EROSTEPOST-Literaturpreis 2023 an Doris Konradi und Moritz Detje, hier aber mein Beitrag

Zunächst mal Herzliche Gratulation an Doris Konradi und Moritz Detje zum EROSTEPOST-Literaturpreis 2023!

Die Ausschreibung des EROSTEPOST-Literaturpreises lautete wie folgt:

Was Österreichs Nobelpreisträger für die wichtigste Erkenntnis der Physik hält, kann für die Literatur nur recht sein (billig natürlich nicht!). Deshalb ein Ausflug der Literatur in die Physik und damit in eine Welt, die – um bei Anton Zeilinger zu bleiben – „alles ist, was der Fall sein kann“; der Physiker hat einst um diese Definition den wohl bekanntesten Satz des Philosophen Ludwig Wittgenstein, „Die Welt ist alles, was der Fall ist“, erweitert.

Damit ist das Wort bei Ihnen. erostepost lädt Sie herzlich ein zur Teilnahme an dieser höchst philosophischen Ausschreibung für den Literaturpreis 2023. Erst das, was geschrieben wird, erzeugt eine Welt, vielleicht auch eine Wirklichkeit, in jedem Fall einen Text, im besten Fall einen guten. Überlassen Sie also nichts dem Zufall beim Schreiben – oder auch alles! Und dann überlassen Sie ihn gerne uns, den guten Text.

Die gelungensten Beiträge werden in der Ausgabe 66 der erostepost im Herbst 2023 gesammelt; im Rahmen der Präsentation dieser Ausgabe wird dann auch die Preisvergabe erfolgen mit Lesungen der Preisträgerin bzw. des Preisträgers. Oder auch von mehreren – die Jury behält es sich vor, den Preis auf verschiedene Einsender:innen aufzuteilen.

Wie auch immer die Sache ausgeht, seien Sie versichert: Nichts geschieht ohne Grund!

Daraufhin verfasste ich den unten stehenden Text, den ich hiermit einfach mal zu Protokoll gebe, damit er mir nicht in der Schublade vergammelt.

*

Norbert W. Schlinkert: Anonyme Einreichung zum erostepost-Literaturpreis 2023

Sein – Kann – Alles

Das ist doch Quatsch, was der Zeilinger Anton da von sich gibt! Aus einer kleinlich-menschlichen Perspektive heraus mag das zwar einen Sinn machen, da gibt es Dinge, die ohne Grund geschehen. Zufällig. Doch sobald man, sage ich, die Dackelperspektive des Menschlichen aufgibt, sich aufschwingt, Überblick gewinnt und bereit ist, sich wann immer notwendig zielgerichtet in die Tiefe zu stürzen, ein Detail am Kragen zu packen, wieder in die Höhe zu steigen, es aufmerksam zu studieren, ja, sobald eine solche Tat vollbracht ist, kann eben doch alles einen erkennbaren Grund haben! Unmöglich, werden einige rufen, das geht zu weit, und manch einer wird sich gar ereifern, der Mensch habe sich nicht aufzuschwingen … ich aber sage, wer der Wissenschaft, dem Denken und der Kunst den absoluten Zufall als Prallbock vor die Nase pflanzt, ihn als konstitutiv für die Welt ansieht, der muss selbst schon heftig dagegengerannt sein.

Soweit der multipolare Ich-Erzähler in einer ersten Wutrede, mit der er es aber auch gut sein lassen will, denn Wut und Prallbock passen, so weiß er aus einiger Erfahrung, nur allzugut zueinander. Doch wenn es etwas zu überdenken, zu erzählen gibt, etwas erzählt werden kann, so muss auch erzählt werden, und sei es vom Zufall – da hat der Zeilinger Anton den Nagel immerhin auf den Kopf getroffen. Die erste Wut ist also verraucht, niemand ist verletzt, so wir uns also der Erschaffung einer Geschichte über den Zufall widmen können. Am Ende wird, so der Plan, ein Sein stehen als eine poetische Wahr- und Wirklichkeit aus Buchstabe, Wort, Satz und Sinn, in der der Zufall seinen ihm gemäßen Platz gefunden haben wird, nicht mehr und auch nicht weniger.

