Isaak Daniel Dilthey: Werther an seinen Freund Wilhelm, aus dem Reiche der Todten. (1775)

Abschrift: Norbert W. Schlinkert

Isaak Daniel Dilthey (als Verfasser ermittelt [Katalog Staatsbibliothek zu Berlin]; 1752 – 1793):

Werther an seinen Freund Wilhelm, aus dem Reiche der Todten.

Wehe dem, durch den Aergerniß kömmt. –

Matth. XVIII, 7.

Berlin, 1775.

Bey G. L. Winters Witwe und Erben.

Vorrede.

So viel auch schon über die Leiden des jungen Werther geschrieben ist, so wenig scheint es doch, als wenn dadurch eine weitere Beleuchtung der schädlichen Grundsätze in diesem Buche unnütz wäre. Zum Theil sind diese Schriften mehr Schmähungen gegen den Verfasser, und satyrisch seyn sollende Ausfälle auf ihn und seinen Stil oder die Besonderheit seiner Denkungsart. Selbst die Briefe an eine Freundinn, die sonst viel [3/4] Wahres und Gutes enthalten, sind zu hart gegen Herr Göthen, dessen Absicht bey Herausgebung seines Buches schlechterdings nicht für menschliche Richterstühle gehöret. Außer diesen Briefen kenne ich nur noch die philosophischen Gespräche, deren Verfasser Lob verdienet, die aber nicht alles erschöpfen, und überdem in einem tiefgedachten Tone abgefasset sind, der für die Leser, die am meisten bedürfen, daß man ihnen die Augen öffne, vielleicht nicht faßlich genug sind, weil sie zu angestrengtem Denken sich nicht Zeit nehmen, oder auch nicht Fähigkeit haben. Von den übrigen Schriften, unter denen die Vorlesung, die eine Apologie des Werther seyn soll, gewiß die elendeste ist, will ich nichts sagen. [4/5] Nachdem ich das alles gelesen hatte, glaubte ich, ich würde mich dadurch nicht abschrecken lassen müssen, auch meinen Aufsatz, bey dem ein ganz anderer Plan zum Grunde lag, zu vollenden. Ich übergebe ihn itzt, nach einer langen Unterbrechung, dem Drucke, und hoffe wenigstens, daß niemand an der Art der Einkleidung sich stoßen wird. Meine Absicht geht dahin, Werthern so reden zu lassen, wie ich glaube, daß er reden würde, wenn er itzt unter uns auftreten könnte. Es kann seyn, daß ich nicht überall die schädlichen Grundsätze, die ich bestreite, in das helle Licht gesetzt habe, in das ich sie zu setzen wünschte. Es kann seyn, daß ich meinen einzigen Endzweck, Nutzen zu stiften, nur [5/6] bey sehr wenigen erreiche. So traurig es für mich seyn muß, dieß zu besorgen, so gewiß bleibt mir doch der Trost, eine gute Absicht gehabt zu haben; niemand beleidigt zu haben; und weder durch Partheyligkeit noch durch andere niederträchtige Dinge bey meiner Schrift geleitet worden zu seyn. Wer meine Urtheile hier und da für zu glimpflich ausgeben möchte, dem weis ich weiter nichts zu antworten, als daß ich es für rathsam halte, jene herrliche Regel immer vor Augen zu haben: Richtet nicht, so werdet ihr nicht gerichtet! –

Der Verfasser. [6/7]

Werther an seinen Freund Wilhelm, aus dem Reiche der Todten.

Wie ganz anders, lieber Wilhelm, ist es itzt mit mir beschaffen, als in jenem Leben unter euch! Wie ein blendender Nebel sind sie alle, alle vor mir verschwunden, die falschen Ideen und die unrichtigen Vorstellungen, die ich mir machte! Wahnsinn war meine hohe Weisheit, und mein Vernünfteln Betrug. [7/8] Guter Gott im Himmel, du weist was ich leide! Und dennoch, was ist es gegen das, was ich zu leiden verdiente, was ich leiden würde, wenn du nicht eines Menschen schontest, der seiner Vernunft, obgleich durch eigene Verschuldung, beraubt war. –

*

Erschrick nicht, mein Lieber, stelle dir deinen Werther nicht unglücklicher vor als er ist. Nur eben die Nachsicht, eben die Geduld, die du mir sonst nicht versagtest; und vieles, vieles soll dir augeklärt werden. –

Daß meine unglückliche Geschichte gedruckt ist; daß meine ganz offenherzigen Briefe an dich mit solcher Begierde gelesen werden, o lieber Wilhelm, wie oft hat das mich schon geschmerzt! Mag doch eurer aller Absicht gut gewesen seyn, da ihr meine Briefe ans Licht brachtet; mag doch selbst der Herausgeber nichts Böses gewollt haben: hebt das den Anstoß auf, der dadurch schwachen Gemüthern gegeben wird? ­– [8/9]

Soll es mir ein Trost sein, daß irgend eine gutherzige Seele dort unten, durch eine Schilderung meiner traurigen Lage meine unnatürliche Handlung hat entschuldigen wollen, die sich doch im Grunde nicht entschuldigen läßet? Soll mir das Trost seyn, wenn ich dadurch vielleicht noch itzt schädliche Grundsätze unter einigen Unglücklichen fortpflanze? – Ich zittere vor dem Gedanken, wenn nun meine Briefe irgend einem ohnehin schwarzblütigen Menschen den Gedanken einflößten, mich nachzuahmen? Kann ich mich von dieser Verschuldung lossprechen?

