Tagebuch: Danke, liebe Sonne!

Die Leute unten im Haus leben alle in einem Loch. Dafür aber haben die ein Dach über dem Balkon und können auch bei lauem Sommerregen draußen sein. Ich aber habe die pralle Sonne, wenn sie denn mal scheint, und das tut sie! Grad heute, wo mir immer wieder so war, als müßte ich plötzlich losheulen, war das ein Segen, dabei habe ich sowohl die blöde überflüssige Steuererklärung gemacht als auch das Essay zum Wettbewerb geschickt, nach abermaliger und langwieriger Überarbeitung und Erweiterung desselben. Also Balkon! Draufkucken kann da übrigens keiner. Herrlich! Und alles so hell und warm hier. Danke, liebe Sonne! Ich hoffe, Du hattest nichts dagegen, als ich mich nach und nach entblätterte, selbst die Fluse nahm ich aus dem Bauchnabel heraus und legte sie feinsäuberlich auf den Kleiderhaufen. Dann paffte ich eine Cigarre zum Matetee und las eine wunderbare kleine Geschichte von Robert Walser. Ich hoffe, man mißgönnt mir das nicht. Jetzt ist mir allerdings ein wenig schlecht, es hat eben alles seinen Preis, besonders das nackige Cigarrenrauchen in der prallen Sonne. Eine Freundin, das fiel mir just in dem rauchumschwängerten Augenblick ein, als ich die Takabrolle in Brand setzte, meinte letztens ja, junge Frauen fänden ältere Männer wie mich meist eklig, da sollte ich mir lieber nichts einbilden. Mmh, ob da was dran ist, fragte ich mich, aber nicht lange, denn angesichts des strahlendblauen Himmels beschloß ich lieber, die Frage ruhen zu lassen, allenfalls ein wenig abnehmen könnte ich, vielleicht und mit Betonung auf wenig, doch dann sehe ich im Gesicht immer so hager aus, will ja auch keiner, und außerdem, was gehen mich die jungen Mädels an, dann sollen die mich doch eklig finden, so lange mir nur die Sonne scheint! Echt ma‘!

Selbstporträt mit Cigarre, Norbert W. Schlinkert

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