Happy End – Limited Edition

Man darf sich die Hersteller von Klopapier als glückliche Menschen vorstellen. Und dies vor allem deswegen, weil so eine Klopapierrolle auf Zug ab– und sie nicht etwa einen Berg hinaufgerollt werden muss. Das fördert den Verkauf sicher ganz ungemein. Zudem eignet sich eine Klopapierrolle, besonders eine Happy End – Limited Edition, ausnehmend gut als Sinnbild des menschlichen Seins und als Ausgangsidee sinnstiftender philosophischer Gedankengänge. Wäre allerdings ich zuständig für die Namenssuche eine ausgesuchte Klopapiersorte betreffend, so verfiele ich sicher auf den schönen Namen Deus ex machina, worüber sich ja ebenso trefflich philosophieren ließe wie über Happy End. Überhaupt: Stünde es unserer Moderne nicht gut an, eine Produktnamensphilosophie zu entwickeln? Die Finanzierung so manchen Lehrstuhls wäre jedenfalls gesichert – Nomen est omen.

Happy End – Limited Edition

Veröffentlicht unter NACHRICHTEN aus den PRENZLAUER BERGEN! | Verschlagwortet mit , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

„Ankerlichten“ in Zeiten der Corona (VI), darinnen einleitend ein kluger Rat von Wikentij Weressajew für nichtgedruckte Schriftsteller und zum Geschlechtsleben

Michail Bulgakow ist 1931 von Stalin und seinen Schergen längst mürbe und lebensmüde zensiert worden. Seine Prosatexte werden nicht gedruckt, Aufführungen seiner Theaterstücke werden in einem dauernden Hin und Her immer öfter nicht zugelassen. Die von Julie Curtis herausgegebene „Biographie in Briefen und Tagebüchern“, so der Untertitel von „Manuskripte brennen nicht“, bietet einen überaus spannenden Einblick in das Leben Bulgakows unter der Knute kommunistischer Diktatur. Darin enthalten ist ein Brief an Bulgakow vom 12. August 1931, in dem der russische Prosaiker und Literaturwissenschaftler Wikentij Weressajew dem Kollegen folgenden Rat gibt: „(…) Stellen Sie sich vor, einem Mann wird eröffnet: ‚Sie werden keine Kinder haben.‘ Darauf sagt er sich: ‚Wozu dann das Geschlechtsleben? Zum Teufel damit!‘ Und er gerät in eine schreckliche Lage: Die Gesundheit lässt nach, er ist gereizt, unbefriedigt, träumt von nackten Mädchen, seine Gedanken kreisen immer nur um denselben Punkt. Ist denn das Bedürfnis zu schreiben für einen Künstler schwächer als der Geschlechtstrieb? Kann er denn überhaupt, ohne daran zu zerbrechen, sich sagen: ‚Ich werde nicht gedruckt – wozu dann schreiben?‘ Das ist entschieden falsch.“ Soweit der gute Wikentij mit seinem Beispiel, das womöglich ein wenig hinkt, aber welches Beispiel täte das nicht.

Und damit zu dem heutigen Ausschnitt aus meinem Roman Ankerlichten, der durchaus gedruckt werden soll und werden wird, denn entstanden ist er ja bereits unter der immer latenten Gefahr, nicht gedruckt zu werden, wenn auch aus anderen Gründen als den oben genannten.

EMILIA

Emilia geht in einem großen Bogen um die mit einer dünnen Eisschicht bedeckten Pfützen herum. Gestern hatte ihr eine Frau, die im Wald Brennholz sammelte, den Weg in diese Richtung gewiesen und gesagt, es sei nicht mehr weit. Auf die Frage, ob sie bei ihr übernachten könne, hatte sie geantwortet, sie habe zwei Söhne im Haus. Etwas in der Art hatte Emilia oft gehört, und wenn ihr auch der ein oder andere in den letzten Wochen seine Hilfe nicht versagt hatte, so war sie doch immer in Gefahr, des Nachts zu erfrieren, wenn niemand ihr Obdach bot, einer jungen, schwangeren Frau, die sich mitten im Winter von Ort zu Ort schleppte, oft ohne zu wissen, ob sie auf dem richtigen Weg ist. Zum Glück war sie gestern auf die halbverfallene Hütte eines Köhlers gestoßen. Sie hatte ihre letzten beiden Äpfel gegessen, war schließlich eingeschlafen und nach wenigen Stunden auch wieder aufgewacht, wofür sie Gott immer wieder dankte, selbst wenn es ihr noch so schlecht ging.

Warum nur war sie ohne ein Wort aus Breslau fortgegangen und hatte den weiten Weg nach Schwerte auf sich genommen? Der letztlich ausschlaggebende Grund war am Ende wohl der, dass ihr Heinrich immer öfter in den Sinn gekommen war. Wie er am Rockzipfel der Mutter hing, so hilflos und noch so klein, damals. Und da war sie einfach fortgegangen, von einem Moment zum anderen, nach Westen, der Straße nach, Richtung Dresden und Leipzig. Ihr Brot aber, das wurde ihr in den ersten Tagen klar, musste sie, wenn niemand mit einem christlichen Sinn ihr helfen wollte, auch durch Hurerei verdienen. Manch ein Wirt oder Kutscher war ganz und gar nicht bereit, ihr rein aus Nächstenliebe beizustehen. Nicht einer Hure, für die viele sie hielten. Allein und in Umständen. Wäre sie doch im acoluthschen Haus und bei Adam geblieben, so dachte sie oft, doch sie kehrte nicht um.

Gegen Abend lag, nachdem sie lange in einem Wald bergab gegangen war, Schwerte mit dem schiefen Turm von St. Viktor vor ihr, jenseits der Ruhr, kaum zu erkennen in der Dämmerung. Blass erschien der zunehmende Mond am Himmel. Sie überquerte die hölzerne Brücke und schleppte sich auf dem matschigen Weg zum Brücktor, das bereits geschlossen war, und dann einmal um die ganze Stadt. Vielleicht, dachte sie, habe ich Glück und jemand nimmt mich mit hinein. Zwei, drei Wagen rumpelten vorbei, kaum dass sie überhaupt beachtet wurde. Ein Kutscher hielt seine Laterne in ihre Richtung, sah sie kurz an, fuhr aber weiter. Sie würde also ohne fremde Hilfe eine Möglichkeit finden müssen, an einem der Torwächter vorbeizukommen. Wieder am Brücktor angekommen setzte sie sich schließlich völlig erschöpft auf die Treppe, die zum Weg hochführte. Der Mond beschien sie blass. Vielleicht würde sich der dritte Prediger ihrer erbarmen. Wenn es ihr doch nur gelingen würde, in die Stadt hineinzukommen. Schließlich stand sie auf und ging Richtung Hüsingtor. Ein Hund von beachtlicher Größe bellte sie an, doch Emilia hatte keine Angst, nicht vor einem Hund. Sie bemerkte es dann nicht einmal, als das Tier sich ihr zugesellte, ja sogar ihren müden Gang annahm.

Ein Wagen rollt langsam durch das Hüsingtor in die Stadt hinein. Der Torwächter, ein kleiner, dicklicher Mensch mit hochrotem Gesicht, nickt dem Kutscher zu. Als er Emilia sieht, sagt er laut seinen Spruch, Gesindel habe keinen Platz in Schwerte. Sie solle sich verfügen. Emilia geht zögernd ein paar Schritte rückwärts, der Hund aber trottet an ihr und dem Mann vorbei durch das Tor in die Stadt. Ob sie ihn nicht verstanden habe, brüllt der Torwächter, denn Emilia sagt nichts und tut nichts. Sie steht nur da. Schließlich stiefelt der Mann auf sie zu, packt sie am Arm und dreht sie um, als sei sie eine Puppe. So steht sie mit dem Rücken zur Stadt, vor ihr die in der Dunkelheit verschwindende Straße. Keinen Schritt mehr kann sie tun, das spürt sie, eine Wut ist in ihr, die in ihrer Kehle sitzt und hinaus will, sie zittert am ganzen Leib. Dann bricht sie zusammen. Als man sie auf einer Trage zur Kirche bringt, gilt sie bereits für tot. Den Medicus, so der Torwächter zu einigen Umstehenden, sollte man wohl nicht mit so einer belästigen, das sei eine Hure, das habe er sofort gesehen. Niemand beachtet den Mann.

Der dritte Prediger sieht lange das schlafende Mädchen an. Er hatte sie gleich erkannt. Seit drei Tagen liegt sie, kaum bei Bewusstsein und eingehüllt in alte Decken, in seiner bescheidenen Kammer in einem Haus in der Brückstraße, weswegen er selbst beim Müller übernachten muss. Niemand will sich um sie kümmern, nur seine Zugehfrau tut das Notwendigste, allein ihm zuliebe, wie sie sagt. Mit viel Mühe hatte er schließlich den Medicus, Sohn des kürzlich verstorbenen alten Arztes, beredet, sich das Mädchen wenigstens einmal anzusehen.

„In jedem Fall ist sie schwanger“, sagt er, vor dem Prediger die Treppe hinuntergehend, und sein einziger Rat wäre, sie vor das Stadttor zu den Papisten zu bringen, denn dort bekäme sie eine Krankensalbung und könne sterben. Überleben würde sie eine Geburt nämlich nicht, ausgezerrt wie sie sei.

