Norbert W. Schlinkert: Trockenes Holz. Eine Erzählung

Norbert W. Schlinkert

Trockenes Holz. Eine Erzählung

Langsam, fast unmerklich wurde es dunkler. Die nur spärlich vorhandenen Laternen, die zum Teil direkt an den Häuserwänden angebracht waren, würden wohl nicht aufleuchten, keine von ihnen, doch man wusste nie so recht. Die Welt war jetzt einfacher geworden, es gab nicht mehr dieses Sowohl-als-Auch, es gab nur noch ein Ja oder ein Nein, und alles konnte sich unversehens in sein Gegenteil verkehren. Die ansteigende Dorfstraße verschwand weiter oben in einem Schleier von Regen und Dunst. Ich werde mich jetzt entscheiden, sagte sich Kasimir, stehenbleibend und die Hände in die Hüften stemmend, zunächst einmal, ob ich linker oder ob ich rechter Hand einkehre, selbst wenn das gleichgültig ist. Er setzte sich wieder in Bewegung, langsam, ganz dem Anstieg entsprechend. Linker Hand, entschied er endlich, linker Hand werde ich einkehren, ich werde, von der nächsten Tür an gerechnet, in das siebte Haus hineingehen.

Alter Gewohnheit gemäß klopfte er. Die Tür, aus schöner heller Eiche kunstvoll gefertigt, nahm sein Klopfen willig auf und gab es in das Kasimir unbekannte Innere des alten Hauses weiter, wo es in matter Dunkelheit verklang. Er klopfte ein zweites Mal, ein wenig lauter diesmal, auch nach alter Gewohnheit. Niemand öffnete, und es wäre ihm auch durchaus verwunderlich erschienen, täte sich diese Tür auf, um in ihrem Rahmen einen Menschen erscheinen zu lassen. Niemand zeigte sich jetzt freiwillig dem anderen, wenn es nicht unbedingt nötig war. Die Tür blieb verschlossen. Was also tun? Vorsichtig ging er in die kleine Gasse, die sich zwischen den beiden Häusern, dem der sechsten und dem der siebten Tür, auftat, aber auch dies, das mit der Vorsicht, war nur eine alte Marotte. Er wusste ja, niemandem käme es in den Sinn, ihn aufzuhalten, kein Wachhund würde ihn verbellen oder gar angreifen wollen, kein Mensch würde ihn fragen, was er denn wünsche.

Niemand wusste, warum seit Jahren der Himmel bewölkt war, warum es seit Jahren ohne Unterlass regnete, und man wusste auch nicht, ob der Regen die Ursache war für all die Krankheiten, vor allem für die eine, die die Menschen voneinander absonderte. Er öffnete das Gatter und betrat den Hof des alten Hauses, der erstaunlich groß war und auf dem sich fast in der Mitte ein steinerner Wassertrog befand, zu dem eine Rinne aus ausgehöhlten halben Baumstämmen quer hinunterführte. Diese war über das Dach der aus Bruchstein bestehenden Scheune geleitet worden, von Draht gehalten und hier und da mit Holzlatten gestützt. Die Hauptfront wurde dominiert von einem übergroßen hölzernen Schiebetor. Es stand weit offen. Kasimir nahm einen Schluck Wasser, indem er einfach den Mund in den Wasserstrahl hielt. Es war kalt, weit kälter als der Regen. Es kommt sicher direkt aus einer Quelle, weit oben am Berg, überlegte er. Nah an der Mauer zur Gasse hin entdeckte er eine Hundehütte, vor der eine nassglänzende Kette lag.

Kasimir ging langsam durch das offene Tor in die Scheune. Zunächst war da nichts weiter als tiefe Schwärze, doch wenigstens war es hier trocken, das roch er sofort, an keiner Stelle regnete es durch, ganz anders als in den vielen Häusern, in denen er nächtigte, wenn er hineingelangen konnte, ohne etwas zu beschädigen. Nein, er zerbrach nichts, keine Tür und keine Scheibe, er ging nur hinein, wenn er eine Tür unabgeschlossen fand. Das war sein Prinzip, das niemand ihm vorschrieb, das niemand überwachte als allein er selbst. Hier lag nun ein herber und zugleich süßlicher Geruch in der Luft, es roch nach Harz, weiter hinten auch nach saurer Milch und nach kalkiger Erde, ja alle paar Schritte drang ihm ein anderer Duft in die Nase, und als sich seine Augen an das Dunkel gewöhnt hatten, entdeckte er die Holzbohlen und die Bretter in den großen Regalen, die bis zur Decke reichten.

Ein Trockenraum also, oder eher ein ziemlich großes Holzlager, überlegte er, für die verschiedensten Holzarten. An der Decke, vier, fünf Meter über ihm, schälte sich ein altertümlicher Kran aus der Dunkelheit, mit dem auch die obersten Bohlen sicher zu Boden zu bringen waren. Dieser würde nur seinen Dienst tun können, wenn auch die Straßenlaternen ihren Dienst taten, wenn also Strom flösse, den es ja nach wie vor gab und der irgendwo produziert werden musste. Ob dies allerdings noch nach Plan lief oder ob all das wie von selbst vonstatten ging, konnte wohl niemand sagen. Auch er nicht. Außerdem befand er sich ja nun nicht mehr in der Ebene. Irene, die damals gleich neben ihm am Fluss lebte, hatte noch hinter ihm hergerufen, er solle bleiben. Er dachte oft an sie.

Unten in der Ebene hatte er in den letzten Jahren außer Irene sehr selten Menschen gesehen. Einmal war da eine kleine Gruppe gewesen, drei, vier Personen, nicht mehr, im Dunst auf der anderen Seite des Flusses. Als er Tage später mit einem in der Nacht zuvor angetriebenen Boot hinübergelangte, fand er nur einen Hügel fetter schwarzer Erde mit einem hölzernen Kreuz ohne Aufschrift. Auch so eine alte Gewohnheit, die nicht vergehen wollte. Die Kreuze waren manchmal sogar aus Stein, aus dem ältere Inschriften zumeist herausgeschlagen waren. Würde man auf seinem Grabkreuz seinen Namen finden? Oft banden die Menschen auch einfach Birkenknüppel zusammen. Er fand es erstaunlich, dass überhaupt Holz dazu verwendet wurde, wo doch Brennmaterial über die Maßen wertvoll geworden war. Überall in der Ebene verteilt fanden sich jedenfalls Gräber von Menschen, die allein gelebt hatten, verkrochen irgendwo, nicht aber, so nahm er an, ohne eine letzte, wenigstens gedankliche Verbindung zu anderen, wie doch allein der Tatbestand bewies, dass jemand sie begrub. Darüber dachte er oft nach, einmal besprach er es mit Irene, aber auch sie wusste nichts Genaues.

Keine der Türen war verschlossen, nicht die zur Werkstatt und auch nicht die Hintertür des Wohnhauses. Vorsichtig betrat er, seine kleine Handlaterne am ausgestreckten Arm über dem Kopf haltend, das Haus. Ihm fiel sofort auf, dass alles, Schränke, Tische und Stühle, das wohlgefüllte Bücherregal in einem der oberen Zimmer, in bester Tischlerqualität gefertigt war, sicher von Generationen angelegt, gepflegt und gehütet. Jetzt würde er selbst es hüten und pflegen, eine Weile wenigstens. Wie nicht anders zu erwarten gewesen, fehlte es nicht an Küchengerätschaften oder an Kleidung, leider aber, wie überall, an Lebensmitteln jeglicher Art. Ich werde es also, sagte sich Kasimir, trocken und warm haben, aber ich werde nichts zu essen haben, ganz so, wie Irene es vorausgesagt hatte.

Da in der Scheune nur Bretter und Bohlen zu finden waren, zu schade zum Verheizen, durchsuchte er die Werkstatt. Bald darauf schon saß er vor dem Kamin. Hier also, überlegte er, ruhte sich der Tischlermeister nach mühevollem Tagewerk aus, aber Kasimir dachte auch daran, dass er selbst in früher Jugend einmal das Tischlerhandwerk erlernt, es danach aber niemals angewendet hatte. In der Stadt, in der er damals lebte, verlangte die Welt andere Fähigkeiten von ihm, und er war diesem Verlangen zuweilen nachgekommen. Jetzt war die Welt verändert worden, sie war eine andere, nicht schlechter, nicht besser, einfach nur anders, dachte er.

In seinem Ranzen fand sich noch ein letzter Rest ölig dunklen Brotes, das den Hunger gut zu stillen vermochte. Du wirst verhungern in den Bergen, Kasimir, hatte Irene streng zu ihm gesagt, als er ihr mitgeteilt hatte, er müsse gehen. Sie verstand damals durchaus nicht, warum er ging, auch er selber wusste es nicht, aber er ahnte irgendwie, er müsse fort, heute noch, in die Berge. Tatsächlich wäre schon am nächsten Morgen die notwendige Kraft dazu verbraucht gewesen, allein durch das Schlafen in dem kleinen Haus, nah am Fluss. Sicher saß ein anderer nun dort, und Irene kümmerte sich um ihn, suchte seine Freundschaft, wenn es ein Mann war. Um Frauen würde sie sich nicht nur nicht sorgen, sie würde einer jeden das Leben zur Hölle machen, da war Kasimir sich sicher. Es lief jetzt überall so, die Menschen bekämpften einander und stritten um jeden Bissen Brot und jedes Stück Holz. Bei ihnen war es nicht so gewesen, denn sie ist, das war ihm von Anfang an klar gewesen, noch vom alten Schlage, aus der alten Welt, und sie hatte ein wenig aus ihr zu retten vermocht.

