Der gute Geist Ernst Platners: Zur Entwicklung des poetischen Ich Jean Pauls (Essay)

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Das poetische Ich ist mitten unter uns. Einmal in die Welt gesetzt, lebt es seiner Potenz nach ewig, wenn auch nicht in Ewigkeit. Es hat die selben Wünsche und Hoffnungen, die selben Ängste und ist den selben Deformationen ausgesetzt wie ein Mensch, der einen fünf Fuß hohen Körper mit Häuten und malpighischem Schleim und Haarröhren sein eigen nennt, so wie dies einmal Jean Paul (1763 – 1825) in seiner Selberlebensbeschreibung ausdrückte. Auf welche Art und Weise aber kam das poetische Ich in die Welt, wer hat es wie erschaffen, oder hat es sich gleichsam selbst erschaffen? Und vor allem auch: welcher Geist und welche kulturelle Praxis stand Pate bei seiner Entstehung?

Im zwanzigsten und auch im beginnenden 21. Jahrhundert ist das poetische Ich selbstverständlicher Handlungsträger aller Art Erzählungen. Es erscheint eigenständig-inventorisch im Rahmen einer zwischen Schriftsteller und Leser vereinbarten Regel, die Erich Kleinschmidt folgendermaßen auf den Punkt bringt:

„Der Möglichkeit aus der Sicht des Autors, seinen Textsinn nicht völlig preisgeben zu müssen und doch ›verstanden‹ zu werden, entspricht die Fähigkeit des Lesers, einen Text für sich zu begreifen, ohne sein Bedeutungsangebot auszuschöpfen. Beide Seiten gestehen sich dabei nicht nur durch Kompromiß ausgehandelte Spielräume bei Angebot und Auslegung zu. Sie legen Wert darauf, der Darstellung Geheimnis und Freiheit zu belassen. Es ist ein Abkommen zwischen den am Text beteiligten Partnern, Distanz trotz kommunikativen Kontakts zu wahren.“[1]

Kleinschmidt spricht die der erzählenden Literatur notwendigen Spielräume an, die zugleich der Phantasie und Arbeit des Autors, ebenso aber auch der des Lesers geschuldet sind. Der oder die Protagonisten ›bewegen‹ sich in eben diesem, durch Buchstabe und Wort geschaffenen Raum, doch es sind nicht etwa einer Idee oder Norm unterstellte Handlungsträger, die gleichsam inventarisch heldenhaft das Erwartete bedienen, sondern im Grunde unberechenbare, selbst- und eigenständig handelnde Charaktere, die vor dem geistigen Auge des Leser lebendig agieren. Diese seit etwa Mitte des 18. Jahrhunderts auftretenden Ichs, einer der ersten Versuche findet sich in Christoph Martin Wielands Geschichte des Agathon (Urfassung 1766/67), ersetzen sukzessive weitgehend die noch bis in die Barock-Literatur handlungstragenden normativen Ichs, denen es nicht an Erlebtem fehlt, durchaus aber an Innenleben und eigenständig-subjektiver Reflektion – sie sind Helden alter Prägung. Die »neuen Helden« sind hingegen in der Lage und willens, ihr Tun zu reflektieren, von Grund auf zu zweifeln, Shakespeares Hamlet mag hier als ein früher Vorläufer gelten, gerade so wie es der urbane Mensch, der Bürger des ›Jahrhunderts der Aufklärung‹ für sich in Anspruch nimmt. Daß eben dieses »neue Ich« ausgerechnet in der noch relativ jungen literarischen Form des Romans Widerhall findet, ist bei der in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zunehmenden Lust am Lesen und den damit einhergehenden Fortschritten im Buchhandel durchaus nicht verwunderlich, ist hier doch nicht nur die Möglichkeit gegeben, exemplarischen Ichs auf Augenhöhe zu begegnen, sondern ihnen auch beim Selberdenken gleichsam zuzusehen, also Einblick in die Psyche eines anderen, wenn auch nur in die eines (in doppeltem Sinne) vorgestellten Menschen zu erlangen.

Doch auch wenn die Entstehung des poetischen Ich aus literaturhistorischer Sicht einzelnen Schriftstellern zugeschrieben werden kann, dies gilt ein gutes Jahrhundert später ja auch für den ›stream of consciousness‹, so ist es doch notwendig, den der Setzung vorauslaufenden Prozeß aufzuzeigen, da nur so ersichtlich wird, wie die Möglichkeit eines oder des poetischen Ich aus dem Geist einer Zeit entstanden ist, in der philosophische, soziokulturelle und künstlerische Prozesse sich gegenseitig vielfältig beeinflußten, Prozesse, die die Namen Aufklärung, Empfindsamkeit, Sturm und Drang, Klassik oder Romantik tragen. Doch auch einzelne Denkumbrüche oder etwa Fortschritte in der Medizin trugen seit dem späten 17. Jahrhundert zur Individualisierung als solcher und der daraus entstehenden lebendigen Darstellung des Individuums bei, die in der Frühaufklärung angestoßene Trennung von Recht und Moral beispielsweise oder die Beurteilung des Wahnsinns als individuelle, keineswegs ansteckende und unter Umständen heilbare Krankheit. Das Schlagwort der ›Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen‹ deutet die Vielfalt einer Welt an, die sich uns Heutigen und nachfolgenden Generationen insbesondere durch die damals erschaffenen literarischen Charaktere zu erschließen vermag, und so ist es auch in hohem Maße lohnenswert, die Entstehung des poetischen Ich am Beispiel Jean Pauls zu untersuchen, der sich im Laufe seiner Entwicklung zum Schriftsteller geradezu gezwungen sah, seine vielfältigen Ideen nicht mehr den typisierten Figuren seiner Satiren anzuvertrauen, sondern sie den lebendigen Charakteren seiner Romane zu überlassen.

Johann Paul Friedrich Richter trug im Jahr 1781 als junger Mensch eine ganze, fleißig sich angelesene Welt nach Leipzig, um dort sein theologisches Studium anzutreten. Auf der Flucht vor seinen Gläubigern, drei Jahre später, hatte er einen geliehenen Mantel auf dem Leib und eine Idee im Kopf, die für ihn selbst noch keineswegs konkret faßbar war, ihn aber sein Schriftstellerleben lang nicht verließ: die des poetischen Ich. Zwar blieb ihm, der sich bald schon Jean Paul nannte, die Liebe zur Satire zeitlebens erhalten, doch sah er sich nach Jahren der Erfolglosigkeit schließlich geradezu genötigt, seine Einfälle eigenständig denkenden und handelnden Wesen anzuvertrauen, auf daß sie täten, was sie wollten im Rahmen des Romans und im Gemüt des Lesers. Das Interesse des jungen und weder mit Geld noch Beziehungen gesegneten Studenten in Leipzig richtete sich zunächst auf die Philosophie des »Leibnizianers« Ernst Platner (1744 – 1818), und es spricht einiges dafür, daß es der Einfluß der von Ernst Platner vertretenen, der Systemphilosophie skeptisch gegenüberstehenden und ausdrücklich realitätsnahen Philosophie ist, die den Boden bereitet für den Schriftsteller Jean Paul. Platner war, wie Günter de Bruyn bemerkt, als Philosoph durchaus mehr Aphoristiker als Systematiker[2] und zudem den Kunstauffassungen der Zeit eng verbunden, welche er öffentlich in seinen beliebten, auch von Jean Paul besuchten Vorlesungen vorstellte. Für Platner ist, so de Bruyn, »die Empfindsamkeit des Künstlers die Quelle jeder Kunst«, und zu seinen Forderungen gehörte auch die Darstellung politischer Zustände der Gegenwart und, damit einhergehend, die Entwicklung gesellschaftskritischer Satire,[3] und in eben diese Richtung bewegt sich Jean Paul zunächst und auch noch, als ihm 1784 mit dem Abbruch des Studiums in Leipzig eine anderweitige berufliche Orientierung als die in Richtung Schriftstellerei weder möglich noch wünschenswert schien.[4]

