O tempora, o mores

Das Klagen über die Zeiten hat immer Hochkonjunktur, denn die Zeitläufte nehmen den Menschen einfach mit, selbst wenn er nicht will. Sich in die Vergangenheit zu wenden, wie so mancher Dichter der Romantik, funktioniert aber nur selten und dann auch nur eine kurze Weile. Auffällig ist aber, daß immer sozusagen plural geklagt wird, nicht die Zeit ist schlecht, sondern die Zeiten. Mit den Sitten, über die auch immer gerne gemurrt wird, steht es etwas anders, denn die Einzahl von Sitten wäre die Sitte, also eine Behörde, deren beste Zeiten in der Vergangenheit zu verorten sind. Dabei ist es heutigentags schon mehr als augenfällig, daß die Sitten verdorben sind, etwa am Finanzmarkt, dort aufgrund des Rückzugs des sogenannten Staates, dem die Handlungsfreiheit des Geldhändlers wichtiger ist als die des Geldverdieners. Im Leben der einzelnen Menschen zeigt sich dagegen immer mehr eine Nichtverortung des Einzelnen, der gegenwärtig überall sein kann, nur nicht da, wo er ist, denn es wird zwar viel kommuniziert, doch selten mit dem Gegenüber. Der ferne Mensch wird dagegen ständig angesimst oder gar angerufen. Ich übertreibe natürlich – ein wenig. Ich kann mich noch gut an ein Gespräch erinnern, das nach einer Verstimmung zwischen einem Freund und mir notwendig geworden war. Leider wurde er mehrmals angerufen, es waren wichtige Dinge zu klären, Termine abzustimmen und so weiter. Ich hatte mein Handy zuvor ausgemacht. Jedenfalls war das das Ende der erst beginnenden Freundschaft, die Klärung mißlang. O Zeiten, o Sitten, sagte ich mir damals schon, und auch heute gehe ich davon aus, daß der mit mir verortete und gegenwärtige Mensch mit mir seine Zeit verbringt und nicht mit Außerirdischen. Letztens sah ich des öfteren junge Menschen in der Kneipe sitzen, die sich stumm gegenübersaßen und immer wieder ihr Gerät rausholten, um zu senden, wohl um sich zu vergewissern, daß sie noch wahrgenommen werden von der Welt. Tja, ich nahm sie wahr, wenn auch nur als arme Schweine. O tempora, o mores.

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