Dementsprechend werden wir, und zwar weil es eine Möglichkeit ist, zunächst dennoch die Dackelperspektive des Allzumenschlichen einnehmen, um mit Blick gen Himmel und Olymp wutbrennende Geschichten zu erfinden, die uns Lach-, Freuden- oder Verdrießungstränen in die Augen treiben, je nach Lust, Laune, Erbanlage und Charakter. Nicht zuletzt auch werden wir immerfort auf Ideen stoßen, die nach Heinrich von Kleist auf eine gewisse Weise zufällig, will sagen beifällig beim Sprechen entstehen. Das gibt dem Zeilinger Anton aber durchaus nicht recht – ganz im Gegenteil.

Was aber sagt der Zeilinger Anton denn nun eigentlich, wenn er sagt, er glaube, der Zufall sei konstitutiv für die Welt, immer und überall? Sagt er dann nicht, die Wühlmaus, mit der der multipolare Ich-Erzähler zurzeit zu tun hat, wühlt sich womöglich aus schierem Zufall unter meiner Karotte durch, entdeckt sie und nagt sie an? Frisst sie womöglich ganz und gar auf. Das, sagt der Zeilinger Anton, sei am allerehesten Zufall! Machen Sie daraus, als stichhaltig arbeitender Literat, mal eine Geschichte mit Substanz! Aber schön, schultern wir die Herausforderung, bleiben also dabei und nehmen an, die Wühlmaus hätte ebensogut zufällig einen halben Meter von meiner Karotte entfernt, außerhalb des Beetes, ihren Tunnel graben können, die Karotte ergo nicht entdeckt, so sie also gerettet gewesen wäre. Und warum? Nun doch wegen des halben Meters Abweichung! Und natürlich wird die Wühlmaus immer ihre Gründe haben, nach dorthin und eben nicht nach dahin zu wühlen.

Ich versteh’ den Kerl einfach nicht. Wittgenstein habe ich auch nie verstanden. Die Wühlmaus ist mir näher.

Aber ich denke weiter nach und frage alle Welt: und wenn es der Urknall gewesen ist, der dem Zufall ein Ende setzte, indem er der letzte seiner Art war, zugleich Zufall und nicht Zufall? Der Urknall ergo als Urknall der allgegenwärtigen Dauer-Komödie, als einer göttlichen meinethalben, in der das die Komödie auslösende zufällige Missgeschick noch Zufall genannt werden darf, alles Folgende aber Folgerichtigkeit genannt werden muss, ganz gleich, ob wir der Handlung nun folgen und alle Beweggründe erkennen können oder nicht?

Die Frage sei gestellt.

Und außerdem muss doch, bei Lichte betrachtet, jedes Ich mit Verstandesvermögen das eigene Sein zurückführen wollen und müssen auf belastbare Gründe, die über das schiere Vorhandensein von Vorfahren hinausgehen. Und selbst wenn man bei diesem Vorhaben nicht weit kommt, so liegt dies doch ausschließlich in einem Mangel an Möglichkeiten begründet, was der Zeilinger Anton zugeben muss, denn schließlich gäbe es ja auch die Quantenphysik nicht, wenn man alles darüber wüsste, weil dann nämlich die Beeinflussung durch menschliche Beobachtung, von der man auch alles wüsste, obsolet wäre und die Quantenphysik endlich frei.

Ich muss derweil beobachten, meiner eigenen Argumentation nicht mehr ganz folgen zu können. Denn einerseits bin ich, im Sinne des jeanpaulschen ich bin ein Ich, der zweifelsfrei vorhandene, sich selbst beobachtende multipolare Ich-Erzähler, der sich bereits im Urknall polarisiert haben muss – denn wenn ich im Urknall nicht möglich gewesen wäre, so wäre ich schließlich überhaupt nicht. Aus Möglichkeit wird Wirklichkeit. Andererseits aber sagt der Zeilinger Anton, die Welt sei alles, was der Fall sein kann, was dem Zufall, so der Zeilinger Anton implizit, nun erst recht Tür und Tor öffnet, wodurch ich mich in die missliche Lage versetzt sehe, dem Wittgenstein Ludwig mit seinem Die Welt ist alles, was der Fall ist recht zu geben, weil dies nunmal permanent und in schönster Folgerichtigkeit eine gegenwärtige Welt benennt, die Fall auf Fall entstanden ist und weiter entsteht, ob wir sie nun verstehen oder nicht.

