Gerne! Leider!

Gerne! Es gab mal Zeiten, liebe Kinder, da hörte man dieses Wort nicht oft, manchmal in dem Satz „Du kannst mich mal gerne haben“, sonst aber kaum. Also: gerne. Es ist ein Modewort geworden, doch je öfter man dieses Wort nacheinander aufsagt, desto seltsamer wird es von innen heraus, es bekommt etwas dezidiert Knödeliges, und Knödeliges ist leider nie wirklich modern. „Gerne haben wir Ihren Text geprüft, müssen Ihnen aber leider …“ … auch so etwas bekommt man gelegentlich zu lesen, heutzutage, als Autor, zwei Lügen bereits im ersten Satz eines Anschreibens, und dabei steht doch irgendwo in der Bibel eindeutig, „Du sollst nicht lügen“, auch wenn die Bibel selbst, gerne weise ich Sie darauf hin, aus nichts als Lügen besteht, weil es Literatur ist. Ein gewisser Alexander Gottlieb Baumgarten wies schon Mitte des 18. Jahrhunderts seinerseits darauf hin, daß die poetische Wahrscheinlichkeit keineswegs in erster Linie auf Glaubhaftigkeit zu gründen ist, weder auf die logische und wissenschaftliche noch auf die historische. Da hat er recht! Gerne unterschlage ich nun die weiteren Zusammenhänge, möchte aber dieses hier gemeinte poetische Streben nach Wahrheit* zugleich auch als Position gegen jede Form des Materialismus verstanden wissen, denn Sie ahnen ja gar nicht, wie sehr wir um poetische Wahrscheinlichkeit Ringenden von kleinlichen Materialisten angegangen werden, die zwar gerne unsere von ihnen so genannten Produkte nähmen, sie aber erstens gerne nicht bezahlen wollen, das ist nun wirklich modern!, und zweitens uns gerne weiter beschimpfen möchten als zum Bruttosozialeinkommen nichts weiter beitragende als Unsinn und Nervkram – Ausnahmen bestätigen dabei natürlich die Regel! – was sich dann eindeutig an deren, der Materialisten Bilanzen ablesen läßt, denn seltenes Nehmen und dauerndes Beschimpfen ist wie Zuckerbrot und Peitsche und zahlt sich durchaus aus. Das ist die Wahrheit, doch so gerne ich Ihnen auch nun die komplexen Zusammenhänge der sich herausbildenden neuen Weltordnung am Beispiel des deutschsprachigen Literaturbetriebes erläuterte, so muß ich dennoch leider passen, denn außer Lügengeschichten käme dabei ja doch nichts rum!

*In der deutschen Übersetzung des lateinischen Textes (von Hans Rudolf Schweizer) werden die Begriffe Wahrheit und Wahrscheinlichkeit durchaus nicht synonym verwendet, ich werf das aber mal postmodern-essayistisch durcheinander. Baumgarten merkt an, man werde im Streben nach Wahrheit nie über die Wahrscheinlichkeit hinausgelangen können, „immerhin aber keine Mühe haben, eine solche Wahrscheinlichkeit – welcher Art auch immer – wirklich zu erreichen(.)“ [Siehe dazu: Alexander Gottlieb Baumgarten: Theoretische Ästhetik. §§ 584 – 590. Felix Meiner Verlag, Hamburg 1988.]

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