Ach! Amphitryon, Alkmene, Doppelgänger, Zwillinge, Schlangen und all das Gemenschel schlechthin: eine Tragikomödie in progress

Die handwerkliche Qualität deutschsprachiger Literatur schwankt über die Jahrzehnte und zweieinhalb Jahrhunderte ihres modernen Bestehens, hat Tief- und Höhepunkte, die im einzelnen zu benennen überflüssig ist. Es schwankt halt. Die guten Texte muss man mitunter aufwendig suchen, auch im Werk einzelner Schriftsteller:Innen, denn auch die haben Höhen und Tiefen und Mittellagen. Niemand jedoch setzt sich hin mit der Absicht, einen mäßigen Text zu verfassen, so jedenfalls noch immer meine Hoffnung, so sehr diese auch schwanken mag wie die Sache, siehe oben, selbst. Ich schließe mich also nun wieder mal, und das ist die Nachricht itself, denjenigen an, die es so gut wie nur irgend möglich machen wollen und sage: nach der Veröffentlichung zweier kleinerer Arbeiten hier und dort und parallel zu all den Anstrengungen, meinen bereits fertiggestellten Roman zu veröffentlichen, arbeite ich von nun an, nach langem Insichwinden und mannigfacher Sichtung all der mich berührenden Motive, an einem neuen Roman, Arbeitstitel „Amphitryon“. Die Frage des Wieso-denn-bloß? steht dabei natürlich im Raum, aber zum einen muss eben dieser Stoff, der bereits so etwa um das 8. oder 7. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung aktuell war (Zeugung des Herakles) und auch heute noch sowohl auf dem Theater (Kleist, Hacks …) als auch in der Literatur (Luigi Pirandellos Roman von 1926 mit dem Titel „Einer, keiner, hunderttausend / Uno, nessuno e centomila) eine Rolle spielt, wohl Menschliches und Allzumenschliches in besonderer Weise in sich vereinen; zum anderen ist der Stoff eben kein zentraler Mythos der Antike und eben deswegen weniger belastet und also freier zu gestalten in allen nur möglichen literarischen Formen und Genres. Dazu kommt für mich persönlich der Umstand, dass es der einzige mythologische Stoff ist, der mich zur Arbeit an demselben reizt, und dies vor allem deswegen, weil er weder bierernst noch komödiantisch-belanglos daherkommt, so wie dies ja auch schon der römische Dichter Plautus erkannte, der sein Stück Amphitruo folgerichtig eine Tragikomödie  („tragicomedia“) nannte. Die andere Seite der Wieso-denn-bloß-Frage, warum an einem Stoff in einer Form arbeiten, der angesichts der Veröffentlichungspolitik der großen Verlage kaum das zu werden verspricht, was gemeinhin als Erfolg angesehen werden kann, ist allein damit zu beantworten, dass das freie künstlerische Schaffen nach eigenem Ermessen und Wollen in einer neoliberal-kapitalistischen Gesellschaft mit einem (sieht man nur genau genug hin) streng genormten Menschenbild per se eine Form des Widerstands bedeutet, auch wenn das manchem (eben darum) als Anmaßung und zu hoch gehängt erscheinen mag. Ergo: an die Arbeit!

Veröffentlicht unter NACHRICHTEN aus den PRENZLAUER BERGEN! | 2 Kommentare

Nachlese Lesung, also eigentlich nur ein Foto für alle, die nicht da gewesen sein konnten

Veröffentlicht unter NACHRICHTEN aus den PRENZLAUER BERGEN! | Hinterlasse einen Kommentar

