondern weil er an der Sache orientiert war: herrlich zum Beispiel, wie er den Kriegshetzer Alfred Kerr vorführte und zur Weißglut trieb. Während Kerr nur holzte und schäumte, polemisierte Kraus immer böser, immer eleganter, bis Kerr sich selber demontierte. Dieser Stil liegt nicht jeder oder jedem. Ich schätze es, man lernt als Leserin oder Leser ungemein viel.

    Überhaupt: Wer keine starken Positionen vertritt und ewig salbadert: es könnte so sein, es könnte auch anders sein, der ermüdet sehr schnell: nicht nur sich selber, sondern ebenfalls die anderen. Natürlich kann alles ganz anders sein. Bis das Gegenteil bewiesen ist. Oder so.

  2. Druck sagt:

    ja aber sie halten den Degen immer in der falschen Richtung

  3. derdilettant sagt:

    „Aber es gibt halt einige, die schreiben über Dinge, von denen sie eher wenig denn viel verstehen.“ Was sind denn Blogs anderes als Kundgaben in einem öffentlichen Raum? Ich könnte mich auch in den realen öffentlichen Raum, auf die Straße, begeben, meine Ohren spitzen und aufnehmen, was da so gesprochen wird. Theoretisch kann ich mich überall nach Belieben ein- und ausblenden. Ganz wie es meinen Bedürfnissen dient. Wenn alle reden (und reden dürfen – Gott sei dank), entscheide ich immer noch selbst, wem ich zuhöre. Das Konzept einer wissenschaftlich-akademischen Elite, die Standards definiert und aus sich heraus ihren Nachwuchs zeugt, ist wahrscheinlich schon Geschichte. Das kann man bedauern. Muss man aber nicht. Zur Diskreditierung dieses Konzepts hat sicher auch Adorno beigetragen (bei mir z. B. durch seine durch nichts zu rechtfertigende Herabwürdigung der Musik Strawinskys)

  4. schaden haben die blogs vermutlich nie angerichtet und wir hoffen, dass immer wieder einige in kinderschuhen daherkommen.

  5. @bersarin @derdilettant
    Eine fundierte, auf Argumente setzende Diskussion ist immer etwas Schönes, aber leider findet so etwas, so mein Eindruck, in den Blogs (meiner Wahl) nur selten mehr statt. Irgendwie ist da die Luft raus! Aber es bedarf ja auch, das sollte man bedenken, doch einiger Vorbereitung, um adäquat auf ein Thema, eine These zu reagieren. Im Studium beispielsweise wußte man ja vorher schon, wann welches Referat gehalten wird, da hatte man die Zeit, sich einzulesen und einzudenken, doch in der Wirklichkeit der multithematischen Blogs kann man tatsächlich, da hat derdilettant sicher recht, oft nicht mehr tun als ein wenig mitzulesen und, wenn man will, seine Eindrücke mitzuteilen. Wahrscheinlich aber sind Blogs auch inzwischen das falsche Medium für enggeführte Diskussionen, die finden ja, so weit ich weiß, nun eher verabredeterweise auf Facebook statt, wo es mich allerdings nicht hintreibt. (Wo ist die seriöse und datensichere Plattform, die so viele gerne hätten?) Für mich heißt das, ich lese zwar einiges in den Blogs (AISTHESIS, Begleitschreiben, Tainted Talents …), kommentiere aber weniger als früher, es sei denn, ich bin halbwegs im Thema oder hab wenigstens eine weiterführende Anmerkung bzw. Frage.

  6. @rittiner & gomez

    Manche Unter-der-Gürtellinie-Diskussion bei (beispielsweise) ‚Die Dschungel. Anderswelt.‘ hat sicher in empfindsamen Seelen auch schon mal einen Schaden angerichtet. Aber lange ist es her! Gegen Blogs in Kinderschuhen hab ich natürlich nichts, ganz im Gegenteil: neue Blogs braucht das Land!