Doch zurück zu meiner Wühlmaus und der Frage, ob sie meine Karotte nun verfehlt oder nicht verfehlt. Denn eine Wühlmaus unter meiner Karotte ist ebenso gut wie keine Wühlmaus unter meiner Karotte, da muss man die Kirche mal im Dorf lassen, denn was ich nicht weiß, weil ich es nicht in direkter Weise beobachten kann, geschieht ja dennoch oder dennoch nicht. Doch dass die Wühlmaus nur zufällig Wühlmaus ist und nur zufällig meine Karotte anknabbert oder nicht anknabbert, das ist mir gegenüber dieser kleinen wühlenden Kreatur zu respektlos. Auch sie hat ein Recht, die Folge von Einfällen genannt zu werden, denn schließlich war sie ja ebenso im Urknall bereits vorhanden wie ich, der multipolare Ich-Erzähler dieser kleinen Geschichte, die aus mir nicht erkennbaren Gründen nicht vorankommen will. Renne ich womöglich ständig vor diesen Prallbock, der in unserer Komödie den Zufall darstellt?

Allerdings hieße den Prallbock zu meiden, bis hierher nichts geschrieben und gesagt zu haben und auch am Ende nichts geschrieben und gesagt haben zu werden. Es gilt also, Prallbock her oder hin, des Zeilinger Antons Glaube, der Zufall sei für die Welt konstitutiv, mit wie auch immer zu erlangenen Gründen zu widerlegen, die vom Hier und Jetzt bis zum Urknall und wieder zurück reichen.

Da haben wir uns ja etwas vorgenommen, die kleine Wühlmaus und ich!

Und um das im Ringen um eine Geschichte nicht untergehen zu lassen: nicht etwa, dass wir der Meinung sind, alles Geschehen sei determiniert – keineswegs – wobei es eben der Umstand des Nichtdeterminierten ist, der jedem Fall zwingend einen spezifischen Grund zuweist, Teil einer Kette vom wie auch immer gedachten Ursprung bis zum Jetzt und Jetzt und Jetzt und so weiter in all seiner, wie soll man sagen: Folgerichtigkeit? Fallhaftigkeit? Denken wir weiter darüber nach.

Es ist übrigens der Fall, dass ich nicht nur eine einzige Karotte in meinem wilden Beet zähle, sondern viele. Meine Beobachtung der Karotten verändert nun aber nichts an ihrem Sein. Es sei denn, ich schritte meiner Beobachtung wegen zur Tat und zöge etwa eine Wurzel ans Tageslicht. Ich tue zunächst nichts dergleichen. Die Wühlmaus hingegen beobachtet keineswegs meine Karotten, sondern sucht in ihrer ureigenen Vorgehensweise systematisch nach Nahrung, und zwar wühlend unterirdisch. Das macht Sinn, denn käme die Maus oberirdisch, die Karotte zu erbeuten, käme sogleich die Katz. Die Maus wäre folgerichtig tot und die Karotte gerettet. Doch die Katze schleicht weiter, ohne die Zusammenhänge zu erkennen.

Aber weiter im Text. Spürt die Wühlmaus, so sie denn in der Nähe ist, meine Gegenwart, mein Beobachten? Man müsste sie fragen können, doch Unmögliches bleibt unmöglich. Aber da ich mit verschränkten Armen breitbeinig auf einem Podest nahe des Beetes stehe, mich nicht rühre und mich auch nicht mit Lavendelöl beduftet habe, weiß die Wühlmaus mutmaßlich nichts von mir. Sie sieht und riecht mich nicht. Nun wird es spannend. Wird die die Karotte anknabbern könnende Wühlmaus zu der Tat schreiten, zu der sie befähigt ist?

Ich beobachte. Mein Kopf arbeitet, er kann nicht anders. Die Wühlmaus wühlt, sie kann nicht anders. Ich, der multipolare Erzähler, denke mich hinein in die Wühlmaus, soweit es mein Vermögen zulässt, taste, rieche, schmecke, wähle eine Richtung, drücke einen Kieselstein nach oben, noch einen, irgendwo muss doch eine von diesen leckeren Karotten sein, da ist sich die Wühlmaus sicher, alles riecht doch danach, und weiter wühlt sie, dem Prinzip, so denke ich da oben auf meinem Podest, von Versuch und Irrtum folgend, und kein Stein liegt da zufällig, kein Bereich ist zufällig sandiger als der andere, und da, plötzlich, hat sie das spitzige Ende der Wurzel direkt vor ihrer Wühl- und Schnüffelnase. Na also!

