Nähe, Distanz, Räume

Wenn es wirkliche Nähe ist, die zwei Seelen und zwei Körpern widerfährt, und sei es nur kurz, ist das keine Illusion der Vergangenheit, sondern entweder ganz und gar gegenwärtig oder gänzlich inexistent. Letzteres mit Leib und Seele zu begreifen, dem gewiß zu sein, ist kein Geschenk des Himmels, sondern liegt allein in meiner ureigensten Verantwortung. Gerade in diesen Tagen begreife ich, klare Worte von woher auch immer (und seien es die eigenen) vorausgesetzt, ausnehmend schnell, wenn etwas vorbei, eine Nähe zu einer Distanz geworden ist. Doch wenn die Fehler getan und empfangen worden sind, wenn der eine Mensch sich dem anderen verschenkte, eine Sekunde, ein paar Tage oder wie lange auch immer, ist das Danach eines Jeden in der Distanz ganz wieder hergestellt, mit leeren Stellen und blinden Flecken zwar, aber immer ganz und gar. Nur begreifen, empfangen muß man das, als Erkenntnis! Dann, allein mit sich, ist es eine Weile so, als lebe man in einem zu großen Haus, gehe von Zimmer zu Zimmer, Raum zu Raum, ohne einer Menschenseele zu begegnen – aber bin ich nicht selbst Raum, trage ich mich nicht als Ganzes in diese Gemächer hinein und laufe dann weiter durch das Gebäude und die Räume des toten Hauses, um schließlich aber zu entkommen aus dem Vergangenen, mich wieder frei bewegen zu können, immer noch und wieder in mir selbst, aber frei? Ein In-sich-verloren-Gehen, ein Kreisen in sich selbst, ein ewig scheinendes Durchwandern des großen, leeren toten Hauses mit den blinden Flecken, dies geschah mir vor Jahren, ich verbrachte mich in mir selbst eine geraume Zeit. Jetzt aber bin ich, länger schon, frei für was auch immer geschehen mag, Schönes inbegriffen.

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6 Responses to Nähe, Distanz, Räume

  1. Iris sagt:

    Huch, Sie lamentieren ja gar nicht. 😉

    „g e r a u m e Zeit“ – ein schöner Begriff, der durch Abnutzung ein wenig an Tiefenglanz verloren hatte für mich. Dank Ihres Textes habe ich ihn mir nochmal genüsslich auf der Zunge zergehen lassen. Er schmeckt ganz hervorragend.

  2. Lamentieren tue ich nur, wenn die Welt es (und ich) absolut nicht besser verdient hat! 😉

    Ja, der Begriff „geraume Zeit“ erschloss sich mir auch erst wieder beim Schreiben – dabei ist er wirklich sehr naheliegend, wenn auch seltsam anmuten mag, daß „Raum“ hier etwas Zeitliches bezeichnet, einen langen Zeit“raum“ eben. Aber da man sich in Räumen, auch „inneren“, gemeinhin bewegt …

  3. phyllis sagt:

    Lieber Norbert,

    Ihr Text – eine Vignette aus Erfahrungskondensat und Bild, wie ich sie mag. Wie da Trauer mitschwingt und Selbst-Gewissheit: Es ist ganz Ihre Erfahrung, von der Sie schreiben. Kein Maßstab, der für andere mitgelten will, kein Appell und keine Lektion. Steht Ihnen.

  4. Liebe Phyllis,

    ja, jenseits der „Lamentos“ ist das meine Sprache, zu der ich manchmal selbst nicht durchdringe, so durchgerüttelt bin ich oftmals von „unserer“ materialistisch-hedonistischen Welt, so sprachlos stehe ich manchmal da mit all meinen Wünschen und meinem Wollen. Kennen Sie die „Plastic Bag Scene“ aus ‚American Beauty‘, da sehe ich auch so etwas wie Trauer und Selbst-Gewissheit, gebannt in Schönheit. http://www.youtube.com/watch?v=VKg6OJ6zhhc

  5. Aléa Torik sagt:

    Lieber Norbert,

    auch wenn die Erfahrung, die dich dahin geführt hat, ein bittere gewesen sein mag: diesem Blog hier tut sie offenbar gut. Und wenn es nur für diesen einen Artikel sein sollte. Aber das Gejammer, das nicht enden wollende Lamento, das war nicht mehr zu ertragen. Zumal Lamento auch keine Literaturform ist, jedenfalls kein mir bekanntes Genre. Und auch keins, was sonderlich gut beim Leser ankommt. Weil es eine Form ist, die einfach jeder beherrscht. Und die – hier spreche ich von mir, da ich auch mitunter jammere – jede literarische Intention zerstört. Weil hinter dem Lamentieren immer ein Ich steht, ein vollständig authentisches Ich. Aber dieses authentische Ich – das mag leben und lieben und liegen und wiederaufstehen und sich am Rücken kratzen – hat in der Literatur nichts verloren. Weil Literatur authentisch wird in der Bewegung vom ‚falschen‘ zum ‚echten‘ und nicht in der Behauptung, dass das alles wirklich und wahrhaftig ‚echt‘ ist, dass es einen wirklich juckt. Das interessiert in einem literarischen Rahmen niemanden, weil es uns alle mal juckt. Von daher empfinde ich diesen Artikel als einen literarischen, der seine Echtheit gerade aufgrund der Bewegung vom ‚Falschen‘, also Erfundenem, zum ‚Echten‘ erweist. Das ist es, was es zu kultivieren gilt. Und nicht das Gejammer.

    Aléa Torik

  6. Liebe Aléa Torik,

    das Lamento paßt nicht gut in unseren Kulturkreis (und vielleicht in keinen), da hast du auf jeden Fall recht, zumindest nicht schriftlich, weil dann jeder beim leisen Lesen sich den eigenen Alltags-Sound dazu herstellt, und das ist dann eben die Folge eines nicht so guten Textes. (Für die Comedy-Bühne ist Lamento allerdings wohl gut geeignet, denke ich, aber das ist halt nicht mein Business.) In jedem Fall ist es mir in einigen schlechteren Artikeln tatsächlich nicht gelungen, die Form zu finden, die das tatsächlich Erlebte von dem trennt, was eine Geschichte, eine Erzählung ausmacht. Aber ich mußte auch dranbleiben, vielleicht kennst du das auch, um einfach nicht in meinem eigenen Schreiben tatenlos verloren zu gehen.

    Grüße,
    Norbert