Das Wort „Zeitläufte“ ist ein trauriges

Im Jahre 2164 fällt mein Geburtstag auf einen Dienstag, doch niemand der heute lebenden Menschen wird diesen Geburtstag mit mir feiern können – ist das nicht traurig! Milliarden von Menschen werden bis dahin gestorben sein, der Tod wird ihr Leben zu einem Leben gemacht haben, das im besten Falle – gelebt worden ist. Was soll man sagen, panta rhei, alles fließt, mitnehmen, wohin auch immer, kann man nix, nur ein bißchen hierlassen, wenn man Glück hat. I will do my very best!

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Typoskriptbearbeitung des ROMANs (V) und Kommando zurück und frisch ans Werk

Wochenlang habe ich nachgesonnen, also nicht etwa sachlich überlegt und abgewogen, sondern nachgedacht und vor allem -gefühlt, wie es mit meinem Roman nun weitergehen soll. Die schon lange in Zeit und Raum stehende Frage, wie der Duktus des Romans schließlich sein soll, mußte entschieden werden. Alfred Döblin hat mal gesagt, ein Romanschriftsteller müsse vor allem schweigen können, was wohl nicht mehr und nicht weniger heißt, als daß er seinen Figuren nicht das Wort abschneiden darf und sich also so weit als möglich zurückhalten muß, wenn sich die Figuren ihren Raum nehmen. Im Falle meines Textes heißt das dann, es wohl nicht bei den etwa 450 Normseiten belassen zu können, das Ding wird dann wohl länger werden, aber nun ja, ich bin ja keine Romanmanufactur, die auf Bestellung arbeitet – ich muß dem Werk Leben einhauchen, aber es sich auch so entwickeln lassen, wie wir alle, ich und die Figuren des Textes, es wollen und können. Auf denn, Werk, wachse und gelinge!

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Rezension: Katarina Botsky “In den Finsternissen” (V) / Die Novelle “Ziehkinder”

Die Novelle beginnt folgendermaßen: „Wenn man durch den bogigen finstern Torweg des Räuberhofs trat, geriet man in ein galoppierendes Meer wildverworrener Töne hinein. Bei einem Schiffsuntergang konnte nicht wüster geschrieen werden, als es die spielenden Kinder auf dem Räuberhof taten. Daher sein Name. Auch waren die geschwärzten schiefen Häuser, die den Hof wie Festungswerke umschlossen, und die nicht minder geschwärzten Proletarier, die diese Häuser bewohnten, an der Benennung schuld. Die Häuser sahen alle aus, als ob sie schon einmal in Flammen gestanden hätten. Doch auf der Steinwüste des Hofs gab es etwas Schönes, etwas ganz Verwunderliches: einen alten anmutigen Springbrunnen, der immer noch ein paar silberne Wassertropfen in sein steinernes Muschelbecken fallen ließ. (…)“

Dieser von Katarina Botsky gewählte Einstieg gleicht fast einem Eintritt in die Hölle, möchte man meinen, ohne daß die Autorin etwa Mitleid anklingen ließe für die Menschen, die in ihr leben müssen. Botsky wählt also zunächst eine distanzierte Haltung, ganz anders als es etwa in der Arbeiterliteratur üblich ist. In dem Schauspiel Bergarbeiter von Lu Märten aus dem Jahr 1909 läßt die Autorin den jungen, schwindsüchtigen Hermann zum Beispiel programmatisch sagen: „Wenn einer von uns nun gar unter die Dichter geht, dann ist es sein Gesetz, daß er die Wahrheit seines Lebens darstellen muß. Und wenn einer von uns die Wahrheit seines Lebens darstellt, ist’s am stärksten … der Schmerz.“ Auf dem Räuberhof kann von solch einem Unterfangen jedenfalls nicht die Rede sein, Botsky wird weder etwas vom Stolz des Arbeiters auf seine Leistung und die Errungenschaften der Industrie anklingen lassen, wie das oft in der zeitgenössischen Arbeiterliteratur vorkommt, noch den Klagen über die Unmenschlichkeit der Arbeit und das Leid des Einzelnen Aufmerksamkeit schenken – sie wahrt eine kalte, wenn auch klar deutende und urteilende Distanz. So ist also allein der Springbrunnen, der dort „wie ein verlaufener Aristokrat“ steht, an und für sich etwas Schönes in der geschlossenen Welt, die der Hof darstellt – der einzige Ausblick, so als könne man von einem unteren Höllenkreis die Welt der Schuldlosen sehen, ist hingegen der Blick auf den auf einem Berg liegenden „Kirchhof der Reichen mit seinem wehenden Laub“. Dazwischen, vom Räuberhof durch einen bemoosten Bretterzaun getrennt, liegt auf gleicher Ebene dann noch der Armenkirchhof, der ungepflegt ist und wo ein seltsames Holzkreuz steht mit der Inschrift „Die Reihe kombt auch an Dir“, die die Räuberhofjungen besonders mögen.