Als das Feuer verglomm, legte er sich im oberen Stockwerk in eines der Betten, dessen Bettzeug ein wenig klamm war und muffig roch. Er schlief bald ein, ohne noch an die Vergangenheit zu denken. Natürlich dachte er auch nicht an die Zukunft, schon allein das Wort selbst hatte einen seltsamen Klang in den Ohren aller, war doch genau sie ihnen immer versprochen worden als etwas zu Erhoffendes, etwas Schönes und Prachtvolles. Jetzt aber war Gegenwart, geboren aus Vergangenheit und Zukunft, als deren gemeinsames Kind. Als letztes hörte er vor dem Einschlafen noch eine Weile auf das Wasser, welches sich unermüdlich ergoss, durch die Regenrinnen und Fallrohre, doch dann nahm er das Geräusch einfach mit in den Schlaf und seine Träume als das Rauschen der Welt.

Er erwachte hungrig. Sollte er das letzte Brot heute essen? Er beschloss, noch einmal Haus und Hof zu durchforschen, zu durchstöbern. Vielleicht fand sich ja doch noch eine Speisekammer mit Schinken und Rauchwürsten. Die nächste Nacht, überlegte er weiter, werde ich aber im Wohnzimmer schlafen, hier oben ist alles feucht. Er verfrachtete Matratze, Kopfkissen und Decken nach unten und entfachte das Kaminfeuer neu. Dann sah er noch einmal an den unmöglichsten Orten nach, doch es war nichts Essbares zu finden. Kasimir, schallte es wiederholt in seinem Kopf, du wirst verhungern in den Bergen. Er ging in die Werkstatt, durch deren Fenster jetzt trübes Licht hereinsickerte. In einem Nebenraum, der ihm bisher entgangen war, entdeckte er ein gutes Dutzend Särge nebeneinander auf dem Boden, zwei davon sehr prachtvoll, die anderen eher einfach gearbeitet. Er nahm die Deckel ab, doch sie waren leer, natürlich. Bei Beerdigungen, die ja häufig stattfinden mussten, wenn er selbst auch nur eine einzige, die am gegenüberliegenden Ufer, selbst gesehen hatte, trafen die Menschen einander noch dann und wann, sich alter Zugehörigkeit erinnernd, alle tief verschleiert und vermummt, wie er annahm. Sonst aber kümmerte sich jeder um sich selbst, wie er es, Kasimir, ja auch tat, trotz der Beschwörungen Irenes, die Kräfte in Freundschaft zu vereinen und gemeinsam zu handeln.

Sein Magen knurrte. Er sah sich schon kraftlos am Kaminfeuer liegen, den Kopf in Kissen vergraben, ausgemergelt und abgemagert. So würde es wohl kommen. Ging es nicht vielen so? Vermoderten nicht die Menschen bei lebendigem Leibe! Er aber hatte es immerhin warm. Ich könnte, überlegte er, zunächst die Särge verheizen. Ein kleiner Wagen mit Gummirädern war vorhanden, er würde sie also auf den Hof bringen, unter das Vordach, wo sie trocken blieben, um sie dann bei Bedarf mit der Axt zu zerhacken. So könnte er der Welt wenigstens würdevoll Adieu sagen.

Als er alle Särge in den Hof gebracht hatte und sie längs der Scheunenmauer unter dem schützenden Vordach aufgereiht standen, war es höchste Zeit, das Brot zu essen. Er konnte sich kaum noch auf den Beinen halten. Wie dumm, dass der Mensch weder Gras noch Blätter essen konnte. Unten in den Ebenen versuchte man immer noch, Fische zu fangen, fast immer vergebens. Ebenso wenig fand sich etwas in den Fallen, die überall aufgestellt waren, wenngleich Essbares vorhanden sein musste, angeblich sogar Rotwild, tief in den Wäldern, in die sich aber niemand hinein traute. Ein jeder, der mehr besaß, als er zu essen imstande war, dachte Kasimir, war doch eigentlich reich zu nennen. Er jedenfalls war nicht reich.

Als wenn die Familienmitglieder sogleich aus der Sonntagsmesse zurückkommen würden, nach nichts anderem sah es hier aus, dachte er, als er gegen Abend noch einmal durchs Haus ging. Alle Spiegel, alle Fotografien, alle Gemälde waren entfernt worden, das war bisher in jedem Haus so gewesen, doch das war auch der einzig sichtbare Unterschied zu der Vergangenheit, in der alle noch wie selbstverständlich an eine Zukunft glaubten. Er versuchte, sich das Leben und Treiben hier vorzustellen, Kinder, die die Treppe hinunterpolterten, der Großvater, der vor dem Kamin sitzend seine Pfeife rauchte und Zeitung las, der Tischlermeister in der Werkstatt, ein Geselle, ein Lehrling, die Frau des Hauses, die mit einem Kunden verhandelte, nicht zu vergessen der Hund, der laut bellend an der Kette riß, wenn eine Katze sich sehen ließ. So in etwa muss es gewesen sein. Doch sehr lebendig wurde seine Vorstellung nicht, ja bald schon erstarrte ihm alles zu einer Szenerie wie aus dem Wachsfigurenkabinett.

Kasimir wachte mit einem Schlag auf. Sein Herz raste. Überall war Licht. Und Lärm aus der Werkstatt! Jedenfalls war der Strom wieder da! Aber kaum war er aufgestanden, um in die Werkstatt zu gehen, fiel alles wieder zurück ins Dunkel, der Lärm erstarb langsam und jammernd. Er schürte noch einmal das Feuer und legte sich wieder hin. Nach einer Weile schlief er ein. Ihm träumte, er ginge im hohen Gras am Flussufer auf Irene zu, die ihm entgegenkam. Er konnte ihr Gesicht noch nicht erkennen, aber er wusste, dass sie es sein musste, im hellen Kleid, das in der Sonne fast weiß schien. Er begann zu laufen, auch sie ging jetzt schneller, immer schneller, er selbst lief und lief, bald, gleich, würde er sie in seinen Armen halten. Gleich, dachte er noch, laufend und lachend, gleich, doch irgendetwas war nicht so, wie es sein sollte. Sie kam nicht näher, die Entfernung blieb. Dann wurde es plötzlich dunkler, das Licht erstarb, und sie stand vor ihm. Ihr Kleid, ihr Haar naß, das Gesicht bar jeden Ausdrucks, die Augen leer, wie blicklos, der Mund zwei gebogene Striche um ein schwarzes Loch herum, die Haut kalt und weiß. Er wusste, auch er selbst war ohne Ausdruck und Leben im Gesicht. Liebst du mich, Kasimir?, fragte sie leise. Es war eine Frage aus der Vergangenheit, die sie stellte, die sie an ihn richtete. Er sagte nein, ich liebe dich nicht, so wenig wie du mich liebst. Sie sahen sich an. Du hast recht, hörte er sie noch sagen, als er sich schon umgedreht hatte und losging. Wie wünschte er sich, sie weinen zu hören, sie weinen zu sehen. Ich muss mich zu ihr umdrehen, dachte er, ich muss. Da wachte er auf. Dieser Traum kehrte immer wieder, seit er die Ebene verlassen hatte, in dem er sich zu Irene umdrehen wollte, in dem er bei ihr bleiben wollte. Geküsst hatten sie sich nie. Wie gern würde er von der wirklichen, von der lebendigen alten Welt träumen, wie gern sähe er Irene, wie sie gewesen sein mochte.

Wie der Meister wohl ausgesehen haben mag, und all die anderen? Noch war eine Erinnerung möglich, so schien es ihm wenigstens. Konnte nicht ein begabter Zeichner, wenn er es denn über sich brachte, allerhand Vergangenes wieder hervorbringen, wieder hervorzaubern, was allseits vernichtet worden war? Und lebten die Menschen denn jetzt überall auf der Welt so, dachte er oft, allein und ohne Gegenüber? Es gab keine Nachrichten mehr, aber Tag für Tag die selben Fragen. Er dachte wieder an die vielen Grabhügel, unten in der Ebene.

