Biertrinken statt Bachmannpreisgucken

Literarische Texte sollten gelesen werden, statt gegeneinander ins Feld zu ziehen. Nichts gegen Veranstaltungen, in denen sich geneigte Bürger und Bürgerinnen von anderen Erwachsenen etwas vorlesen lassen. Der strikte Wettbewerbscharakter des Bachmannpreises jedoch schadet der Literatur als solcher ganz offensichtlich, denn die Preisgelder geben dem ganzen Prozedere eine dezidiert kommerzielle Note, und dies in Zeiten der Durchkommerzialisierung des gesamten öffentlichen, privaten und intimen Raumes. Anstatt all das woher auch immer stammende Geld gleichmäßig an alle Schriftsteller und Schriftstellerinnen zu verteilen und die Gewinner überdies mit einem schönen Pokal auszustatten, tut man so, als könne man den einen Text gleichsam verbindlich über den anderen stellen. Überdies ist leider zu konstatieren, dass diejenigen, die beim Bachmannpreiswettbewerb leer ausgehen, als Verlierer abgestempelt sind und oft jahrelang unter den Folgen dieser öffentlichen Demütigung zu leiden haben. So ist es kein Wunder, dass die Tage des Bachmannpreiswettbewerbs für mich die einzige Zeit des Jahres sind, in der ich mich nicht mit Literatur beschäftige, sondern auch mal mit anderen schönen Dingen. Das dazu.

Norbert W. Schlinkert. Biertrinken statt Bachmannpreisgucken.

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Neugründung: PEN Berlin. Die Presseerklärung vom heutigen Tag.

Jetzt ist es raus! Ein PEN wird gegründet, PEN BERLIN, und es sei der Hoffnung kundgetan, dass dies eben nicht als eine „Kampfansage ans PEN-Zentrum Deutschland“ angesehen wird, wie heute in der FAZ und auch der Berliner Zeitung zu lesen ist, wobei sich die FAZ noch recht sachlich äußert und die Berliner Zeitung auf Bildzeitungsniveau agiert. Nicht sehr verwunderlich, denn Tageszeitungen leben nunmal von Händel, Streit und Dualismus, ganz gleich auf welchem Niveau dies stattfindet. Ein PEN jedoch hat ernste Dinge zu tun, muss verfolgten Schriftstellern und Schriftstellerinnen so gut wie irgend möglich helfen, muss aber auch intern das freie Wort pflegen und kulturell vielfältig sein, ohne sich unterschiedlicher Ansichten wegen selbst zu zerlegen – hört sich selbstverständlich an und sollte es auch sein. In diesem Sinne …

Pressemitteilung PEN Berlin

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Der PEN, ein Phönix aus der Bratwurstasche?

