Im Schatten von Revolution, Krieg und Industrialisierung

Der Zeitraum nach dem Scheitern der 1848er Revolution ist zunächst geprägt von einschneidenden Maßnahmen gegen „revolutionäre Umtriebe”, so daß auch die Zahl der Auswanderer, unter ihnen viele politische Flüchtlinge, wieder zunimmt. Dennoch bestimmen nicht die Fragen nach politischer Mitbestimmung das Leben der meisten Menschen, sondern das, was Friedrich Schiller 1795 in bezug auf die Französische Revolution zu bedenken gab, nämlich die Überbeanspruchung des Einzelnen durch die unmittelbaren Umstände des Daseins. Die Ausweitung der industriellen Produktion veränderte die Lebensbedingungen insgesamt und verschärfte die soziale Lage in den teilweise rasant wachsenden Städten. Hatten zuvor Mißernten, Hungersnöte und Kriege die Menschen bedroht, so wurden sie nun durch die von der Industrialisierung ausgelösten Zwänge und Nöte aus ihren Lebensweisen und Traditionen herausgerissen. Die Landflucht führte zur Herausbildung von Industriestädten in bis dahin unvorstellbaren Dimensionen. Aber nicht nur Bauern und Handwerker waren von dieser Entwicklung betroffen, sondern auch die bürgerliche Mittelschicht, aus der die nun notwendig gewordenen Verwaltungsangestellten rekrutiert wurden. Im staatlichen Verwal­tungsapparat versetzte man das Personal oftmals in weit von der Heimat entfernte Regionen, so daß immer häufiger unterschiedlichste Mentalitäten aufeinander­trafen. Insgesamt entstand so das vorherrschende Gefühl der Unsicherheit, nicht nur bezüglich der materiellen Existenz, sondern auch in Fragen der Ethik und der Sinngebung des so geführten Lebens überhaupt. Alte, auch konfessionelle Gewißheiten standen nun im Konflikt mit ebenso tradierten Überzeugungen, so daß die Lebensweise den neuen Bedingungen angepaßt werden mußte. Gänzlich neue Lebensmodelle entwickelten sich zudem nicht zuletzt aus der sich immer deutlicher herausbildenden Schicht der Proletarier, die auch insgesamt, nomen est omen, ihren Anteil zur Bevölkerungsentwicklung beitrug.

So sah sich der Einzelne, selbst wenn er bessergestellten Kreisen angehörte, einem harten Konkurrenzkampf in allen Bereichen ausgesetzt. Die Industriellen wußten diese Situation auszunutzen, indem sie, solange sie kein Gesetz oder eine Vereinbarung daran hinderte, die Löhne so weit wie möglich drückten, besonders auch für Frauen und die ebenfalls arbeitenden Kinder. Die Klugheitsmoral, die ein Jahrhundert zuvor im Zeitalter der Empfindsamkeit in Frage gestellt worden war, zumindest was die eindeutig negativen Aspekte betrifft, feierte so zunächst fröhliche Urstände auf dem Rücken des Industrieproletariats und der Angestellten, auch wenn es bald schon zur Herausbildung zahlreicher Einrichtungen kam, die die unmittelbare Not, etwa durch Armenspeisung, zu lindern imstande waren.

Diese Umstände sind mit dem Schlagwort der Industriellen Revolution nur unzureichend angedeutet, vor allem, da auch der Krieg weiterhin wie selbstverständlich die Fortsetzung der Politik bzw. der Diplomatie mit anderen Mitteln blieb. Der neue Mensch des Industriezeitalters war flexibel einsetzbar, zunächst jedoch weitgehend rechtlos, selbst wenn die meisten Landesverfassungen, als einziges positives Ergebnis der Revolution von 1848, ein liberales Grundmuster erkennen ließen. Die politische Einflußnahme des Volkes beschränkte sich jedoch mehr oder weniger auf die zweiten Kammern der Landtage, in denen die Angehörigen des Bildungsbürgertums ihre Pflicht als Abgeordnete erfüllten, indem sie die Entscheidungsträger an der Spitze der Monarchie schalten und walten ließen. Erst in den 1860er Jahre entwickelten sich tragfähige politische Parteien mit festem Parteiprogramm, 1861 die (liberale) Deutsche Fortschrittspartei, 1863 zunächst der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein, aus dem dann 1869 die Sozialdemokratische Arbeiterpartei entstand.