Als er in den Hof kam, sah er nicht sofort, dass etwas anders war. Der Regen fiel nach wie vor in langen Schnüren zu Boden, das Tor der Scheune auf der gegenüberliegenden Seite stand weit offen, die Kette lag vor der Hundehütte. Dann aber bemerkte er es. Ein Sarg fehlte! Ein schlichtes Stück, immerhin aber aus Esche, war fort. An seiner statt stand dort ein Korb, ein runder, geflochtener Korb mit einem großen Henkel. Unter einem Tuch, das er vorsichtig lüftete, fand Kasimir einen Krug mit Milch und ein Stück Brot. War also doch noch jemand hier! Er tauchte den Finger in die weiße Flüssigkeit. Reinste, köstlichste Milch, ohne Zweifel. Das Brot allerdings war hart, aber mit der Milch könnte er es aufweichen. Er ließ den Korb neben den Särgen stehen. Warum, so überlegte er, essend und trinkend, gab jemand kostbare Lebensmittel für einen Sarg, den er auch ohne Gegenleistung hätte nehmen können? Wollte man ihn als Brennholz verwenden, oder brauchte man ihn tatsächlich für eine Bestattung? Hier in den Bergen hatte er keine Gräber gesehen, denn alles war ja jetzt in den Ebenen, trotz der Gefahren, die sich aus dem immerwährenden Regen ergaben. Es drängte die Menschen dorthin, wenn auch nur, um zu sterben. Er war den umgekehrten Weg gegangen, auch wenn er noch nicht bis oben hinauf auf eine Bergkuppe, auf die Spitze eines Berges gelangt war. Nur wer über die Wolken zu gelangen vermochte, dem öffnete sich eine andere Welt, eine Welt gar, die heilen konnte. So jedenfalls erzählte man es sich noch, zu Beginn der Veränderungen, als die Menschen gerade erst damit begannen, sich abzusondern. Man sprach noch miteinander, damals.

Niemand weiß, wie viele gestorben sind, und was sagt auch schon eine Zahl. Nichts mehr besaß ja die alte Bedeutung, allein die Erinnerung des Einzelnen konnte etwas sein, was sich weitertragen ließe, gäbe es nur ein Gegenüber. Er dachte an die ersten großen Zeitungsartikel, in denen von bald zu erwartenden Resultaten gesprochen worden war, da die Krankheit, der Defekt, wie es hieß, ja bekannt sei. Man suche mit Hochdruck nach geeigneten Therapiemöglichkeiten, außerdem könne keineswegs von einer Seuche oder Epidemie gesprochen werden. Die Realität war dann aber eine andere, dachte Kasimir, und nun war alles Nachdenken über die Sache ohnehin sinnlos geworden.

Am nächsten Morgen fehlte ein weiterer Sarg, und wieder fand sich ein wenig zu essen an seiner Stelle, erneut Milch und Brot. Sollte sich tatsächlich so etwas wie ein Tauschhandel ergeben haben! Dann würde er die Särge natürlich nicht verheizen. Zum Glück war noch Holz in der Werkstatt, Verschnitt und halbfertige Teile von Möbeln, auch könnte er Bretter und notfalls Bohlen zerschneiden, denn heizen musste er, starben doch, soweit er wusste, die Menschen nicht etwa an dem Defekt selbst oder an der Einsamkeit, ja nicht einmal zuerst am Hunger, sondern meist an Lungenentzündung, ausgelöst durch die Nässe der Welt, die allumfassend schien. Umso unbegreiflicher war es, dass die Menschen ihre Häuser verließen, selbst solche, die nicht einmal im Gebirge sondern allenfalls in einer Hügellandschaft lagen. Alles strebte in die Ebene, in tiefe und flache Landesteile, die aber desto öfter überschwemmt wurden. Wer konnte ahnen, wie viele Menschen einfach ertrunken waren. Irene vermutete, man flüchte instinktiv vor den tiefhängenden Wolken, und auch der bald schon entstandene Mythos der Sonne, die über den Wolken nach wie vor scheinen musste und die die Menschen zu heilen vermochte, ließe sich so erklären, sagte sie. Warum geht man denn dann nicht ins Hochgebirge, durchstößt die Wolken und lässt sich durch die Sonne heilen?, hatte Kasimir geantwortet. Doch selbst Irene wagte das nicht, auch wenn sie noch sich selbst und jedem anderen ins Gesicht sah.

Eines Tages hatte Kasimir Irene in einer halbzerstörten Werkstatt überrascht, als sie vor einer Pfütze kniend ihr Spiegelbild betrachtete, sehr ruhig, wie es schien,  obwohl ja auch ihr Gesicht nichts weiter zeigte als ein Glotzen in die Welt. Ein jeder schämte sich und zog sich zurück, wich dem anderen und auch sich selbst aus, dem eigenen Antlitz, ja die Menschen hatten bald schon alle Fotos, Filme und Gemälde vernichtet und sich so jede Erinnerung genommen, und selbst jene, die dies nicht wollten, wurden dazu gezwungen, durch Bürgerwehren oder, schlimmer als diese, marodierende Banden, die grotesk maskiert die als notwendig erachtete Vernichtung aller Menschenbilder zum Anlaß nahmen, zu töten und zu rauben. Halbverbrannte Scheiterhaufen mit Erinnerungsmaterial, die sich in grauen Schlamm verwandelten, waren lange Zeit hier und da in der Ebene zu sehen, bis sie, nach Jahren erst, dem Erdboden gleich waren.

Von jetzt an fehlte jeden Morgen ein Sarg. Der Versuchung, den Hof in der Nacht zu beobachten, widerstand Kasimir. Er wusste nicht warum, aber er glaubte, eine Frau nahm die Särge und hinterließ ihm dafür Brot und Milch. Sie war wohl durch den Rauch des Kaminfeuers auf ihn aufmerksam geworden, und je länger er darüber nachdachte, desto sicherer war er, dass sie die Särge weitergab, damit Menschen würdevoll beerdigt werden könnten. Ob sie auch so einen gummibereiften Wagen hatte?

Dann war es soweit. Er stellte den leeren Korb auf den nun verbliebenen Sarg aus heller Eiche, auf dessen Deckel ein großer goldfarbener Ring angebracht war, ein Türklopfer eigentlich, so als könne man im Jenseits einfach anklopfen und um Einlass bitten. Wie immer regnete es ohne Unterlass, das Gebirgswasser schoss durch die Rinne in den überlaufenden Trog, die Kette lag vor der leeren Hundehütte, nichts bewegte sich. Einzig ein wenig Rauch quoll noch aus dem Kamin, im Dunst sich verlierend. Eines Tages, daran dachte er jetzt, hatte auch er eine stille Pfütze, die sich unter dem Vordach des kleinen Stalls hinter dem Haus gebildet hatte, als Spiegel benutzt. Oft schon war ihm von Irene geraten worden, es zu tun. Endlich also sah er hinein. Zunächst war da nur ein Allerweltgesicht, ein Nichtgesicht gewesen. Er wusste später kaum noch, wie lange er hineingesehen hatte, bevor er in seiner Panik, in seiner Angst überhaupt denken konnte, das bin ich, ich stecke hinter dieser Maske, niemand sonst. Unbeschreibliche Gefühle hatten ihn ergriffen, auch wenn sich eben dies nicht widerspiegelte in seinem Antlitz. Ich, sagte er schließlich laut, ohne vorher darüber nachgedacht zu haben, ich werde in die Berge gehen, um über die Wolken zu gelangen. Das war sein Entschluss, ohne dass dieses Ich, das ihm dort zu Füßen gelegen und ihn angesehen hatte, auch nur den Hauch einer mimischen Erwiderung zeigte. Er war also gegangen, gegen den Willen Irenes.

Er schürte das Kaminfeuer und durchsuchte noch einmal alle Schränke, denn da musste, erinnerte er sich, noch so etwas sein wie ein Silbertablett, alt und angelaufen zwar, aber leicht herzurichten. Er fand es, und nachdem er es eine Weile poliert hatte, schien es glänzend genug, ein Spiegelbild zu zeigen. Er stellte es auf den Kaminsims und zog den Vorhang des nächstgelegenen Fensters auf. Du wirst dort hineinsehen, befahl er sich laut, du wirst dich anblicken und du wirst eine Entscheidung treffen. Langsam ging er auf die Fläche zu, die Augen halb geschlossen. Was er erblicken würde war ihm klar, aber wem er gegenübertreten würde, das stand durchaus in Zweifel. Als die Krankheit noch in fernen Ländern grassierte und man hierzulande dachte, sie abwehren zu können, wie fast all die neuen Krankheiten der letzten Jahre und Jahrzehnte, da erschienen die Berichte über das Wahnsinnigwerden, die Überbelegung der Irrenhäuser, die Verschickung der Kranken in einsame Landregionen, noch als Nachrichten aus einer anderen, weit entfernten Welt, die einen erschütterten, nicht aber wirklich betrafen. Doch am Ende war dem Virus kein Einhalt zu gebieten, trotz der früh schon eingeleiteten Maßnahmen, der Einschränkung des Reiseverkehrs und des Handelsverbots mit den betroffenen Ländern. Die Gefahr, in den Schlund seiner selbst zu stürzen, wenn man sich im Spiegel sieht, ohne sich zu erkennen, war jedenfalls plötzlich auch hierzulande allen bewusst. Es hieß sogar, die Gesunden müssten die Kranken meiden, man dürfe sie nicht ansehen, was zunächst zur Ausbildung regelrechter Ghettos führte, bis schließlich alle krank waren. Irene war nicht wahnsinnig geworden bei dem Blick in den Spiegel, ebenso wenig er selbst, zumindest bei seinem ersten Versuch. Aber was würde jetzt geschehen? Er riss die Augen auf! Ein Schrei war nicht zu unterdrücken, auch das Spiegelbild schrie, der Mund, die schwarze Höhle, öffnete sich, und doch war es nur eine Maske, die er sah, die nichts von dem, was er spürte, zeigte. Er holte tief Luft und beruhigte sich langsam, ohne wegzuschauen, ja er gewöhnte sich an das Gegenüber im Spiegel, bis er es, wie beim ersten Mal, als eine Nuance weniger fremd empfand. Jetzt musste der zweite Schritt kommen, so erklärte es auch Irene, der hin zu einer allmählichen Akzeptanz, wie sie es nannte. Das bin ich, sagte Kasimir laut, sich selbst sehend, das bin ich, ich sehe mich. Er hielt stand, bis er seinen Mund die Worte formen sah, die er sich sagen hörte: Ich bleibe hier. Ich tausche Särge gegen Milch und Brot. Dann schlug er das Silbertablett vom Sims. Mit der stumpfen Seite nach oben blieb es neben dem Kamin liegen. Es war also entschieden. Er zog den Vorhang wieder zu und ließ sich erschöpft auf die Matratze fallen.