In den PEN, das PEN Zentrum Deutschland, kann man als Autor, als Autorin nicht einfach eintreten, weil es nämlich verpönt ist, sich selbst zu bewerben. Mag altbacken und elitär klingen, ist aber so. Bürgen braucht’s, mindestens zwei. Wer die hat und dieses Jahr guten Mutes war, aufgenommen zu werden, sieht sich nun allerdings konfrontiert mit der Botschaft, dass alle für das Jahr 2022 angedachten Zuwahlen auf die nächste ordentliche (sic) Mitgliederversammlung im Jahr 2023 verlegt worden sind. Wegen der tumultartigen Vorkommnisse um den Abwahlantrag gegen den PEN-Präsidenten Deniz Yücsel auf der diesjährigen Jahrestagung in Gotha. So hat es die Mitgliederversammlung beschlossen, wie ich aus sicheren Quellen erfahren habe. Da hatte man für nix anderes mehr Zeit und Kraft. Auf der Website des PEN, die übrigens im Stile der 80er-Jahre daherkommt, eine echte Sehenswürdigkeit, findet sich allerdings nichts dazu. Einige Mitglieder, die als Bürgen Schriftsteller und Schriftstellerinnen für die Zuwahl vorgeschlagen haben, werden aber zwischenzeitlich womöglich aus dem PEN austreten, manch Vorgeschlagener, manch Vorgeschlagene dürfte es sich überlegen, in den PEN angesichts der Zustände überhaupt eintreten zu wollen, so etwa Sascha Lobo, dem der bratwurstige Umgang mit dem (ehemaligen) PEN-Präsidenten Deniz Yücsel nicht gefallen wollte. In der Tat stellt man sich die Umgangsformen in einer Schriftstellervereinigung nicht dergestalt vor, dass im Vorfeld ohne jede Diskussion, die auf der Jahrestagung ja möglich gewesen wäre, einfach mal ein Abwahlantrag gegen den Präsidenten in den öffentlichen Raum geknallt wird, mal ganz abgesehen von den lautstarken Unmutsbekundungen gegen Yücsel, als dieser die Tagung zunächst einmal eröffnen wollte. In einem Fußballstadion bringt so etwas ordentlich Stimmung in die Bude, und so auch im PEN, der daraufhin im Spiel gegen sich selbst ausschließlich Eigentore fabrizierte und am Ende 75:73 gegen sich selbst verlor bzw. gewann, worauf Yüksel schließlich zurücktrat und nicht mehr Präsident der Bratwurstbude sein wollte. Abgesehen von solch schiefen Vergleichen und Dramen bleibt aber natürlich die Frage, ob solch Zustände in Zukunft verhindert werden können durch eine gesittete Gesprächskultur und erwachsene Umgangsformen, eine Frage, die direkt zu der wichtigsten Fragestellung führt, ob der PEN seiner selbstgestellten Aufgabe gerecht werden kann, sich nämlich für den Schutz und die Freiheit der Kultur und die freie Meinungsäußerung einzusetzen, sowohl national und international als auch, so möchte man hinzufügen, intern. Meine Bürgen jedenfalls sind nicht aus dem PEN ausgetreten und ich selbst bin der Ansicht, jetzt einfach mal hoffnungsfroh abzuwarten, wie sich das Übergangs- bzw. Interimspräsidium um Maxi Obexer und Josef Haslinger so schlägt, welchen Ton, welchen Sound sie herzustellen vermögen und ob am Ende des Übergangs Handlungsmöglichkeiten stehen, die dem Kampf um die gute Sache zu dienen vermögen – der Freiheit der Rede!

*Dieser Artikel erschien zuerst am 27.05.2022 im Community-Bereich des freitag

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Lob der Tüte (Gedicht)

Lob der Tüte

Nun soll sie,

die Dichte und die Gute,

Auslaufmodell sein

und war doch immer

und ein Leben lang

treue Begleiterin,

Schützerin der Fahrradsättel,

Trägerin des üppigsten Einkaufs,

oft leise und zärtlich knisternd,

unverwüstlich im Guten

wie auch im Schlechten,

wendbar, abwaschbar,

ganz & gar unverzichtbar,

ja doch, meine Güte:

unser aller Plastiktüte.

 

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Trotz Krieg seine Arbeit tun? Jetzt erst recht? Einige Gedanken plus Manuskriptauszug

Ich arbeite an einem neuen Text, der bereits unter einem anderen Arbeitstitel mal neu gewesen ist vor etwa einem Jahr, also zu einer Zeit, als der russische Präsident Putin den Angriff auf die Ukraine auf allen Ebenen schon vorbereitet hat. Mit Krieg hat mein Text aber nichts zu tun – das könnte ich mir selbst ohne weiteres in die Tasche lügen. Eine Verschlagwortung beinhaltet vorläufig nämlich nur die folgenden Begriffe: Visualistik, Fotografie, Onomatopoetik, Biographie, Autofiktion, Hermeneutik, Tod, Nebel. Dennoch schreibe ich, während der offene Krieg in der Ukraine gefühlt und räumlich nah ist. Omnipräsent jedenfalls dringt er ein in unsere Gedanken, Träume und Gefühlswelten, und ja: er beeinflusst auch unsere Arbeit, auch die, die nichts mit Krieg zu tun hat. Andererseits hat sie im Falle meines Textes eben doch, nämlich in den autobiographischen Teilen, in denen von Kindheit die Rede ist, von meinem kindlichen Nichtverstehen, mit Krieg zu tun. Hier ein Stück aus dem Manuskript:

