O tempora, o mores

Das Klagen über die Zeiten hat immer Hochkonjunktur, denn die Zeitläufte nehmen den Menschen einfach mit, selbst wenn er nicht will. Sich in die Vergangenheit zu wenden, wie so mancher Dichter der Romantik, funktioniert aber nur selten und dann auch nur eine kurze Weile. Auffällig ist aber, daß immer sozusagen plural geklagt wird, nicht die Zeit ist schlecht, sondern die Zeiten. Mit den Sitten, über die auch immer gerne gemurrt wird, steht es etwas anders, denn die Einzahl von Sitten wäre die Sitte, also eine Behörde, deren beste Zeiten in der Vergangenheit zu verorten sind. Dabei ist es heutigentags schon mehr als augenfällig, daß die Sitten verdorben sind, etwa am Finanzmarkt, dort aufgrund des Rückzugs des sogenannten Staates, dem die Handlungsfreiheit des Geldhändlers wichtiger ist als die des Geldverdieners. Im Leben der einzelnen Menschen zeigt sich dagegen immer mehr eine Nichtverortung des Einzelnen, der gegenwärtig überall sein kann, nur nicht da, wo er ist, denn es wird zwar viel kommuniziert, doch selten mit dem Gegenüber. Der ferne Mensch wird dagegen ständig angesimst oder gar angerufen. Ich übertreibe natürlich – ein wenig. Ich kann mich noch gut an ein Gespräch erinnern, das nach einer Verstimmung zwischen einem Freund und mir notwendig geworden war. Leider wurde er mehrmals angerufen, es waren wichtige Dinge zu klären, Termine abzustimmen und so weiter. Ich hatte mein Handy zuvor ausgemacht. Jedenfalls war das das Ende der erst beginnenden Freundschaft, die Klärung mißlang. O Zeiten, o Sitten, sagte ich mir damals schon, und auch heute gehe ich davon aus, daß der mit mir verortete und gegenwärtige Mensch mit mir seine Zeit verbringt und nicht mit Außerirdischen. Letztens sah ich des öfteren junge Menschen in der Kneipe sitzen, die sich stumm gegenübersaßen und immer wieder ihr Gerät rausholten, um zu senden, wohl um sich zu vergewissern, daß sie noch wahrgenommen werden von der Welt. Tja, ich nahm sie wahr, wenn auch nur als arme Schweine. O tempora, o mores.

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8 Responses to O tempora, o mores

  1. franz wanner sagt:

    hat mich berührt
    hier scheint auch jemand zu sein, der aus aufmerksamer Beobachtung heraus den Würgegriff der Vereinsamung spürt. Das Schlimme daran ist ja, dass man sich an Vereinsamung nicht wirklich beteiligen kann.
    Es ist schon frappierend, wie Sprache immer wieder auch Sinn einfordert, um sich vom Geräusch abzuheben – egal ob gesprochen oder geschrieben. Auch in größter und meinethalben angeregtester Gesellschaft gefriert das Herz, sobald klar ist, die Außenwirkung mag das Bild einer lustigen Truppe, einer verbundenen Gemeinschaft vermitteln, in der Innenwirkung zeigen sich aber nur isolierte Einzelne, zwischen denen weder Kommunikation, noch Verständnis, noch Interesse funktionieren. Gipfel der Restgemeinsamkeit ist Rücksichtnahme. Soll doch jeder… Nennt sich moderne Zivilisation. Wie passend.
    o tempora, o mores

  2. Ich bevorzuge das Gespräch unter vier Augen mit Menschen, die ihr Handy gar nicht erst hervorkramen, wenn’s dödelt. Absolut pessimistisch bin ich aber nicht, was die Kommunikation der Zukunft angeht, denn die nächste Generation ist ja mit den technischen Möglichkeiten schon aufgewachsen und macht es vielleicht wieder anders. Wir werden sehen.

  3. franz wanner sagt:

    Wer braucht schon Pessimismus? Und absoluter wäre doch verrückt.
    Ich denke, es geht nicht um mediale Möglichkeiten oder ein Verzicht darauf.
    Meine Beobachtung lassen mich befürchten, dass sprache und Kommunikation an (Sinn)Bedeutung einbüßt und nur noch der Suche helfen, irgendwo und -wie eine „gefühlte“ Übereinstimmung zu finden, eine Selbstbestätigung eigener Gefühle. Was dabei gesagt wird, wird beinahe egal.
    „So meinte ich das nicht/ so meinte ich das“ – höre ich oft und es wäre fast grausame Zurückweisung, dann zu fragen, warum nicht so gesagt.
    Dabei liegt in der verbindlichen Übereinkunft, was Worte bedeuten, die Wurzel menschlicher Entwicklung und seiner Sozialität. (Dabei seien die
    Bedeutungsvarianten und der Sprachwandel durchaus berücksichtigt)

    Aber die, die sich so oft verstehen, verstehen sich oft nicht, sondern sind nur vermeintlich in Ansicht, Stimmung und Gefühlsbogen überein.
    Wäre nicht schlimm, wenn es nur um Slang und Gruppensprachen ginge.