Schriftstellern à la carte

Ich bin schon öfter mal gefragt worden, ob ich einen Text bereits vor dem Schreiben im Kopf habe, also schon weiß, was er quasi beinhaltet und wie er geschrieben zu sein hat. Daraufhin sage ich, es gäbe zwei Arten von Schriftstellern, nämlich einmal die, die tatsächlich den Text dann so schreiben, wie sie ihn konzipiert haben, zum anderen aber diejenigen, die von einer Idee ausgehend es sich (umständlich) entwickeln lassen. Ich gehöre ohne Zweifel zu der Art, die es sich entwickeln lassen, auch und besonders in bezug auf die Personen im Text, die ich somit eben nicht vollständig im Griff haben kann. Eine andere Frage, die man mir häufig stellt ist die, ob ich Personen und Ereignisse aus dem wahren, nicht zuletzt meinem Leben nehme, also imgrunde über mich selbst als Mittelpunkt und die mir Nächsten schreibe. Diese Frage musste ich bisher mit einem klaren Nein beantworten, was auch nicht dadurch an Gültigkeit verliert, dass die mir Nächsten durchaus das in meinen Texten erkennen können, was tatsächlich auf irgendeine Weise meinem Leben entnommen ist, meine Ängste, Intimitäten, Lüste und Erfahrungen, die aber, und das ist der Punkt, ebenso auch sich hätten entwickeln können aus einer der Personen im Text, die alle nicht Ich sind. Wäre letzteres, die Selbstentwicklung der Personen im Text also, nicht der Fall, wäre eine solche, von mir selbst angereicherte, mir selbst quasi entsprechende Person trotz allem eine Art „dumme Leiche“, also laut Jean Paul ein Text-Jemand, der im Schreiben nicht lebendig wird und eben deswegen nicht selbst entscheidet, ob er oder sie Ja oder Nein sagt, was dann der Autor zu übernehmen hätte mit der Folge, normative Ichs erschaffen zu haben. Aber nehmen wir mal an, ich beschlösse, ausdrücklich über mich zu schreiben, so hätte ich ja zum einen den Ausgangspunkt (sagen wir mal vereinfacht) meiner Geburt, und zum anderen meinen Jetztzustand, mein heutiges Selbst, klar vor Augen, welches ich nun also in ein literarisches, poetisches Ich zu verwandeln habe, obwohl ich also weiß, was ich als das Ich im Text tue, denke oder sage. Daraus folgte dann, dass ich so zu arbeiten hätte wie Schriftsteller, denen ich oben Erwähnung tat, die nämlich das Werk quasi schon im Kopf haben und sich gleichsam abschließend daransetzen, es zu Papier zu bringen, die aber zugleich auch Handlung und Personen (einschließlich ihrer selbst) aus dem eigenen Leben rekrutieren und so also ausdrücklich über sich schreiben, woraus in meinem Falle abzuleiten wäre, dass ich im Gegenteil und im Widerspruch zu dem von mir Behaupteten dann qua eigener Entscheidung zu der Art von Schriftstellern zu zählen wäre, die alles eben schon vorher wissen und die im wesentlichen aus dem eigenen Leben schöpfen. Da ich das aber vehement bestreite, ändere ich meine oben geäußerte Ansicht und sage, es gibt letztlich nur eine Art von Schriftstellern, nämlich die, die Geschichten schreiben, und die einzige Frage, die dann noch zu stellen und zu beantworten wäre müsste die sein, ob es sich dabei um gut oder um schlecht erzählte Geschichten handelt – aber das möge jeder Leser und jede Leserin doch bitteschön für sich selbst entscheiden. Hugh, ich habe gesprochen!

Norbert W. Schlinkert, zwei Autoren, davon einer doppelt

Veröffentlicht unter NACHRICHTEN aus den PRENZLAUER BERGEN! | Hinterlasse einen Kommentar

Literatur in Weißensee: meine nächste Lesung am 22. Mai 2016

Am 22. Mai 2016 geht es weiter mit der zweiten Frühjahrslesung von »Literatur in Weißensee«. Diesmal mit einem gespenstigen Thema. Alexander Graeff hat sich den Kulturwissenschaftler und Schriftsteller Norbert W. Schlinkert eingeladen und wird zusammen mit ihm Texte über »Geister« lesen und natürlich auch darüber sprechen.

