Die Zeit der Nachteulen

„Die Zeit der Nachteulen bricht an“ – so gestern eine Stimme in meinem Kopf, meine Stimme. Das kommt nicht selten vor, daß da diese Stimme, leise und ernst, unwillkürlich erklingt; es ist, als wenn unter dem Sternenhimmel nur ein einziger Satz gesagt werden dürfe, und das ist dann eben dieser. Ich fragte still nach, was das zu bedeuten habe, aber keine Antwort, natürlich. Seitdem denke ich nach über die Zeit der Nachteulen – deute mir diesen Satz, nicht im banalen Sinne der Nachtschwärmerei, nein, viel eher auf die Weise, die mir bedeutet, Stellung zu beziehen, im Sinne des Wortes, wieder genauer hinzusehen im Leben, darauf zu achten, wie und mit wem ich meine Lebenszeit verbringe, und mit was. Meinen Plan, mit hundsgemeiner Lohnarbeit ein wenig mehr Geld zu verdienen, ist allerdings vom Tisch, Freunde haben mir diese Idee madig gemacht, indem sie anzweifelten, daß ich es überhaupt ernst meine damit, und überhaupt würde so etwas zu mir absolut nicht passen, das müßte ich selbst doch am besten wissen. Da ist mir die Lust dazu vollkommen vergangen, und wenn ich daran denke, wie viele Verbrecher in Deutschland über die Maßen „verdienen“ und zugleich eine hohe gesellschaftliche Stellung haben, vergeht sie mir gleich noch mehr. Außerdem habe ich ja Arbeit, nämlich meine mir eigene, ganz gleich, ob diese wertgeschätzt wird oder nicht. Warum mich dann also selbst zu Markte tragen, denke ich, und wer wollte mir da widersprechen, von biedermeierlichen Dummschwätzern mal abgesehen! Da sitze ich doch lieber startbereit auf meiner Warte und richte meine lichten Gedanken auf’s Wesentliche, schäle es aus dem Dunkeln heraus, ohne dabei für andere den großen Zampano zu spielen, ja ohne überhaupt im Theater der anderen eine Rolle haben zu wollen. Wie schrieb noch Samuel Beckett in Worstward Ho / Aufs Schlimmste zu ganz und gar und trotz allem grundoptimistisch: „All of old. Nothing else ever. Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.“

Es dunkelt in den Prenzlauer Bergen, Norbert W. Schlinkert

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