Schriftstellern à la carte

Ich bin schon öfter mal gefragt worden, ob ich einen Text bereits vor dem Schreiben im Kopf habe, also schon weiß, was er quasi beinhaltet und wie er geschrieben zu sein hat. Daraufhin sage ich, es gäbe zwei Arten von Schriftstellern, nämlich einmal die, die tatsächlich den Text dann so schreiben, wie sie ihn konzipiert haben, zum anderen aber diejenigen, die von einer Idee ausgehend es sich (umständlich) entwickeln lassen. Ich gehöre ohne Zweifel zu der Art, die es sich entwickeln lassen, auch und besonders in bezug auf die Personen im Text, die ich somit eben nicht vollständig im Griff haben kann. Eine andere Frage, die man mir häufig stellt ist die, ob ich Personen und Ereignisse aus dem wahren, nicht zuletzt meinem Leben nehme, also imgrunde über mich selbst als Mittelpunkt und die mir Nächsten schreibe. Diese Frage musste ich bisher mit einem klaren Nein beantworten, was auch nicht dadurch an Gültigkeit verliert, dass die mir Nächsten durchaus das in meinen Texten erkennen können, was tatsächlich auf irgendeine Weise meinem Leben entnommen ist, meine Ängste, Intimitäten, Lüste und Erfahrungen, die aber, und das ist der Punkt, ebenso auch sich hätten entwickeln können aus einer der Personen im Text, die alle nicht Ich sind. Wäre letzteres, die Selbstentwicklung der Personen im Text also, nicht der Fall, wäre eine solche, von mir selbst angereicherte, mir selbst quasi entsprechende Person trotz allem eine Art „dumme Leiche“, also laut Jean Paul ein Text-Jemand, der im Schreiben nicht lebendig wird und eben deswegen nicht selbst entscheidet, ob er oder sie Ja oder Nein sagt, was dann der Autor zu übernehmen hätte mit der Folge, normative Ichs erschaffen zu haben. Aber nehmen wir mal an, ich beschlösse, ausdrücklich über mich zu schreiben, so hätte ich ja zum einen den Ausgangspunkt (sagen wir mal vereinfacht) meiner Geburt, und zum anderen meinen Jetztzustand, mein heutiges Selbst, klar vor Augen, welches ich nun also in ein literarisches, poetisches Ich zu verwandeln habe, obwohl ich also weiß, was ich als das Ich im Text tue, denke oder sage. Daraus folgte dann, dass ich so zu arbeiten hätte wie Schriftsteller, denen ich oben Erwähnung tat, die nämlich das Werk quasi schon im Kopf haben und sich gleichsam abschließend daransetzen, es zu Papier zu bringen, die aber zugleich auch Handlung und Personen (einschließlich ihrer selbst) aus dem eigenen Leben rekrutieren und so also ausdrücklich über sich schreiben, woraus in meinem Falle abzuleiten wäre, dass ich im Gegenteil und im Widerspruch zu dem von mir Behaupteten dann qua eigener Entscheidung zu der Art von Schriftstellern zu zählen wäre, die alles eben schon vorher wissen und die im wesentlichen aus dem eigenen Leben schöpfen. Da ich das aber vehement bestreite, ändere ich meine oben geäußerte Ansicht und sage, es gibt letztlich nur eine Art von Schriftstellern, nämlich die, die Geschichten schreiben, und die einzige Frage, die dann noch zu stellen und zu beantworten wäre müsste die sein, ob es sich dabei um gut oder um schlecht erzählte Geschichten handelt – aber das möge jeder Leser und jede Leserin doch bitteschön für sich selbst entscheiden. Hugh, ich habe gesprochen!

Norbert W. Schlinkert, zwei Autoren, davon einer doppelt

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