Totentanz

Er taumelt ein wenig, für einen Moment musste ihm schwindelig geworden sein, dann sagte eine weibliche Stimme Bist Du nicht der Kerl, der sein Auto sucht, gefolgt von einem Hollaholla, nicht so stürmisch, andere müssen dafür bezahlen. Dann schon hört er sagen Fass mal mit an, jemand trug ihn, ihm war übel, es tanzte hinter seinen Augendeckeln, Betrunken sagte eine weitere Stimme, aber mehr fragend als feststellend. Kurz darauf fand er sich im Park auf einer Bank wieder, über ihm schwarze Nacht und zwei, drei Sterne. Mehr nicht. Ich muss sofort aufstehen, befahl er sich, mir muss schwindelig geworden sein. Jetzt aber gehe ich weiter, denke ich, dachte er, und ich werde etwas essen, sobald wie möglich. Mühsam richtete er sich auf, er sah auf die Uhr, er wollte auf die Uhr sehen, sie war fort. Er griff an die Innentasche seines Mantels, von außen, die Geldbörse war noch da. Er sah sich um. Ein Polizist, an seiner Hose nestelnd, trat aus dem Dunkeln heraus, was sollte er melden, dass seine Uhr gestohlen war, nichts weiter als ein Werbegeschenk für ein Abonnement. Nein. Hatte er sie denn überhaupt getragen, lag sie nicht noch im Flur neben dem Telefon, und eigentlich habe ich ja niemals Uhren getragen, wenn es nicht absolut nötig war, dachte er, die zur Kommunion geschenkte habe ich am selben Tag noch zerkratzt bei dem Versuch, einen hinter die Couch gefallenen Gegenstand mit der Hand zu erreichen. Das Glas der Uhr kratzte über die untapezierte Wand, später dann entfernte ich Ziffernblatt und Zeiger und trug die Uhr als mechanisches Gebilde, ohne jede Funktion über die des Getragenwerdenkönnens hinaus. Der Polizist musterte ihn kurz und verschwand wieder im Schatten. Ich kann nicht länger als einige Minuten auf der Bank gelegen haben, dachte er, mein Kreislauf muss wohl schlapp gemacht haben, wie man so sagt, und dann hat irgendjemand mich auf die Bank gelegt, doch kein Polizist, denke ich, keiner von denen, die hier Wache schieben. Sicher sind sie abgestumpft vom Dienst, längst nicht mehr so einsatzfähig wie es den Anschein macht, betrachtet man sie mit ihren lässig gehaltenen Maschinenpistolen, dachte er, plötzlich den Gedanken denkend, aus dem Dunkel heraus könnte einer der Polizisten, nachdem er in einen Busch gepinkelt hat, ihm in den Rücken schießen, mit einem einzigen Schuss vielleicht nur, denn man musste die Maschinenpistole nicht auf Dauerfeuer stellen, dachte er, ein Schuss, gut gezielt, würde reichen, von hinten vielleicht durch den Hals oder von hinten ins Herz, ich würde hier sterben, dies hier wäre der Ort, an dem ich sterben würde, geschähe das Denkbare, also das eben von mir tatsächlich Gedachte. Eine Meldung in der Zeitung, immerhin, die würde ich abgeben, wenn auch sonst nichts bliebe, denn wem schon bliebe ich in Gedanken, in Erinnerung, denke ich, man hat sich allseits aus den Augen verloren, man sah sich auf einmal nicht mehr so häufig, rief nicht mehr an, aus falscher Rücksichtnahme, den Freunden gegenüber, man will nicht stören. Nur zufällig würde man erfahren, was geschehen war. Warst Du mit dem nicht lange Jahre befreundet, würde auf einer Feier gefragt werden, froh, einen ernsten Gegenstand zum Ausgangspunkt des Gesprächs zu haben, in der Küche oder im Flur, die Musik im Wohnzimmer sehr laut, auch wenn niemand tanzt, ein ernstes Gespräch, meine Lebensstationen würden genannt werden von denjenigen, die sich vage erinnern können, man würfe die Informationen einfach zusammen, so einfach würde es sein, und erhält so ein Bild, mein Leben als Wortpuzzle auf einer Party, wie absurd, von einem Polizisten in den Rücken geschossen, stell Dir vor, wie schrecklich, einerseits, andererseits aber, die Menschen werden sich nicht scheuen, denke ich, dachte er, ein andererseits an den letzten Satz, welcher mich betrifft, zu hängen, ohne dann weiterzusprechen, man würde jetzt vielleicht doch tanzen, sich die schlechten Gedanken aus den Knochen, aus den Hüften schütteln wollen, um später sagen zu können, die Party war nicht schlecht, nicht ganz schlecht, man habe schließlich sogar getanzt, lange.

 

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