Miniaturen XIII: Unfassbar!

Ich fasse es nicht! Und zwar wortwörtlich genommen, denn in der Tat rinnt mir zurzeit alles, was ich schreibe, wie Wasser durch die Finger. Schlimm? Nee, gut so, denn aus diesem Umstand ist Fassbares geworden, nämlich die Wiederaufnahme meiner bildnerischen Tätigkeit, die seit über zwanzig Jahren weitgehend ruht. Was daraus werden wird? Keine Ahnung, ich sichte erst einmal und stelle den Fokus auf Materielles, auf Kleinteile, Schnipsel und so weiter, so wie ich während der Pandemiezeit den Fokus auf Gedicht und auf Poesie gestellt habe. Das funktioniert immer. Apropos Poesie: da war doch was!

Norbert W. Schlinkert. Poesie (1996)

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Miniaturen XII: Lassen oder Nichtlassen

Aber Du schreibst doch noch, so fragte mich vor einer ganzen Weile der Verleger Ingo Držečnik, worauf ich mit einem Ja, klar antwortete. Wie ich auf diese Frage bisher ohnehin immer mit einem Ja geantwortet habe, vielleicht weil das aufatmende Goutieren so etwas wie Anteilnahme ausdrückte und zugleich eine Erleichterung zeigte, zur Deinstallation des Schriftstellers Norbert W. Schlinkert augenscheinlich nichts beigetragen zu haben – denn wenn er, so denkt sich das so ein Verleger, trotz meiner Absage und der vielen vielen anderen Absagen, die doch ein Schriftsteller dieser Kategorie erhalten muss, immer noch schreibt, so bin ich als Verleger erstens nicht schuld an was auch immer und außerdem dürfte das Weiterschreiben ja auch, zweitens, wenigstens keinen Schaden anrichten. Alles gut also, sage ich, denn eben dies will ich als Schriftsteller ja nun auch überhaupt gar nicht, nämlich Schaden anrichten, wir uns also einig sind, auch wenn ich diese Frage jetzt nicht mehr mit einem Ja, klar, sondern mit einem Ja, aber beantworte.

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Miniaturen XI: Nichts is‘ nich‘

Es ist ja keineswegs so, dass sich etwas aus dem Nichts schaffen ließe. Das mutmaßlich von Hegel, Schelling und Hölderlin stammende sogenannte Älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus behauptet das zwar einerseits sehr schön, andererseits stimmt es nicht. Auf der Website des PEN BERLIN las ich soeben den Nachruf auf Sibylle Lewitscharoff, in dem auch ihre komplexe Familiengeschichte erwähnt ist, was ja immer einschneidende Ereignisse meint, die direkt oder indirekt mit geschichtlichen Geschehnissen zusammenhängen. So etwas findet sich bei den allermeisten bedeutenden Schriftstellern und Schriftstellerinnen, die Werkerschaffung aus einem innigen Nichts, aus einem Gewust von Gekränktsein oder Anderssein ist die Ausnahme, so scheint mir. Oder sollte es womöglich so sein, dass das Interesse an mit Kollektiverfahrung verwobener Literatur einfach ungleich größer ist? Ergo auf fruchtbareren Boden fällt und so besser vermittelt werden kann? Oder sind diese Fragen überflüssig und können weg? Ich weiß es doch auch nicht!

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Miniaturen X: Das forcierte Schreiben, das sich zugleich der vorhandenen Sprache vermählt

