Neues zum Thema Samuel Beckett und die Frauen …

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Norbert W. Schlinkert liest am 29. Februar aus seinem Roman „Stadt, Angst, Schweigen“

Lesung am Montag dem 29. Februar 2016

Norbert W. Schlinkert liest aus seinem Roman „Stadt, Angst, Schweigen. Heraklitischer Fließtext“

Moderation: Dr. Martin A. Völker

LESSING – HAUS
Nikolaikirchplatz 7
10178 Berlin

Beginn: 20.00 Uhr
Eintritt: 8.-/ 6.- €,  incl. ein Glas Wein

Zum Buchinhalt:

Ein Mann erwartet bis Sonnabendmittag den Anruf seines HNO-Arztes Prof. Dr. Kofler, der ihm das Ergebnis aufwändiger Untersuchungen mitteilen wird. Von Unruhe getrieben verlässt der Mann am späten Freitagabend seine Wohnung im Prenzlauer Berg und gerät gehend immer tiefer in seine eigene, abgründige Gedankenwelt hinein. Er denkt nach über seine Herkunft, die Untersuchungen bei Kofler und dessen immer aufreizend gekleidete Sprechstundenhilfe, seinen Vorgesetzten Kranzler und dessen unerträglichen Körpergeruch, die überaus attraktive Frau Semper, die er selbst Kranzler als dessen Assistentin ausgesucht hat, die Krämer, die er, so Kranzler, als Sekretärin einfach mitbenutzen solle …

Norbert W. Schlinkert erzählt in einer zwischen innerem Monolog und Bewusstseinsstrom changierenden, furiosen und nicht selten bitter-komischen Art und Weise von einer Nacht der Angst, in der der unbedingte Drang des sich schonungslos selbstquälenden Geistes offenbar wird, die Wahrheit eines ganzen Lebens zu begreifen. (Klappentext)

Zum Autor:

Norbert W. Schlinkert, 1964 in Schwerte geboren, absolvierte in jungen Jahren eine Tischlerlehre, erwarb das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg und studierte von 1999 an Kulturwissenschaft/ Ästhetik und Theaterwissenschaft/ Kulturelle Kommunikation an der Berliner Humboldt-Universität. Er veröffentlichte 2005 die Studie „Wanderer in Absurdistan. Novalis, Nietzsche, Beckett, Bernhard und der ganze Rest“ und wurde 2009 mit seiner Studie „Das sich selbst erhellende Bewußtsein als poetisches Ich. Von Adam Bernd zu Karl Philipp Moritz, von Jean Paul zu Sören Kierkegaard“ promoviert. Sein literarisches Erstlingswerk, „story banal“, wurde 1998 im Bruno-Dorn-Verlag veröffentlicht, im Jahr 2015 erschien im Elsinor Verlag der heraklitische Fließtext „Stadt, Angst, Schweigen“ und im Februar 2016 in der edition taberna kritika (Bern) die Arabeske „Kein Mensch scheint ertrunken“. Im Jahr 2010 wurde ihm für sein zurzeit noch in Arbeit befindliches Romanprojekt ein Aufenthaltsstipendium des Künstlerdorfes Schöppingen zugesprochen. Website des Autors: www.nwschlinkert.de

Rezension von Gregor Keuschnig >>>

Norbert W Schlinkert, Stadt, Angst, Schweigen. Elsinor 2015

Stadt, Angst, Schweigen. Elsinor Verlag, Coesfeld 2015. 128 Seiten. ISBN: 978-3942788298

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Allerlei über Literatur, einfach so mal schnell hingerotzt

Samuel Beckett wurde in seinen Texten über die Jahre hin immer ernster und ernster, nachdem er lange Zeit unterschiedliche Arten und Weisen des Humors durchhatte, ja, tatsächlich durchhatte, denn wirklich gute Schriftsteller wiederholen sich niemals. Harmlos aber war Becketts Humor nie, ganz im Gegenteil, er war so böse, dass Theodor W. Adorno ihn gar nicht erst bemerkte und stattdessen einen tieferen Sinn suchte, aus heutiger Sicht lächerlich, aber nachvollziehbar, denn was hatte Adorno schon zu lachen: nix. Es ist nicht überliefert, ob Beckett hat lachen müssen, als Adorno von den nackten Titten seiner Studentinnen ermordet wurde, naja, vielleicht nicht ermordet, aber eben tief erschüttert. Oder nehmen wir Thomas Bernhard, der in seinen bernhardschen Texten, und er schrieb naturgemäß nur solche, einen derartigen Bogen um das Thema Sexualität und sexuelle Obsessionen machte, dass Jahre später ein bis dato nicht sehr bekannter Schriftsteller, ich selbst nämlich, einspringen musste, die Lücke zu füllen und den Meister einfach mal zu verbessern [Werbepause], was sich Bernhard womöglich verbeten hätte – nicht!?!? Doch zurück zu Samuel Beckett, der es wirklich nicht verdient hat, in absehbarer Zeit verwechselt zu werden mit Godot, so wie dereinst Karl Philipp Moritz mit Anton Reiser, wenn Ihnen das was sagt. Ich selbst will naturgemäß allerdings auch keinesfalls verwechselt werden mit Protagonisten aus meiner Feder, selbst wenn sie absolut ein Rad abhaben und etwa selbstgebastelte Amphibienkinderwägen lieben. [Werbepause] Aber wissen Sie, was ich dagegen gemacht habe? Ha! Sie werden es nicht glauben: meine Protagonisten sind nicht selten namenlos, ergo man mich nie wird verwechseln können, und zwar nicht einmal mit mir selbst.