Handwerkszeug war vorhanden, selbst ganz altertümliches, das er gut gebrauchen konnte, da ja immer noch kein Strom da war. Das Längsaufschneiden der Bretter war sehr mühsam, und er musste nachhobeln. Und doch gelang es ihm, am Ende des Tages einen fertigen Sarg auf den Hof zu stellen, der zwar nicht der Qualität des dort noch stehenden alten entsprach, aber schließlich hatte er weder Kreissäge noch Dickenhobel verwenden können. Am nächsten Tag fehlte der eine Sarg, sein von ihm selbst gefertigter stand nun allein dort, zu dem er am Abend einen neuen stellte. Er war also zum Sargtischler geworden, wie es aussah. Als an einem der nächsten Tage für einige Stunden Strom vorhanden war, arbeitete er bis zur völligen Erschöpfung. Das Erlöschen der Beleuchtung und das Verwimmern der Kreissäge war ihm fast eine Erlösung. Für eine Weile, dachte er, kann ich so gleich mehrere Särge am Tag herstellen.

Das Holz in der Scheune war sicher nicht dazu gedacht gewesen, ausschließlich für Särge verwendet zu werden. Niemand lagerte etwa wertvolles Nussbaumholz ein, um Kisten und Kästen daraus zu verfertigen, doch als schließlich das Kiefernholz verbraucht war, musste er notgedrungen auch Eiche und selbst Edelhölzer verwenden. Die Qualität seiner Arbeit wurde nun zusehends besser, wenngleich der Lohn der selbe blieb. Der angenehm säuerliche Geruch des Nussbaumholzes, die glänzende Oberfläche frisch gehobelter Eiche, all dies erinnerte ihn an seine Jugend, in der er dieses Handwerk erlernt hatte. Eines Tages, mitten in der Arbeit und ganz unverhofft, weinte er sogar ob dieser Erinnerungen. Er eilte ins Haus, nahm das polierte Silber zur Hand und sah hinein. Wasser, Tränen, aus einem ausdruckslosen Gesicht! Er schleuderte das Tablett von sich. Was hatte er denn erwartet? Traurige Augen etwa?

Nicht nur die eigenen Erinnerungen, überlegte er, würden solche Gefühle auslösen. Bücher waren ja vorhanden, in einem der oberen Zimmer. Am selben Abend noch holte er einen ganzen Stapel in sein Kaminzimmer hinunter. Von nun an las er allabendlich eine Erzählung oder in einem Roman. Allein die Schilderung einer belebten Straße oder eines Alltagsgesprächs reichte aus, Tränen hervorzulocken. Las er etwas über Sonnenschein und helle Tage, so glaubte er, dies kaum aushalten zu können, auch weil ihn das wieder daran erinnerte, was die Menschen in der Ebene dachten, nämlich dass über den Wolken die Sonne schiene wie früher und sie überdies die Krankheit zu heilen vermochte. Aber warum, zum Teufel noch mal, rief er eines Tages aus, gehen wir dann nicht in die Berge? Er stutzte. Hatte er wirklich wir gesagt! Von einem Wir allerdings konnte keine Rede sein, er selbst blieb ja schließlich allein und verbot sich sogar, in der Nacht den Hof zu beobachten, um zu sehen, wer die Särge holte und Brot und Milch brachte. Er hatte Angst, natürlich.

Tage später, gegen Abend, er saß vor dem Kamin und blickte selbstvergessen ins Feuer, hörte er von draußen ein seltsames Geräusch, ein Quietschen, ein Knarren, ein Knarzen, so als bewege sich etwas im Wind. Da aber nur sehr selten Wind aufkam, konnte dies kaum sein. Neugierig zog er den Vorhang zur Seite. Es war so gut wie vollständig dunkel. Er nahm ein hell brennendes Holzscheit aus dem Kaminfeuer und ging hinunter. Vorsichtig öffnete er die Haustür. Das Rauschen des Regens und das Plätschern der Rinnsale und der überlaufenden Regenrinnen empfing ihn. Wieder dieses Geräusch. In seiner Vorstellung erschien ein altes Wirtshausschild mit einer verrosteten Aufhängung, das sich im Wind bewegte. Aber es gab hier weder ein solches Schild noch war es windig. Er trat hinaus in den Regen. Auch in der Gasse, die zum Hof führte, war nichts zu entdecken. Narrte ihn vielleicht sein Verstand? Unten in der Ebene gab es das Gerücht, man werde in den Bergen verrückt. Das erzählten sich die Menschen, wenn sie gelegentlich, Irene berichtete davon, in völliger Dunkelheit aufeinandertrafen. Kasimir hatte nie jemanden in völliger Dunkelheit getroffen, manchmal sah er eben Irene, mit der er, meist Rücken an Rücken stehend, sprach, bis sie wieder davongingen, in ihr eigenes kleines Haus zurück. Für ihn waren das alles nur Gerüchte, während ja die Gräber wirklich da waren, ganz abgesehen davon, dass er ja sogar eine Beerdigung gesehen hatte. Beerdigt wurde also ganz sicher.

Vielleicht verursachte die Frau, die die Särge nimmt und Brot und Milch bringt, dieses Geräusch, auf welche Weise auch immer. Vorsichtig, das Holzscheit ein wenig hin und her drehend, damit es nicht erlosch, betrat er den Hof. Kein Sarg fehlte, es waren sieben Stück, er hatte vorgearbeitet. Doch plötzlich war da wieder dieses Geräusch, ganz nah diesmal. Er erschrak heftig und fuhr, das Holzscheit hochreißend, herum. Ein graues, schmales Etwas im weit offen stehenden Tor der Scheune war zu erkennen, das ihn anschrie. Ein Esel, erkannte er, ein Esel! Er atmete tief durch, sein Herz klopfte wie wild. Seit langer Zeit war ihm kein Tier mehr unter die Augen gekommen, es gab ja kaum noch Tiere, nicht dieser Größe jedenfalls. Diejenigen, die noch Kühe oder auch nur Hühner besaßen, verteidigten ihre Gehöfte, auch so ein Gerücht, sogar mit Waffengewalt. Der Esel jedenfalls schrie weiter in die dunkle Nacht und den Regen hinaus. Vielleicht war in der Nähe ein Bauernhof, von dem auch Milch und Brot kamen! Er ließ den Esel stehen, er würde wohl alleine zurecht kommen, und ging wieder nach oben. Am anderen Morgen war der Esel, der eine Weile noch geschrien hatte, nicht mehr da, doch wie immer war ein Sarg fort.

Er zog bald Lärchen- und Eichenholz den anderen Holzarten vor, die Lärche wegen des Geruchs, die Eiche wegen der schönen Zeichnung. Den Splint der Eiche verheizte er. Wie nur, so fragte er sich jetzt immer öfter, werden die Särge abtransportiert, woher stammen Brot und Milch? Er kam zu keinem Schluss. Solange noch Holz vorhanden war, würde er jedenfalls Särge tischlern. Eine Weile fehlte allerdings das Brot, später gab es wieder welches, dann gelegentlich sogar einen kleinen, verschrumpelten Apfel. Alles ging also seinen Gang, tagein, tagaus.

Er tischlerte weiter. Als Eiche und Lärche vollständig verarbeitet waren, verwendete er Rüster und Buche, doch schließlich, nach vielen Monaten, war die Scheune leer, das Holz verbraucht, und es stand nur noch ein Sarg unter dem Dachvorsprung, der letzte, aus Birke sogar, mit auffallend flammiger Zeichnung. Ein schönes Stück, hervorragend gearbeitet und sogar poliert, zur Feier des Tages. Die Särge ab jetzt etwa aus Resten oder aus zerschnittenen Möbeln herzustellen, kam für ihn nicht in Frage. Die Arbeit war getan. Am Abend saß er am Kaminfeuer, wie immer, von draußen drang leise das Plätschern und Rauschen herein, auch wenn er es fast nicht mehr hörte. Er las ein Buch. Er wusste, es würde sein letzter Abend sein. Morgen früh, wenn der Birkensarg fort wäre, würde er Milch und Brot zu sich nehmen, den Apfel, wenn einer dort läge, einstecken, und sich auf den Weg machen. Mochten die Särge ins Tal gelangt und vielen Menschen die letzte Heimstatt geworden sein, er musste jetzt weiter seinen Weg gehen.