Nicht nur die Frage, was sich schreiben lässt, treibt mich um, sondern auch, wie es sich schreiben lässt – oder ließe. Aktuelles der Kollegen und Kolleginnen ist mir zurzeit wenig zugänglich, das mag an mir liegen, an der Qualität der Schriften, an meiner immer auch von Zufällen bestimmten Auswahl, was auch immer. Ausnahmen gibt es. Allerdings besteht meine Lektüre seit einiger Zeit schon ganz wesentlich aus der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur, Jahnn, Koeppen, Nossack, Weiss, Reimann, Bernhard usw., vor allem Weissens Die Ästhetik des Widerstands treibt mich zurzeit um, nicht nur inhaltlich, sondern vor allem auch die Frage betreffend, wie mit der deutschen Sprache umzugehen sei, ästhetisch umzugehen sei. Weiss ist bezüglich dessen das beste Beispiel für eine Spannbreite, die sich selten bei Autoren findet, denn sein Das Gespräch der drei Gehenden von 1963 ist sprachlich und inhaltlich etwa kaum zu vergleichen mit seinen Dramen oder besonders der Ästhetik des Widerstands, obgleich er weder hier noch da etwas erkünstelt oder erzwingt. Dabei ist immer, bei aller Quälerei um den Ausdruck und die Textgestalt, zu berücksichtigen, dass die Sprache dem Schreibenden per se voraus ist, sein muss, es also auch immer um die Frage geht, wohin einen die Sprache führt, mitnimmt, obleich der Autor ja zugleich etwas völlig Neues schreibt. Einem Jon Fosse etwa scheint in seinem Norwegisch eben dies, das forcierte Schreiben, das sich zugleich der vorhandenen Sprache vermählt, wunderbar zu gelingen, vor allem in seinem Roman Septologien. Auch Knut Hamsun war in dieser Disziplin ein Meister. Wie aber gelingt dies? Wie ist die Schönheit der (deutschen) Sprache mit jedwedem Inhalt kompromisslos in Einklang zu bringen? Viele Autoren scheinen sich darum wenig oder nicht zu kümmern, entweder weil sie sprachlich beschränkt sind oder weil sie Herr der Sprache zu sein glauben – beides führt zu unerquicklichen Ergebnissen, bestenfalls zu glanzvollem Mittelmaß. Was also tun, rufe ich mir zu, um überhaupt noch schreiben zu können? Ich werde noch drauf kommen, glauben Sie mir!

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Miniaturen IX: Größenwahn

Womöglich habe ich schon immer so getickt und die Jetztzeit tut mir nur den Gefallen, das entsprechende Bühnenbild dafür zu liefern. Wie oft habe ich nicht geschrieben und gesagt, mein Weltbild sei ein optimistisch-fatalistisches, was bösartige Zeitgenossen durchaus hätten kommentieren können als Glaube, Liebe, Hoffnung. Doch solche Angriffe und die daraus resultierenden Streitigkeiten finden auf einem anderen Theater statt, dort, wo man sich im sogenannten Kulturbetrieb Feinde und Feindschaften zuzieht, imgrunde also da, wo es um Macht und Geld geht oder gehen soll. Nicht mein Ding, nicht meine Bühne. Manchmal denke ich, ich bin eben nur ein einfacher Arbeiter im Weinberg der Literatur. Das aber ist wahrscheinlich zu bescheiden gedacht, da fehlt, so werden manche sagen, dieser Tick Größenwahn, denn ohne diesen werde man nunmal nicht, so der Tenor, im Kreise der Größenwahnsinnigen akzeptiert – übrigens einer der ganz wenigen Bereiche, in dem, nicht weiter verwunderlich, Gleichberechtigung vorherrscht in Sachen Geschlechtszugehörigkeit – man gönnt sich ja sonst nix.

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Miniaturen VIII: Kopulativkomposita

Imgrunde bin ich, wie man so schön sagt, immer wieder auf mich selbst zurückgeworfen gewesen. Oder eher zurückgeworfen worden, denn dieser Vorgang ist zu brutal, als dass nicht auch äußere Kräfte ihren Teil dazu beizutragen hätten. Natürlich ist dieses Auf-sich-selbst-zurückgeworfen-Werden die reinste Slapstick-Nummer, nur für mich selbst ist sie ernst, denn schließlich bin ich es, der wieder von vorne zu beginnen hat. Ich warte dann immer, bis die anfänglich so gespannt noch glotzende Meute sich schließlich zerstreut und ich alleine bin mit – mir selbst. Und da ich nichts anderes kann als schreiben, so beginne ich genau damit, allerdings, anders als vor vierzig Jahren, beginne ich nicht bei Null. So überarbeite ich zurzeit einen für mich wichtigen Text, nur gut 100.000 Zeichen an Umfang, der im Untertitel das Wort Kopulativkompositum trägt – warum das so ist, erfährt der Leser bei aufmerksamer Lektüre im Laufe des Textes, der wieder eine Mischung, eine Vermengung darstellt von Essay und Erzählung. So pflege ich die Kunst des Uneindeutigen, öffne aber dadurch Räume, die sonst unbekannt blieben, so jedenfalls meine Überzeugung. Auch weitere, noch folgende Texte werden wohl kaum eine Form aufweisen, die es einfach machte, sie tatsächlich dann in die Öffentlichkeit zu bringen, sprich einen Verlag dafür zu finden. Mit anderen Worten: ich habe völlige Narrenfreiheit. Wer diese nie besessen hat weiß sicher nicht, wie berauschend und wie niederschmetternd das sein kann – auch hier hat der Begriff Kopulativkompositum seine volle Berechtigung, denn es ist entweder das eine oder das andere. Rausch oder Niederlage. Fein säuberlich getrennt. Im Moment bin ich übrigens niedergeschmettert, und das fühlt sich, naturgemäß möchte man sagen, wie ein Ende an, oder wie das Ende. Auch wenn dem ja angeblich ein Anfang innewohnen soll, was ich aber zu bezweifeln wage.

