Wenn Worte töten könnten

Man macht sich keine Freunde, wenn man Romane liest, zu denen nicht alle Ja und Amen sagen können. In bestimmten Kreisen darf man nicht das falsche Auto fahren oder in der falschen Gegend wohnen, das wird einem übel übelgenommen, in anderen Kreisen geht es mehr um Ansichten, die doch gefälligst normal und kompatibel sein sollen. Was bildet der oder die sich ein, der oder die hält sich für was Besseres, wird dann geraunt, oder es wird gefragt „Was erlauben Strunz?“, worauf dann über den Außenseiter gelacht wird, weil es Spaß macht, Menschen zu vernichten. Hat das schon mal jemand gesagt: es macht Spaß, Menschen zu vernichten? Dabei sind doch die Nachrichten voll davon. Es wird über Kriege berichtet und über nun fast schon vergessene Lager für politische Gegner, Feinde und Asylbewerber, aber auch über Menschen, denen selbst in der reichsten Weltgegend nicht mal ein Arbeitsplatz geboten wird, von den menschenunwürdigen Zuständen in manchen Heimen ganz zu schweigen. Aber auch in den Kulturteilen der seriösen Tageszeitungen werden Menschen vernichtet, ein Roman oder ein Film als ganz und gar mißlungen beschrieben, manchmal nur mit einem Satz, Daumen rauf oder runter, die Arbeit von Jahren, zerborsten an einer Klippe, auf die der Künstler nicht einmal zusteuerte, ganz im Gegenteil, die Klippe ist beweglich wie eine Handwaffe und bohrt sich mit Lust in sein Leben und Werk, um beides zu eliminieren. Selbst nicht mehr unter uns weilende Künstler werden mit allergrößter Lust angegangen, werden gewürgt mit der Absicht, alles Leben aus ihnen zu pressen. Peter Handke sagt etwa über den Mann ohne Eigenschaften Robert Musils, das sei ein größenwahnsinniges und unerträglich meinungsverliebtes Werk, es sei lästig, daß ihm diese Bücher die schöne, freie Welt, die ihm als Literatur immer vorgeschwebt habe, versperren. (In: Die Zeit, 3. März 1989) Marcel Reich-Ranicki schreibt wörtlich: „Die Wahrheit ist: Der Mann ohne Eigenschaften war misslungen und Musil ein tatsächlich ganz und gar gescheiterter Mann.“ (In: Der Spiegel, 19. August 2002, „Musils Fiasko“) Ich frage mich natürlich, wo solch ein Haß herkommt, der aus diesen Sätzen spricht, während ich die Liebe zum Werk Robert Musils, die ja auch klar und deutlich und an den selben Orten geäußert wird, persönlich gut nachvollziehen kann, selbst wenn es quasi naturgemäß eine schwierige ist. Aber das muß natürlich jeder für sich selbst herausbekommen. Fest steht aber, jedenfalls was die professionelle Kritik angeht: es wird gerne vernichtet, man hat Freude daran, mutmaßlich auch wegen des monetären Aspektes und der insgesamt mit solch Arbeit einhergehenden Steigerung des Ansehens in der Welt der Kultur, denn natürlich werden freudvolle Vernichter eher geliebt als sachlich argumentierende Kritiker. Aus meiner Sicht wäre es schön, wenn Kunstwerke als Kunstwerke nur noch von denen öffentlich besprochen werden, die die Werke mögen und sie dennoch sachlich kritisieren können. Das ist doch wohl nicht zu viel verlangt! Oder?

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