Der Prediger sah sie noch vor sich, die kleine Emilia, wie sie behände um die Mutter und den kleinen Heinrich herumfuhrwerkte, um alles so gut wie möglich herzurichten, dort oben auf der Anhöhe in der armseligen Hütte. Selbst das Bild Dorotheas sah er deutlich vor sich, wie sie blöde ihre verstümmelte Hand jedem entgegenstreckte, fordernd, zuckend, zitternd. Auch der Tag, als die Breslauer Calvinisten die Stadt heimgesucht hatten – wie viele Jahre das jetzt schon her war! – fiel ihm ein, und wie er hinterrücks niedergeschlagen und fast zu Tode geprügelt worden war. Und nun? Nun stand er auf seinen Krückstock gestützt in seiner Kammer, sah auf das fiebernde, schwangere Mädchen und versuchte nachzudenken. Es konnte natürlich keine Rede davon sein, Emilia wieder fortzuschicken, nicht in diesem Zustand. Noch hatte weder der erste noch der zweite Prediger etwas verlautbaren lassen, doch es musste ein Entschluss her. Sicher würde auch der Rat der Stadt sich bald mit der Angelegenheit befassen, denn dass der junge Medicus, der so gar nicht nach seinem Vater geraten war, stillschweigen würde, war nicht anzunehmen. Ruchbar war das Ganze ohnehin schon geworden in einer Stadt mit nur wenigen hundert Bürgern, ja man sah ihn während der Früh- und der Nachmittagsmesse, so jedenfalls sein Eindruck, bereits scheel an. Zudem hatten schon sieben der insgesamt zehn Schichtmeister Auskunft verlangt. Doch was sollte er schon berichten, denn es kam ja alle Tage vor, dass Arme und Ehrlose Einlass in die Stadt verlangten und abgewiesen wurden, doch bei einer Schwangeren müsse man eine Ausnahme machen, darauf bestand er, im Namen Jesu. Um des lieben Friedens willen würde er aber schließlich dem Vorschlag zustimmen müssen, nach der Geburt Mutter und Kind in ein Haus vor den Toren der Stadt zu überführen, das einstmals als Pesthaus erbaut worden war und nun den Armen und Kranken und Ehrlosen Unterschlupf bot. Doch so weit war es noch nicht.

Veröffentlicht unter NACHRICHTEN aus den PRENZLAUER BERGEN! | Verschlagwortet mit , , , , | Kommentare deaktiviert für „Ankerlichten“ in Zeiten der Corona (VI), darinnen einleitend ein kluger Rat von Wikentij Weressajew für nichtgedruckte Schriftsteller und zum Geschlechtsleben

„Ankerlichten“ in Zeiten der Corona (V)

Was soll man dazu sagen! Das Durchgerütteltwerden unseres Gemeinwesens angesichts des Corona-Virus‘ setzt sich ungerührt fort, Großkapitalisten, Kriminelle und Radikalinskis kochen ihr je eigenes Süppchen, die Kunst als Solches und Ganzes ergeht sich in kostenlosen Streams zur Erheiterung des bürgerlichen Publikums, während sich die Künstler als Solche nach wie vor arbeitend ihren Kunstwerken widmen, die in der Postcoronamoderne womöglich keinerlei Publikum finden werden, was die Künstler aller Gattungen und Geschlechter allerdings nicht im mindesten anfixt, jetzt ist jetzt, nach uns die Sintflut und ein(en) Hoch auf den Optimistischen Fatalismus sage ich da nur und schwenke hinüber zu dem heute zu präsentierenden Ausschnitt aus meinem Roman Ankerlichten mit der Kapitelüberschrift:

DAS GEBÄLK

Nachdem zu Beginn des Winters ein vom Grafen beauftragter Zimmermann das gemästete Schwein abgeholt hatte, war kein Fremder mehr auf dem Hof gewesen. Anfang Februar aber erschienen drei reisende Musikanten, vor Kälte zitternd und schon ganz blaugefroren, und baten um Unterkunft. Der Bauer hat zwar keinen Sinn für dererlei Leute, doch eine Aufheiterung mochte wohl nicht das Schlechteste sein. Vor lauter Langeweile häuften sich die Streitigkeiten in der kleinen Gemeinschaft. Was sollte man schon tun, wenn alles unter einer alten, festgefrorenen Schneedecke lag, abgesehen von den üblichen Arbeiten im Stall und dem Flachsspinnen. Es wäre wohl doch besser gewesen, alle Männer mit Ausnahme von Engelbert Ende Oktober mit dem Ablauf der Verträge fortgeschickt zu haben.

„In den Tod wirst du sie schicken“, hatte seine Frau eingewandt, und am Ende hatte er nachgegeben.

Er erlaubte den Spielleuten, sich für einige Tage auf dem Hof aufzuhalten. Auch Meister Alberti, der nach wie vor stillvergnügt den lieben langen Tag über seinen Büchern saß, wenn er nicht Heinrich im Lesen und Schreiben unterrichtete, schien einer Abwechslung nicht abgeneigt zu sein. Lächelnd sah er zu, wie die Musiker Radleier, Fidel und Flöte auspackten. Bald auch waren Lieder gefunden, die alle kannten. Die Musiker, die aus dem Hessischen stammten, gaben in ihrer Mundart manche Strophe hinzu, was Anlass genug gab, oftmals lauthals in Lachen auszubrechen. Alberti beteiligte sich nicht an dem Treiben und machte sich stattdessen Notizen zu den Liedern, ließ sich aber immerhin überreden, einen Krug Wein aus seinem Vorrat zu stiften, was die Stimmung weiter verbesserte. Eine der drei Mägde, alle Anna mit Namen, nötigte schließlich auch den still in der Ecke hockenden Heinrich zum Tanz, und natürlich lachte man über ihn, weil er sich dumm anstellte und über die eigenen Füße stolperte. Mit hochrotem Kopf lief er unter dem Johlen der Knechte hinaus und zur Scheune, wo er hoch oben im Gebälk einen Platz hatte, den niemand kannte. Dort lag in einer Aussparung sein Messer, immer noch sein einziger Besitz, und Lindenholzstücke, aus denen er Figuren schnitzte.

Behände wie ein Äffchen kletterte er ins Dachgebälk hinauf und kauerte sich auf einen Balken. Der Schnee schimmerte durch die Ritzen der Verschalung. Von der Musik war kaum etwas zu hören, nur ab und an drang ein schriller Flötenton zu ihm herauf. Er ärgerte sich über Anna.

„Die dumme Hexe“, sagte er laut, „die soll sich in Acht nehmen!“

Plötzlich drang Musik in den Hof, kurz nur, die Tür zum Haus wurde sogleich wieder geschlossen. An den näherkommenden Stimmen erkannte er Anna, die ihn so bloßgestellt hatte, und die ältere Anna, die den linken Fuß ein wenig nachzog. Jetzt bloß keinen Mucks von sich geben, dachte Heinrich, als die beiden Frauen die Scheune betraten. Er hielt den Atem an. Zunächst war nichts zu hören. Dann übergab sich eine der Beiden mehrmals und würgte fürchterlich dabei.

„In deinem Zustand so wild zu tanzen“, hörte Heinrich endlich die Ältere sagen, „das kann nicht gut gehen!“

Schweigen, doch heftiges Atmen.

„Meinst du“, fuhr sie fort, „ich wüsste es nicht. Einer der Herren Kaufleute, die im letzten Sommer wegen dem Meister hier waren, hat in der Nacht die Kammer verlassen. Ich habe es gehört!“

Wieder Schweigen, endlich ein Weinen, das zu einem Wimmern wird.

„Auch ich habe gewartet, aber vergebens.“

Leises Lachen, bis es wieder still ist.

„Er hat mir“, sagt nach einer Weile die Jüngere mit belegter Stimme, „über das Fell geleckt, ganz und gar ausgezogen hat er sich, seine Rute stand mächtig, das kann ich dir sagen. Reiten konnte man darauf, bis ins Schlaraffenland hinein!“

Heinrich wurde ganz seltsam zumute. Sein kleiner Pimmel war steif geworden. Das hatten natürlich die so seltsam gesprochenen Worte gemacht. Nach einer Weile, die Frauen schwiegen, schrumpfte sein Pimmelchen wieder zusammen.

„Die Fut hat er mir geleckt, von oben bis unten, und die Brüste hat er mir gerieben und seine Rute dazwischengesteckt“, kam es dann aber plötzlich wieder aus der Tiefe, kehlig und rau. Schon reckte sich Heinrichs Pimmel wieder auf.

„Und dann“, hörte er weiter, „fuhr er in mich und er keuchte so laut, dass ich Angst bekam, der Bauer würde es hören.“

Pause.

