Warum ich keinen Text über den Kapitalismus als Ideologie schreibe? Weil mir keine Sau etwas dafür bezahlt!
Attention please! „Kein Mensch scheint ertrunken“ in der edition taberna kritika
Lieferbar, bestellbar, lesbar, wunderbar! In der edition taberna kritika ist nun meine Arabeske Kein Mensch scheint ertrunken frisch erschienen!

Kein Mensch scheint ertrunken. edition taberna kritika, Bern 2016. 74 Seiten. ISBN: 978-3-905846-38-6
Beckett erhielt 1969 den Nobelpreis und zog sich völlig zurück. Als er 1989 starb, waren die Leute erstaunt, dass er noch lebte.
Das Staunen als solches steht ja nicht am Ende eines Lebens, eines Prozesses, sondern zunächst am Anfang – doch wenn am Ende immer noch oder gar wie zum ersten Mal gestaunt wird, dann ist das eben eine besonders runde Sache, so etwas wie die Wiederholung des Immergleichen. Für Künstler ist das Ende des Lebens allerdings immer besonders diffizil, denn die sich lebenslang stellende Frage, ob man denn in seinem Werk weiterlebt, steht dann plötzlich, ohne dass man selbst es noch bemerkt, an. Die Liste der vergessenen Künstler ist ja von einer immensen Kürze, wenn man bei einer leeren Liste überhaupt von einer solchen sprechen will, ergo es also nur einer oder eine auf die Liste der Nichtvergessenen schafft, der oder die dem eigenen Werk einen Zündfunken mitzugeben weiß. Dafür aber gibt es kein Rezept, es sei denn, man hat zu Lebzeiten Figuren zum Leben erweckt, die das dann einfach für einen erledigen, zum Beispiel indem sie ein Beckett-Foto mit einem frischen beckettschen Text versehen.

Poesie & Co.
Wenn individuell geschaffene Kunst jeglicher Art und Weise ausschließlich nur die Folge wäre der Langeweile, die den Menschen befallen muss in Zeiten, in denen er nicht um das nackte Überleben kämpft, dann wäre Kunst allein dem besseren Leben zugehörig und also keine und nur Illustration, denn gerade auch in Zeiten, in denen das wie auch immer geartete individuelle Überleben gefährdet ist, entsteht Kunst, wenn auch diese dann gemeinhin nur gewürdigt werden kann in Zeiten, in denen der Mensch nicht um das nackte Überleben zu kämpfen hat, so dass Kunst dann dem wieder besseren Leben zugehörig ist und dies auch deswegen weil sie, die Kunst, das zuvor gefahrvolle Leben mit Hoffnung und Aussicht auf eben eine bessere Zukunft bereicherte oder es gar erst möglich machte, welche dann, die Zukunft, wiederum ohne diese Kunst weniger besser wäre als eben mit dieser in den gefahrvollen Zeiten geschaffenen und in die besseren Zeiten schließlich überführten Kunst, was alles mich zu der Einsicht (ver)leitet, dass Kunst mitnichten nur eine zweckfreie Entäußerung ist, wenngleich dies immer auch, sondern menschliches Leben als solches in einer Art und Weise erst möglich macht, die von dem von anderen Lebewesen gelebten Leben grundsätzlich unterschieden ist. Das dazu, denn auch die Kunst, lange Sätze zu schreiben, ist eine.

Resonanzfreies Arbeiten, Sprachgrenze, Agonie. Oder: ist das Kunst, kann das weg?
Letztens gefragt worden, wie dieses resonanzfreie Arbeiten denn auszuhalten sei. Bezogen auf das, was meinereiner, unsereins im je eigenen Universum (= Weblog, literarischer) so von sich gibt. Antwort: ein innerer Kreis (= wer nicht drin ist, ist draußen) liest sich gegenseitig, gegeneinander, kommentiert wechselseitig herum (= im Kreis) und produziert so ein in sich verwobenes Miteinander (= Textur, Gewebe). Eine Sprachwelt, die ein Außen hat und eine Grenze also, die jedoch nur von außen nach diesem Innen zu überqueren ist. Wer im Innern aber schweigt, löst sich auf, wird in Sprache gelöst, ohne eine Spur zu hinterlassen (= nichts tönt). Hinaus führt kein Weg. Sprache aber, die nur nach innen, in diesem einen Innen (= der Kreis) funktioniert, ist immer schon in Auflösung begriffen, nur Stoff (= Befruchtung), woher auch immer, kann das hindern, jede Selbstbefruchtung (= Institutionalisierung) ist eine nur scheinbare, verunmöglicht aber die Selbstauflösung der Gemeinschaft (= der Kreis) im resonanzfreien Raum, in dem sie (= die Textur als Gemeinschaft) ohne Bindung folgenlos ihr Dasein hat. Im besten Falle handelt es sich bei diesem Phänomen also um Kunst (= L’art pour l’art) und um die immerzu gegenwärtige Frage, ob das weg kann. Im Kreis selbst (= Resonanzraum) tönt darauf die Antwort, immer-, immerzu.