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Miniaturen VII: Khoikhoiwetter & Familienglück

Ich fand schon immer Menschen, die den Sommer toll finden, scheiße. Allerdings sind auch in meinen Kreisen solche. Sage ich denen das? Ja! Scheiße! Ich hingegen liebe den Herbst, hierzulande die schönste aller Jahreszeiten. Wenn doch endlich der Golfstrom erkaltete! Dann wäre es für immer vorbei mit diesem Hottentotten- beziehungsweise Khoikhoiwetter. Doch soweit wird es womöglich nicht kommen. Denn selbst wenn der Golfstrom schlappmachte, so würde die aufgeheizte Diskussion um die Klimaveränderung und die Klimakatastrophe wieder alles ausgleichen zum Schlechteren hin, und zwar allein schon der glühenden Server wegen. Das einzige, über das nicht und nie diskutiert wird (sowohl linke als auch rechte wie auch mittige Ökofaschisten, diese Opferanwälte ihrer selbst, stellen sofort auf Durchzug), ist in der Tat der Weltbevölkerungsstand. Wenn man auch nur erwähnt, es gäbe einfach zu viele Menschen auf diesem Planeten (was zu ändern sich machen ließe innerhalb einer Generation, und zwar ohne Mord und Totschlag), hört der Spaß sofort auf: das Familienglück geht über alles und ist, wenn man es recht bedenkt, das einzige, was die Menschen weltweit verbindet, ideologisch. Familienglück über alles: so weit ist es schon gekommen.

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Miniaturen VI: Kleine schwarze Schlange

Die kleine schwarze Schlange, so bin ich beauftragt mitzuteilen, hat sich eng um meinen linken Unterarm gewickelt, ich kann das kleine Köpfchen mit der kleinen roten Zunge deutlich sehen. Eine Art großes Treppenhaus, ich stehe auf dem Absatz, doch statt Wänden oder Türen Glasflächen, hinter denen in allerlei Grün und zwischen Steinen und Platten große, lange, dicke Schlangen zu sehen sind. Kaum merklich scheinen sie sich zu bewegen. Wie bin ich nur hierhergeraten, frage ich mich, was soll ich tun, doch da steht plötzlich ein Kind neben mir, es wolle mir helfen, sagt es, die Schlange von meinem Unterarm zu entfernen, das sei ganz einfach, man müsse nur mit einem kleinen Hämmerchen ganz behutsam auf den Kopf der Schlange klopfen, schon löse sie sich und verschwinde. Und siehe da, das Kind klöppelt zart auf das Köpfchen der Schlange, und dann ist sie verschwunden. Nur die Kreuz- und Netzzeichnung des Schlangenkörpers ist deutlich noch, tief eingeprägt, zu sehen. Dankbar nicke ich dem Kind zu, mache mich aber bereits wieder auf den Weg, das Treppenhaus hinab in einen Hof und über Mauer, Straße, Stock und Stein, meine Leute zu treffen.