  7. Apropos Die Dschungel: zum Luft-raus-sein-Thema paßt das hier!

  8. bersarin sagt:

    @ Druck
    Solange ich bei einem relativ simpel gebautem Satz am Beginn noch den Großbuchstaben hinbekomme und am Ende den Punkt, paßt die Stoßrichtung des Degens schon gut. Zumal sich auch mit Griff und Glocke zur schonenden Vertiefung von Inhalten und Schreibweisen gut überziehen läßt. Das nennt sich Lerneffekt.

    @ derdilettant
    Wie das Niveau gelagert ist, darüber kann man lange streiten. Es kommt immer auf die Ansprüche an, die eine/r erhebt, und wer die Meßlatte hochpackt, der sollte auch drüberspringen und nicht drunterlaufen. Das ist meine Devise. Ich habe nichts dagegen, wenn jemand über etwas nicht Bescheid weiß. Wer sich aber auf den Marktplatz stellt und bestimmte Ansprüche erhebt, der muß sich an diesen messen lassen, und wer einen hochkomplexen Text oder ein komplexes Werk kritisiert und für schlecht befindet, muß dies in hinreichender Komplexität tun. „Gefällt mir nicht“, „versteh ich nicht: Ergo: doofer Text“ reicht nicht.

    Ja, es gibt – nicht anders als beim Fernseher – einen Ausschaltknopf, den ich dann auch betätige, und es existiert Pluralität. Adorno hat das Niveau hoch gelegt – richtig. Dafür bin ich ihm und anderen Philosophinnen und Philosophen, Schriftstellerinnen und Schriftstellern dankbar. Im Zeichen universellen Schwafelns und einer zunehmenden Unfähigkeit, überhaupt noch komplexer gebaute Texte lesen zu können, ist dies als Gegengift sicherlich nicht falsch. Dieser Mangel an Differenzierung und die Unterkomplexität läßt sich übrigens gut an der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur ablesen, die teils ausgesprochen marktförmig gebaut und am Reißbrett für Fischer, Rowohlt, Suhrkamp et al. entworfen aussieht. Würde heute noch ein Werk wie „Finnegans Wake“ seinen Platz finden? Allenfalls von den Südamerikanern oder aus den USA goutieren wir ein wenig Experiment. Soviel zur Komplexität. Daher rührt dann auch Alban Nikolai Herbsts berechtigte Klage, daß seine Argo-Trilogie nicht wahrgenommen wird. Wie auch? Wer kämpft sich durch gut 2000 Seiten, die sich eben nicht „schmökern“ lassen?

    Was Adorno in seiner „Philosophie der neuen Musik“ über Strawinsky schreibt, muß man nicht mögen. Widerlegen freilich kann man es nur mit Argumenten. Adorno hat im Rahmen der Ästhetik argumentiert. Nun gälte es, im Rahmen der Ästhetik Gegenargumente zu finden.

    Beim Argumentieren und in der Art des Schreibens geht es übrigens nicht um akademisch gesetzte Standards, und leider ist der akademische Betrieb teilweise ebenso auf den Hund gekommen oder arbeitet im Positions- und Postendenken. Sondern vielmehr bleibt die Darstellungs- und Herangehensweise zentral. In bestimmten Bereichen ist dazu allerdings ein gewisses Wissen erforderlich. Ich stelle mich auf einem Blog für Astrophysiker auch nicht als Laie hin und spreche über Nichtexistenz von schwarzen Löchern. Wirkt unglaubwürdig. Natürlich kann jede/r zu allem eine Meinung haben. Wie das aussieht, sehen wir freilich. Wie jeder seinen Blog führt, ist eine persönliche Entscheidung.

    @ Norbert W. Schlinkert
    Die Luft ist leider raus – das stimmt. (Irrtümlich tippte ich erst. „Die Lust“. Paßt aber ebenfalls. Schade ist es dennoch, denn es gibt streitbare Debatten, die können durchaus Positives bewirken. Wie öde, wenn alle im selben Ström treiben und köcheln.)