*

Nur ein Mittel seh ich, auf einige Weise den Schaden wieder gut zu machen, den ich angerichtet habe. Ich will wiederrufen; feyerlich wiederrufen, feyerlich bekennen, daß all meine spitzfindige Philosophie nichts mehr war, als was eure Philosophie dort unten so oft ist: Irrthum und Schwärmerey. [9/10]

Laß diese Fragmente; denn Briefe kann ich es nicht nennen, drucken. Und dann sage jedem, daß dies das Gegengift sey, und ich bin unschuldig am Blute dessen, der es nicht braucht. –

*

Wenn ich bedenke, Wilhelm, wer ich hätte seyn können, und wer ich nun bin – Eure Sprache ist zu arm, dir zu sagen, was ich dann fühle. Nicht zwar verworfen von Gott, nicht zu ewigen Quaalen verdammt; so hart straft der nicht, der die Quellen all unseres Elendes, des moralischen wie des physischen, kennt. Erkläre mich nicht unrecht! Der Tag des Gerichts ist noch nicht da; welch Urtheil ich dann empfangen werde, weis ich noch nicht. Aber so viel seh ich in der fernen Dämmerung; so viel sagt mir mein Gewissen, dessen Wunden im Uebrigen noch alle bluten: Ich werde nicht verstoßen, nicht ewig unglücklich seyn. Und doch, lieber Wilhelm, wenn ich einen Feind hätte, dem ich tausend, tausend Elend zuzu[10/11]schreiben hätte, meine Lage wollt’ ich ihm nicht wünschen. –

Soll ich mich erklären? Soll ich dir einen kleinen Blick in meinen itzigen Zustand eröffnen? Wolan denn! So vernimm, was mich eigentlich beunruhiget und martert. Was ich dir sage, wird freylich nur ein Bild, nur ein Schatten von dem seyn, was ich empfinde. Denn wie könnt’ ich dir all das jammervolle Gefühl meines armen Herzen ausdrücken? Aber auch das, was Worte sagen können, wird zu deiner Warnung, zur Erweckung deines herzlichen Mitleids genug seyn. –

Da steh ich nun, Wilhelm, vor mir selbst so ganz aufgedeckt wie vor Gott; übersehe alle die Ursachen und alle die Folgen meines thörichten Betragens, und muß mir mit einer Empfindung, die an die Verzweiflung grenzet, gestehen: daß ich das all nun nicht mehr zu ändern vermag. Wenn ich mir vorstelle, wie ich so nach und nach durch leichtsinnige Nachsicht mit meinen Begierden in die Tiefe hinabsank, vor der mir itzt noch schwindelt, so ist mir, als [12/13] wenn ich mich zum zweytenmale ganz in diesen unseligen Zustand hinein versetzt sähe. Alles das Gute versäumt zu haben, daß ich bey meinem Herzen und bey meinem Verstande hätte vollbringen können; meine edle Vorbereitungszeit zu diesem vollkommneren Zustande so unnütz verscherzt zu haben; durch eitle Phantomen mir die kurzen Tage meines Lebens so sehr verbittert zu haben; – das alles, mein Lieber, ist schon Vorwurf genug für mich. Und dann, daß ich im Anfange meiner Laufbahn die Blume abgebrochen habe, die noch dort unten zu einer weit größern Reife hätte gelangen sollen: o! mein Theurer! womit werde ich das in alle Ewigkeit wieder vergüten? Womit werde ich den großen Abstand jemals erheben, der nun ewig zwischen mir und bessern Verstorbenen, die ihren Pflichten getreuer waren, fortdauert?

Daß alle Seligkeit nichts ist für ein Herz voll stürmischer Leidenschaften, wie meines, da ich die Erde verließ: das brauche ich dir wol nicht zu beweisen. Du kannst dir vorstellen, wie wenig ich bey dem innerlichen [12/13] Tumulte, der meine Seele empörte, der ruhigen Wonne des Himmels fähig bin. Wie viel Zeit und Kampf, mein Lieber, hat es mich schon gekostet, ehe ich nur etwas diese aufbrausende Leidenschaft gedämpft, nur etwas diese Unruhe gestillt habe. Und wie viel Zeit, wie viel Kämpfe wird es mich noch kosten, ehe ich zu dem innerlichen Frieden gelange, mit dem Gellert unter uns einhergeht! ­– In dieser Zeit, die ich nun bloß anwenden muß, meine unordentlichen Leidenschaften zu unterdrücken, und für meine begangenen Thorheiten durch die bitterste Reue zu büßen: wie viel hätte ich da nicht an wahrer, vorher mir unmöglicher, himmlischer Tugend und Vollkommenheit zunehmen können, wie meine bessern Brüder um mich her! – Ich beneide sie nicht, Lieber; aber ich kann es mir nie vergeben, daß ich nun durch mein Verschulden ewig, ewig ihnen nachstehen werde. Ich kann es nie vergessen, daß ich ihnen vielleicht gleich wäre, wenn ich auf Erden anständiger und weiser gehandelt hätte. Glaubst du nicht, daß diese Vorstellung mir [13/14] ewig bitter seyn wird. Mich immerfort mit der deutlichsten Ueberzeugung als den einzigen Grund meiner geringern Vollkommenheit ansehen zu müssen, glaubst du, daß mir das nicht äußerst schmerzhaft ist? –

Und dann, Wilhelm, all der Jammer, den ich euch verursachet habe; Alberten, Lotten und dir! Das Bittere, das ich in eure Freuden gemischt habe; die Unruhe, die ich euch erregt habe: hat nicht das alles für euch und für mich Folgen bis in die Ewigkeit. Werd’ ich nicht unaufhörlich mit dem schmerzhaftesten Gefühle der Reue, mich als den Urheber so mancher Unvollkommenheit ansehen müssen? – Und meine letzte Handlung, du Lieber, da ich so unüberlegt die Tage meines Lebens abkürzte, da ich mit solcher Frechheit einen Schritt that, vor dem ich hätte zittern sollen: Wie verabscheuungswürdig wird sie mir ewig vorkommen! Daß ich damals in meiner Verblendung so ganz anders dachte, mich mit einer recht scheinbaren Großmuth dazu einrichtete; allen Scharfsinn meiner kranken Seele aufbot, mir die Unschuld einer [14/15] solchen That zu erweisen: – rechtfertigen kann ich das auf keine Weise; entschuldigen kann ich es bloß durch die gänzliche Zerrüttung meiner Vernunft, die ich aber so wenig erkennen, und noch weit weniger bloß geben wollte, und die ich am Ende mir, mir allein zuzuschreiben hatte. Ists war, daß unter euch welche sind, die meinen thörichten Grundsätzen wirklich Gewicht beylegen, so rufe ich Wehe! über mich, und bedaure die armen blödsichtigen Leute. Mir schwindelt, lieber Wilhelm, wenn ich bedenke, daß auch sie, wenn sie einst von all ihrem Wahn mit Entsetzen, wie ich, zurückkommen, mich Unglücklichen, anklagen werden: Ich habe sie geärgert! Ich sie verführt! Guter Gott! möchtest du doch jeden vor dem Elende bewahren, das alle diese Vorstellungen über meinen Geist verbreiten! –