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Warum ich keinen Text über den Kapitalismus als Ideologie schreibe? Weil mir keine Sau etwas dafür bezahlt!

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Attention please! „Kein Mensch scheint ertrunken“ in der edition taberna kritika

Lieferbar, bestellbar, lesbar, wunderbar! In der edition taberna kritika ist nun meine Arabeske Kein Mensch scheint ertrunken frisch erschienen! 

Norbert W. Schlinkert. Kein Mensch scheint ertrunken, edition taberna kritika 2016

Kein Mensch scheint ertrunken. edition taberna kritika, Bern 2016. 74 Seiten. ISBN: 978-3-905846-38-6

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Beckett erhielt 1969 den Nobelpreis und zog sich völlig zurück. Als er 1989 starb, waren die Leute erstaunt, dass er noch lebte.

Das Staunen als solches steht ja nicht am Ende eines Lebens, eines Prozesses, sondern zunächst am Anfang – doch wenn am Ende immer noch oder gar wie zum ersten Mal gestaunt wird, dann ist das eben eine besonders runde Sache, so etwas wie die Wiederholung des Immergleichen. Für Künstler ist das Ende des Lebens allerdings immer besonders diffizil, denn die sich lebenslang stellende Frage, ob man denn in seinem Werk weiterlebt, steht dann plötzlich, ohne dass man selbst es noch bemerkt, an. Die Liste der vergessenen Künstler ist ja von einer immensen Kürze, wenn man bei einer leeren Liste überhaupt von einer solchen sprechen will, ergo es also nur einer oder eine auf die Liste der Nichtvergessenen schafft, der oder die dem eigenen Werk einen Zündfunken mitzugeben weiß. Dafür aber gibt es kein Rezept, es sei denn, man hat zu Lebzeiten Figuren zum Leben erweckt, die das dann einfach für einen erledigen, zum Beispiel indem sie ein Beckett-Foto mit einem frischen beckettschen Text versehen.

Samuel Beckett lebt!

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Poesie & Co.

Wenn individuell geschaffene Kunst jeglicher Art und Weise ausschließlich nur die Folge wäre der Langeweile, die den Menschen befallen muss in Zeiten, in denen er nicht um das nackte Überleben kämpft, dann wäre Kunst allein dem besseren Leben zugehörig und also keine und nur Illustration, denn gerade auch in Zeiten, in denen das wie auch immer geartete individuelle Überleben gefährdet ist, entsteht Kunst, wenn auch diese dann gemeinhin nur gewürdigt werden kann in Zeiten, in denen der Mensch nicht um das nackte Überleben zu kämpfen hat, so dass Kunst dann dem wieder besseren Leben zugehörig ist und dies auch deswegen weil sie, die Kunst, das zuvor gefahrvolle Leben mit Hoffnung und Aussicht auf eben eine bessere Zukunft bereicherte oder es gar erst möglich machte, welche dann, die Zukunft, wiederum ohne diese Kunst weniger besser wäre als eben mit dieser in den gefahrvollen Zeiten geschaffenen und in die besseren Zeiten schließlich überführten Kunst, was alles mich zu der Einsicht (ver)leitet, dass Kunst mitnichten nur eine zweckfreie Entäußerung ist, wenngleich dies immer auch, sondern menschliches Leben als solches in einer Art und Weise erst möglich macht, die von dem von anderen Lebewesen gelebten Leben grundsätzlich unterschieden ist. Das dazu, denn auch die Kunst, lange Sätze zu schreiben, ist eine.

Poesie, 1996, 20 x 30 x 10 cm, Holz, Papier, Streichholzschachteln, © Norbert W. Schlinkert

 

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Resonanzfreies Arbeiten, Sprachgrenze, Agonie. Oder: ist das Kunst, kann das weg?