Norbert W. Schlinkert, 1964 in Schwerte geboren, absolvierte zunächst eine Tischlerlehre, erwarb das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg und studierte von 1999 an Kulturwissenschaft, Ästhetik, Theaterwissenschaft und kulturelle Kommunikation an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er veröffentlichte 2005 die Studie Wanderer in Absurdistan. Novalis, Nietzsche, Beckett, Bernhard und der ganze Rest und wurde 2009 mit seiner Dissertation Das sich selbst erhellende Bewußtsein als poetisches Ich. Von Adam Bernd zu Karl Philipp Moritz, von Jean Paul zu Sören Kierkegaard promoviert. Sein belletristisches Erstlingswerk, story banal, wurde 1998 im Bruno-Dorn-Verlag veröffentlicht, im Jahr 2015 erschien im Elsinor Verlag der heraklitische Fließtext Stadt, Angst, Schweigen und im Februar 2016 in der edition taberna kritika (Bern) die Arabeske Kein Mensch scheint ertrunken, deren Handlung am und im Weißensee spielt. Im Jahr 2010 wurde ihm für sein zurzeit noch in Arbeit befindliches Romanprojekt ein Aufenthaltsstipendium des Künstlerdorfes Schöppingen zugesprochen. Seit 2009 betreibt er das literarische Weblog Nachrichten aus den Prenzlauer Bergen. Die Lesung beginnt wie gewohnt um 19:30 Uhr im Roten Salon der Brotfabrik in Weißensee (Caligariplatz 1, 13086 Berlin).

Veröffentlicht unter NACHRICHTEN aus den PRENZLAUER BERGEN! | Hinterlasse einen Kommentar

Alles Senf

Gäbe es einen Verband der Schmetterlingszüchter, so wäre dieser wie jeder Verband, gleich ob der von Autoren, von Nutzfahrzeugherstellern oder der der Archäologen, mit einem Vorsitz bestückt. Auch die Kasse müsste geprüft werden, regelmäßig und dauerhaft. So’ne Sachen eben. Auf jedem Schmetterlingszüchterkongress gäbe es Vorträge übers Schmetterlingszüchten, die meisten Schmetterlingszüchter- und züchterinnen hörten dem jeweiligen Vortrag andächtig zu, etwa dem über den Landeanflug des Zebraschmetterlings, abgesehen natürlich von denen, die den Vortragenden für einen Scharlatan halten und sich dementsprechend an der Hotelbar Zoten reißend besaufen. Das alles gilt auch für die Autoren, Nutzfahrzeughersteller und Archäologen, Unterschiede sind da nicht auszumachen. Später am Abend gibt dann jeder bei einem Glas alkoholischen Getränks seinen eigenen Senf dazu, ganz gleich, ob er oder sie den Ausführungen der geschätzten Kollegen und Kolleginnen nun gefolgt ist oder nicht. Wer seinen Senf nicht dazu gibt oder statt Senf Meerrettich, ist raus aus dem Kongress und wird nie wieder eingeladen. Quatschen mit Senf ist also eminent wichtig, Quatsch mit Soße war vorher.

schmetterlingszüchterkongress-2015-stimmungsbild-von-der-abschlussveranstaltung-300x200

Veröffentlicht unter NACHRICHTEN aus den PRENZLAUER BERGEN! | 2 Kommentare

Das Literaturboot

Während er Lohnarbeit als Lebenszeitverschwendung begriff, sah er sich durch sich selbst gleichsam belohnt, wann immer er an seinen literarischen Projekten arbeitete. Und wie recht er hatte – im Nachhinein betrachtet. Kann man denn beides vereinen, die Lohnarbeit und die Kunst, ohne in seiner Kunst dann eben nie übers Mittelmäßige hinauszukommen, so fragte er nicht selten einen Gesprächspartner, und wer nur Mittelmaß produziere, so jedenfalls seine Ansicht, der könne sich genausogut auch vollständig der Lohnarbeit oder seinen Hobbys widmen. Punktum. Er war jedes Mal auf alle möglichen Antworten gefasst, ja er hätte sie ohne weiteres selbst aufsagen können, weswegen er seine Gesprächspartner auch immer wieder kurz berührte aus der Angst heraus, er würde allein am Caféhaustisch oder an der Bar sitzen und mit sich selber reden.