Es waren sicher besonders Platners ästhetische Vorlesungen[5] und die dort zum besten gegebenen pragmatischen Überlegungen, die Jean Paul, und da war er nicht der einzige, beeindruckten. So ist das Genie für Platner nicht jener von der Natur begünstigte Mensch, der nicht weiß, wie er zu (s)einer Kunst gekommen ist, die er nicht hat erlernen können; vielmehr sei Genie, so Platner, »doch eigentlich nichts anderes, als Thätigseyn im höhern Grade«.[6] Dies bedeutet schlichtweg, sich über die gewöhnlichen Menschen erheben durch harte geistige und schöpferische Arbeit, eine Sache des Willens und nicht nur eine des Talents, das natürlich vorausgesetzt wird und so gesehen ›aus der Natur‹ kommt. Selberdenken und ein daraus resultierendes Sichselbsterkennen war für Jean Paul bereits sehr früh hoher Anspruch; dies zeigen einige der Schriften, die er als junger Mensch ausdrücklich »blos für mich«[7] verfaßt, um zu üben. So formuliert der erst siebzehnjährige Johann P. F. Richter im Dezember 1780 noch vor Studienbeginn:

„Jeder räsonnirt ein wenig über’s Genie: ieder schwache Kopf wil von grossen Köpfen reden. Über Genie solte niemand als ein Genie selbst schreiben. Es kent ein Genie am besten, wenn’s nur sich kent; es hat die Kräfte dazu, eben weil es ein Genie ist. Und sogar dieses selbst wird schlecht darüber schreiben. Denn’s ist sich selbst ein Räzel, welches es nicht entziffern kan, es wandelt in Nacht, und geht dunkle Gänge. Es kent an sich nichts als seine Unergründlichkeit, und es allein kent sie am besten.“[8]

Doch an eben dieser Unergründlichkeit will er arbeiten und ist bereit, die dunklen Gänge zu gehen. Alles a priori Vorausgesetzte ist ihm dabei ebenso zuwider wie alles Teleologische, denn er muß sich der Welt aussetzen, so wie er sie erfährt, auch wenn er noch ›allein‹ ist, ohne die späteren Figuren seiner Romane und Erzählungen. Zunächst aber geht es ihm eher um die in den Systemen (fest-)steckenden philosophischen Gedanken, die er einzeln und strikt subjektiv, und damit ganz im eigentlichen Sinne der Aufklärung,[9] zu überprüfen gedenkt. Engelhard Weigl schreibt zu dieser Vorgehensweise:

„Die Einsicht in die subjektive Vermitteltheit eines jeden Urteils über Seiendes hat zur Voraussetzung den Gewinn einer größeren Autonomie des Erkennenden. Hinter der Gleichsetzung von Philosophie und Selbstdenken steht der Protest gegen jede dogmatische Verpflichtung des Individuums auf nicht einsehbare und überprüfbare Inhalte.“[10]

Glauben an vermeintlich Gegebenes ist für Jean Paul, abgesehen von einer Art Kinderglaube an Gott, ohnehin unmöglich, denn dies kommt, davon ist er dann doch überzeugt, eher den »minder erleuchteten Leuten« zu, denen es an der Kraft mangelt, manche »teleologische Säzze«[11] auf ihren Gehalt hin zu prüfen. Im Tagebuch meiner Arbeiten beklagt der frischgebackene Student den zu beobachtenden je und je auftauchenden Dogmatismus. Er schreibt:

„Warum wil uns doch ieder Lerer der Philosophie das System aufdringen, welches er für’s ware hält; warum wil ieder Professor aus seinen Schülern Anhänger der Sekte machen, welche ihm die beste scheint? – […] Jeder verfelt seines Zweks, der uns denken will leren, indem er uns an sein System ankettet – das heist nicht unsern Verstand, sondern unser Gedächtnis üben. […] Nichts ist nötiger als Selbstdenken, nichts ist schätzbarer, und vielleicht auch nicht(s) schw(erer) zu erwerben.“[12]

Diese kurz nach Studienbeginn aufgezeichnete Einschätzung zeugt von einer gewissen Enttäuschung gegenüber der Lehrrealität, deutet aber auch eine Radikalität im Denken an, die sich der junge Student geradezu selbst einzutrichtern beginnt, indem er immer wieder seine Unabhängigkeit im Denken proklamiert. Er bezieht diese unbedingte Forderung nach Eigenständigkeit ganz wesentlich auf die Philosophie im weiteren Sinne, von der er bereits in Schulzeiten so viel wie nur möglich aufgenommen hat, indem er mit kaum vorstellbarer Ausdauer schriftliche Auszüge aus Büchern verfertigte.[13] Diese umfangreiche, insgesamt aber recht unsystematische Wissensaufnahme, dieser Selberlernversuch anhand glücklicherweise vorhandener Werke, führte fast zwangsläufig zu der Einschätzung, durch jede Art spezieller Philosophie eingeschränkt, ja in der eigenen Entwicklung insgesamt beschränkt zu werden. Engelhard Weigl stellt dazu fest:

„Selbstdenken als Inhalt und Ausgangspunkt jeden Philosophierens wird für Jean Paul zur programmatischen Forderung. Philosophie, will sie sich unterscheiden von einer Schulmetaphysik des leeren Wortkrams, ist nur realisierbar als unbehinderter Erkenntnisprozeß von eigener Erfahrung und selbständiger Reflexion.“[14]

Der fast ohne finanzielle Mittel und ohne jede Protektion in Leipzig mehr schlecht als recht über die Runden kommende Student hatte der Welt nichts weiter anzubieten als radikales Denken, das ihm, zumal durch die zu schreibenden Satiren, zugleich die Oberhoheit bedeuteten sollte über eben diese Welt. So ist ihm auch das Selberdenken im Sinne der Aufklärung nicht genug. Weigl fährt fort:

„Bei Jean Paul erfährt die allgemeine Forderung, selbst zu denken, allerdings eine entscheidende Umformulierung. Der Protest im Namen des Selbstdenkens wendet sich nicht nur gegen Aberglauben und gegen die in Paragraphen geordnete und gegen subjektive Erfahrung abgeschirmte Schulphilosophie, sondern gegen alles Erlernte, d. h. gegen alles nicht selbständig und selbsttätig Erfundene. Selbstdenken beinhaltet für Jean Paul nicht nur die Aufforderung, das Überlieferte seiner Autorität zu entkleiden und ohne Rücksicht zu überprüfen, sondern es selbst hervorzubringen. Alles was nicht selbständig erarbeitet wurde, erscheint als aufgezwungen.“[15]

Diese Herangehensweise birgt allerdings ein hohes Risiko, und Jean Paul wird sein Leben lang immer irgendwie ›zwischen allen Stühlen sitzen‹, während sich manch mittelmäßige Gestalt zu Lebzeiten unverdientermaßen eines hohen Ansehens erfreut. Doch wie besonders die frühen »blos für mich« angefertigten Schriften zeigen, vor allem Übungen im Denken und Tagebuch meiner Arbeiten, ist es ihm bitter Ernst mit seiner selbstgestellten Aufgabe. Ein Jahrhundert später wird Friedrich Nietzsche seinen unausgegorenen Gedanken der »Umwerthung aller Werthe« auf die herrschende Moral münzen, doch Jean Paul geht es zunächst ›nur‹ um die Befreiung des Individuums von der Last der vielfältigen Wahrheiten. Das heißt für ihn allerdings nicht, diese Philosophien und ›Weltweisheiten‹ zu ignorieren, um sich etwa in die ›Öde der Phantasterei‹ zu verlieren, sondern sie intensiv zu prüfen. Die Ergebnisse, sowohl ernsthafte Abhandlungen als auch Satiren, präsentiert er der ›Welt‹, die sie allerdings nicht haben will.