Die Deutsche Fortschrittspartei errang im Jahr 1862 die Mehrheit der Sitze im Preußischen Landtag; hier wurde erstmals deutlich, wie stark der Einfluß „von unten” sein kann. Als der sich bald anbahnende Verfassungskonflikt, der sich an der Frage der vom preußischen König Wilhelm I und seinem Militärkabinett geforderten Heeresreform und der Ablehnung derselben durch die liberale Mehrheit im Abgeordnetenhaus entzündete, nicht durch einen Kompromiß zu lösen war, berief Wilhelm I den Rechtskonservativen Otto von Bismarck zum preußischen Ministerpräsidenten, gleichsam als den Mann fürs Grobe, der sich allerdings auch feinsinniger diplomatischer Mittel zu bedienen wußte, wenn er dies für notwendig erachtete. Bismarck war bereit, notfalls auch ohne das Parlament zu regieren, und als es ihm schließlich durch geschickte Diplomatie und gezielten und technisch hochmodernen Militäreinsatz gelang (Dänischer Krieg 1864, Deutscher Krieg 1866), Preußen die Vorherrschaft im Norddeutschen Bund zu sichern und Österreich als Führungsmacht eines zukünftigen Deutschland auszuschalten, zog er eine große Anzahl von Abgeordneten der Liberalen und Konservativen auf seine Seite. Im Krieg gegen Frankreich (1870/71), in dem auch die süddeutschen Armeen unter dem preußischen Oberbefehl kämpften, baute er allerdings zurecht auf ein die politischen Gegner verbindendes Nationalgefühl und den Wunsch nach einem geeinigten deutschen Nationalstaat, der 1871 mit dem Deutschen Kaiserreich unter Ausschluß Österreichs Wirklichkeit wurde. Bismarck hatte nun das Amt des Reichskanzlers inne, die „Revolution von oben” war aus preußischer Sicht weitgehend gelungen.

Mehr als zwanzig Jahre zuvor war allerdings die 48er Revolution „von unten”, nicht zuletzt wegen eines noch unausgegorenen politischen Profils der beteiligten Gruppierungen, gescheitert. Der darauf folgende Aderlaß von politischen Kräften durch Verfolgung, Auswan­derung und Unterdrückung liberaler Kräfte wirkte lange Jahre nach. Langsam jedoch wuchsen neue Kräfte heran, erkennbar nicht nur im konkret politischen, sondern auch im soziokulturellen Bereich. Der Einzelne wußte sich nun in der neu entstandenen Wirklichkeit der industriell geprägten Nationalstaaten besser zu orientieren, das urbane Leben war seine Welt, die er zu lesen und zu kommentieren wußte. Die nach 1848 einsetzende Lähmung der Kultur wurde so nach und nach überwunden, der kritische Geist eines Heinrich Heine begann ebenso zu wirken wie die Schriften von Karl Marx und Friedrich Engels. Für die Parteien des Parlaments, auch im Deutschen Kaiserreich trotz allem noch immer ohne wirklich staatstragenden Einfluß, war jedoch weiterhin kein realpolitischer Anlaß gegeben, Kompromisse zu schließen, da sie weder mit der Exekutive noch der Regierungsbildung befaßt waren. So verstärkte sich durch diese radikalen Positionierungen auf politischer Ebene noch eine Tendenz zu einer politisch-gesellschaftlichen Hybris, in der jeder Beteiligte, jede Gruppe und jede Klasse die Wahrheit (und damit implizit die Macht) für sich beanspruchte. Diese Radikalität im Denken wurde auch im kulturellen Bereich immer deutlicher, etwa in der neuen „politischen Philosophie” eines Friedrich Nietzsche, aber auch, noch unmittelbarer und konkreter, im Theater.