Norbert W. Schlinkert, zwei Autoren, davon einer doppelt

Was die Antworten betraf, so rückten manche, um nur ein Beispiel zu nennen, das Heroische früherer Schriftsteller in den Vordergrund, denn James Joyce, Franz Kafka oder Virginia Woolf und viele, viele andere seien doch wohl auch zurande gekommen trotz Lohnarbeit, Krankheit, Kriegszuständen oder whatever, da müsste sich doch in unseren Breiten wirklich kein heutiger Autor mit all seinen Privilegien beschweren. Doch natürlich könne nicht jeder gleich berühmt werden, einen Bestseller landen und viel Geld damit verdienen, das nun nicht, Rumgejammere aber sei auf jeden Fall völlig überzogen und in höchstem Maße egozentrisch, man müsse sich doch nur mal die Welt ansehen mit all ihren Problemen, den Ungerechtigkeiten, den Krankheiten, den Kriegen, dem Fanatismus, der Umweltverschmutzung und so weiter und so fort, da komme es doch auf einen Roman mehr oder weniger gar nicht an, ja es sei doch, bei einer abnehmenden Zahl von Lesern, fast schon von einer Romanschwemme zu sprechen, das Literaturboot sei eben voll, ob er das denn nicht bemerken würde, und wie könne er denn da glauben, ein sozusagen ohne Auftrag erstellter Roman würde da noch, um im Bild zu bleiben, aufgefischt und also verlegt und dann auch noch verkauft werden, das sei doch nun wirklich anmaßend, überkandidelt und einfach völlig verrückt! Völlig!! Damit dann war der Gesprächspartner gemeinhin am Ende seiner Möglichkeiten angekommen, worauf ihm unser Schriftsteller die Hand auf den Unterarm oder die Schulter legte, ihm tief in die Augen blickte und nach einer Kunstpause von genau kalkulierter Länge „Ja!“ sagte, „Ja, so ist es! Absolut.“

Veröffentlicht unter NACHRICHTEN aus den PRENZLAUER BERGEN! | Hinterlasse einen Kommentar

Samuel Beckett, die Dortmunder Nordstadt, das Bier und die Frauen

Die Verbindung zwischen Samuel Beckett, dem Dortmunder Bier und der Linienstraße in der Dortmunder Nordstadt gehört sicherlich weder zum Grundwissen von Literaturwissenschaftlern noch von Braumeistern – und doch gibt es diese Verbindung! „Dortmunder“, eines der Gedichte des 1935 in Paris erschienenen Bandes „Echo’s Bones“[i], sei jedenfalls, so Samuel Beckett selbst, unter dem Einfluss von Dortmunder Bier entstanden. Zwischen 1928 und Anfang 1930 unternahm Beckett mehrere Reisen von Paris nach Kassel[ii], in Dortmund musste er auf der Hin- und Rückfahrt jeweils umsteigen. Der Hauptgrund seiner Reisen war seine Cousine Peggy Sinclair, in die er sich 1928 in Dublin verliebt hatte und die nun mit ihren Eltern, die dort einen Kunsthandel betrieben, in Kassel lebte. Beckett begann also eifrig Deutsch zu lernen und machte sich auf den Weg.

Samuel Beckett

Stellen wir uns einen jungen Iren Anfang zwanzig vor, der Ende der 1920er Jahre am Dortmunder Hauptbahnhof aus dem Zug steigt. Er ist etwas müde und hat nun eine ganze Weile Aufenthalt bis zur Abfahrt seines Anschlusszuges. Warum also, wird er sich gleich beim ersten Mal gedacht haben, nicht mal das hiesige Bier probieren und sich die Stadt ansehen. Eine Offenbarung war ihm Dortmund aber wohl nicht, denn er ist seit kurzem Englisch-Lektor an der École Normale Supérieure in der Weltstadt Paris. Ende Oktober 1928 war er dort eingetroffen und hatte sich schnell das Ausgehen und vor allem das Trinken angewöhnt, wobei der Alkohol, so der Beckett-Kenner Friedhelm Rathjen, nicht zuletzt die Funktion hatte, seine Scheu im Umgang mit Menschen, die er nicht gut kennt, zu überspielen.[iii] Beckett jedenfalls mag das Derbe und das Bodenständige, Bars und Kneipen und überhaupt die einfachen Lustbarkeiten, die er schon als Student in Dublin durchaus nicht verachtete, während er in seiner Schulzeit noch abstinent gelebt hatte, ganz noch im Sinne seiner streng protestantischen Mutter, die jede Form der Ausschweifung als Sünde ablehnte.