Letztens gefragt worden, wie dieses resonanzfreie Arbeiten denn auszuhalten sei. Bezogen auf das, was meinereiner, unsereins im je eigenen Universum (= Weblog, literarischer) so von sich gibt. Antwort: ein innerer Kreis (= wer nicht drin ist, ist draußen) liest sich gegenseitig, gegeneinander, kommentiert wechselseitig herum (= im Kreis) und produziert so ein in sich verwobenes Miteinander (= Textur, Gewebe). Eine Sprachwelt, die ein Außen hat und eine Grenze also, die jedoch nur von außen nach diesem Innen zu überqueren ist. Wer im Innern aber schweigt, löst sich auf, wird in Sprache gelöst, ohne eine Spur zu hinterlassen (= nichts tönt). Hinaus führt kein Weg. Sprache aber, die nur nach innen, in diesem einen Innen (= der Kreis) funktioniert, ist immer schon in Auflösung begriffen, nur Stoff (= Befruchtung), woher auch immer, kann das hindern, jede Selbstbefruchtung (= Institutionalisierung) ist eine nur scheinbare, verunmöglicht aber die Selbstauflösung der Gemeinschaft (= der Kreis) im resonanzfreien Raum, in dem sie (= die Textur als Gemeinschaft) ohne Bindung folgenlos ihr Dasein hat. Im besten Falle handelt es sich bei diesem Phänomen also um Kunst (= L’art pour l’art) und um die immerzu gegenwärtige Frage, ob das weg kann. Im Kreis selbst (= Resonanzraum) tönt darauf die Antwort, immer-, immerzu.

Kreis, N.W.Schlinkert

 

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Loch’n’schlauch

Mitten auf dem Markt in Leipzig ist ein Loch. Es ist so tief, dass man den Grund nicht erkennen kann. Ein unglaublich ungepflegter Bagger steht unmittelbar daneben, er muss wohl einmal gelb gewesen sein. Ein wenig weiter ein nagelneuer Tanklaster, von dem aus ein schwarzes, flexibles Rohr zum Loch hin gelegt worden ist, in dem es verschwindet. Der Tanklaster macht einen Höllenlärm. Ein ungepflegter, hässlicher Bagger, der schweigt, ein hochglanzpolierter Tanklaster, dessen Motor brüllt. Drumherum eine Baustellenabsperrung, sehr modern, rotweiße Plaste mit fest installierten Lampen, die gelb blinken. Ganz früh am Morgen. Kein Mensch zu sehen. Das Rohr verschwindet in tiefer Dunkelheit, buchstäblich. Ob hier etwas hinein- oder herausgepumpt wird, ist aber nicht recht klar. Plötzlich erstirbt der Motor des Tanklasters, ein paar glucksende Geräusche, dann Totenstille. Man könnte eine Haarnadel fallen hören. Klar ist aber noch immer nichts, denn entweder ist das Loch voll und der Tank leer, oder der Tank ist voll und das Loch leer, oder aber der Tank ist leer, das Loch aber bei weitem noch nicht voll, oder der Tank ist voll, das Loch aber noch nicht leer. Er geht zum Tanklaster. Aus dem Motorraum dringt eine wabernde Hitze, es riecht nach Öl und Diesel und Schmierstoffen, nicht aber nach Männerschweiß. Oder doch? Er hat so eine Ahnung. Ist aber schlecht zu sagen. Er sieht sich verzerrt im Chrom des Tanks. Der Laster macht was her, keine Frage. Lange Motorhaube, für den Highway konzipiert. Eine riesige Schlafkabine. Alles dunkelblau lackiert, metallic. Alle Wetter, denkt er. Und Sternchen drauf. In Gelb. Wer damit keinen Eindruck schindet, dem ist nicht zu helfen. Die ersten Passanten tauchen auf und gehen quer über den Markt. Schlecht angezogene Leipziger und Pendler aus dem Umland, die für die besser angezogenen Leipziger die Drecksarbeit machen. Selbst die Jüngeren sehen nicht wirklich jung aus. Eigentlich tragen alle Turnschuh und Röhrenjeans, einige Anorak. Die ganze Nacht in Leipzig rumgestiefelt, der Altstadt, alles tote Hose. Eine Bar irgendwo mit roter Leuchte, in der aber nur alte Männer. Eine überfahrene Taube, ganz platt. Es gibt Städte, da ist nachts mehr los. Dann aber das Loch und der Schlauch, der alte Bagger und der Tanklaster. Wie hätte er da widerstehen können?

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Rar

Sich rar (zu) machen wird nicht mehr als ein Weg zum Erfolg angesehen heutigentags. Die Menschen reden und spekulieren und phantasieren eben nicht mehr über den Nichtanwesenden, sie vergessen ihn einfach. Früher mal hatte das Rare etwas Geheimnisvolles, nu‘ ist es an sich gar nicht mehr vorhanden, es fehlt ja nix. Die Aufmerksamkeitsspanne ist eine andere. Das Rare ist ersetzt worden durch das Präsente, das Präsent. Wer sich rar macht, ist beliebt, so hieß es ja gemeinhin, aber, so gebe ich zu bedenken, was machte der Sich-Rarmachende in der Zeit, in der all die anderen sich trafen? Gegenseitig. War der Rare nicht zwar beliebt, aber eben deswegen auch einsam und unglücklich? Eine beliebte arme Sau also, aus der heute dann die arme Sau an sich geworden ist? Leute, sag‘ ich, schmeißt euch ins Leben, sich rar machen war gestern!

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