Malen nach Zahlen

Die Vermessenheit der Welt nimmt Ausmaße an, die das scheinbar Unnütze und Unfaßbare, das Überflüssige und Nutzlose manchmal wie Müll aussehen läßt, manchmal aber auch wie pures Gold, eben wie über den Bedarf hinaus oder am Bedarf vorbei Produziertes, oder sogar über die Bedürfnisse hinaus oder an ihnen vorbei. Wessen Bedarf, wessen Bedürfnisse? Des Volkes, der Verbraucher? Immerhin wird alles, was überhaupt gezählt werden kann, mittels Zahlenkolonnen und Statistiken der Welt präsentiert, Glaubenssätzen gleich, nach denen der Mensch sich zu richten hat, will er nicht als Ungläubiger gelten. So hat auch die Angst vor keinem Wachstum oder gar negativem Wachstum, vor Schrumpfung, die per se als ungesund gilt, die Angst vor dem Teufel und der Hölle ersetzt. Fußte die Macht der Kirche hierzulande dazumal auf einer erzählten Figur in einem Erzählkontext, so fußt die Macht der industriellen Taktgeber heutzutage auf regelgerecht gemachten Zahlen in einem behaupteten Kontext, Wirtschaft genannt, in dessen gegenwärtigem Sein ausreichend Hölle vorhanden ist, um die notwendige Angst zu erzeugen, die der Treibstoff ist für die, die dem Gesellschafts-Körper ein ständiges Wachstum ermöglichen, selbst dann noch, wenn dieser an seinem eigenen Gewicht zu ersticken droht. Doch so lange dies alles meßbar ist, besteht kein Grund zur Panik – wer’s glaubt, ist selig, es sei denn, er ist eine Zahl auf der falschen Seite, dort wo die Überflüssigen gezählt werden, um der Hölle die ihr angemessene Anschaulichkeit zu geben. Malen nach Zahlen, sozusagen.

  

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