„Ja, und bald“, sagte die ältere Anna leise, „kommt der Herr Kaufmann an der selben Stelle als ein neuer Mensch wieder heraus.“

Meister Alberti ging Ende März, als das Wetter milder wurde, auf Reisen, er hatte sich endlich dazu durchgerungen. Es zog ihn nach Amsterdam, um, wie er sagte, die neuesten Bücher der Wissenschaft zu sehen und zu studieren. Das war nicht gelogen, doch der Hauptgrund lag in der zunehmenden Langeweile, die ihn immer mehr bedrückte und ihm oft sogar das Lesen vergällte. Böse, sein guter Freund, mochte schon recht haben mit seiner Einschätzung. Ich bin also, sagte sich Alberti, nichts weiter als ein verkrachter Student, ein unbeschriebenes Blatt, und wer weiß, vielleicht würde ich sogar in Leipzig freundliche Aufnahme finden. Doch es zog ihn zum Meer, zu den Häfen, zu Menschen aller Herren Länder. Die Oberaufsicht über die wenigen verbliebenen, für ihn selbst unwichtigen Bücher gab er Heinrich, außerdem drückte er ihm ein handschriftliches, sauber in Leder gebundenes Glossar in die Hand, das er einmal in Leipzig bei einer Haushaltsauflösung billig erstanden hatte und das die deutschen Worte für zwei- oder dreihundert lateinische Begriffe alphabetisch auflistete. Das war sein Abschiedsgeschenk an den Jungen. So würde er eine Art von Besitz haben. Er hatte ihm seine Beweggründe genannt, selbst wenn Heinrich nicht alles begriff, hatte ihm von Breslau und auch von Leipzig gesprochen, wo er wohl ebenso gut hätte hingehen können, doch seine Wahl sei nun mal auf Amsterdam gefallen, auch, und da knuffte er dem Jungen in die Seite, der hübschen Frauen wegen, denn schließlich konnten ja wohl nicht nur die im Osten die schönsten sein. Heinrich nickte ernst. Ein seltsamer Vogel ist das, dachte Alberti und packte weiter seine Habseligkeiten.

Als das Pferd, eine Gabe des Grafen, gesattelt und alles Gepäck aufgebunden war, sah sich Alberti nach Heinrich um. Er wollte sich in aller Form verabschieden, doch der Junge war nicht zu sehen. Sicher hockt er in irgendeinem Versteck, dachte er, und beobachtet meine Abreise. Und tatsächlich saß Heinrich oben im Gebälk und sah durch einen Spalt, wie der Meister Alberti mit den Bauersleuten sprach, auch mit der schwangeren Anna, der er zum Abschied die Hand auf die Stirn legte. Dann zog er mehrmals kräftig an den Zügeln, um das nervöse Pferd zu beruhigen, und ritt, ohne sich noch einmal umzuwenden, langsam davon.

(…)

Veröffentlicht unter NACHRICHTEN aus den PRENZLAUER BERGEN! | Verschlagwortet mit , , , | Kommentare deaktiviert für „Ankerlichten“ in Zeiten der Corona (V)

„Ankerlichten“ in Zeiten der Corona (IV)

Seltsames Mit- und Gegeneinander da draußen zu Corona-Zeiten. Wäre das Geschehen ein Krimi, so fragte man sich, wer am meisten von der nun aktuellen Lage profitiert. Dass Einzelne, Firmen, Organisationen und Staaten daraus tatsächlich Profit ziehen, ist allerdings keine Frage, aber auch kein Grund, Verschwörungstheorien zu streuen. Andere wiederum haben den allergrößten Schaden und werden, wie imgrunde Opfer ja ohnehin oft und gerne, vergessen werden. Nach der Corona-Krise ist dann eben Wirtschaftskrise, punktum. Letztens hörte ich im Radio einen Beitrag, in dem es um die Rettung von Tageszeitungen ging und die Frage, ob öffentliche Gelder den coronabedingten Rückgang der Werbung ausgleichen müssten, da sonst ja der kritische Journalismus konkret in Gefahr gerate und damit die Demokratie. Ja, auch da, denke ich, sollte der Staat rettend eingreifend, allerdings stellt sich in diesem Fall die Frage, ob denn nicht endlich auch die Werbeindustrie als tragende Säule der Demokratie anerkannt werden muss, denn wenn Werbung auch in den meisten Fällen zum Konsum von Überflüssigem und Schädlichem verführt und Menschen marken- und konsumabhängig macht, so hat sie doch, so die Botschaft, zugleich die Finanzmittel parat, uns alle vor autoritären Strukturen oder gar einer Diktatur zu retten. Vielleicht, das wird das Beste sein, stimmen wir einfach mal ab.

Nun aber zu Ankerlichten und einem weiteren Ausschnitt aus dem Roman.

AUF DEM HOF

Das Messer hatte Heinrich eines Tages auf dem Schwerter Marktplatz gefunden. Es ist sein einziger Besitz. Oft schnitzt er mit kindlicher Sorgfalt kleine Figuren. Von der Mutter war ihm umständlich und unter Verwendung von Bibelstellen erklärt worden, seine Schwester sei mit den guten Herren gegangen, die ihr die neun Geldstücke gegeben hatten. Doch der kleine Heinrich begriff nicht, um welche Männer es sich handelte. Er konnte sich nicht erinnern. Emilia aber war plötzlich fort gewesen, das begriff er, nur eben nicht, warum sie fort war. Er musste nun allein in den Wald, um Beeren und Wurzeln zu suchen, so viel Angst er auch haben mochte. Weinte er, so schlug die Mutter ihn mit der linken, der heilen Hand, doch waren diese Schläge ungenau und weichlich. Auf die Idee, statt der rechten für alle Verrichtungen die linke Hand zu benutzen und so geschickter zu machen, kam sie nicht. 

Da der dritte Prediger krank zu Bett lag, kümmerte sich niemand um Heinrich und seine Mutter, die bald kaum noch in der Lage war, den Weg nach Schwerte oder gar nach Dortmund zu bewältigen. Stattdessen setzte sie sich an die nahe Straße und bettelte die wenigen Handelsreisenden an oder schickte Heinrich zu den Bauern.

„Da ist ja der kleine Daubenfüßer“, sagten manche spöttisch und oft auch ärgerlich, wenn er wie aus dem Nichts von hinterwärts auftauchte und sie erschreckte. Sie gaben ihm ein wenig zu essen, für die Mutter jedoch gaben sie ihm nichts.

Den ersten Winter nach dem Verschwinden Emilias überlebte Dorothea, im folgenden jedoch fand sie im Wald den Tod. Eines Abends war sie ohne ein Wort durch die Schneeverwehungen in den Wald gestapft und nicht mehr zurückgekommen. Heinrich, der voller Angst und frierend die ganze Nacht gewartet hatte und bei jedem Geräusch aufgeschreckt war, fand seine Mutter am Morgen mitten auf einem zugefrorenen Tümpel. Er betrachtete sie lange. Die Augen weit aufgerissen zu den kahlen Baumkronen hin, die Lippen und Teile der Wangen weggefressen, so lag sie auf dem stumpfen, am Rande mit Schnee bedeckten Eis. Überall waren einzelne Blutspuren, doch die Tiere des Waldes, die die Mutter fressen mussten, waren fort. Heinrich verspürte keine Angst. Es war hell und ruhig im Wald. Dort lag die Mutter. Sie war tot. Er war allein.

Er stapfte zurück zur Hütte, nahm die neun Geldstücke aus dem Versteck neben der Feuerstelle und machte sich auf den Weg. Der Schnee war an vielen Stellen sehr tief und er kam mit seinen kurzen Beinen nur schlecht vorwärts. Oben auf dem Krainberg, gute drei Stunden war er bereits unterwegs, hockte er sich für einen Moment unter den Galgen, der lange nicht benutzt worden war. Das zugeschneite Ruhrtal lag vor ihm, er konnte das dunkle Band des sich durch die Sumpfwiesen schlängelnden Flusses erkennen und den schiefen, ganz und gar schwarz sich abhebenden schiefen Turm von St. Viktor. Von hier aus war es zu allen Bauernhöfen, die er kannte, etwa gleich weit. Heinrich ging in Gedanken die Wege und versuchte, sich die Bauern ins Gedächtnis zu rufen, die gut zu ihm gewesen waren. Oder sollte er zum dritten Prediger gehen, der aber eine Weile schon sich nicht mehr hatte blicken lassen? Wenn er nur wüsste, wo Emilia ist, so würde er so lange gehen, bis er sie gefunden hätte! Es begann wieder zu schneien, bald schon war nichts mehr zu sehen außer dem Gewirre und Geworre der Schneeflocken.

Ein Knecht, der den frierenden und völlig erschöpften Jungen neben der Scheune stehen sah, nahm ihn mit ins Haus, wo die Bauersleute und das Gesinde auf der Tenne zusammensaßen. Niemand achtete auf die Hereinkommenden, denn alles blickte wie gebannt zu einem Mann, der auf einem Hocker vor der Feuerstelle saß und etwas aus einem Buch vorlas. Er formte mit dunkler Stimme langsam Worte, die für Heinrich keinen Sinn ergaben. Nachdem nun der Vorleser nach einer Weile geendet hatte, sah er in die Runde der still Dasitzenden und entdeckte zu seiner nicht geringen Überraschung Heinrich, der mit dem Knecht noch an der Tür stand.

„Du bist der, den manche spöttisch Daubenfüßer oder auch Herrn Daubenfuß nennen“, sagte der Mann endlich mit einem Lächeln in die Stille hinein, „ich habe dich schon einmal gesehen.“

Heinrich nickte, am ganzen Körper zitternd. Ein alter Knecht holte ihn kurzerhand zum Feuer und half ihm aus den nassen Kleidern. Er wurde in eine Decke gehüllt und man bereitete ihm ein Lager nicht weit von der Feuerstelle. Niemand richtete eine Frage an ihn, und noch während im Halbdunkel die Bauersleute leise mit dem Vorleser redeten, wurde er müder und müder. Einige gezischte Worte wie „Franzosenbrut“ und „Teufelsbalg“ hörte er noch heraus, bevor er endlich in einen tiefen, traumlosen Schlaf fiel.   