Das Karottengrün der dritten Karotte von vorne gesehen, etwas abseits stehend, bewegt sich! Die Wühlmaus schreitet zur Tat. Weil sie es kann und weil sie es tut! Weil es so gekommen ist. Ha! rufe ich laut, doch das Gezuppel geht weiter, die Karotte hat keine Chance. Als ich ein paar Minuten später das Karottengrün vom Beet hebe, ist die Wurzel nahezu vollständig weggefressen. Ein Loch ist in der Erde, und mir will scheinen, als zwinkere mir die Wühlmaus aus der Tiefe zu. Ich zwinkere zurück.

Na also, sage ich, wenn das nicht der Beweis ist, wie unrecht der Zeilinger Anton doch hat! Haben muss! Ist die Karotte denn nicht von der Wühlmaus gefressen worden? Hatte ich nicht das Beet selbst angelegt? Ist nicht die Katze fehlender Zugriffsmöglichkeiten wegen weitergezogen? Habe ich denn nicht beobachtend da gestanden? Ja! All das trifft zu. Denken Sie da mal drüber nach! Hier aber erstmal ein abschließender, wenn auch nur vorläufiger Punkt – denn wer weiß, aber da begeben wir uns in den Bereich des zukünftigen Jetzt und damit der Zukunft, womöglich wird der Zeilinger Anton irgendwann doch noch recht haben werden. Kann auf jeden Fall sein!

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© und alle Rechte bei Norbert W. Schlinkert 2023

 

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Miniaturen XIX: Die Feinen und die Groben und der Platz dazwischen

Immer wieder höre ich den Begriff des Kulturellen Kapitals durch die aktuellen Diskurse geistern, was mich zusehends daran erinnert, dass ich manch Buch und Werk noch nicht eingehend gelesen oder studiert habe, selbst wenn ich weiß der Teufel seit 45 Jahren nahezu täglich lese und demzufolge hunderte von Romanen und dutzende Werke der Fachliteratur las. Zuletzt erst habe ich mit übergroßem Gewinn Die Ästhetik des Widerstands von Peter Weiss gelesen und werde es hoffentlich auch noch einmal lesen können, so wie ich das Werk Wolfgang Koeppens alle paar Jahre wieder lese, wenn die Zeit reif ist. Doch zurück zum von Pierre Bourdieu geprägten Begriffs des Kulturellen Kapitals, der mir bereits während meines Studiums um die Ohren sauste. Doch da ich nicht Soziologie, sondern Kulturwissenschaft, Ästhetik und Theaterwissenschaft studiert habe, blieb keine Zeit übrig, mich mit aktuellen gesellschaftspolitischen Fragen eingehend zu beschäftigen. Vielleicht auch tat ich es nicht, weil es mich persönlich zu sehr erschüttert oder entmutigt hätte, so ich demzufolge das Thema des Kulturellen Kapitals gleichsam von Grund auf beackerte, indem ich den Anton Reiser (1785–1790) von Karl Philipp Moritz und auch das weitere Werk des Autors eingehend studierte, was sich teilweise in meiner Dissertation Das sich selbst erhellende Bewußtsein als poetisches Ich von 2011 niederschlug. Nun aber ist wohl die Zeit gekommen, mich aktuell und direkter auf meine Lebenszeit bezogen mit der Thematik zu beschäftigen, indem ich mir (endlich) Bourdieus La Distinction. Critique sociale du jugement (1979) vornehme, allerdings, Stichwort Kulturelles Kapital, auf deutsch unter dem Titel Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft (1982). Und wer da nun behaupten wollen würde, das sei ja nun auch schon ein älteres Werk, dem möchte ich sagen, dass ja auch ich schon ein älteres Werk bin und zur der Zeit der Veröffentlichung von Bourdieus Studie aber 15 Jahre alt war und ganz sicher noch ein recht bescheidenes Kulturelles Kapital mein eigen nennen konnte, just aber eben damit begonnen hatte, es, trotz all des Ressentiments meiner Umwelt, lesend und denkend und handelnd ernsthaft zu begründen, ohne dass mir das Ganze in meiner puren Wissenslust vollkommen klar gewesen wäre. So also werde ich mit der Erinnerung an die Zeit der späten 70er-Jahre das Werk mir jetzt vorzunehmen haben, und zwar auch einfach deshalb, weil ich es kann.