Was ich von der Thorheit meiner ehemaligen Grundsätze noch zu sagen habe, und was ich davon in wenigen Worten sagen werde, das wird freylich nicht ganz, nicht bey vielen das Aergerniß aufheben, das ich einmal gege[15/16]ben habe: denn ich weis zu gut, wie stark die Eindrücke sind, die die erste Vorstellung einer Sache auf euch macht. Hat diese die Seele einmal bekommen, so ist es überaus schwer, sie durch andere, wenn sie gleich vernünftiger und richtiger sind, zu verdrängen. Soll mich das hindern, euch alle die strafbaren Quellen meines elenden Betragens zu enthüllen? Nein, mein Lieber, und wäre auch nur einer unter euch, den ich dadurch vom traurigsten Irrthume zurückbringen könnte: So wäre meine Mühe reichlich belohnt! –

Die Folgen meiner Verirrungen habe ich dir zuerst gezeigt, weil sie itzt meiner Seele am gegenwärtigsten sind. Sie ganz zu durchschauen, lieber Wilhelm, müßtest du mich sehen, wie ich mit allen Merkmalen der schmerzhaftesten Reue und der bittersten Schaam, unter so viel vollkommneren Wesen herumwandle, meine Augen nicht aufzuschlagen wage, und nur immer einem bangen Gedanken, dem an meine verkehrten Gesinnungen auf Erden nachhänge. Ob Gott jemals dieses wehmutsvolle Gefühl, diese [16/17] Unlust über begangene Thorheit und versäumte Pflichten, aufheben wird, ob er es ohne Wunder der Allmacht aufheben kann: – lieber Wilhelm, das zu wissen, reichen meine Einsichten nicht hin; das zu denken, wagen meine kühnesten Hoffnungen noch nicht. Und vielleicht, vielleicht habe ich in diesem Sinne gewissermaßen eine Ewigkeit meiner Verdammniß zu fürchten. Richter, Vater der Menschen! du kannst mich so selig nicht machen, als deine bessern gehorsamen Kinder, denn du bist gerecht! Nicht ganz von dir verstoßen zu seyn; nicht alle traurigen Folgen meines Wahnes zu empfinden; nicht ganz ohne Trost in meinem itzigen Zustande, nicht ganz ohne Wachsthum an höherer Einsicht und größerer Vollkommenheit zu seyn; das ist vielleicht alle Seligkeit, deren du mich theilhaftig machen kannst. Und auch schon das ist mehr als ich verdiene; alles, was ich von dir mit den heißesten Wünschen erflehen, und mit dem kindlichsten Danke hinnehmen kann! – [17/18]

*

Wenn sie so bey mir vorbeygehen, lieber Wilhelm, die bessern Geister um mich herum, und mich erkennen, und einige dann von mir sich unterreden; und sie gedenken meiner hoffnungsvollen Anlage, meiner Erziehung, meines rechtschaffenen Vaters: o! das verwundet mein Herz! Wenn sie dann meine heftige Bewegung sehen, und meinen Jammer, der mich so ganz hinreißt: dann habe ich oft eine mitleidige Thräne in ihren Augen erblicket. Lohn’ ihnen diese Thränen mit Jahrtausenden deiner Wonne, lieber Vater im Himmel, denn sie sind wohlthätiger Balsam in meiner Wunde. –

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Was ich für falsche Begriffe im Kopfe hatte! Was ich für eine unselige Gabe hatte, die Dinge von einer ganz unrichtigen Seite mir vorzustellen! Erinnerst du dich noch, guter Wilhelm, wie ich dir einst schrieb: Seliges Gefühl sey es für den Menschen, daß er Freyheit habe, seinen Kerker zu verlassen, wenn [18/19] er will. Wie konnt’ ich Thor den Körper, durch den ich so vieler angenehmen Empfindungen theilhaftig wurde, einen Kerker nennen? – An ihm lag es wahrlich nicht, daß ich nicht glücklich war. Laß dir das gesagt seyn, Lieber, wenn du nur in deiner Seele gute Gesinnungen unterhältst, nur da Frieden und Ruhe pflanzest; so wird all das Uebel, das etwa dein Körper mit sich bringt, dir nichts thun. Auch er wird dir dann tausend Freuden, tausend sinnliche unschuldige Vergnügungen verschaffen, deinen Zustand noch mehr zu beglücken. Ist aber deine Seele der Sitz stürmischer Affekten, so wirst du vergebens dann ruhig zu seyn hoffen, wenn du deinem Körper entfliehest. – Wilhelm! Ich glaube, ich falle in den lehrenden Ton, bey einer Sache, die es nicht braucht. Sieh nur einmal die Sonne an einem heitern Morgen hinter den Hügeln in deiner Gegend aufgehen, und alle die prächtigen Auftritte, die der Schöpfer so in die ganze Natur hineingelegt hat; höre die Gesänge all der Nachtigallen und Lerchen in den Haynen; schmecke die [19/20] süßen Säfte des Obstes und der Traube: und dann sprich, Lieber! ob du einen Körper verachten kannst, der dir so viele Quellen des Danks und der Freude eröffnet? – Arme Sterbliche dort unten! die ihr euch einbildet, der höheren Wonne des Himmels empfänglich zu seyn, da ihr nicht einmal für die geringere, euerer Sinnen, Gefühl habt! Unglückliche Thoren! Die ihr eurem Erziehungsaufenthalte entlaufen wollt, noch ehe ihr die mindeste Anlage zu der Vollkommenheit erlangt habt, die ihr hier mehr auszubilden bestimmt seyd! – Sage selbst, Lieber, war nicht das mit mir gerade der Fall? –

