Tauwetter, Eisblumen und Thomas Pynchon

Heute ist Europatag und gestern hatte Thomas Pynchon Geburtstag. Jedem Tag sein Pflock, auf daß wir balancierend von einem zum nächsten gelangen. Dem Geburtstag jedenfalls wurde im Büchermarkt des Deutschlandfunk mittels einer Collage gefrönt, die allerhand Stimmen und Vorgetragenes vereinte, wenn auch, wenn ich mich nicht täusche, nur männliche Stimmen zu hören waren. Der Moderator der Sendung malte zuvor die schönsten Lobpreisungen in den Äther, die am pynchonschen Firmament sogleich eisblumengleiche Sternbilder ausbildeten, so als sei der Autor bereits unter die Götter versetzt. So etwas gefällt Denis Scheck, und da er in bezug zu seinen Heroen der amerikanischen Literatur ohnehin ein allein dienendes und lobpreisendes Verhältnis hat, traf es sich gut, daß ein Geburtstag zu feiern war. Wer gratuliert schon einem Geburtstagskind mit Herumkrittelei? Einzig ein Wortbeitrag dieser Geburtstagscollage, die wahrscheinlich von einem Praktikanten zusammengestellt wurde, wirkte ein wenig subversiv, denn da sprach doch ein Jemand davon, daß der Roman an Bedeutung noch weiter abnehmen werde, seine Zeit nach zwei oder drei Jahrhunderten eben abgelaufen sei, ja daß auch die wissenschaftliche Beschäftigung mit Literatur sich bald schon in kleinste Zirkel verdichten würde, ganz ähnlich wie dies den Fächern Altgriechisch und Latein geschehen sei. Und was hat das mit Pynchon zu tun? Einen Gruß jedenfalls an den Praktikanten, denn ein wenig Tauwetter im Kopf kann nicht schaden, das spült einiges hinfort und sorgt für neue Bewegung und neue Triebe, aus denen Bäume werden, die man dann wieder zu Pflöcken verarbeiten kann. Zum Europatag sag ich mal nix, das gehört sich nicht.

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