Man ließ Heinrich in den ersten Wochen all die Arbeiten auf dem Hof verrichten, die ein etwa sieben- oder achtjähriges, nicht sehr kräftiges Kind tun konnte. Er war dafür zuständig, dass der Brunnen nicht einfror, und so sah man ihn Tag und Nacht mit einem Stecken in der Tiefe herumstochern. Eines Tages aber, als endlich Tauwetter eingesetzt hatte, überall tröpfelte und gurgelte es, sandte man ihn frühmorgens mit einem Brief, den der Fremde, der noch immer auf dem Hof weilte, für den Bauern geschrieben hatte, nach Schwerte hinüber. Der Bauer hatte Angst, das zugelaufene Kind einer Hure ohne Wissen und Erlaubnis des Rates zu behalten. Dem Grafen von Hohen-Limburg, Friedrich Moritz zu Bentheim-Tecklenburg, von dem der Bauer das Land gepachtet hatte, würde der Fremde es bei einem geplanten Besuch in dessen Haus persönlich mitteilen. So war es verabredet. Insgeheim hoffte der Bauer, man würde den kleinen Heinrich abholen und in ein Waisenhaus stecken, denn so ein Balg aß mehr als es einbrachte.

Heinrich trottete los. Seine schlechten Schuhe waren schon nach wenigen Schritten durchnässt, der Weg war schlammig, doch er beschloss trotzdem, nicht direkt nach Schwerte zu gehen, sondern einen großen Umweg zu machen. Die Hütte, die er nach gut drei Stunden erreichte, war inzwischen zusammengebrochen, und als er zu dem Tümpel im Wald kam, war von der Leiche der Mutter nichts mehr zu sehen. Nur die kahlen Äste der Bäume spiegelten sich im trüben, toten Wasser, in dem noch einige Eisbrocken schwammen. Er warf einen Stein hinein, dann noch einen und noch einen, und als er keine Steine mehr fand, verließ er den Wald und ging hinunter in die Stadt. Er wollte, das hatte er sich fest vorgenommen, den dritten Prediger fragen, wo Emilia hingegangen ist.

Den Brief legte er, als auf sein schüchternes Klopfen niemand öffnete, vor die Tür des Rathauses. Dann ging er hinüber zur Kirche und fand den dritten Prediger lesend in der Sacristei.

„Heinrich“, rief er überrascht und legte die Broschüre zur Seite, „bist du allein? Wo ist Emilia?“

Heinrich schwieg.

„Deine Mutter ist also tot“, sagte der Prediger nach einer Weile, „und die Teufel werden, daran habe ich keine Zweifel, deine Schwester nach Breslau mitgenommen haben!“

Heinrich warf, statt zu antworten, einen Blick auf die Krücke, die neben dem Prediger gegen die Wand gelehnt stand, drehte sich auf dem Hacken herum und ging grußlos zur Tür hinaus. Der Prediger sah ihm erstaunt hinterher, tat aber nichts und vertiefte sich wieder in den Bericht, der vor einer neuen und zunehmend um sich greifenden religiösen Bewegung warnte, dem Pietismus, dem streng zu begegnen sei. Derweil lief Heinrich alle Wege ab, die er kannte, doch niemand in der Stadt beachtete ihn, niemand sah ihn an, es war, als wäre er unsichtbar, als ginge er wie ein Geist durch die Welt, der Geist eines kleinen Jungen, dem nichts anderes übrigblieb, als weiterzuleben und an seine Schwester zu denken, die jetzt, das immerhin wusste er nun, in Breslau bei den Teufeln ist, wo immer das auch sein mochte. Breslau! Das durfte er nicht vergessen.

(…)

Veröffentlicht unter NACHRICHTEN aus den PRENZLAUER BERGEN! | Verschlagwortet mit , , , , | Kommentare deaktiviert für „Ankerlichten“ in Zeiten der Corona (IV)

„Ankerlichten“ in Zeiten der Corona (III)

In meinem ersten Beitrag „Ankerlichten“ in Zeiten der Corona fragte ich (mich), in welcher Form und Art und Weise ich Ausschnitte aus meinem sich in finaler Bearbeitung befindlichen Roman „Ankerlichten“ in die Prenzlauer Berge stelle. Wie Sie sehen, beschäftige ich mich, bevor ich zum Text komme, jeweils kurz mit der Situation, in der wir alle feststecken, der Corona-Krise. Was tun, was lassen? Interessant ist, dass urplötzlich nun doch offiziell dazu geraten wird, Masken zu tragen zum Schutz vor Ansteckung, was nun heißt, dass es zuvor auch ratsam gewesen wäre. Es sieht also schlicht so aus, dass der Ratschlag zuvor nicht gegeben wurde, weil nicht ausreichend Masken zu bekommen waren, was dann wiederum bedeutet, dass offizielle Stellen ihrer Vorsorgeverpflichtung nicht nachgekommen sind. Wäre, sagt der Zyniker in einem jeden Menschen, ja auch zu teuer gewesen. Also Masken auf, mindestens zum Schutz anderer, falls man selbst Virenschleuder ist, aber sicher auch zum eigenen Schutz, denn jedes Tröpfchen, das nicht meine Schleimhäute befällt, zählt! Beim Einkaufen, beim Entgegennehmen von Paketen etc. trage ich selbst ja schon längst Maske bzw. ein Tuch vor dem Mund, wodurch ich noch vor einer Woche scheele Blicke erntete. Zum Tun gehört für mich allerdings auch, mich nicht gehen zu lassen, vor allem, da ich heuschnupfenbedingtes Asthma habe, so dass ich mindestens einmal die Woche im Havelland und auf dem Barnim Rennrad fahre, zurzeit noch kurze Strecken von ca. 80 km, bald dann so etwa 100 bis 120 km, denn nichts weitet mir die Brust mehr und verhilft mir mehr zum Atmen als Rennradfahren, beständiges, gleichmäßiges Fahren über drei, vier, fünf Stunden hinweg. Eine etwaige Beschränkung dieser Möglichkeit müsste ich umgehen, mit guten Gründen, denn tatsächlich komme ich in meinem Sport mit keinem Menschen in Kontakt, allenfalls entgegenkommende Radfahrer sind auf den Fernradwegen kurz mal direkt neben mir. Also Atem anhalten! So, nun aber zu meinem Text, ein Ausschnitt aus dem aus guten Gründen recht kurzen dritten Kapitel:

NACH BRESLAU

Die aus Schwerte in Richtung Südosten abreisenden Calvinisten führten, ohne dass sie es ahnten, eine seltsame Fracht mit sich. Nur Dorothea wusste davon, denn sie hatte ihre dreizehnjährige Tochter auf dem Wagen der Breslauer versteckt. Sie war den Fremden bei deren Abgang gefolgt und noch eine ganze Weile bettelnd um sie herumgestrichen, ohne dass ihr jemand auch nur die geringste Beachtung schenkte. Alle waren sehr damit beschäftigt, so schnell wie möglich die Weiterreise vorzubereiten. Man war allgemein der Ansicht, in dieser verstockten Stadt nichts ausrichten zu können. Außerdem befürchteten sie einen baldigen Wintereinbruch in den Bergen, die nicht zu umgehen waren, es sei denn, man wählte den Weg über Paderborn, doch eben dort war ihnen auf dem Hinweg Prügel angedroht und schließlich der Wagen angezündet worden.

Als alles aufgebunden und verstaut war, nur die Pferde würden in wenigen Stunden noch anzuschirren sein, gingen die Breslauer zu ihrem Quartier. Dorothea, die sich zusammen mit den Kindern auf dem Friedhof hinter der Kirche versteckt hatte, hörte das Geschlurfe der Schritte. Sie weckte die neben dem kleinen Heinrich schlafende Emilia, nahm die Schlaftrunkene fest bei der Hand und schlich sich in der Dunkelheit vorsichtig bis zu dem Wagen der Fremden, der auf einem kleinen Hof stand. Niemand schien Wache zu halten. Sie drückte ihre Tochter zu Boden und hieß sie flüsternd, dort sitzen zu bleiben, dann tastete sie den Wagen ab, so als befühle sie ein ungeheures Tier, das jeden Augenblick zum Leben erwachen könne, fand endlich einen Verschlussriemen, öffnete ihn und griff hinein. Wachstuch lag obenauf, dann fühlte sie Decken oder Mäntel und darunter Gerätschaften, einen Topf, Radspeichen, Werkzeug, eine kleine Kiste und was sonst noch auf einem solchen Wagen zu finden ist. Behutsam schob sie alles ein wenig auseinander, hielt eine Weile inne, zog und drückte weiter, hielt wieder inne, bis sie endlich einen kleinen Hohlraum geschaffen hatte, in dem Emilia Platz finden würde.

„Komm, Emilia, komm, komm“, stieß sie flüsternd hervor, „komm!“ Sie packte ihre Tochter wie ein Karnickel am Nacken und schob sie auf den Wagen. Emilia ließ alles still mit sich geschehen. Wie oft hatte sie nicht schon davon geträumt, zusammen mit dem kleinen Bruder das Weite zu suchen und die Mutter in der armseligen Hütte zurückzulassen. Auch jetzt überlegte sie, wie sie es anstellen könnte, ihren Bruder zu holen, doch die Mutter hatte den Riemen wieder fest verzurrt.