Samuel Beckett ist aber durchaus nicht der einzige Schriftsteller der Literaturgeschichte, der mitunter der berauschenden Wirkung des Bieres eine Idee, ein Gedicht oder gleich ganze Romane verdankt. Johann Paul Friedrich Richter, genannt Jean Paul und einer der berühmtesten Zeitgenossen Goethes, wählte sogar seinen Wohnort nach der Qualität des Bieres aus. Aber der gute Jean Paul trank nicht (nur) um des Vergnügens willen, sondern brachte sich ganz bewusst in eine ganz bestimmte Schreibstimmung. Und auch ihm verwandelte sich die Welt im Bierrausch, schrieb er doch in einem Brief im Jahre 1803: „Ich kenne keinen Gaumen-, nur Gehirnkitzel; und steigt mir eine Sache nicht in den Kopf, so soll sie auch nicht in die Blase“.[iv] Über das Berliner Bier wusste er übrigens nichts Gutes zu berichten, denn dies fehle dort ebenso wie die Berge.[v]

Doch zurück zu Samuel Beckett und seinem Gedicht „Dortmunder“. Der junge Schriftsteller ist also schwer verliebt und nicht minder verwirrt, denn seine Cousine Peggy hatte kess und nicht im mindesten schüchtern sexuell die Initiative ergriffen[vi]. Da lag es nahe, sich bei jeder Gelegenheit, bei der Frauen eine Rolle spielten, ordentlich Mut anzutrinken. Doch das Trinken ist für Beckett mitunter noch immer eine zwiespältige Angelegenheit, handelt er so doch all den protestantischen Prinzipien seiner Mutter entgegen. Das Bier und das Trinken als einer Sünde spielt auch in Becketts Romanen nicht selten eine Rolle, etwa in „Molloy“ (1951). Einer der beiden Protagonisten, Jacques Moran, ist ziemlich versessen darauf, immer Bier und am besten Pilsener im Haus zu haben. Aber auch er fragt sich, ob es nicht etwa doch Sünde ist, Bier zu trinken? Würde er zum Beispiel die Heilige Kommunion, den Leib Christi empfangen dürfen, wenn er einen Krug Pilsener intus hatte? Nun, der Priester würde nicht danach fragen, aber Gott würde es früher oder später erfahren, so überlegt er, doch vielleicht würde er ihm verzeihen. Aber hatte das Abendmal, wenn es auf Bier genommen wurde, überhaupt die gleiche Wirkung? Moran beschließt zunächst einmal, auf dem Weg zum Pfarrhaus ein paar Pfefferminztabletten zu lutschen.[vii] Am Ende kommt er dann zu der Erkenntnis, dass der Pater, wenn er um den Biergenuss weiß und ihn trotzdem kommunizieren lässt, aus dem gleichen Grunde sündigte wie er. Wenn es denn, die Frage bleibt, überhaupt eine Sünde ist![viii]

Samuel Beckett zieht also mindestens einmal, vermutlich aber doch bei mehreren Zwischenaufenthalten, durch die Kneipen und Tanzdielen der Dortmunder Nordstadt[ix], wo die Sünde quasi zuhause ist. Er trinkt natürlich einiges von dem guten Dortmunder Bier, bis er die ganze Welt buchstäblich in einem neuen Licht sieht und sie sich ihm ganz und gar verwandelt. Dementsprechend beginnt auch das aus diesem Erlebnis resultierende Gedicht „Dortmunder“ mit der Zeile Im Zauber das homerische Zwielicht / In the magic the Homer dusk. Zuvor wird er wohl in der „Roten Mühle“ im Fredenbaum-Vergnügungspark gewesen sein (nach dem roten Turm der Zuflucht / past the red spire of sanctuary), dann aber hat es ihn in die Linienstraße im Bordellbezirk am Steinplatz/obere Münsterstraße verschlagen, wo immer auch einige besserbetuchte Herren aus den bürgerlichen Vierteln der nahen Innenstadt ihr Vergnügen suchen. Im Gedicht heißt es:

hastend zu der violetten Lampe zur schwachen K’in Musik der Puffmutter  / hasten to the violet lamp to the thin K’in music of the bawd