Noch ist der Schriftsteller Jean Paul der einzige Selbstdenker im eigenen Kosmos, ein poetisches Ich ist nicht in Sicht. Dabei ist er sich durchaus bewußt, daß er dem eigenen Denken nur über das Medium der eigenen Sprache Ausdruck verleihen kann, verbunden mit der Erschaffung eigener Inhalte. Unter der Überschrift Malen Wort‘ unsern Selenzustand? versucht er sich zunächst Gewißheit zu verschaffen, wie Sprache funktioniert und unter welchen Umständen sie ihre Wirkung nicht verfehlt. Er schreibt:

„Die Worte drükken nie das ganz aus, was man fült. Sie geben nur einen Umris. Wen heftiger Affekt drängt, findet nie die Worte, die seinen Selenzustand hinmaleten. Sie sagen nur, daß etwas da sei; aber nicht, was, und wie es da sei. […] Ein par Worte sind oft genug, um seine Sel‘ in einen Zustand zu versezzen, den keine Worte malen können. – Aber ie besser der Umris ist, den du iezt von deiner affektvollen Sele machst, desto leichter wird’s dem Leser, das Gemälde zu vollenden. Göthe ist ein solcher Zeichner. Er trift iede Saite des empfindenden Herzens – hat nicht ganz Deutschland ihm geweint?“[16]

Auch wenn der junge Jean Paul es nicht gleich in alle Welt hinausposaunt, so wird doch bereits in diesen Übungen deutlich, wie sehr er mit dem Gedanken spielt, wahrhaftige, seelenvolle Menschen nicht etwa in Worte zu kleiden, sondern sie durch Worte zu erschaffen, zu verlebendigen. Natürlich profitiert auch er von Goethes Die Leiden des jungen Werther (1774), dessen nicht nur segensreiche Wirkung die Strahlkraft eines poetischen Ich erkennen lassen. Zudem stand ihm mit diesem Beispiel die Möglichkeit, mit dem Schreiben Geld zu verdienen, recht deutlich vor Augen.[17]

In seinem Studium wendet sich Jean Paul dann der Philosophie zu, mit starker Präferenz zu der Lehre Ernst Platners, wenn auch bedacht sein will, daß die Richtung des jeanpaulschen Denkens sich bereits in den Übungen deutlich zeigt. In Platners Lehre und besonders seiner Ästhetik findet sich jedenfalls nicht nur ein offener Umgang mit philosophischen Ideen, sondern zudem die realistische Einschätzung des Genies als eines auf hohem Niveau selbstbewußt Tätigen. Jean Paul muß sich also durchaus angesprochen gefühlt haben, als er in den ästhetischen Vorlesungen folgendes so oder ähnlich hörte:

„Denn im Genie sind die Talente von ganz eigenem Charakter, und es machen folglich gemeine Talente und Geist noch nicht ein wahres Genie aus, sondern Talente, die auf eine ganz eigene Art charakterisirt sind, in Verbindung mit einem hohen Grade von Geist. Diese Art von Genie kann nun bei allen möglichen Arten von Kenntnissen und Beschäftigungen Statt finden, da Alles, was in der Welt gelehrt, gelernt, dargestellt und verhandelt wird, Beziehung auf den Menschen hat, und in einer nähern oder entfernteren Verwandtschaft steht mit der Theilnehmung an dem Geheimnisse der Welt und des menschlichen Daseyns.“[18]

Ernst Platner, Philosoph, Anthropologe, Arzt und wohl auch überzeugter wie überzeugender Lehrer[19] in einer Person, verknüpft den Geniebegriff, wie schon angedeutet, mit dem Suchen und Forschen, dem Lehren, Lernen und vor allem auch dem Darstellen. Auch wenn dies keine völlig neue Deutung ist, so ist sie doch anschaulich und bodenständig vor allem in bezug auf das Talent, das in jedem Fall erkennbar ist und nichts Mystisches an sich hat. Während Immanuel Kant den Begriff des Talents im Kontext der Vollkommenheit (in praktischer Bedeutung) abhandelt, verbindet Platner es mit der freien Wahl einer Tätigkeit, für die zunächst einmal nur Talent vorhanden sein muß. In den Vorlesungen über Ästhetik heißt es kurz und knapp: »Man hat Talent, wenn man die Art von Einbildungskraft besitzt, welche zu der Art von Kenntnis der Geschäfte erfordert wird, die man sich erwählt hat.«[20] Dies muß zunächst auf den realen, tätigen Menschen bezogen werden, auf den Mechaniker, den Chemiker, den Historiker, den Musiker (›Tonkünstler‹), auf den Arzt und auf den Politiker, aber natürlich auch auf den Philosophen. Das für Jean Paul Wesentliche liegt dabei sicher in einer weiteren Verknüpfung, die Platner noch vor dem oben Zitierten anspricht, der des Talents mit Geist. So heißt es:

„Was ist denn aber eigentlich Genie? Nichts anders, als Talent verbunden mit Geist, oder Geist von Talenten begleitet, wiewol Ersteres besser ist. Allein dies ist noch nicht hinreichend, sondern es ist nöthig, daß wir den Begriff Geist nochmals näher untersuchen und aufklären. Es ist dabei nöthig, daß wir den alten Spruch […] vorbringen, nämlich: daß der Mensch nur alsdann ein guter Mensch sey, wenn er Reizbarkeit der Seele hat, um durch das, was wir Welt, Natur und Mensch selbst heißen, gerührt zu werden und Antheil daran zu nehmen.“[21]

Der nach Teilhabe strebende Mensch hat, folgt man Platner, nichts von einem weltabgewandten, ätherischen Genie, sondern ist in ganz und gar praktischer Weise der Gemeinschaft verpflichtet aufgrund seiner Fähigkeiten und seines daraus resultierenden Potentials. Der platnersche Begriff des Geistes ist somit sozial konnotiert, beschränkt sich aber durchaus nicht auf den Bezug zu seelsorgerischer oder ärztlicher Tätigkeit. Platner führt anschließend aus:

„Diese Reizbarkeit der Seele und diese Theilnehmung an Allem, was Welt und Menschheit angeht, äußert sich auf dreierlei Art, nämlich ein solcher Mensch denkt entweder über das Räthsel der Welt und des menschlichen Daseyns nach, oder er wird durch Gegenstände der Natur und wirklichen Welt vorzüglich gerührt, oder er nimmt davon Anlaß zu dem, was man im edelsten Sinne des Wortes Thätigkeit nennt. Alle guten Menschen haben folglich entweder Geist zur Philosophie, oder Geist zur Kunst, oder Geist zur Thätigkeit. Dieser Geist nun in Verbindung mit Talenten macht den Grund vom Genie aus, und wem es daher in den Wissenschaften, in den Künsten und im Handeln an Geist fehlt, dem fehlt es auch an Genie.“[22]