Was die Männer wohl mit ihr tun werden, wenn sie sie entdeckten, fragte sie sich. Wegjagen, ganz sicher würden sie sie wegjagen. Dann aber würde sie zurück nach Schwerte gehen und Heinrich holen. Wenn sie den Weg fände. Oder sollte sie versuchen, bei ihnen zu bleiben, als Magd vielleicht. Die Mutter war auch Magd gewesen, beim Schichtmeister, daran konnte sie sich erinnern. Sie hatten in einem Verschlag neben dem Stall gelebt und jeden Tag zu essen gehabt.

Sie erwachte, als sie die Pferde schnauben hörte und die Stimmen der Männer. Es ging los. Ein Disput am Stadttor, Flüche und Verwünschungen. Der Wagen schaukelte hin und her und musste aus einem Schlammloch befreit werden. Lange ging es mit Hauruck vor und zurück. Endlich aber war die Ruhr überquert auf knarzender Brücke und der ansteigende Weg trocken. Der Zug der schlesischen Calvinisten war bereits mehr als eine Meile von Schwerte entfernt und schon tief in den Bergen, als einer der Männer Emilia entdeckte. Wortlos starrten sie alle das ängstlich zusammengekauerte Wesen an und beschlossen nach nur kurzer Beratschlagung, sie nach Breslau mitzunehmen. Gott war, daran glaubten sie unwiderruflich, weder ihnen noch diesem Mädchen Barmherzigkeit schuldig. Es lag nicht in ihrer Macht, über des Allmächtigen Gerechtigkeit zu befinden. Sie gaben ihr ein wenig zu essen und ließen es zu, dass sie fortging, wenn sie sich in Städten oder Dörfern aufhielten, fragten aber nicht einmal nach ihrem Namen und kümmerten sich auch sonst nicht um sie. Wenn einer der Männer sie eine Weile ins Auge fasste, zog sie sich auf den Wagen zurück, wo sie schlafen durfte. Der dritte Prediger hatte ihr einmal erzählt, böse Männer trieben Unzucht und übten Gewalt, wenn eine Frau ungeschützt sei, und so war sie vorsichtig. Doch nichts geschah, nichts Gutes und nichts Böses.

(…)

Veröffentlicht unter NACHRICHTEN aus den PRENZLAUER BERGEN! | Verschlagwortet mit , , | Kommentare deaktiviert für „Ankerlichten“ in Zeiten der Corona (III)

„Ankerlichten“ in Zeiten der Corona (II)

Dem Wort Trostlosigkeit ist neue Kraft zugewachsen, das allein ist sicher. Galt zuvor schon eine nicht auf Spaß, Spiel und Unterhaltung getrimmte Umgebung als trostlos, so spüren wir jetzt in der Corona-Krise, dass wirkliche Trostlosigkeit bedeutet, als alter Mensch seine Kinder und Enkel nicht mehr und womöglich nie mehr zu sehen, von Verstorbenen nicht Abschied nehmen zu können, als Arzt oder Ärztin fürchterliche Entscheidungen über Leben und Tod treffen zu müssen. Auch kognitiv eingeschränkte Menschen, die nicht in Gänze begreifen können, was geschieht und warum sich Dinge geändert haben, werden nur schwer Trost finden können. Dagegen ist die momentane Langeweile der Hedonisten geradezu ein Gottesgeschenk. Apropos: Gerade jetzt sind die Gotteshäuser geschlossen und Trost wird digital, per TV, Mail, Brief oder Telefonat gespendet. Aber kann das funktionieren? Ist Trost abstrahierbar, auf Formeln zu reduzieren? Die einfache Antwort wird die sein: nein, so einfach ist es nicht – denn vielmehr ist Trost überhaupt nur zu spenden durch wirkliche Nähe, das heißt durch körperliche Berührung, also durch eben dies, was vielen Menschen nun nicht mehr zuteil wird. So leben wir unvermittelt in trostlosen Zeiten, auch wenn ich persönlich am Credo des optimistischen Fatalismus festhalte, des Trostes halber.

Nun aber zu meinem Roman Ankerlichten, aus dem ich heute einen Ausschnitt des zweiten Kapitels präsentieren möchte.

SCHWERTE

Es ist sommerlich warm am 24. Oktober des Jahres 1687. Schönwetterwolken ziehen gemächlich ihre Bahn, die Sonne steht hell und strahlend am Himmel, während die Bürger der Stadt Schwerte an der Ruhr sich auf dem Markt vor der Stadtkirche St. Viktor um die wenigen Stände mit Gemüse und grobgewebten Stoffen drängeln. Inmitten des Gewühls hängt der kleine Heinrich mit der einen Hand an der seiner Schwester Emilia und mit der anderen am Rockzipfel der Mutter, die die rechte Hand bettelnd den Menschen entgegenstreckt. Daumen und Zeigefinger stehen steif von der Handfläche ab. Drei Finger fehlen. Warum das so ist, weiß Heinrich nicht. Seine Schwester Emilia sagt, es sei Gottes Wille gewesen. Mehr sagt sie nicht.  

Emilia hatte in der offenen Halle des Rathauses gestanden und der Bestrafung der Mutter zugesehen, ihren kleinen Bruder in ein Tuch gehüllt bei sich tragend. Nur der dritte Prediger von St. Viktor, ein kleiner, schmalschulteriger Mann mit melancholischen Gesichtszügen und ganz glatten, schwarzen Haaren, gesellte sich zu ihr und sagte ein paar tröstende Worte. Die Mutter hatte mehrere Tage nacheinander stundenlang am Pranger stehen müssen, weil sie zum zweiten Male unsittlich gehandelt und mit einem französischen Soldaten Unzucht getrieben habe. So jedenfalls lautete die Anklage gegen die Magd Dorothea Holzkötter. Als die Heere Ludwig des XIV. im Jahre 1673 die kleine, nicht einmal tausend Einwohner zählende Stadt brandschatzten, war es ihr noch gelungen, eine Notzucht glaubwürdig zu machen, denn dass die papistischen Teufel zu allem fähig sind, war ausgemachte Sache. Einer der Schichtmeister nahm sie sogar mitsamt ihrer kleinen Tochter als Magd in sein Haus. Als dann jedoch wenige Jahre später die Franzosen wiederum plündernd in Schwerte einfielen, wurde Dorothea erneut schwanger. Sie konnte zwar sowohl die Schwangerschaft als auch die Geburt verheimlichen, doch als Ende des Jahres 1680 der Große Komet am Himmel stand, war sie zum ersten Mal mit dem nur wenige Wochen alten Kind auf dem Markt gesehen worden, kurz vor dem Weihnachtsfest. Dort versetzte ihr die strenggläubige Jungfer Trine Wullenweber statt eines weihnachtlichen Almosens eine Ohrfeige und zeigte sie überdies noch bei der Obrigkeit an. Am selben Tag ertappte man Dorothea bei dem Versuch, ein Brot zu stehlen. Das machte die Sache nicht besser. So nahm der Prozess seinen Lauf, begleitet von Gerüchten und Mutmaßungen aller Art. Ohne den Kometen, so sagten manche, der auch tagsüber deutlich am Himmel zu sehen war und allerlei Ängste auslöste, hätte jene Jungfer womöglich still gebetet statt offen geohrfeigt. Nach einer peinlichen Befragung, die wegen des Gesundheitszustandes Dorotheas vorzeitig abgebrochen wurde, kam es am nächsten Tag zu einem umfassenden Geständnis, denn in ihrer Not folgte Dorothea den Einflüsterungen ihres Peinigers und gestand die zweimalige Unzucht. Der Richtspruch des Schwerter Richters erging im nächsten Frühjahr. Als dann das Urteil kurz darauf höheren Ortes bestätigt worden war, stand der Bestrafung nichts mehr im Wege. Die Verbannung aber, die Dorotheas sicheren Tod bedeutet hätte, wurde ausgesetzt. Der zweite Prediger von St. Viktor, ein massiver, schon älterer und wortgewaltiger Mann, hatte dies erwirkt, so dass es beim Abschneiden dreier Finger der rechten Hand bleiben würde. Dorotheas weinend gestammelte Klage, sie könne nie wieder zu Gott beten, wenn drei Finger fehlten, tat er ab.

„Dann bete, so lange du noch mit gefalteten Händen zu beten vermagst und fortan stille“, sagte er salbungsvoll und verließ die kalte Zelle, um sich zum Mittagstisch zu begeben. Das Urteil bestimmte zudem, Dorothea dürfe sich in Zukunft nur während der Tagesstunden in der Stadt aufhalten, nächtigen aber müsse sie außerhalb der Stadtmauern.

