Der Merkel-Putin-Pakt, Mircea Cărtărescu und tausende von anspruchsvollen Lesern

Soeben bekam ich einen sonderbaren Anruf. Ich vernahm eine von einem technischen Fiepen untermalte, ja fast schon durch eben dieses Fiepen übertönte weibliche Stimme. Der Merkel-Putin-Pakt, hörte ich, sei nun abschließend erfolgreich verhandelt, die letzten strittigen Punkte also geklärt. Die Frage wäre nur, ob diese Vereinbarung zum jetzigen oder erst zu einem späteren Zeitpunkt an die Öffentlichkeit gelangen solle, wenn denn überhaupt. Wenn man so wolle, sei allein dies noch in der Schwebe. Ich müsse das aber so oder so schnellstmöglich recherchieren und für den Fall der Fälle den Vorentwurf eines Artikels schreiben. Da ich schwieg und auch die Anruferin nichts mehr sagte, lag sekundenlang nur dieses Fiepen in der Luft, dann hörte ich vom anderen Ende der Leitung ein „Kahlmeier (oder Kallmeier?), hören Sie mich?“, dann wieder dieses Fiepen, dann war die Leitung tot. Verwählt offensichtlich. Egal. Ich glitt zurück auf meinen Barhocker, auf dem hockend ich gemeinhin zu lesen pflege, und widmete mich meiner Lektüre, dem ersten Band der „Orbitor“-Trilogie von Mircea Cărtărescu, Die Wissenden (so der eher unpassende deutsche Titel), ein Werk voller Phantastik und Sprachmagie – keine normierte, einem Schreibstudium entsprungene, quasi enthoppelte Literatur, sondern wahrhaft große Kunst. Mircea Cărtărescu, das fällt mir grad ein, sagte in einem Interview, in seinem Heimatland Rumänien gäbe es einen harten Kern von 50.000 Lesern und Leserinnen anspruchsvoller Literatur – ha, so dachte ich bei Entgegennahme dieser Information, ha!, das wären ja auf Deutschland hochgerechnet etwa 200.000 solcherart Leser! Niemals!, entfuhr es mir, ja eine Zahl von 20.000 wäre wohl schon zu optimistisch veranschlagt. Nun ja, gleichviel. Ich lese also weiter, Mircea, quasi der jugendliche Ich-Erzähler des ersten Bandes, ist wegen einer halbseitigen Gesichtslähmung im Krankenhaus und träumt nächtens heiße Träume von Krankenschwestern, während er tagsüber mit den anderen dort sogenannten „Kindern“ Karten spielt, nämlich 20-und-1, da geht wieder das Telefon. Ich melde mich, „Hallo!“, sage ich, wieder dieses Fiepen, die selbe weibliche Stimme, ich solle, das sei sehr wichtig, beginnt sie unvermittelt, den Anruf von eben und vor allem dessen Inhalt komplett vergessen und einfach weiter über Mircea Cărtărescu und anspruchsvolle Leser schreiben, ganz gleich, wie hoch deren Zahl wirklich zu veranschlagen sei. Sie selbst würde übrigens für den gesamten deutschsprachigen Raum eher von etwa 10.000 Personen ausgehen. Ich schwieg, während das Fiepen, ohne dass ich es hindern konnte, nun plötzlich unversehens an meinem Ohr vorbeischlüpfte und in mein Zimmer eindrang, in Blitzesschnelle jede Ecke und jeden Winkel erkundete und sich schließlich unter der Deckenlampe als Kreisel in den Raum setzte, kaum erkennbar, bis endlich die Stimme sich wieder zu Wort meldete. „Ich habe“, sagte sie, „übrigens bei Mircea Cărtărescu in Bukarest studiert und schreibe nun selbst Romane … Sie sollten dem Kerl nicht ein Wort glauben, vor allem nicht, wenn er …“ Dieses Mal bin ich es, der auflegt, ich lass‘ mir doch nicht in meine Lektüre hineinquatschen, denke ich, gleite wieder auf mein Sitzgerät und lese ruhig weiter bis zum Ende des Kapitels, wo es heißt: „… die Zeit reproduzierte sich selbst mit der Sanftmut eines niedrigen Wirbellosen, der zu drei Vierteln mit Eiern gefüllt ist …“ Ich atme auf. Dann wieder das Telefon. Ich lasse es läuten, derweil das Fiepen eine bläuliche Färbung annimmt und weiterhin wie ein kleiner, ruhigestellter Tornado gegen den Uhrzeigersinn unter meiner Deckenlampe kreiselt, die übrigens dem Mond zum Verwechseln ähnlich sieht, falls das jemanden interessieren sollte. Und nun weiter im Text …

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