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Larifari oder: Vergessen und Genießen

Ich bleibe dabei: die beste Kunst entsteht immer dann, wenn ein Krieg unmittelbar vor der Tür steht. Oder aber in der Nachkriegszeit. Allerdings entsteht manches Kunstwerk eines Krieges wegen auch nicht, man denke nur an die vielen toten Dichter, die dem Ersten Weltkrieg auf allen Seiten zum Opfer fielen. Andererseits hat dann nachfolgend auch noch die Spanische Grippe ihre Opfer gefunden, wobei eines aber auffallen muss, dass nämlich eine Pandemie künstlerisch nie wirklich fruchtbar gemacht worden ist. Da will niemand ran, wie es scheint. Der Krieg gebiert Geschichten, die Pandemie gebiert Tote. So ist das. Immerhin aber kann aktuell der leisen Hoffnung Ausdruck verliehen werden, dass ein Dritter Weltkrieg nicht unmittelbar bevorstehen kann, sieht man sich nur die Larifari-Literatur an, die momentan von den großen Verlagshäusern auf den Markt gespült wird. Aber warum das wieder und wieder beklagen? Nun gut, Jon Fosse ist da eine Ausnahme, und zwar lange schon bevor der Bildungsbürgermob ihn entdeckte und ins Bücherregal versenkte, und neugierig wäre ich in der Tat auf Vatermal von Necati Öziri, aber 25 € sind mir zu viel und außerdem befürchte ich, dass die Lektorensippe den Roman marktgerecht homogenisiert und auf Linie gebracht hat. Am besten ist es immer noch, sich seine Romane selbst zu schreiben und sie dann so erfolgreich wie möglich wieder zu vergessen, um so, unter dem Vorwand der Überarbeitung, den Roman als den eines Fremden lesen zu können. Kann ich nur empfehlen! Ist zwar einerseits viel Arbeit, macht arm und versaut einem die Rente, andererseits aber eine doppelte Bereicherung, die der gemeine Literaturmarkt in dieser Weise nicht zu bieten hat. Jaja, gewieft muss man sein!

 

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Miniaturen XVIII: Je mehr ich weiß …

Je mehr ich weiß, desto weniger will es mir gelingen, eine eindeutige, fixe Position zu gewinnen. So in etwa ging es mir mein Leben lang bei allen möglichen wichtigen und unwichtigen Angelegenheiten, am Ende ist man oft der Dumme oder der einzig Ausgegrenzte, der einzig Hinausgeschmissene. Man müsste, so ist zu lernen, eine Machtstellung gewinnen, damit einem zugehört wird, man ausreden darf, aber eben eine solche Machtposition verträgt sich meiner Ansicht nach eben nicht mit einer liberalen und unvoreingenommenen Herangehensweise. Ich stamme ursprünglich aus einem Milieu und einer Weltgegend (Kleinbürgertum und Ruhrgebiet), wo eine solche Haltung zu nichts führen kann, außer dazu, zwischen allen Stühlen zu sitzen. Deswegen bin ich, der ich aus finanziellen und zeitlichen Gründen zurzeit nicht aktiv mittun kann, positiv überrascht über die Resolution der Mitgliederversammlung des PEN Berlin vom 15. Dezember 2023 mit dem programmatischen Titel Gegen gesellschaftliche Polarisierung und illiberale Tendenzen im Kulturbetrieb. Und weil es so selten ist, dass ich einem fremdverfassten Text vollends zustimme, hier die vollständige Resolution, veröffentlicht auf der Website des PEN Berlin:

Gegen gesellschaftliche Polarisierung und illiberale Tendenzen im Kulturbetrieb

Am 7. Oktober 2023 hat die Hamas mit ihrem Angriff auf Israel eine neue, besonders blutige Welle der Gewalt in Israel und Palästina ausgelöst. Ein friedliches und gerechtes Miteinander scheint derzeit in weiter Ferne.

Dieser Konflikt polarisiert Menschen weltweit, auch und gerade hier bei uns in Deutschland. Nicht bestritten werden kann, dass der Auslöser der aktuellen Eskalation der durch nichts zu rechtfertigende Terrorangriff der Hamas war. Das ändert nichts daran, dass der Konflikt verschiedene Gruppen unserer Gesellschaft auf unterschiedliche Weise berührt.