So stand Dorothea an den Tagen vor dem Vollzug der Strafe am Pranger, aufrecht gehalten allein durch Holz und Strick. Das Mitleid der Schwerter, die dieser Tage gerne einen kleinen Umweg über den Markt machten, hielt sich in Grenzen. Die Schichtmeister und die Prediger von St. Viktor konnten aber verhindern, dass die arme Frau noch zusätzlich gequält wurde. Viele hätten es gerne gesehen, wenn ihr die ganze Hand abgeschlagen worden wäre, so wie dies bei Diebstahl gemeinhin üblich ist. Auch der bestellte Abdecker und Scharfrichter Vogt schlug lieber eine ganze Hand ab als nur ein paar Fingerchen. Am liebsten waren ihm Köpfe, eine Vorliebe, die er an all seine Söhne vererbte. In solch einem leider seltenen Falle wäre es zum Kreinberg gegangen, nördlich der Stadt, wo es eine ansehnliche und weitbekannte Richtstätte gab mit einem massiven Holzblock und einem schönen Galgen.  

Obwohl es also nur um Finger und, wie üblich, Ohren gehen sollte, war Vogt an jenem Tag höchstselbst in der Stadt erschienen. Ein vierschrötiger Mann mit schwerem Gang, dichtem dunkelblonden Haar und gestutztem Vollbart und ganz in Leder gekleidet. Er hauste mit seiner Familie auf einem Gehöft südlich der Ruhr, mitten im zum Sauerland aufsteigenden Wald. Der Ort war schwer zu erreichen und die Bauern fluchten, wenn sie, was vorkam, die Kadaver von Rindern und Pferden zu ihm zu bringen hatten. Auch die Seifen- und Leimsieder, die dort Knochenmehl und verfaultes Fleisch und Häute aufkauften, beklagten sich bitter, wenn sie den Weg zu machen hatten. Denn Vogt lieferte nicht. Er wartete. Diejenigen aber, die nicht ihres Gewerbes wegen in diesen Wald mussten, mieden die Umgebung des Gehöfts wie die Pest.

Vogt wurde begleitet von seinem Jüngsten, der ebenfalls ganz in Leder gekleidet war und etwa zwölf Jahre alt sein mochte. Er war zum ersten Mal überhaupt in der Stadt und sollte nun einmal sehen, wie der Vater sein Handwerk auszuüben pflegte. Die anderen Söhne, die alle gerne zur Tat geschritten wären, waren maulend auf dem Hof geblieben. Schwungvoll betrat Vogt nun also um die Mittagsstunde, nachdem in Anwesenheit des Schwerter Richters, dem hochverehrten Johann Christoph Gräving, das Urteil verlesen worden war, das Podest. Alles reckte die Hälse, um nichts zu verpassen. Zwei junge Mädchen fielen in Ohnmacht, bevor auch nur das Werkzeug präsentiert war. Man ließ sie liegen, bis sie sich von selbst wieder aufrappelten. Die Axt, da jedenfalls konnte man Vogt keinen Vorwurf machen, war offensichtlich scharf, und auch sein reichverziertes Messer war geeignet, Haare zu spalten. Vogt wusste natürlich, wie schnell sich die Wut des Volkes gegen ihn richten würde, wenn er es versäumte, sauber zu arbeiten. Das bläute er auch seinen Söhnen ein.

Er sah seinem Sohn tief in die Augen, bevor er zu seiner ersten Amtshandlung schritt und der Magd Dorothea Holzkötter mit einem schnellen Schnitt das linke Ohr abtrennte. Die Verurteilte gab einen erstickten, langgezogenen Laut von sich, der bald zu einem hohen, kaum vernehmbaren Wimmern sich verflüchtigte, das auch nicht wieder anschwoll, als der zweite Schnitt getan war. Alles hielt den Atem an. Vogt nahm zwei Nägel aus der Tasche seines Mantels und nagelte die Ohrmuscheln mit der stumpfen Seite der Axt an das Holz des Prangers. Dann packte des Scharfrichters Sohn, der mit zwei großen Schritten zur Stelle war, ohne weitere Umstände die Frau, zog die instinktiv Widerstrebende nach vorn zu dem Holzklotz, presste den rechten Unterarm der auf die Knie sinkenden Magd mit beiden Händen auf den Klotz, ergriff mit seiner Linken Zeigefinger und Daumen der Hand, zog sie, tagelang hatten Vater und Sohn das geübt, über die Kante, worauf sofort ein einziger gezielter Schlag folgte, mit großer Präzision ausgeführt, der die drei Finger sauber abtrennte. Dorothea schrie auf, sonst aber Totenstille. Eben deswegen schlug Vogt lieber Köpfe ab, dann nämlich entlud sich all die Anspannung mit einem allgemeinen Aufschrei. Die abgehackten Finger warf Vogt den Hunden vor, die die Fingerchen indes nicht bekamen, denn ein ganz Gewiefter, ein noch junger Kaufmann namens Thorbecke, der neuerdings eine Familie zu ernähren hatte, war hinter das Podest geschlichen und sprang nun mit einem Satz auf die drei Finger zu und beförderte sie mir nichts dir nichts in seine Tasche. Die Köter verjagte er mit Tritten. Thorbecke kannte den Aberglauben seiner Zeitgenossen, und nachdem er einige Tage Gerüchte gestreut hatte, verkaufte er die Finger zu einem guten Preis als Talisman an zwei Kaufleute aus Dortmund und an einen Brauereibesitzer aus Unna.

===> (III)

Veröffentlicht unter NACHRICHTEN aus den PRENZLAUER BERGEN! | Verschlagwortet mit , , | Kommentare deaktiviert für „Ankerlichten“ in Zeiten der Corona (II)

„Ankerlichten“ in Zeiten der Corona (I)

Vorgestern, am 29. März des Corona-Jahres 2020, schrieb ich einen Beitrag auf diesem meinem Blog. Auf den Hinweis, ich arbeite nun an der gleichsam finalen Fassung meines historischen Romans Ankerlichten, fragte Alban Nikolai Herbst per Kommentar, ob es denn nicht sinnvoll sei, wie ja auch Die Dschungel stetig tue, immer wieder einzelne Abschnitte nach und nach in die Prenzlauer Berge zu stellen, so dass die Entwicklung des Romans mitgelesen werden könne. Eine gute Idee, der ich folgen werde, nur ist auch hier die Frage zu stellen, in welcher Form und Art und Weise das geschehen soll. Die besonderen Umstände der Corona-Pandemie lassen sich nun sicher nicht vollständig ausblenden, auch nicht bei der Arbeit an einem 2009 begonnenen Romantext, der die Zeit um 1700 behandelt, denn von alltäglicher Routine kann ja kaum die Rede sein, wenn mir schon das Einkaufen von Lebensmitteln mitunter schwere Sorge bereitet angesichts des unsichtbaren Feindes SARS-CoV-2, mal ganz zu schweigen von der Sorge um die Liebsten, die mich umtreibt wie wohl die meisten Menschen auf diesem Planeten Erde.

Nun aber zur Sache: Ich werde Abschnitte des Romans hier einstellen, die gleichsam die vorletzte Version darstellen, da ich am Ende den Roman in einem Rutsch als Ganzes in möglichst kurzer Zeit noch einmal durchsehen werde, um die Version zu erhalten, die einem Lektorat als Grundlage dienen wird, so denn ein Verlag die Lust und den Mut aufbringt, den Roman zu veröffentlichen. Aber soweit sind wir noch nicht, zunächst muss ich die intensivste Arbeit leisten.

Der Roman umfasst zur Zeit 460 Normseiten á 1800 Zeichen, aber da ich eine strikte Verdichtung des Textes anstrebe, rechne ich am Ende mit etwa 400 Normseiten.

Hier also der Beginn des Romans, Erstes Buch, Erstes Kapitel:

SIEBENHUFEN

Johann Bernd der Ältere, Kohlgärtner seines Zeichens, legt das linke Ohr an die Tür seines kleinen armseligen Hauses in Siebenhufen, einer der Vorstädte Breslaus. Er ist eben zurück aus der Stadt an diesem letzten Märztag des Jahres 1676. Über Nacht hatte es noch einmal strengen Frost gegeben, als wolle der Winter einen letzten Gruß senden. So steht er da und friert wie ein Schneider, betrunken wie er ist. Die Hebamme musste wohl, überlegte er, seiner Frau inzwischen Bier oder Branntwein eingeflößt haben, denn Elisabeth, die alle Elisa nennen, fluchte nur noch leise vor sich hin. Manchmal klapperte etwas dort drinnen, ab und an ein Jaulen wie von einem Köter, dem man in die Seite tritt, dann wieder nichts oder nur seinen Namen, Johann. Was hat sie mich nicht verflucht in den letzten Monaten, dachte er. Nicht etwa Gott oder die Kirche oder Jesus Christus hatte sie mit Flüchen belegt, nein, sie verflucht, denkt Johann, immer nur mich. Weil ich sie durch meine Wollust in diesen Zustand gebracht habe. Er lachte bitter auf.

„Dabei ist es doch Gottes Wille, Kinder in die Welt zu setzen“, murmelte er vor sich hin, während er um die Ecke geht zum Pinkeln, denn dass ein Mann auch im fünfzigsten Lebensjahr den Wunsch in den Eingeweiden spürt, mit seiner noch jungen Frau ein Kind, einen Sohn, zu zeugen, darin konnte er beileibe nichts Falsches sehen.

„So hat Gott uns erschaffen“, lallt er, die Hosen wieder zubindend und entschlossen zurückstampfend, „oder etwa nicht!“

Vollkommene Stille ist eingetreten. Nichts mehr ist aus dem Innern zu hören. Er legt das Ohr wieder an die Tür, zuckt aber sogleich zurück.