In der Nacht träumte ihm, er träte mit einem brennenden Holzscheit auf die Gasse hinaus. Jemand rief ihn mit seinem Namen. Er ging einige Schritte. Dann erkannte er Irene, die vor ihm den Berg hinaufschritt, sich aber umwandte und ihm die Hand entgegenstreckte. Sollte er ihr folgen? Denn es war ganz sicher Irene, ihre Augen strahlten und ihr Mund lächelte. Das Holzscheit erlosch. Er erwachte. Am Morgen war nichts anders als sonst. Dann trat er zur Tür hinaus, wandte sich nach links und ging langsam bergan. Bald schon hatte er das Dorf hinter sich gelassen. Es regnete ohne Unterlass.

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Was hat die Höhlenmalerei mit der Literatur und dem ewigen Frieden zu tun?

Die Höhlenmalerei, die Malerei auf Stein fand ihr Ende, selbst wenn man über dieses Ende hinaus noch auf Stein malen konnte und dies auch heute noch kann. Seit aber der plane, ebene Untergrund leicht und gut herstellbar ist und heutigentags in unvorstellbaren Quantitäten vorhanden, kommt kaum jemand mehr auf die Idee, auf natürlich unebener, geritzter, geriffelter, gehöckerter Fläche zu malen, wobei dies mit Sicherheit auch eine Folge der Individualisierung ist, denn je neutraler der Untergrund, desto höher, so der Konsens, die Eigenleistung des Individuums. Jeder will der Erste unter Gleichen sein, mindestens. Da wäre es fatal, einen Teil der Wirkung und der Qualität eines Kunstwerks auf die Natur zurückführen zu müssen. Für die Literatur gilt Ähnliches, denn wer allen Ernstes auf unebenem, geritztem, geriffeltem, gehöckertem Untergrund schreibt, der bekommt auf eine Anfrage bezüglich der Veröffentlichung eines Romans bei einem der größten deutschen Verlagshäuser etwa folgende Absage:

Lieber Herr Schlinkert,

vielen Dank für Ihr Angebot. Bitte entschuldigen Sie, daß wir
uns jetzt erst bei Ihnen melden. Wir haben Ihr Projekt geprüft, können es Genre-mäßig nicht so recht einordnen – aus Kapazitätsgründen müssen wir Ihnen absagen.

Sicher, das lässt sich ohne weiteres auch als Kompliment verstehen, so viel Eitelkeit könnte man sich auch in der Glücklosigkeit gönnen, aber der eigentliche Kern der Sache ist der, dass meine Schreibe nicht glatt genug ist und in die genormten Schubladen nicht hineinpasst. Und dies, weil der Leser von den Programmabteilungen der Verlage als ein Mensch mit Schubladen gedacht wird, der er eben durch diese Denke und das entsprechende Angebot auch tatsächlich immer mehr wird. Das Bonmot, wir lebten in Zeiten abnehmender Kultur, steht dabei Gewehr bei Fuß zu der geschichtlichen Erfahrung, dass die Kultur ihrem Zenit immer dann entgegenschreitet, wenn Krieg ins Haus steht, so wir uns also, den marktführenden Häusern sei Dank, auf einen ewigen Frieden einstellen können. Andererseits blüht die Kunst und die Literatur auch besonders nach einem Krieg auf, auch dafür gibt es Beispiele zuhauf, so wir uns, der Hoffnung auf gute Kunst halber, auf Krieg einstellen müssen. Am besten wird es dementsprechend sein, sowohl die eine als auch die andere Möglichkeit im Auge zu behalten und sich jeder künstlerischen Tätigkeit zu enthalten oder zumindest zu warten, bis der Krieg vorbei und der Horizont wieder frei ist. Da mir aber nun nicht um Krieg zu tun ist und ich lieber Frieden hätte, werde ich dieser Überlegung zufolge meine Kunst wohl an den Nagel hängen oder sie im Geheimen tun müssen – wobei Letzteres ja ohnehin schon weitgehend der Fall ist.

Ergo: Krieg oder Frieden, das ist hier die Frage!

Norbert W. Schlinkert: Geklautes Motiv, schwer symbolisch

 

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Hej, hej (Gedicht)

Hej, hej

Hej, hej, du kleine Ratte,

du bist so wichtig und so reich,

was thronst du auf der Yoga-Matte,

als seist Du König oder Scheich.

 

Hej, hej, du kleines Luder,

du lässt dich gerne auch hier sehn,

denkst gewiss, du seist am Ruder,

am Ende gar schon Kapitän.

 

Hej, hej, ihr beiden Nobelfressen,

da geht’s lang, adieu ihr Zwei,

ihr seid Gezücht gar zum Vergessen,

husch, husch, sonst haun wir euch zu Brei.

 

Hej, hej, ihr asozialen Blasenaffen,

nur neo seid ihr, niemals liberal,

wir sind dabei euch abzuschaffen,

mit den Waffen unsrer Wahl.

 

Hej, hej, ihr dummen Angepassten,

was ihr Erfolg nennt ist nur Geld,

ihr könnt nicht ruhen und nicht rasten,

bis ihr die Reichsten auf der Welt.

 

Hej, hej, ihr aufgeblasnen Wichte,

Zaster nur und Zinsen sind euch Sinn,

doch genau betrachtet und bei Lichte,

macht das am Ende Null Gewinn.

 

Hej, hej, wer kommt denn da so angewinselt,

ihr würdet lernen, sagt ihr, aus den Fehlern,

schon seid ihr ganz und gar mit Teer bepinselt,

und da ist ja auch der Sack mit all den Federn.

 

Hej, hej, ihr Göttermenschen neoliberalster Weise,

die Menschheit dankt euch in besondrer Art,

mal echt ’ne andere Art von Götterspeise,

ein echter Gaumenschmaus ihr ward.

 

***

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Die Lyrik als solche

Wie oft habe ich nicht, ganz und gar wahrheitsgemäß, gegenüber ungläubig Glotzenden erklärt, für Lyrik nur selten Ohr und Auge zu haben, ja in der Tat mir nur einige wenige Male im Jahr einen Gedichtband vorzunehmen. So musste ich auch immer wieder die Bitte um Rezensionen abschlägig bescheiden, und auch auf die Frage hin, ob ich denn nicht selber mal ein Lyrikbändchen veröffentlichen wolle, war die Antwort immer ein Nein. Indes bin ich in Sache Lektüre ein geduldiger Mensch, manches Romanwerk steht Jahr um Jahr oder sogar ein Jahrzehnt und mehr in meiner Bibliothek, bis es mich eines schönen Tages gleichsam anspringt und es gelesen werden muss. So geht es mir jetzt mit der Lyrik als solcher: Sie will gelesen werden. Lyrik-Lesungen übrigens waren mir schon immer angenehmer als ihre aufdringlichen Schwestern in Prosa, all dies also nicht ganz und gar überraschend kommt, und natürlich regt sich neben dem Leser und dem Schreiber auch der Kulturwissenschaftler in mir als der Dritte im Bunde. So denn.

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Das Wetter in Berlin

Der Wetterbericht Mitte April des Jahres 2021 findet auf wetter.net folgenden literarischen Niederschlag:

Das Wetter in Berlin (Deutschland)

In Berlin hängt der Himmel fast überall voller Wolken. Die Höchsttemperaturen nehmen 7 Grad ins Visier. Die Tiefstwerte belaufen sich auf 3 Grad. Der Wind weht schwach aus Nordost.

Wenn das mal keine Lyrik reinsten Wassers ist, dann weiß ich’s auch nicht!