Sich entschlossen und unzweideutig gegen Antisemitismus und für den Schutz jüdischen Lebens in diesem Land einzusetzen, ist für uns alle essentiell und wichtig. Der Schutz vor Gewalt und Diskriminierung, der Schutz der Religions- und Meinungsfreiheit ist als Staatsauftrag im Grundgesetz verankert. Er darf nicht exklusiv formuliert werden. In früheren Jahrzehnten haben gerade jüdische Vertreter wie Ignatz Bubis diese universelle Verpflichtung auf die Würde aller Menschen immer betont. Unsere Sorge gilt zurzeit dem gesellschaftlichen Zusammenhalt und dem Wohlergehen aller hier lebenden Menschen. Sozialer Frieden schützt am wirkungsvollsten vor gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, also auch vor Antisemitismus.

Eine offene Gesellschaft muss es ertragen, dass es unterschiedliche Deutungen desselben Geschehens gibt, die unter dem Eindruck der aktuellen Ereignisse unvereinbar erscheinen. In Deutschland leben nicht nur gut 200.000 Jüdinnen und Juden, sondern etwa gleich viele Menschen palästinensischer Herkunft sowie Millionen Menschen mit muslimischem, arabischem oder nahöstlichem Hintergrund. Die Mehrheit dieser Menschen solidarisiert sich mit dem palästinensischen Anspruch auf Selbstbestimmung, aber nur eine Minderheit von ihnen sympathisiert mit terroristischer Gewalt.

So wie viele Jüdinnen und Juden um Angehörige in Israel trauern, so trauern viele Palästinenser derzeit um Angehörige im Gazastreifen oder sorgen sich um sie. Der Ausdruck dieser Gefühle ist legitim. Hassreden und Hetze oder die Verherrlichung von Gewalt müssen verurteilt und abgewehrt werden. Keinesfalls aber dürfen Trauernde gegen Trauernde, Wütende gegen Wütende, Verzweifelte gegen Verzweifelte gehetzt oder ausgespielt werden.

Für uns Schreibende ergibt sich daraus eine besondere Verpflichtung: Größtmögliche Toleranz gegenüber anderen Meinungen, Standpunkten und Perspektiven. Und besondere Sorgfalt in der eigenen Wortwahl. Das erfordert die Mäßigung, nicht jeder als falsch empfundenen Aussage, nicht jeder schiefen Formulierung sofort geharnischt entgegentreten zu wollen. Es erfordert, einzelne Worte nicht zu roten Linien zu machen, an denen sich angeblich Gut und Böse scheiden. Es erfordert die Geduld, zuzuhören und manchmal die Selbstbeherrschung, lieber nicht zu antworten. Ein friedliches Zusammenleben kann nicht gelingen ohne die Bereitschaft zur Toleranz. Demokratischer Dialog bedeutet, die Meinung des anderen für legitim zu halten, auch wenn man sie nicht teilt.

Zur offenen Gesellschaft gehört eine vielfältige Kunst- und Wissenschaftsszene, die auch Projekte und Forschungen zulässt, die nicht allen gefallen. Wir treten daher illiberalen Tendenzen im Kulturbetrieb entschieden entgegen. Meinungs- und Kunstfreiheit bedeuten dabei kein Recht auf Widerspruchsfreiheit; ein zivilisierter Dialog steht nicht im Widerspruch zu harter Kritik. Jedoch gibt es einen kategorialen Unterschied zwischen Kritisieren und Absagen. Theaterstücke, Ausstellungen und Konferenzen abzusagen, Literatur- und andere Preise abzuerkennen oder auszusetzen, beschädigt die Betroffenen und beendet jede Auseinandersetzung.

In diesem Sinne wollen wir als PEN Berlin uns auch in Zukunft für eine offene, faire, tolerante und angstfreie Debatte in diesem Land einsetzen. Wir wollen Verantwortung übernehmen für die Bewahrung des gesellschaftlichen Friedens. Daher müssen wir gerade jetzt als Schreibende zusammenstehen und zusammen bleiben, trotz, nein, gerade wegen aller Unterschiede in Meinung und Perspektive. Der Terror zielt darauf ab, demokratische Gesellschaften in verfeindete Stämme zu spalten. Es liegt auch an uns, dieser Spaltkraft zu widerstehen.