Neben den wenigen Großindustriellen war es vor allem das mittlere und gehobene Bürgertum, das von der, nicht zuletzt durch staatliche Repression geschützten, innenpolitischen Sicherheit finanziell profitierte. Da aber auch die bürgerlichen Schichten nur sehr bedingt politisch tätig sein konnten, legten diese um so größeren Wert auf Bildung und Kultur. Vor allem im Bereich des Theaters konnte dem Drang nach Repräsentation Geltung verschafft werden, nicht nur durch den offen zur Schau getragenen Prunk der Gebäude, sondern auch durch Investitionen in Thea­ter­gesellschaften, die in der Zeit der Jahrhundertwende bereits wie selbstverständlich um Geldgeber warben und hohe Dividenden versprachen. In den großen Metropolen Wien und Berlin, aber zunehmend auch in der Provinz, entwickelte sich so eine bürgerliche Theaterkultur, die sich zunächst der Pflege der Klassiker, vor allem Shakespeare, Kleist, Molière und Schiller, widmete. Daneben entstand jedoch ein eher auf das kleinbürgerliche Massenpublikum hin orientierter Bereich des Theaters, der auf leichtere Unterhaltung setzte. Diese Entwicklung, ganz wesentlich begünstigt durch die seit 1869 bzw. 1871 geltende Gewerbefreiheit, ermöglichte aber auch, quasi als Unterströmung, die Herausbildung eines politisch gemeinten Theaters.

Die Entwicklung hin zu einem „naturalistischen“ Theater begann in Deutschland etwa 1880, der Durchbruch zu gesellschaftspolitischer Relevanz erfolgte aber erst durch den 1889 in Berlin gegründeten Theaterverein Freie Bühne. Es ist bezeichnend, daß hier die Form des Vereins gewählt werden mußte, um möglichst unabhängig zu sein in bezug auf die Zensur, aber auch in finanzieller Hinsicht; so aber konnten auch Dramen zur Aufführung gelangen, die auf anderen, rein kommerziellen Bühnen kaum Aus­sicht auf Erfolg haben konnten, selbst wenn sie gespielt worden wären.

In der Freien Bühne wurden die neuen, kritischen Zeitstücke gegeben, die zum Teil bis dahin polizeilich verboten waren. So wurde die Öffentlichkeit im „privaten” Rahmen mit neuen Ideen konfrontiert, die nicht mehr mittels vergangener Schlachten oder Familienfehden transportiert wurden, sondern mit realistischen Figuren, die aus der eigenen Zeit und teils aus dem eigenen Milieu stammten. Das Individuum, der an sich und der Welt leidende Mensch, stand hier im Mittelpunkt, ohne daß Verklärung oder Mystifizierung einen Ausweg wies.

Alle naturalistischen Bühnen dieser Zeit, das Théâtre libre in Paris, das Independent Theatre in London, das Moskauer Künstlertheater (Moskowski Chudoshestwenny teatr) oder eben die Freie Bühne in Berlin sahen in der Entwicklung einer wirklichkeitsnahen Aufführungsform eine ihrer Hauptaufgaben. Das Individuum war ganz auf sich und seine Welt bezogen, die Bühne ein milieugerechtes und genaues Abbild eines konkreten Lebensumfeldes, so daß folgerichtig die geschlossene Zimmerdekoration die bisherige Praxis des Kulissenwechsels ablöste. Die Stücke von Henrik Ibsen, August Strindberg und Gerhart Hauptmann ließen den einzelnen Menschen in seiner „eigenen, natürlichen” Sprache zu Wort kommen, ohne daß es zu einer direkten Kommunikation mit dem Zuschauer kam, etwa durch das zuvor so beliebte Beiseitesprechen. Das bildungsbürgerliche Publikum beobachtete durch die „vierte Wand” das Geschehen, sah in das fremde Leben ärmlichster Kleinbürgerlichkeit hinein, beispielsweise bei Familie Selicke von Arno Holz und Johannes Schlaf, wurde aber auch mit dem eigenen Milieu auf eine neue Art konfrontiert, etwa bei Ibsens Nora oder ein Puppenheim, wo offen und realistisch die Frage der Frauenemanzipation aufgezeigt wird. So versetzt dieses neue realistische Ich auf der Bühne das reale Ich im Zuschauerraum unter Umständen in die Situation, sein eigenes „Innere” als offene Projektion zu begreifen, die man nur zu lesen befähigt und bereit sein muß. Die Ausleuchtung des Seelenhintergrundes, das Nachaußenkehren der inneren Konflikte, die Entlarvung von Lebenslügen, all das vollzog sich offen und in aller Öffentlichkeit und besaß so nicht mehr nur den Charakter privaten Unglücks, sondern vielmehr eine nicht zu unterschätzende gesellschaftspolitische Brisanz.

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