Das also ist die Bühne, auf der Katarina Botsky das immer gleiche Drama von Armut, Roheit, Dummheit, Gewalt und Mißbrauch ablaufen läßt. Neben den Proletarierfamilien mit ihren Kindern und den Schlafburschen gibt es nun auch noch, gleichsam als noch Niedrigere, die sogenannten „Ziehkinder“, Ganz- oder Halbweisen; doch „bei manchen dieser Kinder stimmte nicht alles im Gehirn“, das stellt die Autorin gleich einmal deutlich fest, wie man das bei Ziehkindern öfters beobachten könne. Jedes vierte Kind auf dem Hof ist ein solches Ziehkind, etwa zwanzig insgesamt, deren Unterhalt meist von der Stadt bezahlt wird und die jeweils einer Familie zugewiesen sind. Botsky wählt zwei für ihre Leser aus, die vierjährige, etwas zurückgebliebene Herta, Tochter einer Landstreicherin, und ihre achtjährige Freundin Trude, die ebenfalls kaum begreift, was um sie herum vor sich geht. So werden beide aus Spaß von den Räuberhofjungen auf dem Armenkirchhof in ein Loch gelegt und, gemäß der Inschrift, zugebuddelt, ohne daß die andere eingreift, wenngleich die Jungs mit Herta Mitleid haben, weil sie hübsch ist; erst der greisenhafte Kirchhofwärter zerrt Trude schließlich, etwa so “wie ein alter Affe eine Gliederpuppe ergreifen würde“, an einem Arm aus der Grube heraus.

Bis hierher schildert Katarina Botsky mit aller Deutlichkeit und in klar faßbaren Bildern diese Welt, ohne Mitgefühl für die in ihr agierenden Geschöpfe zu zeigen, denn es geht ihr offensichtlich um eben diese klare Sicht ohne vernebelnde Sentimentalitäten. Als schließlich noch eine uralte, nicht sehr helle Frau auftaucht, die auch einst Ziehkind gewesen war und noch immer sehr schlecht behandelt wird, scheint sich das beschriebene Grauen nur noch weiter zu verdichten, ohne daß auch nur ein Funken Hoffnung zu erkennen ist. Dann aber bleibt die kleine Herta allein, nur die uralte Frau sitzt noch teilnahmslos auf ihrer Bank, auf dem Hof zurück, nachdem ein großer Bengel sie auf den ziemlich hohen Rand des Wasserbeckens gesetzt hat, bevor er reingerufen wurde. Hier scheint sich die Erzählung nun zu wenden, sie bekommt etwas Märchenhaftes durch den Brunnen und auch dadurch, daß die Herta sich den Daumen verletzt hat und blutet; es macht ihr sogar Spaß zu sehen, wie das Blut in das Wasser des Brunnens tropft. Dann jedoch verliert die Kleine plötzlich das Gleichgewicht und fällt hinein. Wird ihr jetzt etwa das Selbe zuteil wie der armen Stieftochter in dem Märchen Frau Holle, die von der Stiefmutter in den Brunnen gezwungen wird, um nach einer Spindel zu tauchen, dadurch aber in eine bessere Welt gerät, wo sie sich bewähren kann und aus der sie als goldene Jungfrau wiederkehrt? „Das steinerne Engelsantlitz am Brunnen“ scheint jedenfalls, als ein Schlafbursche die Kleine herauszieht und so vor dem Ertrinken rettet, traurig zu seufzen, und auch die Autorin seufzt nun gleichsam teilnehmend mit, denn nun stellt sie klar fest: „Sie war dem Schicksal der kleinen Meta nicht entgangen“, was so viel heißt, daß der Tod für das Mädchen besser gewesen wäre. Der Herausgeber des Bandes, Martin A. Völker, erläutert im ausführlichen Anmerkungsteil diese Feststellung, die Bezug nimmt auf das Märchen Die kleine Meta von Friedrich Hofmann, in dem jeder Blutstropfen des Mädchens zu einem blanken doppelten Goldstück wird, die alle von der Stiefmutter genommen werden, bis das Mädchen tot ist. Eine kurz zuvor in die Novelle eingeflochtene Bemerkung zu den Schlafburschen, die „bereits auf die Vorzüge der kleinen Herta aufmerksam zu werden begannen“, weist deutlich darauf hin, welches Schicksal Herta droht, nämlich gleichsam das der Leibeigenschaft und des sexuellen Mißbrauchs, denn ihre „Mama“ gehörte zu „jenen furchtbaren Weibern“, die solch ein Interesse nicht ungern sehen. Die uralte Frau auf der Bank, die auch Trude heißt, war übrigens stumpfsinnnig sitzen geblieben, als Herta ins Wasser fiel.

