Die Wacht oder: gegenwärtig tot sein, geht das?

Kann man das, kann der Mensch das, kann ich das, meine Vergangenheit nicht annehmen, also nicht etwa die jüngstvergangene, sondern gleichsam die ganze? Sie sein lassen! Und doch zugleich aus meinem Erfahrungsschatz schöpfen, der mir kürzlich erst zu begreifen half, was überhaupt vor sich geht, mit mir und in der kleinen Welt, die ich die meine nenne. Vor sich gehen, mit seinen Absichten einen Schritt in die Zukunft tun, wenn notwendig ins Dunkle hineinschreiten, besser ins Helle. Und was heißt Erfahrungsschatz, heißt das denn nicht, eben nur das Wertvolle zu bewahren, gleich ob bitter oder süß, und das andere entgleiten zu lassen, ihm nicht hinterherzuspringen, wenn es sich denn verflüchtigt? Dem anderen also sein Sein zu lassen, zu überlassen, es zu vergessen? Einen Schritt zu tun heißt immer, stürzen, fallen, stolpern zu können, der Länge nach hinschlagen. Bliebe wer liegen, es müßte bedeuten, er oder sie sei tot oder wie tot, nahezu gestorben, in sich verreckt, ohne den Willen noch aufzustehen, weiterzuschreiten, Schritte zu tun. Die Richtung zu wählen, gegenwärtig zu sein. Gegenwärtig tot zu sein ist keine Option! Denn ist Gegenwart nicht zugleich und immer eigentlich die Wacht und die Warte dem Möglichen gegenüber, schon Teil des Zukünftigen also, mit diesem mit festem Band verknüpft? Dem Gewünschten, dem Gewollten? Von der Warte aus schaut man hinaus ins Land. Gegen Mittag zu reisen oder gegen Morgen oder Abend hieß in der Literatur noch des 18. Jahrhunderts, in die Richtung zu reisen, in der die Sonne steht, des morgens im Osten, des mittags im Süden, des abends im Westen, wohin gegen Mitternacht reisen bedeutete, sich nach Norden hin aufzumachen. Sich aufmachen, nur darauf kommt es an!

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3 Responses to Die Wacht oder: gegenwärtig tot sein, geht das?

  1. Iris sagt:

    (Ich kann nur sagen: Schön, was hier grade passiert.
    Aufbruch, unterwegs sein … da geht was (oder wer).
    Und ich setze das deshalb in Klammern, weil ich auf keinen Fall stören will, was auch immer da grade geht, aber doch ganz leise kundtun möchte, wie sehr es mir gefällt.))

  2. Sie stören natürlich überhaupt nicht, im Gegenteil! Ich will auch gar nicht herumschwurbeln, mir hat vor einer kleinen Weile die Absage eines Verlages bezüglich meines Romans schwer zugesetzt und eine Negativspirale, einen Malström in Gang gesetzt (obwohl ich das sonst locker verpacke und schließlich ja auch häufig Absagen bekomme), weswegen auch Aléa Torik recht hat, und Sie auch, was die literarische Qualität einiger Artikel der letzten Zeit angeht, die zu sehr von meiner Stimmung geprägt waren, so daß jetzt (m)ein Aufbruch das einzig Richtige ist! Allerdings mußten auch die Lamento-Artikel irgendwie raus, das bereue ich nicht – es war gewissermaßen Notwehr! Vielleicht haben auch gleich zwei Beziehungsdesaster dieses Jahr einigen Einfluß auf mich, oder: klar haben sie das, ich bin ja nicht aus Stein! Zum Glück ist jetzt aber auch ein bißchen was los in meinem Leben, nächsten Freitag findet die 1. Rixdorfer Literaturnacht mit einem Beitrag meinerseits statt, außerdem suche ich mir jetzt eine neue Mitbewohnerin und auch für die Unterbringung des Romans habe ich eine gute Idee, die ich hier aber nicht verbreiten möchte. Jedenfalls denke ich im Moment wirklich viel nach, ich versuche auch, mich ausschließlich mit Leuten zu umgeben, die mir gut tun, sehe zu, daß ich zu Geld komme, plane endlich mal wieder eine Reise usw. Außerdem lese ich jetzt ‚Die Liebe in Zeiten der Cholera‘, wurde nämlich mal Zeit und paßt auch grad gut in mein Leben, irgendwie.

  3. Iris sagt:

    Natürlich muss alles raus, sonst führt es nur zu Verstopfung. Merke ich bei mir ja auch.
    Ich wünsche Ihnen jedenfalls von Herzen glückliches Weitergehen.