Die Aussage Becketts, das Dortmunder Bier sei quasi mitverantwortlich für die Entstehung des Gedichts, ist also mehr als plausibel, denn die Wahrscheinlichkeit, dass ein stocknüchterner junger Mann im Bordell landet, ist im allgemeinen wohl eher ziemlich gering. Er geht also, die Hände tief in die Hosentaschen versenkt und mit gespielter Lässigkeit, durch die Linienstraße mit seinen erleuchteten Fenstern, wo die Huren ihre Dienste anbieten und sich in all ihrer Pracht und Verruchtheit präsentierten. Würde er den Mut haben, den Einflüsterungen einer der Schönen zu folgen? Denkbar, dass er eine Weile zögerte, ob er denn, weil er ja schließlich in Peggy verliebt ist, solch ein Haus überhaupt betreten durfte. Wäre das nicht eine wirklich schlimme Sünde, gar nicht zu vergleichen mit einem Bierrausch! In seinem im Sommer 1932 geschriebenen (und erst 1993 aus dem Nachlass heraus veröffentlichten) Roman „Traum von mehr bis minder schönen Frauen“ denkt der Protagonist Belacqua darüber nach, ob es denn statthaft und erlaubt sei, als verliebter Mann dennoch ein Bordell zu besuchen. Es heißt dort: „(…) wieso hätte denn eine vernünftige Bordellbenutzung (…) auch nur den geringsten Frevel darstellen können gegen die Empfindung, die er für seine ferne Blume – Licht, Melodie, Duft, Fleisch und Umarmung seines inneren Menschen – hegte? Aber: der innere Mensch, sein Hunger, seine Finsternis, sein Schweigen, blieb das alles gänzlich außerhalb des Bordells, nahm es an dem zwielichtigen Verkehr des Bordells gar nicht teil? Es blieb nicht, und es nahm teil. Noch einmal: Es blieb nicht, und es nahm teil.“[x] Ähnliche Gedanken wird der Autor des Romans wenige Jahre zuvor in der Dortmunder Linienstraße gehabt haben, schwankend zwischen Rausch und Lust auf der einen und anerzogenen moralischen Bedenken auf der anderen Seite.

Er geht also die Straße rauf und wieder runter, immer hin und her, nichtig fühlt er sich, während das „königliche Wrack“ (Ich nichtig sie königliches Wrack / I null she royal hulk) ihn weiterhin lockt mit ihrer Glut:

Sie steht vor mir im hellen Stall
hält hoch den Jadesplitter
das vernarbte Jungfernhäutchen stiller Reinheit
die Augen die Augen schwarz bis zum östlichen Gefilde
sollen lösen der langen Nacht Phrase.

She stands before me in the bright stall
sustaining the jade splinters
the scarred signaculum of purity quiet
the eyes the eyes black till the plagal east
shall resolve the long night phrase.

Am Ende dann tut er den Schritt und betritt das Haus der Sünde, hin zum Licht, hin zur ewigen Lockung des Weibes. Damit endet der Lautengesang des Gedichts:

Dann, gleich einer Schrift, aufgerollt,
und die Herrlichkeit ihrer Auflösung erhöhend
in mir, Habbakuk, Feldherr aller Sünder.
Schopenhauer ist tot, die Puffmutter
legt ihre Laute beiseite.

Then, as a scroll, folded,
and the glory of her dissolution enlarged
in me, Habbakuk, mard of all sinners.
Schopenhauer is dead, the bawd
puts her lute away.

__________________________________________

[i] Echo’s Bones and Other Precipitates. Europa Press, Paris 1935. [Echos Knochen/Gebeine und andere Sturzgeburten] Siehe dazu: Dougald McMillan III: Echo’s Bones: Ausgangspunkt für Beckett. In: Hartmut Engelhardt (Hg.): Samuel Beckett. Frankfurt am Main 1984 (st 2044). S.29-56.

[ii] Siehe dazu: Deidre Bair: Samuel Beckett. Eine Biographie. Reinbek bei Hamburg 1994 (rororo 12850). Kapitel III bis V.

[iii] Friedhelm Rathjen: Samuel Beckett. Reinbek bei Hamburg 2006. (rororo monographie rm 50678) S.22.

[iv] „Bier, Bier, Bier, wie es auch komme. Jean Paul und das Bier. Zusammengestellt von Wolfgang Hörner. Wehrhahn Verlag, Hannover 2006. S.50.

[v] „Bier, Bier, Bier, wie es auch komme. Jean Paul und das Bier. Zusammengestellt von Wolfgang Hörner. Wehrhahn Verlag, Hannover 2006. S.46.