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Auch bin ich itzt ganz davon zurückgekommen, es für erlaubt zu halten, den Kerker, wenn es denn ja einer seyn sollte, zu verlassen wenn man will, eins oder das andere kann doch nur seyn. Entweder, ihr müßt glauben euere Glückseligkeit, euer Wachsthum an Vollkommenheit, erfordere das so, daß ihr eine Zeitlang [20/21] mit einem Körper vereiniget lebt, oder ihr müßt euch einbilden, es ist Strafe für euch. Das letzte freylich ist Unsinn; und das erste sonnenhelle Wahrheit. Aber in beyden Fällen, dünkt mich, seyd ihr gleich wenig berechtiget, das Band zwischen Leib und Seele muthwillig zu zerreißen. Offenbar nicht im ersten, Wilhelm; oder du müßtest denn deinem eigenen Besten entgegen arbeiten wollen. Und im zweyten? – Laß dir den Socrates sagen, was dazu für Niederträchtigkeit gehöret, gegen den Willen des Obern sich aus dem Gefängnisse zu stehlen, wozu er uns verdammet hat. Und wenn ihr vielleicht so verhärtet seyn solltet, euch daraus nichts zu machen, so bedenkt wenigstens eure große Thorheit. Bedenket, daß ihr auch außer dem Körper noch immer in der Gewalt des Richters bleibt, der euch nach eurem Wahne in diesen Kerker gesperret hat; und daß er euren Ungehorsam unmöglich billigen kann. Ich sage dir das, Wilhelm, weil ich weis, daß du von dem Leichtsinne derer weit genug entfernet bist, die sich über den Gedanken an Gott, Vor[21/22]sehung und Unsterblichkeit lange weggesetzt haben. Für diese Gattung von Leuten ist freylich weiter keine Belehrung nöthig, und keine Besserung möglich. –

Lieber himmlischer Vater! Was ich doch für ein verblendet Geschöpf war! Wollte nicht erkennen wie wohltätig alle deine Veranstaltungen und Leitungen mit mir waren! Stellte mir den Körper, den du mir aus lauter Liebe, so wohlgebildet und aller sinnlich guten Eindrücke so fähig, verliehen hattest, als einen fürchterlichen Kerker vor, und dachte nicht daß ich eine Gotteslästerung begieng! – hielt mich berechtiget meinem eingebildeten Gefängnisse, sobald als mir es gefiel, zu entfliehen, und dachte nicht was ich damit für Ungehorsam verschuldete! – Wenn sie doch alle einsähen, die Menschen, auf deinem Erdboden, daß du ganz Liebe bist, und ihre Seelen gerade mit dem Körper, und so lange damit verbindest, als es für ihr ganzes Glück am zuträglichsten ist; sie würden dich kindlich verehren und schweigen. [22/23]

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Wie weit ich in meinem Wahnsinne gieng, Wilhelm! Was ich all für Kunstgriffe anwendete, mich zu bereden, mein Vorsatz sey edel und groß! Und wenn ich nun zurücksehe, was mir dann meine Handlung klein und niedrig vorkömmt. Und wenn ich so anseh’ all die Unglücklichen, die mit mir in gleicher Schuld sind; Wilhelm! so begreif’ ich es nicht, wie man so blind seyn kann. Wenns so eine große, edle Sache wäre um den Selbstmord, warum sinds gerade die Verworfensten aus dem Geschlechte der Menschen, die damit prangen? Ist Größe der Seele, und edle Entschließungskraft das Eigenthum des Lasters? Der Mann, der zu feig war tugendhaft zu sein, ist der nun groß, wenn er sich das Leben nimmt? All das, was davon in meinen Briefen steht, Lieber, das ist nun so was gesagt; in die Ohren fällt es gut, weil es den Reiz der Neuheit und des Außerordentlichen hat; aber weiter ists damit nichts. Wahrheit und gesunden Sinn drunter zu finden, würdest du dich vergebens bemühen. Oder siehts du es nicht, begreifst es nicht? Wenns groß ist, edel [23/24] und kühn ist, mit seinen Händen zu wühlen in seinem Blute, so sind alle die größten Bösewichter so viel Edle, denen die Welt Pyramiden und Epopeen schuldig ist. Denn haben sie sich nicht alle selbst das Leben genommen; so lag es wahrlich nur daran, daß sie nicht konnten, daß man ihnen nicht zuließ, Hand an sich selbst zu legen: um sie eines schimpflicheren und schmerzhafteren Todes sterben zu lassen.

Und was ist denn klein? Was ist groß? Wozu Muth und Entschlossenheit gehört, wozu Geduld und Vernunft und Anstrengung aller thätigen Kräfte der Seele gehört; wenn das nicht groß ist, so weis ich nicht, was diesen Namen verdienet. Braucht das all der Selbstmörder? Braucht er mehr als einen Entschluß, einen einzigen Gedanken, und Raserey von einer Viertelstunde, um sein Vorhaben auszuführen? Ich schäme mich vor mir selber; aber ich will die Summe meiner Vergehungen durch die Unwahrheit nicht vergrößern. Lieber! mit mir war es nicht anders! All meine Vorbereitung, all meine künstlich entworfene Theorie war [24/25] Gewebe in der Luft; ein Gebäude, in dem ich mich selbst nicht recht sicher glaubte, nichts weniger als fähig mich zu beruhigen. Die That selbst, vor der mir schaudert, vor der dir schaudern muß, so oft du daran denkest, war die Frucht eines Augenblicks. Das all hätte können wegfallen, und ich hätte sie doch vollbracht. –

