Tage in der Provinz

Ich war ein paar Tage in der Provinz, westliches Westfalen, östliches Ruhrgebiet, und bin natürlich froh, wieder in Berlin zu sein. Nicht nur sind die Frauen in Berlin, sozusagen im Durchschnitt, deutlich schöner, sondern auch die Menschen nicht so auf sich bezogen und insgesamt aufmerksamer, neugieriger, wacher, individueller, eben wirklich großstädtischer. Ich leide immer ziemlich an dieser so offensichtlichen Geringschätzung ihrer selbst, die die Provinzmenschen ausstrahlen, obwohl es eigentlich die gleichen Menschen sind wie in Berlin. Vielleicht liegt es, speziell was das Ruhrgebiet betrifft, an diesem dort so offensichtlichen Arbeiterklassenhochmut (Nachfahre des Klassenbewußtseins), der sich noch heute daraus speist, seine Arbeit nicht persönlich zu nehmen und auch nicht nehmen zu müssen, also auch nichts zu verlieren zu haben außer seinem Arbeitsplatz. Dabei ist die Gegend bei aller herzlichen Muffeligkeit der Einwohner, Muffeln, Mosern & Motzen ist das weitverbreitetste Hobby, durchaus international, was die Herkunft der Menschen betrifft, die Gastfreundschaft ist ausgeprägt, es gibt schöne Landschaften, viele Theater und Opern und überhaupt auch Kultur und so weiter – nur die eben nicht vorhandene lebendige Urbanität fehlt mir, diese sich selbst am Leben erhaltende Lebenskunst, die den Menschen nicht zuerst als Funktionsträger sieht. Außerdem gibt es nichts Großes und Herausragendes dort außer Borussia Dortmund, alles andere ist Mittelmaß, selbst das Großbürgertum ist im Ruhrgebiet klein. Seltsam ist natürlich, daß ich persönlich die Tugend der Bescheidenheit durchaus hoch schätze, aber dort, wo sie das alles prägende Lebensprinzip ist, nicht leben will und es auch nicht mehr könnte. Aber zum Glück gibt es ja seit Anfang der 1990er Jahre wieder dieses Berlin für Typen wie mich, denn sonst wüßte ich echt nicht, wo ich bleiben sollte.

Himmel über Berlin, Norbert W. Schlinkert

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