Interviewprotokoll, roh

(Audio-Protokoll Telefon-Interview, Ostersamstag 19. April 2014, P.E. / N.W.S. 09:04 Uhr ff., abgebrochen. Rohfassung, unautorisiert, Stand 19. April 2014, nicht angefragt, verworfen)

– Guten Morgen! Sie leben seit nunmehr 17 Jahren in Berlin …

– Ostberlin! Prenzlauer Berg.

Würden Sie, äh, die Stadt als …

– Wissen Sie, ich stamme ursprünglich aus dem Westen der Republik, ewig schon weg von dort, nie wieder hin, und wenn ich etwas nicht vermisse, dann dieses ewige Gemotze da. Dieses Runtermachen. Die da und der da und die da: alles Betrüger, alle pöstchengeil, denken nur an sich, lügen wie gedruckt. Und so weiter. Klar, das hat nicht per se etwas mit Westdeutschland zu tun, aber ich habe es dort als das erlebt, als Kind, als Jugendlicher, also als das, was es ist, als lebensvergiftend nämlich. Bleibt man im Lande, also im sogenannten NRW, in meinem Fall, dann bleibt einem am Ende nur die Verhohnepiepelung seiner selbst, können ja so toll über sich selbst lachen, heißt es dann, oder die Verwandlung in eine singende Herrentorte, oder so, kann man machen. Ich kann aber nicht singen, verstehn Sie.

– Wie sieht ihre Stratagie aus, dem, ähm, zu begegnen, was Sie als eine Kultur, oder doch eher, ähm, als eine Unkultur des Motzens und Runtermachens beschreiben?

– Ich neige dazu, das Gegenteil zu machen, alle Menschen zunächst einmal zu respektieren und für das zu bewundern, was sie tun, ausgenommen nur die, die Dinge tun, die sich nicht bewundern lassen.

– Die wären?

– Bomben auf Menschen werfen, betrügen, Kinder schlagen, Fahrräder klauen, Profit aus dem Elend …

– Verstehe!

– Ist aber nicht das Gelbe vom Ei, eigentlich eine falsche Strategie.

– Wa…

 – Weil dann die, die diese Lobhudelei mitbekommen, ich erinnere mich an Zustände leichter geistiger Umnachtung meinerseits, gebe ich zu, in denen ich voller Lob von Abwesenden erzählte, womöglich glauben dann alle anderen, man höbe, sagt man das so, höbe?, diese Leute in den Himmel, während man sich selbst und die aktuell Anwesenden kleinmachte. Dabei liegt mir nichts ferner als Andere, also nicht Anwesende, zu bewundern oder besonders zu respektieren, nee, eigentlich sind mir die meisten Menschen ja sowieso so was von piepegal oder gehen mir nicht selten sogar wenn ich nur an die denke voll auf die Ka, auf den Keks mit ihrer vollwichtigen Präsenz und diesem Herumgeprotze und überhaupt mit ihren Lebensleistungen, was die so tun halt, mit ihren Kindern und Häusern und Erfolgen und ihrem Engagement für Kröten und Bäume und Bücher und Flüchtlinge und saubere Luft und gegen Fluglärm und gegen Hundekacke und Gentrifizierung – ach was weiß denn ich! Alles Arschlöcher, wenn Sie mich fragen! Tun so, als ob sie …

– Während Sie …?

– Alles nur Versuche, letztlich, mich in deren Welt hineinzuziehen, in diese Spießerwelt, mich zu instrumentalisieren, meiner habhaft zu werden, mich klein zu machen, zu benutzen, ja Kunst und Literatur zu verhindern oder, schlimmer noch, viel schlimmer, am oberallerschlimmsten, sie in den Dienst einer Sache zu stellen, die Kunst, meine ich, die Literatur, auch Theater, Musik, Malerei, natürlich, alles, so wie das ja in Diktaturen Standard ist, immer gemacht wurde, aber das tun diese Superdemokraten auch, freie Kunst und freie Menschen sind denen doch derart zuwider, und seien wir mal ehrlich, ich glaube, den meisten ist das Hemd näher als der Rock, sagt man doch so, Luxusverwahrlosung, die züchten sich doch ihren Nachwuchs, die armen Kinder, die, die würden sich doch faschistische Zustände oder kommunistische Zustände ebenso schön reden wie die Zustände jetzt, Hauptsache, es geht ihnen selbst prima, dieses Merkelregime, Waffen exportieren wie doof, aber immer das Maul aufreißen von wegen humanitäre Katastrophe und wir sind die Guten und helfen, Handelswege frei halten, darum gehts doch, Profit machen, oder denken Sie nur mal an unseren Chefdiplomaten Stein, Stein…, auf der diesjährigen Sicherheitskonferenz in München, und wie dann der Bundesgauckler, …

– Sie meinen den Herrn Bundespräsidenten, Joachim Gauck, der …

– Der ja, sagen ja manche, und da ist womöglich was dran, ein reaktionäres Arschloch ist, Einsatz der Bundeswehr global, das sagt der doch eigentlich, wortgleich mit diesem Steindings, und der der Industrie und der Bankenmafia ja so was wie bis zum Anschlag in den Allerwertesten …

– Vielleicht kommen wir noch mal, ähm, zurück auf ihr Leben in, äh, Ostberlin …

– Kriecht, während er auf der anderen Seite keinerlei Sinn hat für die Freiheit der Kunst und die Freiheit der Rede, grad wo der doch dauernd diesen Begriff der Freiheit im Munde führt, der will doch den fleißigen, total angepaßten Untertan, protestantische Arbeitsethik, da war der Wulff ja noch super gegen, will ja was heißen, aber wenn Sie mich fragen, ist alles Kalkül, der Mensch als für die Zwecke der Industrie und der Weltfirmen zurechtgestutztes Wesen, als Sklave letztlich, gepampert und gepudert natürlich, als willenloser Konsument, denken Sie nur mal an die Totalüberwachung, was macht die denn mit den Menschen, NSA und so, von der Politik kaum ein Wort mehr dazu, dabei geht das weiter, Peter Galison hat da doch letztens erst was drüber geschrieben, das, das ist doch die Art von Freiheit, die dieser …

– Sie persönlich bauen also auf schrankenlose Individualität, so daß praktisch jeder nur noch das macht, was er oder sie machen will, Kunst und persönliche Entfaltung und so. Glauben Sie …

– Ich glaube grundsätzlich gar nichts, und wenn ich mir Ihre blöden Fragen so anhöre …

– Ich danke Ihnen ganz herzlich für dieses Interview.

– Arschl

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2 Responses to Interviewprotokoll, roh

  1. Andreas Wolf sagt:

    In dem Text glaube ich schon eine minimale Stilinfektion durch die Goetzlektüre diagnostizieren zu können. Gefällt mir aber. So eine Infektion muss ja nichts Schlimmes sein, sie kann einen auch stärken, wie jeder Mediziner weiß.

  2. Das stimmt allerdings, eine gewisse Goetz-Stilinfektion ist nicht von der Hand zu weisen; wäre ja auch seltsam, wenn mich meine Lektüre (kürzlich noch Handke, jetzt eben Goetz) nicht wenigstens ein wenig triebe, im besten Sinne!