Weil ich mich zu schwach fühlte, zu klein fühlte, zu ertragen den Jammer, dessen Schöpfer ich doch selbst war: Wars nicht bloß darum, daß ich mein Joch abschüttelte? Und freylich gehörte dazu mehr Muth, ein Leben zu ertragen, daß ich mir von Freuden leer und voller Dornen einbildete. Sterben, das dünkt mir leicht; ein Schmerz auf Augenblicke, eine Kleinigkeit. Aber leben, und alles was meiner Sinnlichkeit und meinem Stolze schmeichelte, entbehren, das war schwerer; dazu fehlte mir Stärke. Daß ich das alles nicht erkennen wollte; der Schwäche den Namen des Muthes, und der Feigheit den Namen der Größe gab: kann dich das wundern? Wundern, wenn ein [25/26] Rasender wie ein Rasender sprach, und ein Stolzer seine Blöße nicht gern bloß gab? – O Gott! wie zittere ich vor der Tiefe des Elendes, in das ich, ich selbst mich gestürzt habe. Möchten es doch die Menschen an meinem Beyspiele lernen, wo es hinaus läuft, wenn man nicht frühe genug, nicht standhaft genug Muth hat die Sinnlichkeit der Vernunft zu unterwerfen! –

*

Weist du noch wol, wie ich dir schrieb: Albert habe mir bey einer gewissen Gelegenheit ungefähr eben das gesagt, was ich da aus innigstem Gefühl und mit einer schrecklichen Überzeugung aus der traurigsten Erfahrung vom Selbstmorde hier sage, was ich dir und allen Menschen mit der erschütternden Stimme des Donners laut zurufen möchte? – Ich nannt’ es nichtsbedeutende Gemeinsprüche und damit half ich mir aus. O! wie seh ich itzt diese nichtsbedeutenden Gemeinsprüche in einem ganz [26/27] andern Lichte! Mein Gleichniß von einem unterdrückten Volke, wie wenig schickt es sich zur Sache! Wie erzwungen ist es, und wie übel angewandt! Kann ich sagen, ich war in demselben Fall, und ist auch nur der geringste Schein vorhanden, meine gesetzwidrige Handlung mit dem Edelmuth einer Nation zu vergleichen, die die eiserne Kette zerbricht, an die ein Tyrann sie geschmiedet hat? – Lieber! das Unschickliche in diesem Gleichnisse ist zu handgreiflich, als daß ich es zu enthüllen brauchte. Ewiger Vorwurf für mich, daß ich zu so elenden Sophistereyen meine Zuflucht nehmen mußte, um mich selbst einzuschläfern, und andere die schwach genug sind, zu verblenden.

Aber ich sah nicht, wie sehr ich, selbst indem ich mich vertheidigen wollte, meine Schwäche offenbarte. Die Größe des Selbstmordes wollt’ ich erweisen, und merkte nicht, daß ich durch meine Aeußerungen gerade das Gegenteil darthat! Umneble nur einmal deinen gesunden Verstand, betäube nur einmal dein Gewissen, verdränge nur einmal die Ideen [27/28] der Wahrheit durch seichte und spitzfindige Raisonnemens: Und keine Ungereimtheit ist so groß, du wirst sie glauben, so bald dirs gefällt.

Das Bischen Vernunft, sagt’ ich, kommt nicht in Anschlag, wenn Leidenschaften wüthen, und die Grenzen der Menschheit einen drängen. Leidenschaften wüthen! Das war es, Lieber! darin bestand mein Elend. O Gott! wie groß, wie nahe der meinigen muß die Verblendung derer seyn, die dieß Geständniß lesen, und dennoch mich erheben, meine That groß heißen können! Was ich damals nicht einsah, was so viele unter euch sich gern verbergen möchten: Wilhelm, soll ich dir das verschweigen? Ein Sklave der Leidenschaften war ich, in aller meiner angemaßten Stärke! Rühmte mich der Freyheit, und war ein schimpflicher Knecht. Beschwerte mich über die Grenzen der Menschheit, und hatte mir selbst diese engen Grenzen gesetzt. Loszureißen mein Herz von dieser elenden Knechtschaft, war ich zu klein; und stolz genug dabey, zu glauben, es könne es niemand; es wären die Grenzen der Menschheit; [28/29] es wäre ein Fieber, dem ich nicht steuern könnte. Und wars denn ein Fieber, hatt’ ich mirs nicht selbst zugezogen? Würde der Kranke daran sterben, wenn er zu rechter Zeit die besten Mittel dagegen gebrauchte?

Wie tief, Wilhelm, wie tief war ich gefallen! Groß glaubte ich zu handeln ohne Vernunft; frey, als Sklave meiner Begierden. Und diese Widersprüche sah ich nicht ein; wollte sie nicht einsehen; war froh mir selbst ein Blendwerk vorzumachen, unter welchem ich mir die Abscheulichkeit meiner Anschläge verbarg.

Lieber! was ist der Selbstmord nach dieser Beleuchtung der Sache? –

*

Die Menschheit hat Schranken; bis auf einen gewissen Grad kann sie Schmerzen ertragen; weiter darfs nicht gehen. Wilhelm! konnte ich es wagen, das zu meiner Vertheidigung zu sagen? Soll es denn weiter gehen? [29/30] Erndtet Gott, wo er nicht gesäet hat? Versucht er jemand zum Bösen? Läßt er jemand versucht werden über seine Kräfte? Macht er nicht, daß die Versuchung ein Ende gewinne, daß man es könne ertragen? Aber davon wollt’ ich nichts wissen; und unter euch werden viele seyn, die das wieder für nichtsbedeutende Gemeinsprüche halten. Mitleiden mit ihnen, Lieber! sie wissen nicht, daß das Gegentheil behaupten, offenbare Gotteslästerung ist. Sie vergraben ihr Pfund, womit sie wuchern sollten; das ists! Und das hat Jesus lange gesagt, aber sie wollten ihn nicht verstehen. Sähen sie meine heißen Thränen, meinen Jammer, daß ich in dem Rausche meiner Sinnlichkeit mich über das alles so ganz hinwegsetzte, gegen alle vernünftige Vorstellung so taub, und so willig war mich von dem Strohme der Leidenschaft bis in den entsetzlichsten Abgrund hinreißen zu lassen; durchschauten sie das Elend, von dem ich itzt umgeben bin, und das mir durch den Gedanken am furchtbarsten wird, daß ich allein es so gewollt, es so geleitet habe: – Vielleicht wür[30/31]den sie in sich gehen. Aber kannst du sagen, gewiß: – hören sie Mosen und die Propheten nicht, so würden sie auch schwerlich hören, wenn ein Toter auferstünde! –