[vi] James Knowlson: Samuel Beckett. Eine Biographie. Frankfurt am Main 2001. S.148.

[vii] Samuel Beckett: Molloy. Frankfurt am Main 1995 (st 2406). S.134.

[viii] Samuel Beckett: Molloy. Frankfurt am Main 1995 (st 2406). S.140.

[ix] Siehe dazu: Geschichtswerkstatt Dortmund e.V.: „Den Gelegenheitstänzen ist besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden“. Tanz mit Musik in der 20er Jahren. In: Stadt Dortmund, Kulturbüro u.a.: Nordstadtbilder. Essen 1989. S.166-170.

[x] Samuel Beckett: Traum von mehr bis minder schönen Frauen. Frankfurt am Main 1998. (st 2883) S.56-57.

______________________________________

Samuel Beckett

DORTMUNDER
In the magic the Homer dusk
past the red spire of sanctuary
I null she royal hulk
hasten to the violet lamp to the thin K’in music of the bawd.

She stands before me in the bright stall
sustaining the jade splinters
the scarred signaculum of purity quiet
the eyes the eyes black till the plagal east
shall resolve the long night phrase.
Then, as a scroll, folded,
and the glory of her dissolution enlarged
in me, Habbakuk, mard of all sinners.
Schopenhauer is dead, the bawd
puts her lute away.

Samuel Beckett

DORTMUNDER
Im Zauber das homerische Zwielicht
nach dem roten Turm der Zuflucht
Ich nichtig sie königliches Wrack
hastend zu der violetten Lampe zur schwachen K’in Musik der Puffmutter.

Sie steht vor mir im hellen Stall
hält hoch den Jadesplitter
das vernarbte Jungfernhäutchen stiller Reinheit
die Augen die Augen schwarz bis zum östlichen Gefilde
sollen lösen der langen Nacht Phrase.
Dann, gleich einer Schrift, aufgerollt,
und die Herrlichkeit ihrer Auflösung erhöhend
in mir, Habbakuk, Feldherr aller Sünder.
Schopenhauer ist tot, die Puffmutter
legt ihre Laute beiseite.

Übersetzung: Norbert W. Schlinkert

Veröffentlicht unter NACHRICHTEN aus den PRENZLAUER BERGEN! | Hinterlasse einen Kommentar

Neues zum Thema Samuel Beckett und die Frauen …

… finden Sie hier >>>

Veröffentlicht unter NACHRICHTEN aus den PRENZLAUER BERGEN! | Hinterlasse einen Kommentar

Norbert W. Schlinkert liest am 29. Februar aus seinem Roman „Stadt, Angst, Schweigen“

Lesung am Montag dem 29. Februar 2016

Norbert W. Schlinkert liest aus seinem Roman „Stadt, Angst, Schweigen. Heraklitischer Fließtext“

Moderation: Dr. Martin A. Völker

LESSING – HAUS
Nikolaikirchplatz 7
10178 Berlin

Beginn: 20.00 Uhr
Eintritt: 8.-/ 6.- €,  incl. ein Glas Wein

Zum Buchinhalt:

Ein Mann erwartet bis Sonnabendmittag den Anruf seines HNO-Arztes Prof. Dr. Kofler, der ihm das Ergebnis aufwändiger Untersuchungen mitteilen wird. Von Unruhe getrieben verlässt der Mann am späten Freitagabend seine Wohnung im Prenzlauer Berg und gerät gehend immer tiefer in seine eigene, abgründige Gedankenwelt hinein. Er denkt nach über seine Herkunft, die Untersuchungen bei Kofler und dessen immer aufreizend gekleidete Sprechstundenhilfe, seinen Vorgesetzten Kranzler und dessen unerträglichen Körpergeruch, die überaus attraktive Frau Semper, die er selbst Kranzler als dessen Assistentin ausgesucht hat, die Krämer, die er, so Kranzler, als Sekretärin einfach mitbenutzen solle …

Norbert W. Schlinkert erzählt in einer zwischen innerem Monolog und Bewusstseinsstrom changierenden, furiosen und nicht selten bitter-komischen Art und Weise von einer Nacht der Angst, in der der unbedingte Drang des sich schonungslos selbstquälenden Geistes offenbar wird, die Wahrheit eines ganzen Lebens zu begreifen. (Klappentext)