Dem guten Menschen alias Genie ist Jean Paul in jedem Fall bei Ernst Platner begegnet. Aber es ist eben nicht der von Kant geprägte harmonisierende Begriff des Genies, den Platner lehrt, auch wenn er nur um Nuancen abweicht. Dies aber genügt, die Gewichtung der einzelnen Voraussetzungen zueinander so zu gestalten, daß dem aufmerksamen Zuhörer nicht ein festgefügtes Sein des Genies vor Augen steht, sondern das von einer Grundlage aus sich vollziehende konkrete Werden. Ein guter (oder auch hoher) Mensch ist so nicht nur auf höchstem Niveau tätig, sondern er reibt sich auch, weil er mit dieser ständig in Berührung ist, an der Wirklichkeit, ein Zustand positiver und dauerhafter Anspannung, der für Platner weder in erster Linie Folge von etwas Gottgegebenem[23] ist noch etwas dauerhaft Gültiges. Die Notwendigkeit, sich aufgrund seiner ›Talente‹ eigenständig zu entscheiden, zeigt sich nochmals in folgendem Passus:

„Aber, wird man hier sagen, man kann sich doch das Genie nicht selbst geben!? Wir antworten: Wenn man sich’s auch nicht selbst geben kann, so kann man sich’s doch nehmen, aber freilich auch nehmen lassen. Denn Genie ist eigentlich doch nichts anderes, als Thätigseyn im höhern Grade; daher es wirklich auch schwerer zu seyn scheint, Köpfen Talent einzuflößen, als ihnen Genie zu geben.“[24]

Auch am Beispiel des Juristen macht Platner deutlich, er hebt hier unter anderm Christian Thomasius und Montesquieu hervor, wie sehr der Jurist ganz Mensch sein soll und eben nicht nur Fachmann sein darf:

„Also durch Theilnahme an Weisheit und Thorheit, an Rechtschaffenheit und Bosheit, an Glückseligkeit und Elend in der Welt, durch Gefühl und Thätigkeit für Alles, was Bezug auf Veredelung und Beglückung der Menschen hat, unterscheidet sich das juristische Genie von jenen alltäglichen und gewöhnlichen Rechtsgelehrten.“[25]

Der hier vorgestellte ›ganze‹ Mensch mußte für den Studenten Jean Paul gleich doppelte Bedeutung erlangen, denn nicht nur ist er selbst bereits in jungen Jahren an allem Wissenswerten interessiert, sondern auch bestrebt, dies sinnvoll nach eigenen Erkenntnissen und damit wirksam in die Praxis umzusetzen. So sieht er womöglich seine eigenen Vorstellungen beschrieben, wenn Platner feststellt:

„Unter den Händen des Genies also werden alle Kenntnisse zu Philosophie, alle Arbeiten zu einem gewissen eigentlich-menschlichen Enthusiasmus, und von Kunstwerken versteht es sich von selbst, was sie unter solchen Händen werden müssen.“[26]

Platner geht es, wenn von der Entstehung der Kunst die Rede ist, keineswegs um einen ›göttlichen Funken‹, sondern um das konkret faßbare Entstehen des Gewollten, das eben nicht nur sachgerecht sein darf, sondern lebendig sein muß. Für den angehenden Schriftsteller Jean Paul muß hier zumindest die Ahnung entstanden sein, daß ein interessierter und ›lebendiger‹ Schriftsteller nicht einfach trockene Figuren erfinden darf, sondern lebendig eigenständige, auch wenn sie metaphorisch für einen Typus stehen, wie dies in Satiren, die er zu schreiben gedachte, unbedingt notwendig ist. Doch nicht nur das reale Weltgeschehen mitsamt dem agierenden ›Personal‹ ist zu beobachten, der Schriftsteller muß auch sich, sein eigenes Wesen, so gut wie nur möglich (er-)kennen, schöpft der Mensch doch wesentlich aus sich selbst,[27] und auch die für das literarische Schreiben grundsätzlich benötigte Einbildungskraft beziehungsweise Phantasie stammt aus seinem ›Innern‹. Eben diese Herangehensweise lehrt Platner in aller Deutlichkeit und betont, daß besonders für das Genie die Kenntnis seiner selbst und demzufolge auch die Beherrschung der eigenen Phantasie unabdingbar ist. Das Genie könne somit durch »eine Bewegung im Organe des Gehirns« Vorstellungen bilden.[28] Platner führt aus:

„Allein es ist hierbei zu bemerken, daß diese Bewegungen allezeit mit Theilnahme der Seele geschehen müssen, sowie jede andere Bewegung unserer Muskeln auf gleiche Weise geschieht. Ebenso verhält es sich auch mit der Phantasie, welche eine ausnehmende Geneigtheit besitzt, Vorstellungen zu wecken und zu nähren, auch zu untersuchen, welche der Seele willkommen sind, wogegen sie bei solchen fast gar nichts thut, welche sie nicht vorzüglich interessiren. Und so macht es auch das Genie überhaupt: Es sucht sich aus der ungeheueren Masse von Vorstellungen immer nur diejenigen heraus, welche es ganz vorzüglich interessiren, und eben darum hängen die Talente ganz vom Genie ab. Denn das Talent ohne Genie hat eine gewisse Organisation, vermöge welcher bloß gewisse Vorstellungen vorzüglich klar werden; aber beim Genie hat die Seele für gewisse, sie vorzüglich interessirende Arten von Vorstellungen das Organ gleichsam ausgeschliffen.“[29]

Dies alles fällt bei Jean Paul auf fruchtbaren Boden, vor allem sicher auch, weil Platner die notwendige »Kenntniß der Regeln der Dichtkunst«[30] hervorhebt. Die Vermittlung der Kerngedanken als Realien ist für Platner in jedem Fall selbstverständlich, und eben aus diesem Grunde ist ihm auch die vermittelnde Sprache wichtig, bliebe doch ohne sie, so führt er aus, von vielen einfühlsamen Werken nichts übrig als möglicherweise richtige, aber bereits bekannte, trockene Gedanken, die als ein »gemeines Gerippe« in ihnen stecken. So ist es nur folgerichtig, daß er eine Lanze bricht für eine poetische, empfindsame Sprache, die nicht nur Inhalte vermittelt, sondern Wirkung auf den Leser zeitigt, die trockene Materie allein nicht hervorbringen kann. Platner betont,

„wie gedankenlos es ist, wenn von einer gewissen Classe von Menschen gegen eine gewisse Art von Sprache geeifert wird, weil man glaubt, daß damit schlechterdings keine sogenannten Realia verbunden werden könnten. Aber was in aller Welt sind denn Realien? Doch nichts anders, als solche Dinge, welche den Menschen weiser, besser, zufriedener und glückseliger machen? Wenn aber dem so ist, wie kann man dann noch eine Sprache verwerfen, welche dazu dient, unsere Ideen aufzuhellen und unser Herz zu erwärmen?“[31]

Platner rekurriert nicht nur auf in lebendiger Sprache geschriebene, im weitesten Sinne philosophische Werke, sondern er nimmt den Dichter ausdrücklich mit auf in die Phalanx der Genies, doch seien eben nicht die von der Eingebung eines Gottes oder Dämons abhängigen Dichter die wahren Genies, sondern »eine andere Art«. Diese, so heißt es,

„sind vielmehr Genies selbst, und diese sind Dichter im engsten und wahrsten Sinne des Ausdrucks, weil sie das Gefühl und die Theilnahme für Alles, was Natur und Welt und Menschheit angeht, zu den stärksten Empfindungen stimmt und zu Kunst­ergießungen antreibt.“[32]

Es ist somit keineswegs allein die Natur, die der Kunst qua Talent die Regel gibt, doch der Dichter schöpft, so gut er sich selbst kennen mag, eben auch nicht nur aus sich selbst, so wie jene poetischen Nihilisten aus den Reihen der Romantiker, denen Jean Paul zwei Jahrzehnte später in der Vorschule der Ästhetik (1804, zweite, erweiterte Auflage 1813) unverhohlen Ich-Sucht vorwirft.[33] Dies bedeutet im Falle Jean Pauls allerdings nicht, das eigene Ich zu verstecken, sondern vielmehr, es durch Sprache, durch ›Sprachkunst‹ zu enthüllen mittels eines konkreten Zugriffs auf die Wirklichkeit im Sinne jener »Theilnahme für Alles«.