*

Auch der Religion schont’ ich nicht! Auch sie wollt’ ich nicht wider mich sprechen lassen! doch was ich davon sage, ist wol zu sehr Unsinn, als daß es schädliche Eindrücke machen könnte. – Daß ich glaubte, Gott werde mir verzeihen, wenn ich eher zurückkäme als er mich rief; was heißt das? Straft und belohnt denn Gott nach willkührlichem Gutachten? Ist nicht Glück oder Elend hier, die Folge von Rechtschaffenheit oder Laster dort? Sollen wir nicht erndten, was wir gesäet haben? Setzt nicht der Genuß des Himmels himmlische Gesinnungen, ein von der Sinnlichkeit losgerissenes Herz, und Freude an Gott und der Gemeinschaft mit ihm voraus? – Aber das ist [31/32] eben der größte Jammer, daß ihr euch dort unten von Himmel und Hölle oft so verkehrte Vorstellungen macht; und daß eure Theologen zum Theil selbst Schuld daran sind, die eine ganz andere Ordnung des Heils entwerfen, als die ist, die auf die Vernunft und auf das richtig verstandene Evangelium sich gründet. Lehren sie nicht zum Theil, daß auch der verworfenste Sündendiener der Seligkeit des Himmels fähig ist, wenn er nur am Ende seiner Laufbahn Reue äußert, und das mehrentheils durch die Todesangst erzwungene Gelübde der Besserung ablegt? Freylich verlangt Gott, vor dessen Richterstuhl ich itzt stehe, weiter nichts als ernstliche Reue, um Sünden zu vergeben. Aber wird der Lasterhafte dadurch gleich tugendhaft, der Sünder gleich gebessert, wenn ihm Gott das vollbrachte Böse nicht zurechnet? Wenn ein Vater seinem ungerathenen Sohne alle Thorheiten vergiebt, weil er Aenderung des Lebens verspricht: Wilhelm! wird der bösartige Sohn darum gleich augenblicklich in einen frommen und gesitteten Menschen verwandelt? Hat [32/33] er darum minder durch seinen bisherigen Wandel sich Schaden gethan? Ist es genug, wenn ein Mensch durch Ausschweifungen sich eine schmerzhafte Krankheit zugezogen hat? ist es genug, daß er seine Ausschweifungen mit Thränen der Buße bereuet? hört dadurch das Gift in seinen Adern sogleich auf zu wüthen? Braucht es nicht viele Zeit, die Anwendung vieler Mittel, ehe er seine Gesundheit völlig wieder erlangt, und bleiben nicht oft Spuren der Krankheit auf immer zurücke? Lieber! mache die Anwendung auf mich; Sünden sind Krankheiten der Seele. Glaubst du, daß ich bey meinem elenden, sinnlichen Herzen, des Himmels und seiner Wonne sogleich fähig bin, wenn auch Gott noch so geneigt ist, mir meine Thorheiten und meinen Ungehorsam zu vergeben?

O Wilhelm, wie martert mich all das Andenken an meine Vergehungen! Ich der ich hätte können emporwachsen zu einer herrlichen Größe, und könnte itzt mich freuen, wie sich der Wanderer freuet, wenn er am Ende seiner Reise im Schooße des Vaterlandes und in der [33/34] Gesellschaft liebender Freunde an alle Gefahren des vollendeten Weges zurück denket: Ich stehe hier so ganz durch meinen Wahn beschämt, und im Gewissen gebrandmarkt, weil ich es nicht wagte mit Edelmuth und Weisheit die kurze Bahn durch jenes Leben zu gehen. Ich sündigte auf Gottes Gnade hin, und bedachte nicht, welche Lästerung ich begieng! Bedachte nicht, daß es an seiner Gnade nicht liegt, wenn Menschen ihrer Würde vergessen, und sich selbst des Glückes des Himmels berauben. O Lieber! warum muß ich erst so späte von dieser schrecklichen Verblendung zurückkommen!

*

Aber ich sage dir, Wilhelm, mit meiner Vernunft war es aus! – Meine ganze Seele war schrecklich getäuschet, und alle meine Ueberlegung dahin! Sage das allen, die von mir wissen, und dann überlaß es ihnen, wie sie Worte eines Rasenden nehmen wollen. [34/35]

Nur darin liegt das Bitterste, das macht mich untröstlich, daß ich mir nicht verbergen kann, ich selbst war an dieser Verblendung, an diesem Verfalle meiner Vernunft, an all meinem Elende Schuld. Meine Wunden werden heftiger bluten, aber ich muß dir davon einige Worte sagen. Einige Worte, denn mehr brauchst du nicht, um dir alles übrige selber zu denken.

*

Nimm nur zusammen, Lieber, alles was du von mir weist; daß ich nicht ohne Erziehung, nicht ohne Kenntniß, nicht ohne Beurtheilungskraft war. O! ich wußte, was Gut und was Böse sey; auch waren mir die Mittel, all meinen Jammer zu enden, so unbekannt nicht. Freylich, am Ende wars zum Abhelfen fast zu spät; aber im Anfang? Wäre der Sieg gleich schwer gewesen, o! seine Früchte waren eines Kampfes werth!