„Verflucht sei der Hund von einem Schreiner, der Papistenbock“, bölkt Johann los und zieht einen kleinfingerlangen Splitter aus seinem Ohrläppchen. Jammernd läuft er ein paar Schritte, gerät auf eine zugefrorene Pfütze und gleitet aus.

„Zum Teufel“, schreit er und versucht sogleich, wieder auf die Beine zu kommen, schlägt aber wieder hin. Betrunken ist er, in dieser Schenke war er gewesen, die ein junger Kerl aus dem Welschland betreibt. Doch wohin hätte er sonst gehen sollen! Er dreht sich, kommt auf die Knie, auf die Füße, steht, die Arme wie kaputte Windmühlenflügel in die Luft werfend, dann rutscht er mit beiden Füßen gleichzeitig weg und knallt auf den Hinterkopf. Benommen bleibt er liegen. Ein Sausen in seinem Schädel, Sterne sieht er und kein Mensch in der Nähe, ihm zu helfen. Naja, denkt er also, wenn ich schon nicht wieder auf die Beine komme, müde wie ich bin, warum nicht ausruhen, bis die Frau das Balg geboren hat? Ja konnte denn nicht jeden Augenblick die Tür aufgehen und es käme statt einer Schlampampe von Hebamme ein würdiger Herr heraus, ihm seinen Sohn zu bringen!

„Nicht so eine Schlampampe“, begann er laut zu singen, „so schmutzig Weib, wohnt in den Winkeln und stiehlt Männern die Zeit! Kämmt nicht die Haare, voll Flecken das Kleid, halte dich ferne, sonst tut es dir leid! Ha!“

Ich hätte Dichter werden sollen, denkt er und sieht blinzelnd in Richtung Tür, und tatsächlich steht da plötzlich wie aus dem Boden geschossen ein Mann, der etwas in den Armen hält und ihn mit wohltönender Stimme anspricht.

„Es ist dir ein Sohn geboren worden“, sagt der Mann, „ein prächtiges Kind, wie ich es mir prächtiger nicht wünschen kann.“

Und der fremde Herr legt ihm das Kind, eingewickelt in eine golddurchwirkte Decke, in den Arm, ein schönes Kind, ja, das sieht der stolze Vater sofort. Es lächelt ihn an. Auch der würdige Herr lächelt, nein, er lacht sogar, lacht schallend, und seine Augen blitzen geradezu. Und sind da nicht deutlich Hörner auf seinem Kopf zu erkennen! Das Lachen schwillt weiter an, auch das Kind scheint zu lachen. Und hat nicht auch das Kind, sein Kind, sein Sohn, Hörner, Teufelshörner, Satanszacken? Es lacht, hell und schrill, der alte Johann will sich die Ohren zuhalten, doch er hat ja das Kind in den Armen. Endlich aber hält das Balg inne. Besorgt sieht es ihn an.

„Vater, Vater, wie ist dir?“, sagt es schließlich.

Ihm treten Tränen in die Augen. Sein Sohn spricht mit ihm, nennt ihn Vater, liebster Vater.

„Ich habe einen Sohn“, ruft er, „ich habe einen Sohn! Einen Königssohn!“

Endlich gelingt es Elisabeth und Johann, den Vater hochzuheben und ihn in das Haus eines Nachbarn zu bringen. Die Wunde am Kopf muss versorgt werden, aus der nun immer mehr Blut austritt und in einem stetigen Rinnsal dem Vater, der leise vor sich hin jammert, in den Kragen läuft. Von der anderen Seite der Gasse her ist gedämpft ein Schreien zu hören.

„Bleib hier“, sagt Johann zu seiner Schwester, „der Vater braucht uns, er ist durchfroren und blutet.“

Elisabeth nickt und murmelt ein Gebet wider den Teufel, der im Vater wütet und der auch der Mutter zusetzt. Die Geschwister sehen sich wissenden Blickes an, sagen aber nichts. Schließlich finden sich im Haus ein paar saubere Lappen, die sie dem Vater um den Kopf binden. Dann will er wieder hinaus und verlangt Schnaps, den er bekommt.

„Zum Teufel“, schreit er, als er in die dämmerige Gasse tritt, „will denn die Brut nicht hinein in die Welt! Will sie nicht?“

Bereits am gestrigen Tage war mit der Niederkunft gerechnet worden. Die Wehen hatten eingesetzt, ebbten dann jedoch wieder ab. Man legte die Schwangere zu Bett und versuchte sie zu beruhigen, doch je weiter die Nacht voranschritt, desto mehr litt sie Schmerzen. Selbst die Fußfesseln schwollen an und ebenso die Handgelenke, die Ohren, die Augen, der Kiefer, alles tat ihr empfindlich weh, ja der ganze Körper wurde überschwemmt von Wellen des Schmerzes. Sie erbrach das Wenige, was sie zu essen vermochte, selbst das Bier kotzte sie gleich wieder aus. Die Hebamme, eine trotz ihrer jungen Jahre recht erfahrene Frau, die ihren Mann kurz zuvor im Krieg verloren hatte und selbst schwanger war, tat ihr Bestes. Sie fuhrwerkte schwitzend und vor sich hinmurmelnd hin und her, stellte Elisa immer wieder auf und versuchte mit Reiben und Streicheln, mit Heben und Ziehen die Geburt einzuleiten.

„Das Kind lebt“, ruft sie unentwegt, „es bewegt sich!“

Schließlich aber sagt Elisabeth selbst, sie werde sich nicht eher wieder zu Bett legen, bis das Kind heraus sei. Mit vereinten Kräften stellt man die Schwangere aufrecht an einen Pfosten. Die Hebamme befühlt den prallen Bauch, horcht mit dem Rohr, drückt Elisabeth sorgsam in die Hocke und greift mit zusammengeschobenen Fingern tief in die Vulva hinein.

„Hoffen wir auf Gott“, sagt sie.

Da stand Elisa nun an einen Pfosten gelehnt mitten in der Stube, während ihr besoffener Mann in der Dunkelheit vor dem Haus wartete und lauschte, ob denn nicht endlich das Kind heraus sei. Am frühen Morgen schon hatte er bei Eiseskälte, stocknüchtern noch, hier gestanden, sechs oder sieben Nachbarinnen drinnen in seinem Haus, aus dem er selbst ausgesperrt war. Erschöpft und geistesabwesend kamen sie heraus, um Wasser zu holen oder ein wenig Luft zu schnappen. Ein Schwall Wärme quoll aus der Türöffnung, ein scharfer Geruch nach Schweiß und Kotze. Alle sahen ihn böse an und sagten kein Wort. Und da war er eben nach Breslau in eine Schenke gelaufen, statt in der Kälte zu warten. Es ist nicht meine Schuld, hatte er gedacht, dass eine Frau unter Schmerzen gebären muss, es ist der alte Adam, der die Sünde in die Welt gebracht hat. Keine ihrer Geburten aber war so schwer verlaufen. Niemals waren die Schmerzen so stark gewesen. Und je länger eine Geburt andauerte, das wusste er, desto mehr schwoll das Gerede in Siebenhufen an, das Kind sei womöglich vom Teufel besessen, eine Nottaufe nötig, die die Hebamme vornehmen müsse, wenn es tot zur Welt käme oder gar schon, bevor der kleine Leichnam aus der Frau herausgezogen wurde. So redeten die Leute, das hatte er selbst oft gehört. Aber auch seine eigene, innere Stimme war jetzt schrill und böse, denn wie sollte er wissen, was es zu bedeuten hatte, dass seine Frau nicht niederkam.  

Er konnte sich gut an die Nacht erinnern, in der er das Kind zeugte. Tagsüber hatte es Streit gegeben, wie so oft, es ging um Johann, der Kretschmar werden wollte mit seinen bald sechzehn Jahren. Die Mutter sagte, ein Säufer in der Familie sei genug, sie erlaube es nicht, dass ihr Sohn sein Leben im Wirtshaus zubringe. Am Ende hatte man sich wieder vertragen und ein Gebet gesprochen. Als aber alles bereits schlief und schnarchte, nicht nur seine Frau, sondern auch der Sohn und die vier Töchter, da erstanden in ihm Gedanken, die seine Wollust steigerten. Er betete, es möge nicht nur die Schwüle der Luft sein oder eine Versuchung des Teufels, die sein Glied aufrichtete und pulsieren ließ. Aber nachdem er leise noch ein weiteres, langes Gebet wider den Teufel und die Wollust verrichtet hatte, die sich dadurch aber noch zu steigern schien, schlich er im grauen Zwielicht in die Kammer und holte das Beischlaflaken. Seit drei Jahren war es nicht benutzt worden. Sich das Hemd über den Kopf ziehend weckte er seine Frau und bedeutete ihr, sie möge sich bereithalten.