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Warum ich Lutz Seilers Roman „Stern 111“ abbrechen und verwerfen musste

Ein mir bis dato völlig unbekannter bekannter Schriftsteller riet vor einer Weile, war es in der NZZ, allen Lesern fortgeschrittenen Alters (so ab 40) unbedingt dazu, keine mittelmäßigen Romane mehr zu lesen und stattdessen die wenigen wirklich guten ein zweites (oder drittes) Mal. Das allerdings praktiziere ich seit Jahr und Tag, das muss mir kein schon wieder vergessener, wenn auch bekannter Schriftsteller sagen. Zurzeit lese ich den Siebenkäs von Jean Paul, über den ich einiges schrieb (=>), sodass ich nun eben deswegen völlig unbelastet zehn Jahre später wieder eintauchen darf ins Kuhschnappelsche. Besagter Jean Paul schreibt übrigens in besagtem Roman, nämlich in der Vorrede zum zweiten, dritten und vierten Bändchen, folgendes: „(…); und in der Tat ist ein Buch, das nicht wert ist, zweimal gelesen zu werden, auch nicht würdig, daß mans einmal lieset.“ Wo er Recht hat …

Aber was habe ich (sagen wir mal) seit Beginn der Covid-19-Pandemie nicht alles abgebrochen an Romanen, weil nach gutem Beginn so ein Roman ins Ungefähre plätscherte, sich Unwucht einstellte oder ich des Beweises, welch Genie hier schreibe, überdrüssig wurde. Das betraf unter anderem Schriften von Döblin und Nabokov und auch Lutz Seilers neuen Roman Stern 111, den ich nach der Hälfte abbrach. Letzterer hat mir allerdings die Laune am meisten verhagelt, denn imgrunde ist der Roman angelegt wie ein klassischer Schelmenroman (Handlung bezogen auf historische Ereignisse, hier die Wende- und Nachwendezeit, Figuren eher normativ), doch ohne den dafür notwendigen Humor und ohne die ebenfalls notwendige Verschmitztheit, ganz zu schweigen davon, dass ausschließlich der echte Schelmenroman den Leser unterfordern darf. Dazu kommt, dass der Roman in der dritten Person Singular geschrieben, aber in der ersten gemeint ist, sodass etwa die Kapitel über die Abenteuer der Eltern in Westdeutschland etwas im Leeren hängen, weil auch die vom immer selben allwissenden Erzähler stammen, der aber eben viel mehr über den autobiographisch gefärbten Carl weiß als über die Eltern. Warum? Da fehlt die Balance. Seiler hätte sich dafür entscheiden sollen, in der ersten Person Singular zu schreiben (muss man aber können) und die Briefe der Mutter aus Westdeutschland an den Sohn quasi im Original zu bringen, so nämlich wäre womöglich ein schöner Erzählrhythmus entstanden und auch, allein durch die unterschiedlichen Textsorten, ein Spannungsbogen oder -feld. Ein misslungener Roman, Wendekitsch statt großer Literatur. Wenn man mir hier denn nun vorwürfe, den Roman doch gar nicht zuende gelesen zu haben, ich also überhaupt kein Mandat zur Beurteilung hätte, so erwiderte ich, dass der Roman mir von einer tapferen Leserin zuende erzählt worden ist und ich froh bin, der fliegenden Ziege und der in einem deutschen Roman unvermeidlichen Auslandsreise des Helden (die Programmabteilung des Verlags lässt grüßen, vorauseilender Gehorsam ohnehin) durch Flucht entkommen zu sein. Die gute Nachricht aber ist, dass ich das seilersche Buch in eine Bibliothek auf dem Lande einpflegen werde können*, statt es in die Papiertonne zu kloppen, denn so schlecht, das Versöhnliche hat ja immer am Ende zu stehen, ist es dann doch wieder nicht. Was mir über das Ende hinaus allerdings jetzt noch einfällt ist, dass ich in besagter Romanabbruchzeit ein halbes Dutzend Romane Knut Hamsuns las, denen allen zu eigen ist, abbruchresistent zu sein, also Qualität zu haben, nicht zuletzt in der Zeichnung von Charakteren. So. Und was mir über das überzogene Ende auch noch in den Sinn kommt ist der mir schon fast entfallene Umstand, Michel Houellebecqs Roman Serotonin wirklich und wahrhaftig zuende gelesen zu haben, obgleich der an Belanglosigkeit kaum zu überbieten sein dürfte. Aber was rege ich mich auf …

*Nachtrag: das Einpflegen misslang, da der Roman eben dort, wo ich mich, dies schreibend, eben jetzt befinde, bereits gelesen und als misslungen erkannt worden ist.

Norbert W. Schlinkert, Reisigbesen

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Nix zu Corona. Oder: Der einzig mögliche schöne Tod

Irgendwo habe ich gelesen, ausgerechnet in der Corona-Krise sei von den Intellektuellen nichts mehr zu hören. Abgesehen davon, dass in Deutschland der Begriff Intellektueller imgrunde immer pejorativ benutzt wird, wir sind und bleiben eben ein Volk von Bauern und Angestellten, kann der Intellektuelle, selbst wenn er oder sie wollte, nichts sagen zum Corona-Virus, zur Pandemie, zu den Quer-„Denkern“ und so weiter. Ihm oder ihr fällt dazu schlicht nichts ein, außer vielleicht die in üblichen akademischen Mustern verorteten Auslotungen und historischen Vergleiche, denen aber kaum mehr geschenkt werden dürfte als ein halbwegs aufmerksames Aha. Soso. Jaja. Naja. Ochjo. Eine wirklich durchdachte Äußerung zum Thema Covid-19 bedarf nämlich tatsächlich vieler Jahre der Vorbereitung und der Ausführung, wobei sich die Frage stellt, ob sie noch vor dem Ende dieser unserer Kultur überhaupt getätigt werden könnte und ob dann überhaupt noch jemand da ist, der solch eine Äußerung überhaupt verstünde. So weit ich mich erinnere, ich werde den Teufel tun und nachsehen, habe ich bereits in meiner ersten kleinen Veröffentlichung, story banal (1998), die Vermutung geäußert, es gehe mit der Menschheit womöglich bergab, sobald nur die Anzahl der lebenden Menschen die der bereits verstorbenen Menschen übersteigt, was eben in dieser unserer Epoche der Fall ist. Dies wäre ein Fall wahrhaft kosmischen Humors, keine Frage. Ich persönlich bleibe allerdings bei meiner Haltung des Optimistischen Fatalismus (siehe dazu meinen erzählenden Essay Tauge/Nichts), denke aber trotzdem, dass der Planet nur noch zu retten sein wird durch ein schönes neues Virus, welches die Fortpflanzungsfähigkeit des Menschengeschlechts ganz sanft auslöscht, sodass in verhältnismäßig kurzer Zeit die Erde in all ihrer Schönheit zwar weiter Runden im Weltall dreht, garniemand aber es wissen noch dies oder jenes oder alles schön finden kann. Hört sich an wie Zweckoptimismus, ist aber der einzig mögliche schöne Tod. Bis dahin allerdings ist noch einiges zu ertragen, auch im ganz und gar Klitzekleinen: Da regt sich doch beispielsweise jemand aus der Hochkultur, so las ich irgendwo, allen Ernstes darüber auf, dass die Kunst im Rahmen der Corona-Bestimmungen in einem Atemzug genannt wird mit der Prostitution – als wenn dies nicht der allerbeste Beweis dafür wäre, dass wir alle Menschen sind und alle gleich im Angesicht des Todes. Ich selbst kann über solch Etepetete-Äußerungen der Hochkulturbetreiber nur lachen, aber das liegt wahrscheinlich daran, dass ich als Ängehöriger des katholischen Kleinbürgertums sowohl bildungs- wie kulturfern aufwuchs und sicher niemals das Ziel hatte, ins protestantische Großbürgertum aufgenommen noch von denen beklatscht zu werden, weswegen mir auch eine gewerbliche Ausübung meiner Kunst nie in den Sinn kam und ich auch nur Geld dafür annehme unter der Voraussetzung, durchaus keine Leistung erbracht zu haben im Sinne der protestantischen Arbeitsethik. Aber das ist fast schon ein anderes Thema, mit dem ich diesen kleinen Beitrag vielleicht hätte beginnen sollen, aber dafür ist es ja nun zu spät, wirklich und wahrhaftig zu spät.

Aussichten. Norbert W. Schlinkert

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Happy End – Limited Edition

Man darf sich die Hersteller von Klopapier als glückliche Menschen vorstellen. Und dies vor allem deswegen, weil so eine Klopapierrolle auf Zug ab– und sie nicht etwa einen Berg hinaufgerollt werden muss. Das fördert den Verkauf sicher ganz ungemein. Zudem eignet sich eine Klopapierrolle, besonders eine Happy End – Limited Edition, ausnehmend gut als Sinnbild des menschlichen Seins und als Ausgangsidee sinnstiftender philosophischer Gedankengänge. Wäre allerdings ich zuständig für die Namenssuche eine ausgesuchte Klopapiersorte betreffend, so verfiele ich sicher auf den schönen Namen Deus ex machina, worüber sich ja ebenso trefflich philosophieren ließe wie über Happy End. Überhaupt: Stünde es unserer Moderne nicht gut an, eine Produktnamensphilosophie zu entwickeln? Die Finanzierung so manchen Lehrstuhls wäre jedenfalls gesichert – Nomen est omen.

Happy End – Limited Edition

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„Ankerlichten“ in Zeiten der Corona (VI), darinnen einleitend ein kluger Rat von Wikentij Weressajew für nichtgedruckte Schriftsteller und zum Geschlechtsleben

Michail Bulgakow ist 1931 von Stalin und seinen Schergen längst mürbe und lebensmüde zensiert worden. Seine Prosatexte werden nicht gedruckt, Aufführungen seiner Theaterstücke werden in einem dauernden Hin und Her immer öfter nicht zugelassen. Die von Julie Curtis herausgegebene „Biographie in Briefen und Tagebüchern“, so der Untertitel von „Manuskripte brennen nicht“, bietet einen überaus spannenden Einblick in das Leben Bulgakows unter der Knute kommunistischer Diktatur. Darin enthalten ist ein Brief an Bulgakow vom 12. August 1931, in dem der russische Prosaiker und Literaturwissenschaftler Wikentij Weressajew dem Kollegen folgenden Rat gibt: „(…) Stellen Sie sich vor, einem Mann wird eröffnet: ‚Sie werden keine Kinder haben.‘ Darauf sagt er sich: ‚Wozu dann das Geschlechtsleben? Zum Teufel damit!‘ Und er gerät in eine schreckliche Lage: Die Gesundheit lässt nach, er ist gereizt, unbefriedigt, träumt von nackten Mädchen, seine Gedanken kreisen immer nur um denselben Punkt. Ist denn das Bedürfnis zu schreiben für einen Künstler schwächer als der Geschlechtstrieb? Kann er denn überhaupt, ohne daran zu zerbrechen, sich sagen: ‚Ich werde nicht gedruckt – wozu dann schreiben?‘ Das ist entschieden falsch.“ Soweit der gute Wikentij mit seinem Beispiel, das womöglich ein wenig hinkt, aber welches Beispiel täte das nicht.