Jean Paul versteht die platnerschen Überlegungen insgesamt als eine Anweisung zu einer Art poetischem Pragmatismus. Selbst das Übersinnliche, etwa die Frage nach Seelenwanderung und Wiedergeburt, wird so nicht als unerkennbar angesehen, sondern als in, mit und durch Sprache begreifbar, soweit es Teil eines wesentlich künstlerischen, nicht eines nur philosophischen Prozesses ist. Die Aufgabe, dies »Alles« zu ergründen, schien dem jungen Schriftsteller Jean Paul zunächst am besten in Form der Satire zu verwirklichen. Noch in der Leipziger Zeit entsteht Grönländische Prozesse, oder Satirische Skizzen (1783-1784), nach dem Lob der Dumheit (1781-1782) ein neuerlicher Versuch, als freier Schriftsteller Geld (für die angestrebte Freiheit) zu verdienen. Wasser auf seine Mühlen war dabei womöglich auch die von Platner so redegewandt vorgetragene Überzeugung, »daß das Genie sich schon durch seine Sprache verrathe«[34], und in dieser Hinsicht muß der junge Student doch bereits sehr von sich überzeugt gewesen sein. Zwar siedelt Platner das Genie nicht ausschließlich in den Künsten an, betont aber eben doch, daß das Genie vorzüglich »Erfindungskraft in philosophischen Werken«[35] zeige. Der Student Richter hat dies für sich nicht wortgetreu antizipiert, doch da die Werke Jean Pauls in aller Regel gedanklichen Tiefgang wenigstens sprachgewaltig parodieren, und damit gewissermaßen auch zeigen, ist ihm weder die von Platner so hoch eingeschätzte Erfindungskraft[36] abzusprechen noch eine ausgeprägte und vielstimmige Sprachgestaltung. Auch die dritte Eigenschaft des Genies, die Geschicklichkeit,[37] dürfte sich Jean Paul ans Revers geheftet haben. Zu dieser gehöre, so Platner, zweierlei, nämlich »Leichtigkeit und Anmuth«,[38] doch beziehe sie sich »niemals auf Einbildungskraft oder Vorstellungsvermögen, sondern einzig und allein auf das Practische und die Gabe auszuführen und zu handeln«.[39] Letzteres tat der junge Jean Paul ohnehin, wenn auch sicher nicht leicht und anmutig, indem er mit kaum zu begreifendem Eifer, oft hungernd und frierend, aus Büchern und Zeitschriften das ihm Wichtige abschrieb, um dann im Laufe der Jahre immer mehr zu eigenen Texten überzugehen, die auf eben jenem Wissen fußten.[40]

Ernst Platner bemüht sich in seiner Ästhetik auffallend um die Gestaltung eines Menschenbildes, das besonders auch ein Genie als integralen Bestandteil des Gemeinwesens vorstellt, als eines in der Mitte der Gesellschaft auf höchstmöglichem Niveau engagiert tätigen Menschen, der ausdrücklich nicht allein seinem eigenen Wohl dient, so wie dies bereits einem Christian Thomasius ein Jahrhundert zuvor vorschwebte. Jean Paul nimmt dieses Bild insofern auf, als daß er in der Form der Satire, die er ja schon mit Beginn des Studiums für sich entdeckt hat, radikale Kritik an den Zuständen der ›großen Welt‹ übt. Seine Anteilnahme an der Welt ist zur Zeit seines Studiums jedoch noch ganz unbelastet von der Realität. Max Kommerell malt das Bild des jungen, schriftstellernden Studenten folgendermaßen:

„Unumschränktheit des Ich […] ist der Beruf, dem dieser noch ungeschickte Geist entgegenlebt. Wie gefährdert war aber diese Unumschränktheit in einem Geschöpf, das bildlich gesprochen ohne Tastsinn und ohne Auge geboren schien, die Wahrnehmungen von außen nur als Ufer rastlos fließender Eingebungen benutzen konnte, und in der Wirklichkeit des Lebens ein ausgehungerter Schulbub war, ohne Mündigkeit und ohne Begriff von Gesellschaft, und bloß mit abgetragener, aufklärerisch protestantischer Gottesgelahrtheit behängt – in einem Geschöpf also, das mit Staat, Sitte, Beruf, Weib und Geschäft bloß in der Form der Niederlage bekannt werden konnte und dessen gemischter Gedankenbesitz den Seltenheitswert der Unbrauchbarkeit hatte? […] Also dichtete er sein Ich gewaltsam ab. Die grillen- und greisenhaften Äußerungen dieses Jünglings sind als Selbstbehauptung zu verstehen. […] / Darum sind die Satiren dieses so echten Menschen unwahr geraten. Der Selbstlerner aus ganz kleinen Verhältnissen spielt den angewiderten Weltkenner.“[41]

Von einem eigenständigen Ich kann in den Texten, zumal den ganz frühen Satiren, tatsächlich nicht die Rede sein. Trotzdem aber, und das ist das Entscheidende, arbeitet er als Selbstlerner intensiv an der Erhellung seines Bewußtseins in Form literarischer Texte, in denen er sein Ich gewaltsam abbildet, wie Kommerell feststellt. In Das Lob der Dumheit, geschrieben November 1781 bis März 1782, lotet er immerhin das spätere Personal seiner Romane, vom polierten Höfling über die dürre Gestalt eines Poeten bis hin zum Theologen, ein wenig aus, ohne es bereits mit Leben füllen zu können. In dem Versuch, eben dies zu bewerkstelligen, schlüpft der Autor selbst in die Rolle der Dummheit. Er beginnt die Vorrede mit »Ich, die Dumheit, neme bald diese bald iene erwürdige Gestalt an«,[42] und so macht er bereits einleitend deutlich, daß er dem in den ersten Studienmonaten erworbenen ›fremden‹ Wissen nicht trauen will, ja nicht trauen darf, so sehr er auch zunächst am Universitätsbetrieb teilnimmt und kreuz und quer Vorlesungen hört. Seine Rolle kann und soll, da ist er sich sicher, nicht die sein, Wissen zu übernehmen, um sich dann (dennoch) ein- und unterzuordnen, zumal als Theologiestudent, der er de facto ist; sie muß vielmehr die eines Außenseiters sein, aber nicht weil er sie allein durch seine Armut und Herkunft schon innehat, sondern weil er eine Rolle benötigt, die er eigenständig und so positiv wie möglich ausfüllen kann. Daß er damit nichts Geringeres anstrebt als einen möglichst großen, auch finanziellen Erfolg, liegt sowohl in der Natur der (Kunst-)Sache als auch in der schlichten Notwendigkeit, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Max Kommerell sieht hier zu recht »Jean Pauls Weltansprache als Ansprache des Humoristen«. Er folgert:

„Der Humorist erfährt den Gegenstand von vorn an nur so, daß er dessen Abweichen von der Denkform wahrnimmt und es mit dem Nein des Ich beantwortet, mit dem Nein des Ich den verschobenen Umriß des Gegenstandes zieht. Mit dieser hohen Freiheit des messenden Ich steht er dem Musiker und der idealistischen Unterart des Philosophen nahe, also zwei neuzeitlichen Grenzformen des Geistes, und bezahlt dies mit einer Krankheit: niemals mehr ein Ding unmittelbar erfassen zu können. Er glaubt die Welt zu verbannen und lebt in Wahrheit aus ihr verstoßen selbst im Exil.“[43]