Loch’n’schlauch
Mitten auf dem Markt in Leipzig ist ein Loch. Es ist so tief, dass man den Grund nicht erkennen kann. Ein unglaublich ungepflegter Bagger steht unmittelbar daneben, er muss wohl einmal gelb gewesen sein. Ein wenig weiter ein nagelneuer Tanklaster, von dem aus ein schwarzes, flexibles Rohr zum Loch hin gelegt worden ist, in dem es verschwindet. Der Tanklaster macht einen Höllenlärm. Ein ungepflegter, hässlicher Bagger, der schweigt, ein hochglanzpolierter Tanklaster, dessen Motor brüllt. Drumherum eine Baustellenabsperrung, sehr modern, rotweiße Plaste mit fest installierten Lampen, die gelb blinken. Ganz früh am Morgen. Kein Mensch zu sehen. Das Rohr verschwindet in tiefer Dunkelheit, buchstäblich. Ob hier etwas hinein- oder herausgepumpt wird, ist aber nicht recht klar. Plötzlich erstirbt der Motor des Tanklasters, ein paar glucksende Geräusche, dann Totenstille. Man könnte eine Haarnadel fallen hören. Klar ist aber noch immer nichts, denn entweder ist das Loch voll und der Tank leer, oder der Tank ist voll und das Loch leer, oder aber der Tank ist leer, das Loch aber bei weitem noch nicht voll, oder der Tank ist voll, das Loch aber noch nicht leer. Er geht zum Tanklaster. Aus dem Motorraum dringt eine wabernde Hitze, es riecht nach Öl und Diesel und Schmierstoffen, nicht aber nach Männerschweiß. Oder doch? Er hat so eine Ahnung. Ist aber schlecht zu sagen. Er sieht sich verzerrt im Chrom des Tanks. Der Laster macht was her, keine Frage. Lange Motorhaube, für den Highway konzipiert. Eine riesige Schlafkabine. Alles dunkelblau lackiert, metallic. Alle Wetter, denkt er. Und Sternchen drauf. In Gelb. Wer damit keinen Eindruck schindet, dem ist nicht zu helfen. Die ersten Passanten tauchen auf und gehen quer über den Markt. Schlecht angezogene Leipziger und Pendler aus dem Umland, die für die besser angezogenen Leipziger die Drecksarbeit machen. Selbst die Jüngeren sehen nicht wirklich jung aus. Eigentlich tragen alle Turnschuh und Röhrenjeans, einige Anorak. Die ganze Nacht in Leipzig rumgestiefelt, der Altstadt, alles tote Hose. Eine Bar irgendwo mit roter Leuchte, in der aber nur alte Männer. Eine überfahrene Taube, ganz platt. Es gibt Städte, da ist nachts mehr los. Dann aber das Loch und der Schlauch, der alte Bagger und der Tanklaster. Wie hätte er da widerstehen können?
Rar
Sich rar (zu) machen wird nicht mehr als ein Weg zum Erfolg angesehen heutigentags. Die Menschen reden und spekulieren und phantasieren eben nicht mehr über den Nichtanwesenden, sie vergessen ihn einfach. Früher mal hatte das Rare etwas Geheimnisvolles, nu‘ ist es an sich gar nicht mehr vorhanden, es fehlt ja nix. Die Aufmerksamkeitsspanne ist eine andere. Das Rare ist ersetzt worden durch das Präsente, das Präsent. Wer sich rar macht, ist beliebt, so hieß es ja gemeinhin, aber, so gebe ich zu bedenken, was machte der Sich-Rarmachende in der Zeit, in der all die anderen sich trafen? Gegenseitig. War der Rare nicht zwar beliebt, aber eben deswegen auch einsam und unglücklich? Eine beliebte arme Sau also, aus der heute dann die arme Sau an sich geworden ist? Leute, sag‘ ich, schmeißt euch ins Leben, sich rar machen war gestern!
s/w
Je mehr Schwarz-Weiß-Denken, desto grauer die Welt.
Dröpje pfeilzubieten
Ich pfeile derzeit an einem nennen wir es ruhig mal Sound, wobei ich wie immer auf diese ganze Buchindustrie und den ganzen Literaturbetrieb pfeife – Wort für Wort, Dröpje voor Dröpje Qualität, sage ich, keine blasse Unterhaltung, keine Literatur zur Wiederherstellung von Arbeitskraft, kein Für-dumm-Verkaufen der geschätzten Leser:innen, sondern die mir höchstmögliche Geilheit des Textes. Warum sein literarisches Leben verschwänden mit Nettem, macht man ja sonst auch nicht im Leben – grrrrrrrrrr…