 

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Miniaturen XVII: Die Lektüre danach

Es gibt sie noch, die Bücher, die ich zum ersten Mal lese. Dieses Jahr etwa Die Ästhetik des Widerstands von Peter Weiss, eines der besten Bücher, die ich je las. Dann aber, nach dem Ende der Lektüre die Frage, was nu‘? Nach dem ersten Teil und nach dem zweiten Teil des weissschen Buches hatte ich zwischendurch andere Romane gelesen, Flugasche von Monika Maron und noch einen anderen Roman, der mir jetzt aber nicht mehr einfallen will. Und nun also, um die obige Frage gleich mal zu beantworten, lese ich Der Fuchs war damals schon der Jäger von Herta Müller. Der Roman gefällt mir überhaupt nicht, aber ich werde ihn zuende lesen, denn dass es mir nicht gefallen kann, liegt hauptsächlich am bedrückenden Inhalt und nur gleichsam nebenbei an der Schreibweise, die Müller hier wählt, eine Art poetisierter Realismus, der mir nicht durchgehend zugänglich ist. Zugänglicher ist mir der Band Mein Vaterland war ein Apfelkern. Ein Gespräch mit Angelika Klammer, in dem Müller eindringlich die Verfolgung durch die Securitate beschreibt, der sie in Rumänien ausgesetzt war. Wie auch immer, noch bevor ich Müllers Roman beendet habe, lese ich nun schon, und zwar auch zum ersten Mal, Jakob der Lügner von Jurek Becker, und was ich nach wenigen Seiten sagen kann, ist, dass der Beginn des Romans, der Einstieg ins Geschehen, geradezu perfekt ist, ergo ich entsprechend erwarte, einen sehr guten Roman lesen zu dürfen. Jetzt kann man natürlich sagen, Becker schreibt eben gefälliger als Müller, allerdings kriecht das Grauen bei Becker dem Text aus allen Poren, eben weil der Text so einnehmend ist, während bei Müllers Roman der Text so spröde protokollpoetisch ist, dass man sich hineinzuarbeiten hat, weil der Text das fordert. Das Grauen will erarbeitet sein, ohne dass Tröstendes aufscheint, eben weil es in der damaligen Wirklichkeit Rumäniens unter Ceaușescu kaum Trost hat geben können, aber das trifft mit Sicherheit auch auf die Situation der Juden im Ghetto zu, die Becker beschreibt, während, um auf den Anfang zurückzukommen, in Peter Weiss‘ Ästhetik des Widerstands das Tröstende immerhin einen dünnen, mitunter kaum erkennbaren roten Faden ausmacht. So weit.

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Miniaturen XVI: Chinesen unter sich

Wie nur habe ich das angestellt? Nämlich, so vor zwei Jahren etwa während der Corona-Pandemie, Gedichte zu schreiben, und zwar viele, obgleich ich zuvor so gut wie nie Gedichte schrieb, gereimte Spaßgedichte mal ausgenommen. Ich hatte nämlich nie in meinem Leben als Schreibender und später dann als Schriftsteller den Eindruck, es nicht ebenso gut können zu können wie berühmt gewordene Zeitgenossen oder solche, die es hätten werden müssen ihrer Werke wegen. Beim Gedicht hingegen hatte ich Hemmungen, die aber, so weiß ich heute, rein auf Leseschwierigkeiten beruhten. Ich war zu sehr Prosaleser, Gedichte machten mich ungeduldig, ich drang nicht vor zu ihnen. Das nun ist anders jetzt, zumindest phasenweise. Und so schreibe ich auch phasenweise Gedichte, die ich dann nach einer Weile entweder ausreichend mag und in meine Sammlung nehme, oder eben nicht mag, dann werden sie ausgesondert, wenn auch nicht verworfen. Eines meiner neuesten Gedichte ist das folgende, und ich bin gespannt, ob ich es mögen werde.

Chinesen unter sich

Was gilt, so sagt der Chinese,

ein Chinese in China,

nichts, will ich sagen,

gilt ein Chinese in China,

sage es aber lieber nicht,

denn was weiß denn ich,

was so ein Chinese gilt,

in China oder sonstwo,

von China weiß ich nichts,

sage ich zu dem Chinesen,

und was gilt denn überhaupt,

ob nun China oder nicht,

ein Mensch,

frage ich zurück,

ernte aber nichts weiter

als ein chinesisches Lächeln

aus dem Land desselben.

 

 

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Miniaturen XV: Ich bin nie da, da bin ich nie!  