Zum Autor:

Norbert W. Schlinkert, 1964 in Schwerte geboren, absolvierte in jungen Jahren eine Tischlerlehre, erwarb das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg und studierte von 1999 an Kulturwissenschaft/ Ästhetik und Theaterwissenschaft/ Kulturelle Kommunikation an der Berliner Humboldt-Universität. Er veröffentlichte 2005 die Studie „Wanderer in Absurdistan. Novalis, Nietzsche, Beckett, Bernhard und der ganze Rest“ und wurde 2009 mit seiner Studie „Das sich selbst erhellende Bewußtsein als poetisches Ich. Von Adam Bernd zu Karl Philipp Moritz, von Jean Paul zu Sören Kierkegaard“ promoviert. Sein literarisches Erstlingswerk, „story banal“, wurde 1998 im Bruno-Dorn-Verlag veröffentlicht, im Jahr 2015 erschien im Elsinor Verlag der heraklitische Fließtext „Stadt, Angst, Schweigen“ und im Februar 2016 in der edition taberna kritika (Bern) die Arabeske „Kein Mensch scheint ertrunken“. Im Jahr 2010 wurde ihm für sein zurzeit noch in Arbeit befindliches Romanprojekt ein Aufenthaltsstipendium des Künstlerdorfes Schöppingen zugesprochen. Website des Autors: www.nwschlinkert.de

Rezension von Gregor Keuschnig >>>

Norbert W Schlinkert, Stadt, Angst, Schweigen. Elsinor 2015

Stadt, Angst, Schweigen. Elsinor Verlag, Coesfeld 2015. 128 Seiten. ISBN: 978-3942788298

Veröffentlicht unter NACHRICHTEN aus den PRENZLAUER BERGEN! | 3 Kommentare

Allerlei über Literatur, einfach so mal schnell hingerotzt

Samuel Beckett wurde in seinen Texten über die Jahre hin immer ernster und ernster, nachdem er lange Zeit unterschiedliche Arten und Weisen des Humors durchhatte, ja, tatsächlich durchhatte, denn wirklich gute Schriftsteller wiederholen sich niemals. Harmlos aber war Becketts Humor nie, ganz im Gegenteil, er war so böse, dass Theodor W. Adorno ihn gar nicht erst bemerkte und stattdessen einen tieferen Sinn suchte, aus heutiger Sicht lächerlich, aber nachvollziehbar, denn was hatte Adorno schon zu lachen: nix. Es ist nicht überliefert, ob Beckett hat lachen müssen, als Adorno von den nackten Titten seiner Studentinnen ermordet wurde, naja, vielleicht nicht ermordet, aber eben tief erschüttert. Oder nehmen wir Thomas Bernhard, der in seinen bernhardschen Texten, und er schrieb naturgemäß nur solche, einen derartigen Bogen um das Thema Sexualität und sexuelle Obsessionen machte, dass Jahre später ein bis dato nicht sehr bekannter Schriftsteller, ich selbst nämlich, einspringen musste, die Lücke zu füllen und den Meister einfach mal zu verbessern [Werbepause], was sich Bernhard womöglich verbeten hätte – nicht!?!? Doch zurück zu Samuel Beckett, der es wirklich nicht verdient hat, in absehbarer Zeit verwechselt zu werden mit Godot, so wie dereinst Karl Philipp Moritz mit Anton Reiser, wenn Ihnen das was sagt. Ich selbst will naturgemäß allerdings auch keinesfalls verwechselt werden mit Protagonisten aus meiner Feder, selbst wenn sie absolut ein Rad abhaben und etwa selbstgebastelte Amphibienkinderwägen lieben. [Werbepause] Aber wissen Sie, was ich dagegen gemacht habe? Ha! Sie werden es nicht glauben: meine Protagonisten sind nicht selten namenlos, ergo man mich nie wird verwechseln können, und zwar nicht einmal mit mir selbst.

Hommage-auf-Samuel-Beckett-Norbert-W.-Schlinkert4-1024x743

Veröffentlicht unter NACHRICHTEN aus den PRENZLAUER BERGEN! | Hinterlasse einen Kommentar