Dann sitze ich plötzlich im mit Möbeln vollgestopften winzigen Wohnzimmer der Großeltern. Ein Feiertag. Oder ein Geburtstag. Kaffee und Kuchen. Alle sprechen durcheinander, die Onkel und Tanten, die Eltern und die Großeltern, alle Plätze besetzt, die Cousinen am Fenster auf Stühlen, mein Bruder sitzt neben meiner Mutter, ich auf der Kante des Sofas, eingequetscht zwischen dem einen Onkel und dem andern Onkel. Ich beobachte meine beschuhten Füße auf dem ochsenblutroten Dielenboden an der Kante zum Teppich, der unter dem Couchtisch liegt. Verstehen tue ich nichts. Fragt man mich etwas, so blicke ich kurz auf und sage Ja. Über mich hinweg fliegen die Worte. Eine Tante streicht mir über’s Haar. Wie schön, sagt sie. Ein Onkel ruft mehrmals Front, darauf Stalingrad der andere, die Zehen einzeln wieder der eine, mit dem letzten Flieger der andere, abgebrochen, und dann raus. Daraufhin schweigen alle, der Kohleofen knackt leise und tickert vor sich hin, bis die eine Tante, die einmal Friseuse gewesen war, wieder mein Haar lobt. Ach, wärst du nur ein Mädchen geworden, sagt sie immer. Ich sage nichts.

Was mir lange schon durch den Kopf ging, dass ich nämlich nur kurze 19 Jahre nach dem Ende des II. Weltkriegs geboren bin, 31 Jahre nach der Machtergreifung Hitlers, erfährt dieser Tage eine neue Brisanz. Was tun? Diskutieren? Sagen, dass etwa die polnische Regierung einen rassistisch motivierten Blick auf Flüchtlinge hat, und dass sich in Deutschland eben dies (gleichsam unterhalb des Radars) auch in der Praxis der vielen „Einzelfälle“ beobachten lässt, Abschiebung von Asylbewerbern, nicht eben selten von Menschen mit Arbeitsplätzen und Kindern, die nur deutsch sprechen, naja, Sie wissen schon, morgens um sechs die Tür einrennen, Vater, Mutter und Kinder ab in den Flieger, aus die Maus. Oder man denke nur an die Flüchtlinge auf Lesbos und anderswo, die man in Lagern mehr schlecht als recht leben und ohne Hoffnung vor sich hin vegetieren lässt, statt ihnen zu helfen. Weil sie keine Europäer sind? So sieht es aus. So ist es! Krieg vernebelt nicht nur die Wahrheit, sie offenbart sie mitunter auch. Denn warum darf ein „normal“ um Asyl bittender Mensch in Deutschland nicht mal seinen Landkreis verlassen, Wohnsitzauflage, während Ukrainer sich nun frei in der EU bewegen dürfen? Muss das nun nicht zwingend für alle gelten, die um Asyl nachsuchen? Unabhängig von der Berichtslage? Denn zwingende Gründe für den Aufenthalt bei „uns“ haben ja alle, der putinsche Krieg in der Ukraine ist ja schließlich nicht der einzige auf der Welt. Krieg ist immer, nur nicht immer unmittelbar überall. Aber das alles sind nur wohlfeile Gedanken eines Schreibers, eines „Schriftlers“, der im Trockenen sitzt und sich fragt, ob er sich angesichts der Lage auf sein im Herbst erscheinendes neues Buch freuen und sich mit Arbeitsfreude seinem neuen Text widmen darf, der womöglich dann auch in Kriegszeiten veröffentlicht wird. Oder eher: wenn er veröffentlicht wird, wird Krieg sein. Also weiter im Text? Ja, weiter im Text.

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Die Ästhetik des technisch Miserablen IV

Imgrunde ist heute der Tag, einen Beitrag ganz anderer Art einzustellen, denn heute vor 25 Jahren habe ich mich in der Meldestelle Pappelallee in Berlin angemeldet. Ein Vierteljahrhundert Berlin, mehr als die Hälfte meines Erwachsenenlebens, weit mehr Jahre als in jeder anderen Stadt! Eine Menge Zeit fürs Leben. Doch frage nicht, was du der Stadt zu verdanken hast, sondern frage, was sie dir zu verdanken hat. So heißt es doch, oder! Was das technisch Miserable angeht, so sitze ich seit ein paar Tagen wieder an einem Text, der nicht die Spur davon haben darf. Eine lange Erzählung essayistischer Art, die ich bisher intern verschlagworte mit den Begriffen Visualistik, Fotografie, Biographie, Autofiktion, Hermeneutik, Depersonalisierung, Magischer Idealismus, Novalis. Es geht also um die Ästhetik des rundherum Gelungenen. Wie gut, dass es mehrere Weisen der Ästhetik gibt und jede ihren Platz findet.