„Glaube mir, liebe Frau“, flüsterte er, „Gott der Herr gab mir einen Fingerzeig.“

Er half ihr das Hemd auszuziehen und legte das Laken über sie, so dass unten die Füße herausragten und oben der Kopf. Dann suchte er die kleine Öffnung, führte sein Glied hindurch und drängte hinein. Doch er bemerkte den Schmerz, den er ihr bereitete, löste sich und schlich wie ein Satyr, nur mit seiner Männlichkeit bewaffnet, durch das wie mit angehaltenem Atem verharrende Haus. Er suchte eine Weile tapsend an der Feuerstelle herum und fand endlich den Krug mit Schmalz, schlich zurück und reichte das Gefäß seiner Frau. Es ist, dachte er des Morgens beim Erwachen, wirklich viel Wollust in mir gewesen, und mochte es am Schmalz gelegen haben oder daran, dass er kein junger Mann mehr ist, es wollte zu keinem Ende kommen. Er fuhr ein und aus, wieder und wieder, er geriet in Schweiß, kaum noch spürte er sein Glied. Er glühte am ganzen Leib. Aber auch Elisabeth geriet in Hitze, strampelte das Laken von sich und starrte ihn im Dämmerlicht an wie ein waidwundes Tier. Schmerzhaft gruben sich ihre Fingernägel in seinen Rücken. Die Geschwister indes lagen lange schon wach und lauschten erregt und ängstlich. Elisa war bald nur noch ein einziges langgezogenes, auf- und abschwellendes leises Jammern, sie vermochte sich nicht zu wehren gegen das Zittern und Wogen in ihrem Leib, gegen das Aufbranden all der Glut, und erst als sie wie besinnungslos auf ihn einschlug, mit den Fäusten auf seinen Hintern und Rücken, entlud er endlich, japsend und kehlig, als täte er seinen letzten Atemzug auf Erden.

(…)

===> (II)

Veröffentlicht unter NACHRICHTEN aus den PRENZLAUER BERGEN! | Verschlagwortet mit , , | 2 Kommentare

Corona, Roman und alle Zukunft jetzt

Als selbständiger Schriftsteller nun die vom Berliner Senat ausgelobte Finanzhilfe zu beantragen, ist mir nicht einmal in den Sinn gekommen. Erstens habe ich einen kleenen Nebenjob, der nun allerdings ruht und mir nur das reduzierte Kurzarbeitergeld einbringt, und zweitens glaube ich nicht daran, in Berlin ohne Schmiermittel etwas bekommen zu können. Dass zudem das Geld nicht für alle reichen wird, hat Alban Nikolai Herbst ohnehin kurz mal ausgerechnet, und damit ist die Sache für mich endgültig durch. Bleibt nur zu hoffen, dass möglichst viele von denen, die es unbedingt brauchen, es trotzdem auch wirklich bekommen.

Ich arbeite derweil weiter an der Überarbeitung meines historischen Romans Ankerlichten, und es berührt mich nicht im mindesten, dass die Aussichten, ihn zu veröffentlichen, noch schlechter werden könnten, weil womöglich kleine und mittlere Verlage aufgeben werden müssen angesichts der Corona-Umwälzungen. Und dass ein großer Verlag meinen Roman nicht veröffentlichen wird, war auch ohne Krise immer klar, also auch daran ist kein Gedanke zu verschwenden. Hauptziel ist es allein, den mir bestmöglichen Text herzustellen, und einen Privatdruck für meine treuen Leser soll es ja auf jeden Fall geben. Das Schöne übrigens an der Arbeit ist nicht zuletzt die Epoche, in der mein Roman sich abspielt, um 1700 nämlich, denn naturgemäß gab es zu dieser Zeit nicht einen Bruchteil der uns Westlern noch bis vor kurzem so gewissen Sicherheiten, eine Zahn- oder Blinddarmentzündung konnte das Ende bedeuten, ebenso wie eine Hungersnot, eine Seuche oder ein Krieg, ein Überfall auf Reisen, ein Schiffsuntergang und so weiter. Eine Folge des daraus sich ergebenden Bewusstseins des Hier & Jetzt war, dass niemand auf die Idee kam, eine Arbeit unnötig zu verschieben. So gesehen ist nun eine Zeit der Konzentration angebrochen, auch wenn sich jeder Einzelne (m/w/d) sicher sein darf, dem Corona-Virus nicht zum Opfer zu fallen. Wäre ja auch zu blöd, jetzt, wo doch Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft so schön zusammenfallen, ja geradezu implodieren. Also, auf ein mehr oder weniger fröhliches Schaffen!

Veröffentlicht unter NACHRICHTEN aus den PRENZLAUER BERGEN! | 2 Kommentare

Virenschleuderausweichen in den Prenzlauer Bergen

Die Sonne, der kaltblaue Himmel, da muss der Mensch zu allen Zeiten hinaus an die frische Luft, die zurzeit womöglich wirklich frisch ist angesichts des ausgedünnten Straßenverkehrs. Wenn da nur die Virenschleudern nicht wären, die man angesichts der Corona-Krise nicht einmal auf die vorgeschriebene Mindestentfernung von 1,5 Metern an sich herankommen lassen will. Kinder, Mütter, Väter, Jugendliche und junge Erwachsene sind es, die besonders viele Corona-Viren im Rachen zu kleben haben und sie dementsprechend in großen Mengen in die Welt atmen, niesen, husten und schmieren. Ausweichen ist die Devise, geht man denn tagsüber spazieren. Ein ständiges Abwägen ist notwendig, wer denn wohin will auf dem Gehweg, ob man zwischen zwei Zweiergruppen ausreichend Platz findet, wer nun das kleinere Übel ist, wenn es doch einmal zu nahe zu werden droht, usw. Als die allerbeste Strategie hat sich das Gehen auf der Straße erwiesen, aber ich warne ausdrücklich davor, dies mir nachzutun! Bleiben Sie auf dem Gehweg!

Veröffentlicht unter NACHRICHTEN aus den PRENZLAUER BERGEN! | Verschlagwortet mit , , | Kommentare deaktiviert für Virenschleuderausweichen in den Prenzlauer Bergen

Niesnutz oder: Der Corona-Virus macht Hackepeter und am Ende blüht die Fäkalie

Der Corona-Virus ist, wie alle Viren, für das menschliche Auge wirklich unsichtbar und kann nur mittels mehr oder weniger gelungener künstlerischer Darstellungen visualisiert werden. Immerhin aber ist sicher, dass die Corona-Viren nicht selbständig fliegen, also mitsamt ihrer Wassertröpfchen letztlich nur nach unten fallen können, bevor wir sie einatmen. Leider aber wird der Ratschlag, durch die Haut zu atmen, viel zu wenig beherzigt, so dass manch Virus munter von Schleimhaut zu Schleimhaut katapultiert wird. Ein Vorteil aber des Corona-Virus wird sich bald schon zeigen, wenn nämlich das Finanzwesen auf dem selbstgedruckten Geld sitzen bleibt, weil die wegen der Corona-Virus-Turbulenzen Insolvenz anmeldenden Firmen das schöne Geld aus all den schönen Krediten mit ins Businessgrab nehmen. Dann muss das unsichtbare Buchgeld nur noch rückstandslos aus allen Bilanzen gelöscht werden und schon hat das verbliebene Geld ein Gegenüber, nämlich einen Gegenwert. Das ist natürlich laienhaft gedacht und lässt völlig außer Acht, dass der Virus des kriminellen, unethischen Tuns nach wie vor lebendig ist wie eh und je, die Profiteure also schon in den Startblöcken hocken und nur darauf warten, zuzugreifen. Welch schöner Stoff für zukünftige Projekte im so beliebten Segment des realistischen Romans oder besser noch der knallhart-bösartigen Fernsehserie – ein bisher gänzlich unbescholtener, mittelständischer Toilettenpapierhersteller aus der niedersächsischen Kleinstadt Hackepeter riecht das große Geschäft, niest bei einem Branchentreffen allen Konkurrenten kräftig ins Gesicht, behauptet aber, er sei nicht etwa krank, das Ganze auch wirklich nur ein Scherz. Natürlich lassen sich die Konkurrenten, die über die Scherze des Hackepeters überhaupt nicht lachen können, sofort auf den Corona-Virus testen, und siehe da, der zuvor von unserem Protagonisten bestochene, drogensüchtige Mediziner attestiert allen Angeniesten den Empfang und die Einverleibung des Corona-Virus und ordnet mittels des ahnungslosen Gesundheitsamtes zwei Wochen Quarantäne an. Diese Zeit nutzt der Hackepeter gnadenlos aus, so dass am Ende, sagen wir mal nach vier Staffeln und insgesamt vierundzwanzig Folgen, nur noch das Hackepetertoilettenpapier auf dem Markt ist, denn gutbezahlte und überaus gewiefte Lobbyisten haben dafür gesorgt, dass Toilettenpapier aus Hygiene- und Gesundheitsgründen nicht mehr eingeführt werden darf. Gleichzeitig ist mittels Auftritten in den Medien die Beliebtheit des Toilettenpapierherstellers Hackepeter bei der Bevölkerung derart gestiegen, dass er gar nicht anders kann als eine Partei zu gründen und das Amt des Bundeskanzlers anzustreben, welches er dann auch am Ende fröhlich winkend antritt. Und das ist natürlich nur gut und gerecht, denn wer hat schließlich, so heißt es im Volksmund, uns durch heroisches Aufrechterhalten der Toilettenpapierherstellung den Arsch gerettet: der Hackepeter!

Norbert W. Schlinkert, Corona-Schwein (II)

Veröffentlicht unter NACHRICHTEN aus den PRENZLAUER BERGEN! | Verschlagwortet mit , , , | Kommentare deaktiviert für Niesnutz oder: Der Corona-Virus macht Hackepeter und am Ende blüht die Fäkalie