Die »Krankheit« des Jean Paul, die Kommerell hier diagnostiziert, ähnelt sicher jener der Muschel, in deren Innern sich aufgrund eines eingedrungenen Fremdkörpers die Perle bildet. Im Falle Jean Pauls findet sich, um im Bild zu bleiben, das eigene Ich als ein entdeckter »Fremdkörper«, der mit Sprache faßbar wird und nach und nach (eine schöne) Gestalt annimmt. Das sprachliche Umfassen des Ich zeigt sich auch in dem Umstand, daß es Jean Paul nie aufgegeben hat, sich selbst immer wieder in seine Texte einzuschreiben, man denke nur an Schmelzles Reise nach Flätz (1809), wo er nicht nur die Hauptperson mit den ureigensten Schwächen und Sonderbarkeiten seines Schöpfers ausstattet, sondern auch noch selbst als unheimlicher Passagier dem Schmelzle gehörig Angst einjagt. Allein, zu dieser souveränen Schreibpraxis reicht die schöpferische Kraft des jungen Studenten noch nicht, vor allem da seine Welt fast nur aus Sprache besteht und kaum aus Lebenserfahrung gespeist wird. Es bleibt ihm nichts anderes übrig, als aus sich selbst zu schöpfen, was heißen muß, das angelesene Wissen neu zu ordnen und dem imaginierten Publikum zu präsentieren, denn nur  so kann er ergründen, ob ein Genie in ihm schlummert.[44] Somit perfektioniert er sich in der Kunst, das Publikum mit Metaphern, Anspielungen, Wortwitzen und den scharfen Geschossen der Altklugheit totzuwerfen, so daß er im Grunde bereits den geplanten Erstdrucken[45] einen Anmerkungsapparat hätte beigefügen müssen, wäre es ihm darum zu tun gewesen, Einblick in seine ›Werkstatt‹ zu geben. Deutlich ist in jedem Fall, daß alles, was der wißbegierige junge Mann in den Jahren bereits aufgenommen hat, wieder hinaus muß, koste es, was es wolle. Zu den bereits erwähnten Übungen im Denken schreibt Max Kommerell:

„Gleich die erste Seelenkunde, die sich Jean Paul mit den früh ausgeschriebenen, hochgeistigen Zügen seiner jugendlichen Hand zusammenstellt, verrät es: sein ganzes Wissen um den Menschen stammt vom Ich, nicht vom Du.“[46]

Die ersten Schritte auf dem Weg zum Schriftsteller hat Jean Paul, mit vielfacher Beeinflussung durch die Wissenschaften, ohne Zweifel in Leipzig getan,[47] und es ist bezeichnend für ihn, daß er sich zwei Jahrzehnte später als bereits allseits bekannter und (immerhin leidlich) erfolgreicher Schriftsteller schließlich doch wieder einem philosophischen Thema zuwendet, nämlich der Ästhetik,[48] hier dann aber vornehmlich die Dichtkunst und ihre Bedingungen untersucht. Besonders der Frage nach der Rolle der Bildungskraft bzw. der Phantasie und der des Charakters wird einige Bedeutung zugemessen. Dabei steht immer die Frage im Raum, ob das einzelne Ich so selbständig agieren kann, daß es weder seine Lebendigkeit noch seine Eigenständigkeit verliert. In der Vorschule der Ästhetik führt Jean Paul zunächst die »Bildungkraft oder Phantasie« ins Feld, die er manchen Zeitgenossen abspricht, mit der aber eine tatsächlich ganze Welt zu erschaffen ist.[49] In Abgrenzung zur »Einbildungkraft« (§ 6) erkennt er in der Phantasie gar die »Welt-Seele der Seele« und den »Elementargeist der übrigen Kräfte«,[50] so daß dem Dichter im Grunde, beherzigt er nur die im selben Text zuvor angesprochenen quasi handwerklichen Grundlagen der literarischen Charakterbildung und Charakterdarstellung, keine Grenzen gesetzt sind. Jean Paul schreibt:

„Die Phantasie macht alle Teile zu Ganzen – statt daß die übrigen Kräfte und die Erfahrung aus dem Naturbuche nur Blätter reißen – und alle Weltteile zu Welten, sie totalisieret alles, auch das unendliche All; daher tritt in ihr Reich der poetische Optimismus, die Schönheit der Gestalten, die es bewohnen, und die Freiheit, womit in ihrem Äther die Wesen wie Sonnen gehen. Sie führt gleichsam das Absolute und das Unendliche der Vernunft näher und anschaulicher vor den sterblichen Menschen. Daher braucht sie so viel Zukunft und so viel Vergangenheit, ihre beiden Schöpfung-Ewigkeiten, weil keine andere Zeit unendlich oder zu einem Ganzen werden kann; (…).“[51]

Hier scheint der Geist Ernst Platners, seine Ästhetik, im älter und reifer gewordenen Jean Paul gleichsam zur Ruhe gekommen zu sein, denn er schließt die nur kleinen »Wahrheiten«, insofern aus, als daß er ihnen keine isolierte Bedeutung mehr zuspricht. Das Menschen-Ich kann zwar den Umständen gemäß auf einen Punkt fokussiert sein, es verliert aber nicht die Zusammenhänge seines Daseins, auch wenn sie ihm zeitweise aus dem Blick geraten und es sein Ich für einen Momemt vergißt. Und gerade weil hier nicht zuerst das in der Literatur beschriebene Ich und dessen Erschaffung gemeint ist, sondern der Mensch als solcher, ist auch der das poetische Ich antizipierende Leser mitgemeint. So treffen die in den Texten beschriebenen Charaktere auf den ›sterblichen Menschen‹ und führen etwas vor (nicht auf!), das dieser gleichberechtigt und mit aller Empathie mitträgt. Jean Paul läßt durchaus keinen Zweifel daran, daß er der Phantasie im allgemeinen und der poetisch-literarischen Phantasie im besonderen eine positiv weltverändernde Wirkung zuweist, die aber auf der Gleichberechtigung aller möglichen Charaktere beruht, seien sie real oder literarisch in der Welt. Einer überaus optimistischen Annahme bezüglich der Art und »Qualität« des Lesers, der im Falle Jean Pauls im wesentlichen ein Jean-Paul-Leser sein müßte,[52] kann ein Autor allerdings nur entsprechend gerecht werden, wenn seine Charaktere tatsächlich eine Eigenständigkeit und mithin eine Ästhetik und Freiheit aufweisen, die die Phantasie nicht nur zuläßt, sondern auch beim Leser wirksam einfordert. Folgerichtig gibt Jean Paul in seiner Vorschule der Ästhetik Einblick in seine Werkstatt, in der er kraft seiner Phantasie als Charakterbildner tätig ist und in der das Ich als ein poetisches zum Leben erweckt wird. »Nichts«, so stellt er aber bereits einleitend fest, »ist in der Dichtkunst seltner und schwerer als wahre Charaktere«,[53] doch natürlich steht Jean Paul mit dieser Einsicht nicht allein. So schreibt Novalis[54]  zur etwa gleichen Zeit:

„Ächte, poëtische Charactere sind schwierig genug zu erfinden und auszuführen. Es sind gleichsam verschiedne Stimmen und Instrumente. Sie müssen allgemein, und doch eigenthümlich, bestimmt und doch frey, klar und doch geheimnißvoll seyn. In der wircklichen Welt giebt es äußerst selten Charactere. […] Die meisten Menschen sind noch nicht einmal Charaktere. Viele haben gar nicht die Anlage dazu. Man muß wohl die Gewohnheitsmenschen, die Alltäglichen von den Ch(aracteren) unterscheiden. Der Character ist durchaus selbstthätig.“[55]

So unterschiedlich die Prosawerke der beiden Dichter auch sind, die Erforschung der (eigenen) Gedankenwelt, das Selberdenken ist ihnen nicht einfach Mittel zum Zweck der Literaturerschaffung, sondern Teil derselben, so daß im besten Falle poetische Ichs entstehen, die dem Leser als gleichberechtigte, lebendige Gegenüber erscheinen und die Gedanken und Emotionen gleich realen Menschen auszulösen vermögen.