  4. Ich teile Ihre Einschätzung, denn das Gesagte scheint mir oft vorgeprägt zu sein von dem, was die Medienwelt so liefert. Darum zu ringen, wirklich eine eigene Form des Ausdrucks zu finden, scheint vielen sicher unnötig zu sein, schließlich hat das Gegenüber ja einigermaßen verstanden. So bleibt vieles unverbindlich. Einen persönlichen Brief mit der Hand zu schreiben, um etwas Wichtiges zur Sprache zu bringen (= zur Welt zu bringen), wäre für viele jüngere Menschen heutzutage wohl kaum noch machbar, scheint mir. Aber wer weiß, vielleicht erlebt diese Kulturtechnik des Briefeschreibens ja bald wieder eine Renaissance!

  5. franz wanner sagt:

    Möglich.
    Wie die Schallplatte als elitäres Artefakt überlebt, mag auch Briefe zu schreiben, eine Wiederbelebung erfahren. Dann auch elitär. Entweder aus Imagegründen oder aus Lust an der Mühe.
    Die Versandlogistik spricht dagegen und auch das Überangebot an Textversatzstücken. Das kann depressiv machen, den „besseren“ Text schon vorzufinden. Lieber eine SMS.
    Mit der Reduzierung der Schreibschriften im Schulbetrieb voriges Jahr auf die Pseudodruckschrift besteht aber wieder Hoffnung.
    Denn damit wurde nicht „unnötige“ Zeit gespart, sondern notwendige Zeit und Bewegung für kognitive Prozesse abgeschafft. wird sich rächen.
    Falls es noch jemanden gibt, der das geistig zu erfassen vermag. Normal ist der Durchschnitt der Mehrheit und so ändern sich die Normen. aber das ist ein anderes Thema.
    Anmerken will ich noch, es geht nicht nur darum, Gedanken in eigener Form zum Ausdruck zu bringen, sondern nachgerade auch eigene Gedanken. Gedanken sind ja das Resultat von Denken. Wenn ich aber in der Aservatenkammer des Hirns nur günstig bewährte Bausteine abzurufen brauche, denke ich aus Effizienzgründen einfach nicht mehr. Ist keine willentliche Entscheidung. Die Anstrengung, es trotzdem zu tun, wäre ein Willensakt. Das hat aber nun schon fast wieder den Charakter der Rebellion.
    Als bewährt geltende Sachverhalte/Ergebnisse gelten gemeinhin mehr, als weniger perfekte Schlussfolgerungen, da ja nicht alles immer neu erfunden werden muß.
    Als zynischer Optimist oder optimistischer Zyniker bin ich aber überzeugt, das hier ein Feld für selbstbewußtes Abgrenzen entsteht. Das wird vielleicht wieder Begehrlichkeiten wecken.

  6. Wenn ich am Abend spazieren gehe, höre ich tatsächlich immer wieder Teile von Gesprächen (ich gehe ja bei gutem Wetter an aberhunderten von Gasthaustischen vorbei und überhole auch oft Gehende), bei denen die Menschen sich eigentlich immer nur zu ergänzen suchen, wie bei einem Puzzle, bei dem alle Teile überall hin passen. Alles völlig witzlos, nie höre ich mal einen Widerspruch, immer nur Ergänzungen, so als vollziehe sich das alles automatisch, wie allein zur puren Unterhaltung gedacht. Man selbst kann es natürlich anders machen und sollte es auch, denn das Selberdenken ist doch das schönere!

  7. franz wanner sagt:

    Das meinte ich. Im Würgegriff der Vereinsamung.
    Ergänzungen und Gemeinsamkeiten sind ja immer eine schöne Sache. Woran aber mißt man die? Entweder wohl doch an den Unterschieden oder wohl durch die Orientierung auf eine gemeinsames Ziel.
    Ergänzung gibt es ja zweifach. 1. die Komplettierung 2. als Bereicherung
    Erstens ist lediglich die Aufhebung eines Mangels. Danach dann wieder die ungestörte Ruhe. Aber zweitens wäre die Auseinandersetzung mit Unbekanntem. Wer sich Unbekanntem aber ohne Neugier, Fragen, ohne Prüfung und Abwägung, also ohne Widerspruch stellt, ist Kind des Schicksals, kein denkendes ICH.
    Widerspruch ist ja kein Dagegen, sondern die Prüfung für ein gemeinsames dahinterliegendes Anliegen.
    So etwas scheint es kaum noch zu geben. Zuwendung ist heute maximal die Zurückhaltung, um nicht zu stören, weil man selber im eigenen Ding nicht gestört werden will.
    Und wenn das das letztlich verbliebene Ziel ist, ist die Einsamkeit geradezu vollkommen.

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