Indifferentisterei

Manchmal ist es schwer, an der eigenen Arbeit dranzubleiben – in meinem Falle ist das momentan die sich dem Ende zuneigende Romanüberarbeitung – und sich nicht nach der üblichen Leibeigenschaft und dem Lohnsklaventum zu sehnen, Zustände, mit denen die meisten Menschen sich so überaus zufrieden, ja glücklich wähnen, wenn sie denn auserkoren sind, teilzuhaben. Was mag da bei mir nur schiefgegangen sein, frage ich mich, fehlt es mir etwa an Demut gegenüber der Schöpfung der Marktwirtschaft, fehlt mir der Glaube an die Vorherrschaft des kapitalistischen Systems, oder aber fehlt mir die Naivität, an die Durchschlagskraft eines bestimmten Gegenmodells zu glauben oder gar der allesvernebelnde Blick, der so vielen Menschen in den entscheidenden Augenblicken Energie verleiht? Jedenfalls fehlt mir etwas, das ich mir jetzt nicht mehr beschaffen kann, das mir niemand freiwillig geben würde, selbst wenn das ginge – und so muß ich wohl mit dem Vorlieb nehmen, was ich tatsächlich habe und mit dem ich tatsächlich arbeite. Ich empfinde dieses Arbeiten und alle meine dazu benötigten Fähigkeiten und das dazu benötigte Wissen jedenfalls als so etwas wie meine klarstmögliche Positionierung in dieser Welt, während ich öfter und in der letzten Zeit wieder einmal verstärkt erfahren muß, daß mich einige sich klar positioniert dünkende Zeitgenossen als einen Indifferentisten empfinden, auch wenn sie das nicht so ausdrücken würden, selbst wenn sie dies läsen, was sie sicher nicht tun. Ich fürchte übrigens, der Beurteilung meiner Person liegt in einigen Fällen charakterliche Schwäche und auch partielle Dummheit zugrunde, was aber zum Glück von Menschen ausgeglichen wird, die offen und herzlich, erwachsen im besten Sinne sind, die das gedeihliche Miteinander, das Decorum, eben nicht allein als Wirtschaftsfaktor sehen oder als Selbstbedienungsladen, in dem der am meisten abgreift, der am besten klauen kann, sondern als Möglichkeit, es allen gut gehen zu lassen. Aber was rege ich mich auf, sage ich mir immer wieder, ist doch gut, wenn sich die Spreu vom Weizen trennt.

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