Die nichtsatirischen, von poetischen Ichs bevölkerten Werke Jean Pauls wären vielleicht nie geschrieben worden, hätte ihn das Leben weniger hart getroffen. Die weitgehende Erfolglosigkeit als Schriftsteller, die bittere Armut, die beengten Lebensverhältnisse, all dies bedrückte ihn. Ein Leben als Hauslehrer in Töpen oder als Winkelschullehrer in Schwarzenbach war sicher nicht das, was er sich vorgestellt hat, und als er seine ›Todesvision‹ am 15. November 1790 erleidet, steht dies am Ende einer Zeit, in der er drei Menschen an den Tod verloren hat: die Freunde Lorenz Adam von Oerthel und Johann Bernhard Hermann, dazu den Bruder Heinrich durch Selbstmord. Aber natürlich ist der Übergang von der Satire zum Roman und damit zum poetischen Ich kein plötzlicher, auch wenn er bereits in der Zeit in Töpen mit dem Gedanken spielt, einen Roman zu verfassen. Dies zeigt ein Brief an Johann Bernhard Hermann vom Mai 1788. Dort heißt es:

„Ich bin des Teufels, wenn ich nicht einmal deinen ganzen Karakter in einen Roman pflanze: aber bringe mir bei, wie ich dem Leser die Wahrscheinlichkeit deiner Zotenmanie beibringe? Es wird ieder sagen, ich soutenirte den Karakter zu schlecht und zwänge die un(gleich)artigsten Züge zusammen.“[56]

Der Anreiz, seinen Freund als literarischen Charakter zu verwenden, muß in der Tat recht groß gewesen sein; der Begriff der Zotenmanie spielt dabei auf medizinisch-erotische Berichte an, die Johann seinem Freund brieflich übermittelt.[57] Ein Wink aus der Realität des Buchhandels hat aber wahrscheinlich eher dafür gesorgt, den Plan tatsächlich umzusetzen. Im Juli 1790 spricht Jean Paul in einem Brief an Christian Otto schließlich von einem Roman, »an dem ich laiche«.[58] Dem vorausgegangen war der Versuch, unter Vermittlung des Publizisten Johann Wilhelm von Archenholz[59] eine Satirensammlung, Abrakadabra oder Die Baierische Kreuzerkomödie am längsten Tage im Jahr, an einen Verleger zu vermitteln. Über das Scheitern dieses Versuchs berichtet Archenholz in einem Brief an Jean Paul vom 13. Februar 1790. Dort heißt es:

„Buchhändler haben es [das Manuskript der Kreuzerkomödie] gelesen, es als PRODUCT des Witzes gelobt, als Waare aber von sich gewiesen, da, wie sie sagen, uneingekleidete Satyren gantz u. garnicht verkaufbar sind.“[60]

Doch Archenholz hat, neben der schlechten Nachricht, auch noch einen Rat an den jungen Schriftsteller:

„Wäre dieser Aufwand von Witz u. Laune in ROMANform gebracht, so bin ich gewiß die Buchhändler würden sich danach reissen. Warum in aller Welt thun Sie das nicht mit Ihren PRODUCTEN? Die Kunst Handlung zu fingiren kan doch einem Manne nicht schwer werden, der die ungleich grössere Kunst versteht, witzig und launicht zu seyn.“[61]

Wenn sich Archenholz auch sicher täuscht in der Beurteilung der Schwierigkeitsgrade von Roman und Satire, so muß dieser Brief doch einigen Eindruck auf Jean Paul gemacht haben, auch wenn er zunächst weiter Satiren schreibt.[62] Immerhin macht er sich recht schnell an die »Idylle« Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz in Auenthal, die 1793 als Teil von Die unsichtbare Loge. Eine Lebensbeschreibung, seinem ersten Roman, veröffentlicht wird. Damit war ein Romanschriftsteller geboren, wie ihn, das kann man ohne Übertreibung sagen, die Welt noch nicht gesehen hat. Seine poetischen Ichs, Jean Paul als Jean Paul eingeschlossen, bevölkern und bewegen noch heute die Welt derjenigen Leser und Leserinnen, die sich einlassen auf einen gewissen Johann Paul Friedrich Richter, dem es eines Tages eingefallen sein muß, unbedingt Schriftsteller werden zu müssen.


[1] Erich Kleinschmidt, Autorschaft, Konzepte einer Theorie. Tübingen und Basel 1998, S.77

[2] Günter de Bruyn, Das Leben des Jean Paul Friedrich Richter. Halle (Saale) vierte Auflage1975, S.58Die Formulierung de Bruyns läßt den Eindruck entstehen, als sei Platner in seiner Lehre ungeordnet vorgegangen. Dies jedoch ist nicht der Fall, denn wenn er auch seine Philosophie in zumeist recht kurzen Paragraphen zum besten gab, so ist diese doch folgerichtig aufgebaut, ohne dabei jedoch eine strenge Systematik zu befolgen oder Erkenntnisse a priori vorauszusetzen. Daß er seine Untersuchungen allerdings immer wieder aufs Neue überarbeitete, ist nach Max Dessoir darauf zurückzuführen, daß Platners philosophische Richtung als ein Skeptizismus bezeichnet werden muß, der bis 1781 an Leibniz und von da an an Kant anknüpfte. Diese Wandlung zeige sich am deutlichsten, so Dessoir in einer Fußnote, an den Philosophischen Aphorismen. Siehe dazu: Max Dessoir, Geschichte der neueren deutschen Psychologie. Berlin 1902, S.224.

[3] de Bruyn (Anm.2), S.59.

[4] de Bruyn, S.61.

[5] Überliefert sind diese Vorlesungen durch Mori(t)z Erdmann Engel in einer Veröffentlichung von 1836, wiedergegeben in »treuer Auffassung nach Geist und Wort«. Es handelt sich also nicht um eine von Platner selbst veröffentlichte oder vom ihm autorisierte Schrift. Günter de Bruyn schreibt: »Seine berühmten Ästhetik-Vorlesungen (…) beeindrucken auch Richter sehr.« de Bruyn, S.58f.

[6] Ernst Platner, Vorlesungen über Ästhetik. In treuer Auffassung nach Geist und Wort wiedergegeben von dessen dankbarem Schüler M. Moriz Erdmann Engel, (…). Zittau und Leipzig 1836, S.82fHervorhebung im Original.

[7] Jean Paul, Übungen im DenkenIn: Ders., Sämtliche Werke. Abteilung II. Erster Band. München, Wien 1974, S.36. Hervorhebung im Original.

[8] Jean Paul (Anm.7), S.78. (XXIII.)

[9] Engelhard Weigl stellt fest: »Jean Pauls Vorstellung von wahrer Philosophie trifft sich mit einer zentralen gemeinsamen Überzeugung der deutschen Aufklärung.« Engelhard Weigl, Aufklärung und Skeptizismus. Untersuchungen zu Jean Pauls Frühwerk. Hildesheim 1980, S.124.

[10] Weigl (Anm.9), S.123.

[11] Jean Paul (Anm.7), S.79f.

[12] Jean Paul, Tagebuch meiner Arbeiten. In: Ders., Sämtliche Werke. Abteilung II. Erster Band. München, Wien 1974, S.225.