Gott! wenn ich einen unpartheyischen Blick in mein Herz werfe, und sehe wer ich war: – [35/36] womit soll ich die Empfindung vergleichen, unter der ich dann erliege! Stolz, Sinnlichkeit und üble Laune, das waren die Tyrannen meiner Seele, die mich von einer Tiefe in die andere hineinstürzten, und die einzige Führerinn zur Wahrheit, die unbestochene Vernunft, nach und nach von mir entfernten. Dagegen zu streiten, dies Uebel auszurotten aus meinem Herzen; dazu war ich zu klein. Und so beraubte ich mich selbst dort unten aller Freude, that den entsetzlichen Schritt in dieses Leben herüber, und sehe zu spät, wie ganz anders ich hätte handeln sollen. –

Kannte ich nicht mein aufwallendes Blut? Wußte ich nicht, wie leicht ich zu beleidigen war, Wilhelm? Und wie hitzig, jede Beleidigung zu rächen? Hatt’ ich nicht davon so viele Proben? Und demunerachtet, sieh! ich feuerte diese wüthende Leidenschaft immer mehr an. Mein Stolz, der nur schon so manche Pein, so manche Demüthigung zugezogen hatte, war mir zur Last; und doch nährte ich ihn in meiner Seele. Weniger groß von mir selbst ge[36/37]dacht; nicht mehr so sehr meine Ruhe auf das zweydeutige Urtheil anderer gegründet; nicht all den Argwohn bey Kleinigkeiten, die überspannten Begriffe von Zwanglosigkeit, den unausstehlichen Eigensinn; mit einem Worte, nicht mehr den Stolz auf eigene Größe und Thätigkeit: so würde sich diese tobenden Hitze gelegt haben, so würde mein Herz zum Zorne nicht so leicht zu reizen, und die Ruhe in mir wieder hergestellt worden seyn, über deren gänzlichen Verlust ich so oft klagte, die ich itzt umsonst beseufze. Lieber! das all hätt’ ich ändern können; die Mittel dazu wußt’ ich; aber ich wandte sie nicht an.

Und gab ich mir etwa mehr Mühe, mich von der Sinnlichkeit, von der Abhänglichkeit von meinen Händen zu befreyen? – Schrieb ich dir nicht selbst: Ich thue meinem Herzen in allem seinen Willen? –

Wilhelm! durchschaust du die Tiefe des Jammers, in den mich dieser abscheuliche Grundsatz gestürzt hat? Siehst du, wie bey dieser gewissenlosen Nachsicht das aufkeimende [37/38] Verderben allmählig jeden guten Keim in mir erstickte? Da war es kein Wunder mehr, daß ich am Ende mit einem Feinde zu thun hatte, der mir zu mächtig war; kein Wunder, daß in mir der entsetzliche Gedanke entstand: Alberten zu tödten, Lotten oder mich! Und das ich das letzte wählte? Edelmuth wars nicht; aber das sicherste war es nach meinem Wahne, loszukommen von allem Elende auf einmal, und wenigstens nicht Schande oder Strafe auf mich zu laden. –

Auch wars nicht Mangel an Einsicht, daß ich das so geschehen ließ. Glücklich fühlte ich mich nicht, und sah wol, wo der Grund all meiner Unruhe lag. Den Gedanken an Lotten mußte ich ganz von mir entfernen; das wußt’ ich, das hab ich dir nicht geleugnet. Aber er war mir zu sehr werth. Mich des Vergnügens ihres Umganges zu berauben, wäre noch das einzige Mittel gewesen, meine unglückliche Neigung zu ihr zu ersticken. Aber so viel konnt’ ich über mich nicht gewinnen. Ich fand Vergnügen darin, mein Wohlgefallen an ihr zu nähren, [38/39] und gab mir Mühe, mir selbst die Gefahr zu verbergen, in die ich mich dadurch begab. Mein Gewissen, Lottens Blicke, Albertens Betragen, deine Briefe, das alles konnte mich genug warnen, hätt’ ich Warnung annehmen wollen. Wie wol war mir, als ich meiner Vernunft den großen Sieg gewährte, und floh! Aber daß mit dieser einen Anstrengung auch all meine Kräfte erschöpft und mein Muth dahin war, und ich wieder zurück eilte in die gefährliche Lage, daraus ich kaum entronnen war: o Wilhelm! dadurch verdarb ichs! –

Wußt’ ich nicht, daß Lotte das Eigenthum eines andern war? War es unter diesen Umständen vernünftig, auch nur von fern meine Wünsche auf sie zu richten? Warum mied ich nicht sorgfältig jede Gelegenheit, von ihr bezaubert zu werden? War ich so kurzsichtig, nicht zu sehen, wo das alles hinauslief? – Doch du weist, Lieber, was ich all für Entschuldigungen ersann! O Wilhelm! und wie viele sind leichtsinnig wie ich, spielen mit der Liebe, und erwägen nicht, daß ein Gut von [39/40] der äußersten Wichtigkeit, daß die Ruhe der Seele am Ende darüber zu Grunde gehet. Und wird mein Beyspiel diese Unbedachtsamen bessern? –

Albert! Lotte! Ihr waret zu wenig auf eurer Hut! zu nachsichtsvoll mit all meinen Schwärmereyen, und auch das vermehrte mein Verderben. Wilhelm! Ich klage diese guten Seelen nicht an, aber sagen möcht’ ich es ihnen, worin ihr Versehen bestand, und warnen möcht’ ich alle vor ähnlichem Betragen.

Hätten sie mir früher gesagt, daß meine öftern Besuche sie beunruhigten; hätte mir Lotte eher, und mit allem Ernst und aller Kälte einer Person, die es weis, daß sie itzt ihre Pflicht thut, angezeigt, daß mein Betragen ihrem Geliebten nicht anstünde; hätte sie unter irgend einem Vorwand mir zu verstehen gegeben, ich möchte weg bleiben; hätte sie weniger Vertrauen auf ihre Stärke gesetzt, und wäre sie meinen Wünschen weniger entgegen gekommen; hätte sie, so bald sie merken mußte, was in meinem Herzen vorgieng, mehr Zurück[40/41]haltung und Gleichgültigkeit gegen mich geäußert: Wilhelm! wie viel ruhiger würde sie dann seyn können, obgleich mein Herz so schwarz nicht ist, ihr die Schuld meines Elendes beyzumessen, die ganz in mir selbst liegt. Aber daß sie meine Leidenschaft unterhielt; zu wenig Muth hatte, ein Betragen anzunehmen, daß der Feinheit der Sitten nicht gemäß war; selbst das Vergnügen meiner Unterhaltungen ihrer Ruhe nicht aufopfern wollte: O! wie wenig hat sie darin die Klugheit, der Pflicht und unserm Besten gemäß gehandelt. Zuletzt, da sie die Folge davon sah, und nun auf einmal gewaltsam sich losreißen wollte, da wars nicht mehr Zeit! Aber nach und nach durch spröde Begegnung mich von sich entfernt, mich durch Kaltsinn gekränkt, das würde meinen Stolz beleidigt und die gewünschte Wirkung gehabt haben.