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Miniaturen V: Die einen und die andern, davor und danach

In einem Text über Peter Weiss las ich, dass er als frischgebackener Autor des Suhrkamp Verlags nun plötzlich nicht mehr, wie zuvor, freier Schriftsteller gewesen sei, sondern von da an die Erwartungen des Verlags, der auf dem Markt zu bestehen hat, zu erfüllen hatte. Dies habe auf Peter Weiss einen großen Druck ausgeübt und ihn so in seiner Arbeit behindert. Ähnliches las ich über Wolfgang Koeppen, ebenfalls Autor des Suhrkamp Verlags, und dann erinnere ich mich auch noch an eine Gastdozentin, in deren Semimar ich während meines Studiums einige Male saß, sie war Lektorin bei Suhrkamp gewesen und stellte uns den Verlag als den Spitzenverlag Deutschlands vor und erklärte zudem, es gäbe zwei Arten von Autoren, nämlich die Suhrkamp-Autoren und dann noch die anderen, und schon damals dämmerte mir etwas, auch wenn ich bis heute nicht genau weiß, was. Was sie aber natürlich nicht sagte war, dass es auch unter den Suhrkamp-Autoren Unterschiede gibt, weil nämlich die einen machen können, was sie wollen, während die anderen bei Misserfolg abgestoßen werden und sich dann zwischen den Stühlen wiederfinden, von keiner Seite gewollt und somit dann wirklich, am Ende, frei, wenn auch nicht in dem Maße, wie all die Autoren, die niemals bei Suhrkamp verlegt worden sind. Aber das ist alles lange her. Heute, der Suhrkamp Verlag ist nur noch ein Verlag unter vielen und lebt am ehesten von seiner Backlist, wirkt das ganze Getue von damals eher seltsam und am ehesten wie ein Vorzeichen des bevorstehenden Untergangs der anspruchsvollen Literatur, aber das ist der Lauf der Dinge und vom Innern der Literatur aus nicht zu ändern. Doch wer weiß schon, wann Literatur wieder existentiell sein wird – ich würde mal annehmen, dass dies nach den nächsten großen Menschheitskatastrophen der Fall ist – denn so kaputt kann die Welt gar nicht gemacht werden, als dass es nicht wenigstens noch Literatur gäbe. Glaube ich wenigstens.

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Miniaturen IV: Direkt mal am direktesten

Wenn es denn ein Symptom ist, dass nur die Möglichkeit einer sofortigen Veröffentlichung, und sei es auch hier, mich dazu ertüchtigt, überhaupt etwas zu verfassen, so frage ich mich, wo das Etwas, auf das das Symptom verweist, sich zeigen mag. Denn in der Tat tönt über allem was ich ansonsten schreibe ein unartikulierter Schrei, der nichts weiter bedeutet, als dass der Text sich nicht wird veröffentlichen lassen. Also breche ich ab, verwerfe, schreibe nichts. Und warum sollte ich auch? Die Klage, es gäbe zu wenige Leser und zu viele Schriftsteller wird mit jedem Tag gehaltvoller, ja irgendwann in nicht allzuferner Zukunft wird das Verhältnis sich umgekehrt haben. Die Zeiten, in denen nur derjenige schrieb, der sich berufen fühlte, sind vorbei, streiten ließe sich allenfalls darüber, wie lange schon. Gewerbliches Schreiben hat es natürlich schon immer gegeben, man denke nur an August von Kotzebue, dem man aber allein schon damit Unrecht tut, die Goethezeit Goethezeit zu nennen und nicht Kotzebuezeit. Immerhin hat man ihm einen tollen Grabstein gemeißelt, ein Sinnbild für das Leben eines Schriftstellers.

August von Kotzebue – Grabstein

Wie kam ich drauf? Richtig, das Berufensein, bei dem es ja ganz wesentlich darauf ankommt, sich berufen zu fühlen, nicht berufen zu werden. Letzteres aber ist immer häufiger, ja fast immer der Fall, der Markt will es so. Und eben deswegen tönt mir dieser Schrei in den Ohren, sobald ich etwas verfasse, das nicht direkt seinen Weg findet vor die Augen der Leserschaft, denn stellen Sie sich diesen Text mal auf einem Lektorenschreibtisch oder auf dem Lektorentablet vor – sehen Sie, es hat überhaupt keinen Sinn, oder vielmehr, wenn es einen Sinn hat, dann hier!

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