Und damit zu dem heutigen Ausschnitt aus meinem Roman Ankerlichten, der durchaus gedruckt werden soll und werden wird, denn entstanden ist er ja bereits unter der immer latenten Gefahr, nicht gedruckt zu werden, wenn auch aus anderen Gründen als den oben genannten.

EMILIA

Emilia geht in einem großen Bogen um die mit einer dünnen Eisschicht bedeckten Pfützen herum. Gestern hatte ihr eine Frau, die im Wald Brennholz sammelte, den Weg in diese Richtung gewiesen und gesagt, es sei nicht mehr weit. Auf die Frage, ob sie bei ihr übernachten könne, hatte sie geantwortet, sie habe zwei Söhne im Haus. Etwas in der Art hatte Emilia oft gehört, und wenn ihr auch der ein oder andere in den letzten Wochen seine Hilfe nicht versagt hatte, so war sie doch immer in Gefahr, des Nachts zu erfrieren, wenn niemand ihr Obdach bot, einer jungen, schwangeren Frau, die sich mitten im Winter von Ort zu Ort schleppte, oft ohne zu wissen, ob sie auf dem richtigen Weg ist. Zum Glück war sie gestern auf die halbverfallene Hütte eines Köhlers gestoßen. Sie hatte ihre letzten beiden Äpfel gegessen, war schließlich eingeschlafen und nach wenigen Stunden auch wieder aufgewacht, wofür sie Gott immer wieder dankte, selbst wenn es ihr noch so schlecht ging.

Warum nur war sie ohne ein Wort aus Breslau fortgegangen und hatte den weiten Weg nach Schwerte auf sich genommen? Der letztlich ausschlaggebende Grund war am Ende wohl der, dass ihr Heinrich immer öfter in den Sinn gekommen war. Wie er am Rockzipfel der Mutter hing, so hilflos und noch so klein, damals. Und da war sie einfach fortgegangen, von einem Moment zum anderen, nach Westen, der Straße nach, Richtung Dresden und Leipzig. Ihr Brot aber, das wurde ihr in den ersten Tagen klar, musste sie, wenn niemand mit einem christlichen Sinn ihr helfen wollte, auch durch Hurerei verdienen. Manch ein Wirt oder Kutscher war ganz und gar nicht bereit, ihr rein aus Nächstenliebe beizustehen. Nicht einer Hure, für die viele sie hielten. Allein und in Umständen. Wäre sie doch im acoluthschen Haus und bei Adam geblieben, so dachte sie oft, doch sie kehrte nicht um.

Gegen Abend lag, nachdem sie lange in einem Wald bergab gegangen war, Schwerte mit dem schiefen Turm von St. Viktor vor ihr, jenseits der Ruhr, kaum zu erkennen in der Dämmerung. Blass erschien der zunehmende Mond am Himmel. Sie überquerte die hölzerne Brücke und schleppte sich auf dem matschigen Weg zum Brücktor, das bereits geschlossen war, und dann einmal um die ganze Stadt. Vielleicht, dachte sie, habe ich Glück und jemand nimmt mich mit hinein. Zwei, drei Wagen rumpelten vorbei, kaum dass sie überhaupt beachtet wurde. Ein Kutscher hielt seine Laterne in ihre Richtung, sah sie kurz an, fuhr aber weiter. Sie würde also ohne fremde Hilfe eine Möglichkeit finden müssen, an einem der Torwächter vorbeizukommen. Wieder am Brücktor angekommen setzte sie sich schließlich völlig erschöpft auf die Treppe, die zum Weg hochführte. Der Mond beschien sie blass. Vielleicht würde sich der dritte Prediger ihrer erbarmen. Wenn es ihr doch nur gelingen würde, in die Stadt hineinzukommen. Schließlich stand sie auf und ging Richtung Hüsingtor. Ein Hund von beachtlicher Größe bellte sie an, doch Emilia hatte keine Angst, nicht vor einem Hund. Sie bemerkte es dann nicht einmal, als das Tier sich ihr zugesellte, ja sogar ihren müden Gang annahm.

Ein Wagen rollt langsam durch das Hüsingtor in die Stadt hinein. Der Torwächter, ein kleiner, dicklicher Mensch mit hochrotem Gesicht, nickt dem Kutscher zu. Als er Emilia sieht, sagt er laut seinen Spruch, Gesindel habe keinen Platz in Schwerte. Sie solle sich verfügen. Emilia geht zögernd ein paar Schritte rückwärts, der Hund aber trottet an ihr und dem Mann vorbei durch das Tor in die Stadt. Ob sie ihn nicht verstanden habe, brüllt der Torwächter, denn Emilia sagt nichts und tut nichts. Sie steht nur da. Schließlich stiefelt der Mann auf sie zu, packt sie am Arm und dreht sie um, als sei sie eine Puppe. So steht sie mit dem Rücken zur Stadt, vor ihr die in der Dunkelheit verschwindende Straße. Keinen Schritt mehr kann sie tun, das spürt sie, eine Wut ist in ihr, die in ihrer Kehle sitzt und hinaus will, sie zittert am ganzen Leib. Dann bricht sie zusammen. Als man sie auf einer Trage zur Kirche bringt, gilt sie bereits für tot. Den Medicus, so der Torwächter zu einigen Umstehenden, sollte man wohl nicht mit so einer belästigen, das sei eine Hure, das habe er sofort gesehen. Niemand beachtet den Mann.

Der dritte Prediger sieht lange das schlafende Mädchen an. Er hatte sie gleich erkannt. Seit drei Tagen liegt sie, kaum bei Bewusstsein und eingehüllt in alte Decken, in seiner bescheidenen Kammer in einem Haus in der Brückstraße, weswegen er selbst beim Müller übernachten muss. Niemand will sich um sie kümmern, nur seine Zugehfrau tut das Notwendigste, allein ihm zuliebe, wie sie sagt. Mit viel Mühe hatte er schließlich den Medicus, Sohn des kürzlich verstorbenen alten Arztes, beredet, sich das Mädchen wenigstens einmal anzusehen.

„In jedem Fall ist sie schwanger“, sagt er, vor dem Prediger die Treppe hinuntergehend, und sein einziger Rat wäre, sie vor das Stadttor zu den Papisten zu bringen, denn dort bekäme sie eine Krankensalbung und könne sterben. Überleben würde sie eine Geburt nämlich nicht, ausgezerrt wie sie sei.

Der Prediger sah sie noch vor sich, die kleine Emilia, wie sie behände um die Mutter und den kleinen Heinrich herumfuhrwerkte, um alles so gut wie möglich herzurichten, dort oben auf der Anhöhe in der armseligen Hütte. Selbst das Bild Dorotheas sah er deutlich vor sich, wie sie blöde ihre verstümmelte Hand jedem entgegenstreckte, fordernd, zuckend, zitternd. Auch der Tag, als die Breslauer Calvinisten die Stadt heimgesucht hatten – wie viele Jahre das jetzt schon her war! – fiel ihm ein, und wie er hinterrücks niedergeschlagen und fast zu Tode geprügelt worden war. Und nun? Nun stand er auf seinen Krückstock gestützt in seiner Kammer, sah auf das fiebernde, schwangere Mädchen und versuchte nachzudenken. Es konnte natürlich keine Rede davon sein, Emilia wieder fortzuschicken, nicht in diesem Zustand. Noch hatte weder der erste noch der zweite Prediger etwas verlautbaren lassen, doch es musste ein Entschluss her. Sicher würde auch der Rat der Stadt sich bald mit der Angelegenheit befassen, denn dass der junge Medicus, der so gar nicht nach seinem Vater geraten war, stillschweigen würde, war nicht anzunehmen. Ruchbar war das Ganze ohnehin schon geworden in einer Stadt mit nur wenigen hundert Bürgern, ja man sah ihn während der Früh- und der Nachmittagsmesse, so jedenfalls sein Eindruck, bereits scheel an. Zudem hatten schon sieben der insgesamt zehn Schichtmeister Auskunft verlangt. Doch was sollte er schon berichten, denn es kam ja alle Tage vor, dass Arme und Ehrlose Einlass in die Stadt verlangten und abgewiesen wurden, doch bei einer Schwangeren müsse man eine Ausnahme machen, darauf bestand er, im Namen Jesu. Um des lieben Friedens willen würde er aber schließlich dem Vorschlag zustimmen müssen, nach der Geburt Mutter und Kind in ein Haus vor den Toren der Stadt zu überführen, das einstmals als Pesthaus erbaut worden war und nun den Armen und Kranken und Ehrlosen Unterschlupf bot. Doch so weit war es noch nicht.

