Eine dumme Leiche

Ich ringe zur Zeit mit allen möglichen Stoffen, Anfängen, Möglichkeiten, Mustern, Gegenmustern, vor allem aber mit Klängen, denn das ist das Entscheidende: der Klang eines Textes. Ein Text ist nie stumm, es sei denn, er ist tot von Anfang an, eine Texttotgeburt, eine dumme Leiche. Letzteres sagte Jean Paul über Figuren in Texten, die nicht unabhängig vom Autor handlungsfähig sind, denen der Autor etwas vorschreiben muß. Weg damit, schrieb Jean Paul und hat ja sowas von Recht! Wie gesagt, in mir gärt es, der Sud für Neues ist angesetzt, aber wie die Sache dann aussieht, wie sie klingt, wie sie riecht, wenn ich den Deckel abnehme: keine Ahnung! Oft merkt der Autor ja erst nach vielen, vielen geschriebenen Seiten, ob seine Welt einen eigenen Rhythmus hat und ob etwas in ihr lebt und sich fortpflanzt, fortlebt. Manchmal drücke ich den Deckel auch einfach wieder drauf und lasse das Angesetzte weiter gären, ja, Sie lesen richtig, liebe Leser:innen, ich arbeite nicht selten an „alten“ Texten irgendwann weiter, weil ich ihnen vor Jahren noch nicht gewachsen war oder der Text nicht mir – kurz mal einen gefälligen Text raushauen, einfach mal als Handwerker arbeiten – nee, das ist meine Sache nicht. Natürlich ist niemand, der oder die ähnlich arbeitet, überrascht, wenn ich von den gut fünf Jahren spreche, in denen ich an dem nun fertigen Roman arbeitete (auf daß er bald, hört, ihr Leute, veröffentlicht werden möge), denn das ist ein angemessener Zeitraum für ein mitteldickes Buch, so wie es von der ersten Idee bis zum Erscheinen des Buches ja auch im Falle meiner Studie zum poetischen Ich fünf Jahre gebraucht hat. Fünfjahresbücher also, wenn denn das Ding eben keine dumme Leiche ist … und von denen habe ich ja weiß Göttin schon genug im Keller.

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