Wenn mich nicht alles täuscht, so findet dieser Tage wieder einmal diese Frankfurter Buchmesse statt, angefüllt mit allen möglichen Verlagsmenschen und allen möglichen Schriftstellern und natürlich den Massen an Schlachtenbummlern. Nur ich bin, obwohl Bücher von mir wahrscheinlich schon da sind, nie da. Die Zeit könnte ich mir nehmen, sicher, aber wer bezahlte mir die ganze Schohse und was brächte es überhaupt, wenn ich mir den ganzen Rabatz antäte? Womöglich träfe ich sogar Bekannte oder Freunde dort, ergo man an irgendeinem Stand herumstände, irgendeine Plörre Wein tränke, Hände schüttelte, dummes Zeug redete und sich wichtig fühlte. Wenn es wenigstens Bier gäbe an den Ständen der Verlage, statt immer nur Wein und Wodka und so’n Zeugs! Aber da sindse streng konservativ in ihren Verlagskreiseln, besoffen wird sich mit Wein und Hintergekipptem, da kennen die nix! Aber wie gesagt, ich bin nie da, da bin ich nie!

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Miniaturen XIV: Jon Fosse

Dieses Mal kein lächerlicher Bänkelsänger, kein Rechtsradikaler, kein Stellvertreter ganzer Erdteile, keine Regionalschriftstellerin, nein, dieses Mal haben die Herrschaften des Nobelpreiskomitees es zum Glück geschafft, einen echten Dichter und Schriftsteller mit dem Nobelpreis für Literatur zu ehren: Jon Fosse. Ärgern dürfte man sich beim Rowohlt Verlag in Reinbek, denn der auf Deutsch Heptalogie betitelte Roman Septologien ist leider noch nicht vollständig erschienen, während er in der englischen Übersetzung lange schon vorliegt – zurzeit muss man den dritten Band (A New Name – Septology VI-VII) auf Englisch lesen, will man den Roman beenden. Peinlich, peinlich, eine Bloßstellung sondergleichen! Hätte man denn nicht noch ein Jahr warten können! Aber egal, Jon Fosse ist nach Urzeiten endlich mal wieder ein würdiger Preisträger. Hauptsache! Das wohlhabende bürgerliche Lesepublikum (die Rowohlt-Hardcover sind schwer überteuert) wird sich natürlich jetzt wie immer eindecken mit der neuesten Nobelpreisware, wenn es auch unwahrscheinlich ist, dass Jon Fosse viele neue Leser hinzugewinnt, denn dafür ist, so schlicht seine Prosa und seine Arbeiten für die Bühne zunächst erscheinen mögen, sein Werk zu anspruchsvoll, zu schwierig, zu tiefgreifend, zu melancholisch – und wenn der Bürgerliche etwas nicht aushält, dann das! Egal.

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Miniaturen XIII: Unfassbar!

Ich fasse es nicht! Und zwar wortwörtlich genommen, denn in der Tat rinnt mir zurzeit alles, was ich schreibe, wie Wasser durch die Finger. Schlimm? Nee, gut so, denn aus diesem Umstand ist Fassbares geworden, nämlich die Wiederaufnahme meiner bildnerischen Tätigkeit, die seit über zwanzig Jahren weitgehend ruht. Was daraus werden wird? Keine Ahnung, ich sichte erst einmal und stelle den Fokus auf Materielles, auf Kleinteile, Schnipsel und so weiter, so wie ich während der Pandemiezeit den Fokus auf Gedicht und auf Poesie gestellt habe. Das funktioniert immer. Apropos Poesie: da war doch was!

Norbert W. Schlinkert. Poesie (1996)

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Miniaturen XII: Lassen oder Nichtlassen

Aber Du schreibst doch noch, so fragte mich vor einer ganzen Weile der Verleger Ingo Držečnik, worauf ich mit einem Ja, klar antwortete. Wie ich auf diese Frage bisher ohnehin immer mit einem Ja geantwortet habe, vielleicht weil das aufatmende Goutieren so etwas wie Anteilnahme ausdrückte und zugleich eine Erleichterung zeigte, zur Deinstallation des Schriftstellers Norbert W. Schlinkert augenscheinlich nichts beigetragen zu haben – denn wenn er, so denkt sich das so ein Verleger, trotz meiner Absage und der vielen vielen anderen Absagen, die doch ein Schriftsteller dieser Kategorie erhalten muss, immer noch schreibt, so bin ich als Verleger erstens nicht schuld an was auch immer und außerdem dürfte das Weiterschreiben ja auch, zweitens, wenigstens keinen Schaden anrichten. Alles gut also, sage ich, denn eben dies will ich als Schriftsteller ja nun auch überhaupt gar nicht, nämlich Schaden anrichten, wir uns also einig sind, auch wenn ich diese Frage jetzt nicht mehr mit einem Ja, klar, sondern mit einem Ja, aber beantworte.

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