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„Ankerlichten“ in Zeiten der Corona (V)

Was soll man dazu sagen! Das Durchgerütteltwerden unseres Gemeinwesens angesichts des Corona-Virus‘ setzt sich ungerührt fort, Großkapitalisten, Kriminelle und Radikalinskis kochen ihr je eigenes Süppchen, die Kunst als Solches und Ganzes ergeht sich in kostenlosen Streams zur Erheiterung des bürgerlichen Publikums, während sich die Künstler als Solche nach wie vor arbeitend ihren Kunstwerken widmen, die in der Postcoronamoderne womöglich keinerlei Publikum finden werden, was die Künstler aller Gattungen und Geschlechter allerdings nicht im mindesten anfixt, jetzt ist jetzt, nach uns die Sintflut und ein(en) Hoch auf den Optimistischen Fatalismus sage ich da nur und schwenke hinüber zu dem heute zu präsentierenden Ausschnitt aus meinem Roman Ankerlichten mit der Kapitelüberschrift:

DAS GEBÄLK

Nachdem zu Beginn des Winters ein vom Grafen beauftragter Zimmermann das gemästete Schwein abgeholt hatte, war kein Fremder mehr auf dem Hof gewesen. Anfang Februar aber erschienen drei reisende Musikanten, vor Kälte zitternd und schon ganz blaugefroren, und baten um Unterkunft. Der Bauer hat zwar keinen Sinn für dererlei Leute, doch eine Aufheiterung mochte wohl nicht das Schlechteste sein. Vor lauter Langeweile häuften sich die Streitigkeiten in der kleinen Gemeinschaft. Was sollte man schon tun, wenn alles unter einer alten, festgefrorenen Schneedecke lag, abgesehen von den üblichen Arbeiten im Stall und dem Flachsspinnen. Es wäre wohl doch besser gewesen, alle Männer mit Ausnahme von Engelbert Ende Oktober mit dem Ablauf der Verträge fortgeschickt zu haben.

„In den Tod wirst du sie schicken“, hatte seine Frau eingewandt, und am Ende hatte er nachgegeben.

Er erlaubte den Spielleuten, sich für einige Tage auf dem Hof aufzuhalten. Auch Meister Alberti, der nach wie vor stillvergnügt den lieben langen Tag über seinen Büchern saß, wenn er nicht Heinrich im Lesen und Schreiben unterrichtete, schien einer Abwechslung nicht abgeneigt zu sein. Lächelnd sah er zu, wie die Musiker Radleier, Fidel und Flöte auspackten. Bald auch waren Lieder gefunden, die alle kannten. Die Musiker, die aus dem Hessischen stammten, gaben in ihrer Mundart manche Strophe hinzu, was Anlass genug gab, oftmals lauthals in Lachen auszubrechen. Alberti beteiligte sich nicht an dem Treiben und machte sich stattdessen Notizen zu den Liedern, ließ sich aber immerhin überreden, einen Krug Wein aus seinem Vorrat zu stiften, was die Stimmung weiter verbesserte. Eine der drei Mägde, alle Anna mit Namen, nötigte schließlich auch den still in der Ecke hockenden Heinrich zum Tanz, und natürlich lachte man über ihn, weil er sich dumm anstellte und über die eigenen Füße stolperte. Mit hochrotem Kopf lief er unter dem Johlen der Knechte hinaus und zur Scheune, wo er hoch oben im Gebälk einen Platz hatte, den niemand kannte. Dort lag in einer Aussparung sein Messer, immer noch sein einziger Besitz, und Lindenholzstücke, aus denen er Figuren schnitzte.

Behände wie ein Äffchen kletterte er ins Dachgebälk hinauf und kauerte sich auf einen Balken. Der Schnee schimmerte durch die Ritzen der Verschalung. Von der Musik war kaum etwas zu hören, nur ab und an drang ein schriller Flötenton zu ihm herauf. Er ärgerte sich über Anna.

„Die dumme Hexe“, sagte er laut, „die soll sich in Acht nehmen!“

Plötzlich drang Musik in den Hof, kurz nur, die Tür zum Haus wurde sogleich wieder geschlossen. An den näherkommenden Stimmen erkannte er Anna, die ihn so bloßgestellt hatte, und die ältere Anna, die den linken Fuß ein wenig nachzog. Jetzt bloß keinen Mucks von sich geben, dachte Heinrich, als die beiden Frauen die Scheune betraten. Er hielt den Atem an. Zunächst war nichts zu hören. Dann übergab sich eine der Beiden mehrmals und würgte fürchterlich dabei.

„In deinem Zustand so wild zu tanzen“, hörte Heinrich endlich die Ältere sagen, „das kann nicht gut gehen!“

Schweigen, doch heftiges Atmen.

„Meinst du“, fuhr sie fort, „ich wüsste es nicht. Einer der Herren Kaufleute, die im letzten Sommer wegen dem Meister hier waren, hat in der Nacht die Kammer verlassen. Ich habe es gehört!“

Wieder Schweigen, endlich ein Weinen, das zu einem Wimmern wird.

„Auch ich habe gewartet, aber vergebens.“

Leises Lachen, bis es wieder still ist.

„Er hat mir“, sagt nach einer Weile die Jüngere mit belegter Stimme, „über das Fell geleckt, ganz und gar ausgezogen hat er sich, seine Rute stand mächtig, das kann ich dir sagen. Reiten konnte man darauf, bis ins Schlaraffenland hinein!“

Heinrich wurde ganz seltsam zumute. Sein kleiner Pimmel war steif geworden. Das hatten natürlich die so seltsam gesprochenen Worte gemacht. Nach einer Weile, die Frauen schwiegen, schrumpfte sein Pimmelchen wieder zusammen.

„Die Fut hat er mir geleckt, von oben bis unten, und die Brüste hat er mir gerieben und seine Rute dazwischengesteckt“, kam es dann aber plötzlich wieder aus der Tiefe, kehlig und rau. Schon reckte sich Heinrichs Pimmel wieder auf.

„Und dann“, hörte er weiter, „fuhr er in mich und er keuchte so laut, dass ich Angst bekam, der Bauer würde es hören.“

Pause.

„Ja, und bald“, sagte die ältere Anna leise, „kommt der Herr Kaufmann an der selben Stelle als ein neuer Mensch wieder heraus.“

Meister Alberti ging Ende März, als das Wetter milder wurde, auf Reisen, er hatte sich endlich dazu durchgerungen. Es zog ihn nach Amsterdam, um, wie er sagte, die neuesten Bücher der Wissenschaft zu sehen und zu studieren. Das war nicht gelogen, doch der Hauptgrund lag in der zunehmenden Langeweile, die ihn immer mehr bedrückte und ihm oft sogar das Lesen vergällte. Böse, sein guter Freund, mochte schon recht haben mit seiner Einschätzung. Ich bin also, sagte sich Alberti, nichts weiter als ein verkrachter Student, ein unbeschriebenes Blatt, und wer weiß, vielleicht würde ich sogar in Leipzig freundliche Aufnahme finden. Doch es zog ihn zum Meer, zu den Häfen, zu Menschen aller Herren Länder. Die Oberaufsicht über die wenigen verbliebenen, für ihn selbst unwichtigen Bücher gab er Heinrich, außerdem drückte er ihm ein handschriftliches, sauber in Leder gebundenes Glossar in die Hand, das er einmal in Leipzig bei einer Haushaltsauflösung billig erstanden hatte und das die deutschen Worte für zwei- oder dreihundert lateinische Begriffe alphabetisch auflistete. Das war sein Abschiedsgeschenk an den Jungen. So würde er eine Art von Besitz haben. Er hatte ihm seine Beweggründe genannt, selbst wenn Heinrich nicht alles begriff, hatte ihm von Breslau und auch von Leipzig gesprochen, wo er wohl ebenso gut hätte hingehen können, doch seine Wahl sei nun mal auf Amsterdam gefallen, auch, und da knuffte er dem Jungen in die Seite, der hübschen Frauen wegen, denn schließlich konnten ja wohl nicht nur die im Osten die schönsten sein. Heinrich nickte ernst. Ein seltsamer Vogel ist das, dachte Alberti und packte weiter seine Habseligkeiten.

Als das Pferd, eine Gabe des Grafen, gesattelt und alles Gepäck aufgebunden war, sah sich Alberti nach Heinrich um. Er wollte sich in aller Form verabschieden, doch der Junge war nicht zu sehen. Sicher hockt er in irgendeinem Versteck, dachte er, und beobachtet meine Abreise. Und tatsächlich saß Heinrich oben im Gebälk und sah durch einen Spalt, wie der Meister Alberti mit den Bauersleuten sprach, auch mit der schwangeren Anna, der er zum Abschied die Hand auf die Stirn legte. Dann zog er mehrmals kräftig an den Zügeln, um das nervöse Pferd zu beruhigen, und ritt, ohne sich noch einmal umzuwenden, langsam davon.

(…)

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