Prosagedicht VI / Blutpfützen

Blutpfützen

Kurz dachte er daran,
die Schuhe auszuziehen,
unten noch auf dem Trottoir.
Doch er könnte auch,
fiel ihm ein,
oben in seiner Wohnung
das Blut aus den Schuhen schütten.
 
Abends schütteten alle immer
das Blut aus ihren Schuhen.
Das glaubte das Kind.
Sie saßen alle auf dem Boden
und schütteten das Blut
aus ihren Schuhen heraus
in den Schnee hinein. 
 
Das Blut also auch heute
aus den Schuhen schütten, 
in die Blumenkästen,
in die Erde hinein,
und dann sickert es durch,
es tropft und bildet Pfützen
unten auf dem Trottoir.
 
Blutpfützen.
 
 Norbert W. Schlinkert, Abstract 7
 
 
 
 
 
 
 
 
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4 Responses to Prosagedicht VI / Blutpfützen

  1. holio sagt:

    Wieso ist das ein Prosagedicht? Bei Rimbaud haben die keine Umbrüche.

    „Des fleurs magiques bourdonnaient. Les talus le berçaient. Des bêtes d’une élégance fabuleuse circulaient. Les nuées s’amassaient sur la haute mer faite d’une éternité de chaudes larmes.“ z.B.. Notabene den des-les-Wechsel.

  2. In diesem Falle ist es tatsächlich so, daß aus einem etwas längeren Prosatext dieses Gedicht – mit Umbrüchen – entstanden ist, ergo ist es (für mich) ein Prosagedicht. Man kann es auch einfach Gedicht nennen, egal, was mich aber am meisten interessiert, ist, ob es eine Wirkung beim Leser hat, und wenn ja (doch), welche! (Ich bin des Französischen nicht mächtig: was bedeuten denn die zitierten Zeilen?)

  3. holio sagt:

    Zuallererst einmal zählt die Prosodie. Versuchen wir betonte Silben mit schwerem Akzent zu markieren:

    „Des flèurs magìques bourdonnàient. Les talùs le berçàient. Des b`êtes d’une élégànce fabulèuse circulàient. Les nu`ées s’amassàient sur la hàute mer fàite d’une `éternit`é de chaudes làrmes.”

    Das sind drei, zwei, vier und sieben Akzente pro Satz. Liest man es französisch im Kopf laut vor, klingt es wie Wellen, wie die voyelles schwellen. Wahrscheinlich mein Fehler, bei der Hochsee das haute, nicht das Meer zu betonen. Dann passte der Akzent auf dem gemacht nicht mehr, sondern wäre zu verschieben vermutlich auf die erste Silbe der Ewigkeit. Hab ich hiermit getan, und aus sechs wurde sieben.

    -‚-‚–‚
    –‚–‚
    -‚—‚–‚–‚
    –‚–‚–‚-‚-‚–‚–‚

    Oder mit sechs statt 7:

    -‚-‚–‚
    –‚–‚
    -‚—‚–‚–‚
    –‚–‚–‚-‚—-‚–‚

    Es ist der dritte Teil der Enfance – Kindheit, dem zweiten Stück der Illuminations – Erleuchtungen. Das erste, Après le Déluge – nach der Sintflut, hier haben Sie mich erwischt, nahm ich nicht, weil es in der Tat Umbrüche besitzt, so wie Grass‘ seine Israelprosa. Alfred Wolfenstein übersetzt die Zeilen für Reclam Leipzig:

    „Magische Blumen summten. Die Böschung schaukelte sie. Herum spazierten Tiere von märchenhafter Eleganz. Gewölk häufte sich über der hohen See, die aus einer Ewigkeit warmer Tränen entstanden ist.“

    Meerworte muss man über den absichtslosen Symbolismus, das Einladungstor zur individuellen Assoziation, den Reigen schwärender Gefühle wohl nicht verlieren.

    Gez. Banause

  4. Sehen Sie, deswegen nenne ich meine Gedichte Prosagedichte, weil ich durch die Umbrüche das zu Betonende so stelle, daß es betont werden muß – zum Beispiel „Blut“ in der ersten Strophe siebte Zeile, während fast alles andere hier aber im Singsang gesprochen werden sollte. Allerdings, das Gedichteschreiben ist für mich eine eher experimentelle Sache, das kann manch anderer besser, bestimmte Leute aber noch schlechter.

    Und danke für die Lesbarmachung des rimbaudschen Textes!