Glaube nicht, Lieber, daß ich das sage, um mich zu entschuldigen, oder den Grund meines Falles von mir auf andere zu schieben. Ein solcher Versuch würde meine Verdammniß ver[41/42]größern. War Lotte schwach, so hätte ich stärker seyn sollen, es seyn müssen, wenn ich nicht sie und mich mit Elend überhäufen wollte.

Und Albert? – auch er hat an meinem Jammer seine Schuld. Aber sag’ ihm: Er hätte mir früher durch ernsthafte Aeußerungen, durch freundschaftlich strenge Warnungen die Gefahr enthüllen sollen, in der ich mich befand. Aber er war zu sehr mein Freund, wollte mich nicht kränken, und fand vielleicht Vergnügen darin, die Vollkommenheiten seiner Lotte von mir mit so vielem Feuer erkannt zu sehen. Die nachtheiligen Folgen, die das am Ende hervorbringen konnte, und die der eifersüchtige Ehemann nun auf einmal abschneiden wollte, die sah der entzückte Liebhaber nicht! Sah nicht, wie sehr er durch jede Lobeserhebung, die er seiner Geliebten gab, die lodernde Flamme in meinem Herzen vermehrte. Doch ich weis, Lieber! wie viel Reue, wie viel Unruh ihm das alles schon erregt hat, und ich will ihn nicht kränken. Er traute zu viel meiner gesetzten und männlichen Tugend, die er zu wenig kannte. [42/43] Und das war lange so viel Blindheit nicht, als daß ich, ich, der ich mich hätte besser kennen sollen, selbst darein so viel Vertrauen setzen konnte. Du siehst, Wilhelm, wohin mich diese Sicherheit geführt hat. –

Wenn du endlich bedenkst, wie ich so durch das Gift der bösen Laune all meine Freuden verdarb; in der ganzen Natur nur überall für das Schreckliche und Jammervolle, Augen haben wollte, und über die vielen Freuden nur mit flüchtigen Blicken wegeilte: sprich, guter Wilhelm! hast du dann nicht mit mir Mitleiden?  – Und ich sage dir, Wilhelm, diese böse Laune, dieses finstre Wesen war von allem meinen Unfrieden der Grund, und hatte zur Quelle den garstigen Stolz und die sinnliche Begierde. Ein Wunsch versagt, ein Vergnügen gestört, und ich stand da, und murrte über das Schicksal; schrieb dir, und verbarg unter einem hinreißenden Stile und einem vielbedeutendem: Mußte denn das so seyn? den bittersten Tadel aller Werke der Gottheit. Nannte die Natur ein ewig verschlingendes und ewig wie[43/44](der)käuendes Ungeheuer, und – Lieber! Laß mich schweigen, und alle die Greuel der versteckten Gotteslästerung nicht wiederholen. Mein Herz erliegt unter der quälenden Last dieses Gedanken. Ich, der ich konnte andern so gut predigen von der Häßlichkeit der bösen Laune, war selbst so ganz dieses Lasters schuldig, daß ich fluchte der unschuldigen Pfarrern, die ein Paar Bäume ihres Hofes umhauen ließ, weil sie ihr im Wege waren; und daß ich meinen Ueberdruß am Leben so weit kommen ließ, wie er wirklich kam, als ich den Entschluß faßte, mir das Leben zu nehmen. Aber so ist es, wenn erst wüthende Begierden die Seele bestürmen? Um meine Ruhe war es da geschehen, und nichts war so klein, es vermochte mich zu ärgern; jede Beleidigung, jede eingebildete Unbehaglichkeit, jedes unterbrochene Vergnügen, trieb meine Galle empor, und erfüllte mich mit dem Unmuthe, der mir jede frohe Aussicht benahm! Diesen Uebel gesteurt, und ich hätte ihm steuren können: So wär all der Jammer nicht geschehn! [44/45]

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Da hast du nun, Lieber! ein wahres Bild von meinem Charakter. Könnt’ ich dabey im Ernst sagen, es sey Sehnsucht bald näher um den Schöpfer zu seyn, die mich bewog, meine Laufbahn abzukürzen? – Guter Gott im Himmel, war ich das Geschöpf, das nach der Vereinigung mit dir sich sehnen konnte! Bin ich der Freuden des Himmels werth; ihrer auch nur fähig? – Aber ich betrog mich selbst, und dieser Betrug wird mich noch viel Thränen kosten. –

Ich habe dir die Quellen meines Verderbens enthüllet: Aber, o! du müßtest sie ganz in dem Lichte sehen, wie ich, wenn du die unaussprechliche Wehmuth begreifen wolltest, die ich empfinde. Hier findet die Täuschung nicht mehr statt, durch die man sich dort unten einschläfert; hier hören die Zerstreuungen auf, durch die man dort sein Gewissen betäubt. Wenn ich dir mit einem Worte sage: ich leide unbeschreiblich, was wirst du dann mehr haben, als eine schwache dunkle Vorstellung von dem unausdenklichen Jammer, der meine ganze [45/46] Seele ausfüllt, und mir unerträglich seyn würde, wenn nicht die trostvolle Hoffnung mich aufrichtete, daß die gelassene Erduldung desselben das einzige Mittel ist, nach und nach mein Elend zu verringern, und nach dem Maaße meiner Besserung mich dem Glücke, das ich itzt entbehre, näher zu bringen?

Leb wol, Lieber! bedaure deinen unglücklichen Werther; und laß die große Wahrheit: Was der Mensch säet, das wird er erndten! die unvergeßliche Richtschnur deines Lebens seyn!

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