[13] Das Verzeichnis der von Jean Paul exzerpierten Bücher 1778-1781 zeigt mit der hier aufgelisteten Textvielfalt den Wissensdurst des Jünglings. Siehe dazu: Engelhard Weigl, S.207ff(Anhang)

[14] Weigl, S.124.

[15] Ebd. Hervorhebung im Original.

[16] Jean Paul, Übungen im Denken. S.81f. (XXVIII.) Hervorhebungen im Original. Diese Einschätzung Jean Pauls kommt der einleitend genannten Überlegung Erich Kleinschmidts recht nahe.

[17] Das Geldverdienen mit Bücherschreiben war allerdings, auch für Goethe, nicht leicht, da vor allem mit Raubdrucken oder verdeckten Zweitauflagen oft genug die durchaus vorhandene Nachfrage befriedigt wurde. Heutigentags sind die Probleme andere, das Ergebnis ist das selbe.

[18] Platner, S.83f.

[19] Ernst Platner sieht die Aufgabe des Lehrens ganz pragmatisch. In seinen Vorlesungen über Ästhetik ist zu lesen: »Denn einem Genie geben oder Geist in seinen Kopf bringen, heißt nur: den Geist, den Gott in den Menschen gelegt hat, durch gewisse Künste und Mittel erwecken und in Tätigkeit setzen.« Platner, S.83.

[20] Platner, S.74. Hervorhebung im Original.

[21] Platner, S.77fHervorhebungen im Original.

[22] Platner, S.78.

[23] Der Ansicht Platons, nur diejenigen Dichter seien wahre Dichter, die von der Gottheit selbst belebt werden, stimmt Platner ausdrücklich nicht zu. Siehe dazu: Platner, S.91f.

[24] Platner, S.82f. Hervorhebungen im Original.

[25] Platner, S.82.

[26] Platner, S.86.

[27] Platner formuliert: »Ein anderer Vorzug des Genies ist, daß die Talente im Grunde von ihm allein abhängig sind. Es ist ein psychologischer Grundsatz aus der Lehre von der Bildung der Vorstellungen, daß zur Hervorbringung einer jeden Vorstellung eine Bewegung im Organe des Gehirns erfordert werde.« Platner, S.87.

[28] Ebd.

[29] Platner, S.88.

[30] Platner, S.91.

[31] Platner, S.90. Hervorhebung im Original. Der Wunsch Platners, seine Ästhetik möge bereits im Vortrag unmittelbare Wirksamkeit entfalten und die Hörer zu künstlerischen und philosophischen Taten anregen, zeigt sich vielleicht schon allein darin, daß er sie nicht hat drucken lassen. Seine Gedanken zur Ästhetik waren ihm bereits Tat, und die Rede die beste Möglichkeit, sie unvermittelt zur Diskussion zu stellen.

[32] Platner, S.91.

[33] Siehe dazu: Jean Paul, Vorschule der ÄsthetikIn: Ders., Sämtliche Werke. Abteilung I. Fünfter Band. 6., korrigierte Auflage. München, Wien 1995, S.31. § 2.

[34] Platner, S.92.

[35] Platner, S.95.

[36] Platner sondert die Erfindungskraft von der »Erfindsamkeit« ab, die er zwar als natürliche Folge des wahren Genies zu sehen bereit ist, nicht aber als sein ganzes Wesen beherrschend. Platner, S.93.

[37] Platner,S.95ff.

[38] Platner, S.96.

[39] Platner S.97.

[40] Siehe dazu: de Bruyn, S.60. Und: Weigl, S.207ff.

[41] Max Kommerell, Jean Paul. Frankfurt am Main 3. Auflage1957, S.17.

[42] Jean Paul, Das Lob der Dumheit. In: Ders., Sämtliche Werke. Abteilung II. Erster Band München, Wien 1974, S.308.

[43] Kommerell (Anm. 41), S.16f.

[44] Dieser jugendliche Einstieg in die Schriftstellerei erinnert den heutigen Leser an die ersten literarischen »Gehversuche« Samuel Becketts, dessen Erstlingswerk More Pricks than Kicks (1934; deutsch unter dem verharmlosenden Titel Mehr Prügel als Flügel) mit Wissens- und Metaphernballast beschwert ist.

[45] Der einzige frühe »Erfolg« ist 1783 die anonym in der Vossischen Buchhandlung in Berlin erschienene Schrift Grönländische Prozesse.

[46] Kommerell, S.15f.

[47] Auch heute tun deutsche Schriftsteller, und natürlich Schriftstellerinnen, ihre ersten Schritte in das Berufsleben häufig in Leipzig, wenn auch, am Deutschen-Literatur-Institut, auf andere Art und Weise.

[48] Ob die Ästhetik überhaupt als ein Teilgebiet der Philosophie angesehen werden kann, ist bis heute umstritten; die umgekehrte Frage ist natürlich, vielleicht mit größerer Berechtigung, ebenso zulässig.

[49] Jean Paul geht hier auf die den Dichter auszeichnenden Fähigkeiten ein, bevor er später noch einmal, in der Zweiten Abteilung, die Charakterbildung der Figuren ausführlich ins Blickfeld rückt. Anzumerken ist, daß Jean Paul in späten Jahren zu der Überzeugung kommt, das Fugen-S in Doppelwörtern (Komposita) nach Maßgabe eines gewissen Christian Hinrich Wolke eliminieren zu müssen, so wie hier in »Bildungkraft«.

[50] Jean Paul (Anm. 33), Vorschule der Ästhetik, S.47. § 7.

[51] Jean Paul, S.47f. § 7.

[52] Der nicht nur geübte oder gebildete, sondern der Ideal-Leser schwebt sicher vielen Schriftstellern vor, nicht nur Jean Paul, sondern später auch noch Robert Musil, James Joyce oder Arno Schmidt, die alle implizit eine Art Gefolgschaft verlangen, die eben nicht bedingungslos, dafür aber absolut zu sein hat.

[53] Jean Paul, S.207. § 56.

[54] Zu Novalis siehe auch: Norbert W. Schlinkert, Wanderer in Absurdistan, Novalis, Nietzsche, Beckett, Bernhard und der ganze Rest, Eine Untersuchung zur Erscheinung des Absurden in Prosa. Kapitel 3.1. Das Ich als Grenzgänger, als Ganzes. Novalis, Techniker und Träumer. Würzburg 2005, S.23 bis 36.

[55] Novalis, Werke, Tagebücher und Briefe Friedrich von Hardenbergs. Band 2. Fragmente und Studien 1799/1800. Darmstadt 1999, S.842fNr.[445.]. Hervorhebung im Original.

[56] Jean Paul, Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe. Herausgegeben von Eduard Berend. Dritte Abteilung. Erster Band. Briefe 1780-1793. Berlin 1956, S.241. (Brief Nr. 220, vom 20. Mai 1788; als Kopie überliefert)

[57] Johann Bernhard Hermann erinnert dabei entschieden an Oliver St. John Gogarty, der als junger, zotiger Medizinstudent unter dem Namen Buck Mulligan in James Joyce‘ Roman Ulysses sein Unwesen treibt.

[58] Jean Paul (Anm. 55), S.299. (Brief Nr. 329, vom 15. Juli 1790)

[59] auch: Archenholtz.

[60] Jean Paul: Sämtliche WerkeHistorisch-kritische Ausgabe. Herausgegeben von Monika Meier. Vierte Abteilung. Band 1. Briefe an Jean Paul 1783-1793. Berlin 2003, S.193. Hervorhebung im Original. (Brief Nr. 105, vom 13. Februar 1790)

[61] Jean Paul (Anm. 60),  S.194. Hervorhebungen im Original.

[62] Siehe dazu: de Bruyn, S.69.

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