Brandenburg et alia 007. © Norbert W. Schlinkert 2022

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Die Ästhetik des technisch Miserablen III

Das technisch Miserable hat mitunter eine hohe poetische Qualität, umgekehrt kommt das sehr viel seltener vor, fast nie. Es ist also eine Sache der Bedingung. Mit einem schlechten Pinsel und schlechter Farbe auf schlechtem Grund lässt sich durchaus ein Meisterwerk schaffen, wenn die Schaffensbedingungen ausdrücklich nicht vorausgesetzt werden, sondern integraler Teil sind des Schaffens. Aus Versehen gemachtes Miserables kann nur irrtümlich oder etwa aus einem Gewinnstreben heraus als ein Werk hoher Qualität angenommen werden.

Brandenburg et alia 006. © Norbert W. Schlinkert 2022.

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Die Ästhetik des technisch Miserablen II

Mein Mobiltelefon, ein Nokia C2-01, besitzt eine Kamera auf dem technischen Stand von vor zehn Jahren. Das Verschicken von Fotos ist nicht möglich. Der Bildschirm ist mäusekinowinzig. Die Fotografien habe ich gerade wegen der limitierten Möglichkeiten gemacht, um mit den Ergebnissen dann weiterzuarbeiten, um „etwas“ offen lassen zu können. Ich habe die Fotos mit einer kleinen, preiswerten Digitalkamera abfotografiert, einige habe ich ausdrucken lassen, um dann in diese Ausdrucke hineinzuarbeiten. In der Versuchsreihe „Die Ästhetik des technisch Miserablen“ zeige ich zunächst aber nur unbearbeitete Bilder mit dem Titel Brandenburg et alia. Das ist erst einmal alles.

Brandenburg et alia 002A. © Norbert W. Schlinkert 2022.

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Die Ästhetik des technisch Miserablen I

Fachmenschen muss man nicht kommen mit gleichsam andersherum gedachten und gemachten Bildern, Fotos, Objekten und sonstigen Dingen der bildenden Kunst, da fehlt zumeist jedes Verständnis. Das Unvollkommene, das Fragmentarische, ja das billig gemachte ist oft nicht Form genug, die Idee in ihrer Gesamtheit reicht ihnen nicht – das Gleiche mit besserem Material, besserer Technik, besserem Konzept wäre zu akzeptieren, würde beurteilt werden können. Aber wäre es, so frage ich, angesicht der Perfektion des Technischen, angesichts all der Möglichkeiten, es oftmals fraglos wirklich perfekt zu machen, nicht an der Zeit, eine neue Arte Povera zu begründen, vielleicht sogar einfach aus dem Gedanken heraus, sich nicht von der Technik verführen, lenken, beherrschen zu lassen? Das Erschaffen von „armen“ Kunstwerken nicht als ein Kunstgriff, ein Unterlaufen des Gängigen, des Kunstmarktes, sondern schlicht als eine Vereinfachung, als eine Entscheidung, nicht aus dem Vollen schöpfen zu wollen, sondern mit einfachen, unspektakulären Mitteln auszuloten, was mit eben diesen Mitteln machbar ist. Das nimmt den Kunstwerken, die nur mit hohem technischen Aufwand zu erschaffen sind, nichts von ihrer Idee, das „Unvollkommene“ will nicht Vorstufe sein, sondern ist wie alle Kunst der Versuch, der Welt etwas zwecklos Ästhetisches (in ihrer gesamten Bandbreite) hinzuzufügen, was die Welt noch nicht gesehen hat.

Brandenburg et alia 001A. © Norbert W. Schlinkert 2022.

 

 

 

 

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Spatz & Spiegel (Gedicht)

Spatz & Spiegel

Mit Spatzen auf Kanonen schießen,

die Taube in der Hand zerdrücken,

trotz Regen & Traufe trocken bleiben,

in Gefahr die Anderen umkommen lassen:

Spieglein, Spieglein an der Wand …

Norbert W. Schlinkert: Baum und Borke

 

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