Die Novelle Ziehkinder ist eine beeindruckende, ungeheuer dicht gestaltete Erzählung, die all das menschengemachte Unglück offenlegt, ohne dabei die Schuld plakativ im Gesellschaftlichen zu suchen. Katarina Botsky spricht deutlich aus, was sie „sieht“ und behält dabei zumeist die notwendige Distanz, die es ihr erlaubt, das Handeln der Menschen, ohne sich zu einer verurteilenden Instanz aufzuschwingen, zu beurteilen, besonders auch und dann auch mit Teilnahme, wenn die Erniedrigten und Ausgebeuteten selbst an jenen zu Tätern werden, die ihnen schutzlos ausgeliefert sind. Dieses Geschehen gestaltet Katarina Botsky mit meisterhafter Sprachkunst zu einem bedrückenden Drama.

Fazit: Der von Martin A. Völker mit Anmerkungen und einem sehr informativen Nachwort herausgegebene Band Katarina Botsky In den Finsternissen (Elsinor Verlag, Coesfeld 2012), der insgesamt zehn Novellen enthält, ist eine durch und durch lohnende Lektüre und mag, so ist zu hoffen, den Beginn der Wiederentdeckung einer Autorin bedeuten, die Literatur nicht aus Lektüre schafft, sondern aus eigenem Erleben und Erleiden und aus dem Beobachten ihrer Zeit, vom späten Kaiserreich über die Weimarer Republik bis hinein in die faschistische Diktatur. Daß Katarina Botsky das Handwerk des Schreibens so meisterhaft beherrscht und für jeden Stoff, sei dieser schauerlich-komisch oder grauenhaft-abgründig, die richtige Sprache findet, macht die Lektüre insgesamt zu einem außerordentlichen Leseerlebnis!  

(Sie finden alle Rezensionen hier!)

Katarina Botsky: In den Finsternissen. Novellen.

Herausgegeben von Martin A. Völker.

Elsinor Verlag 2012. 108 Seiten. ISBN-10: 3942788071

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Kunstformen, Lebensformen

Es gibt Arten von Kunst, die kann man nicht alleine machen, oder wenn, dann ist das die Ausnahme, die die Regel bestätigt. Ich für meinen Teil arbeite am liebsten allein, denn sonst mache ich mir Gedanken, die nicht der Sache dienen oder habe banale Befürchtungen, etwa daß jemand mich zur Unzeit fragt, ob ich einen Kaffee will, und schon ist der Gedanke futsch, ganz gleich, ob er genial war oder nicht. Die Phase der Zusammenarbeit kommt aber natürlich dann meistens doch, im Bereich Literatur scharwenzelt irgendwann der Lektor zur Tür herein und in der bildenden Kunst fährt der Galerist wie eine Erscheinung ins Leben des armen Malers, es sei denn, Herr oder Frau Künstler ist nicht interessiert am Sichvermittelnlassen und frönt dem Außenseitertum, und zwar dem echten, nicht dem zu Werbezwecken. Im Falle des echten Außenseitertums ist die Kunst so sehr das Leben des Künstlers, daß sie, die Kunst, ihm, dem Leben, im Weg steht – warum, wieso, weshalb auch immer. Einige Fälle echten Außenseitertums sind bekannt geworden, etwa H. P. Lovecraft, der sich ganz sicher nicht, das sollte man sich einmal ganz allgemein bewußt machen, für den Studiengang des literarischen Schreibens beworben hätte.

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Rezension: Katarina Botsky “In den Finsternissen” (IV) / Die Novelle “Es ist noch nicht an der Zeit”

Auch für die Novelle Es ist noch nicht an der Zeit, sie erschien am 4. August 1920 im Simplicissimus, ist der zeitliche Kontext bedeutsam, denn das zweite Nachkriegsjahr hatte bisher für Deutschland keine politische Stabilität gebracht, ganz im Gegenteil. Die noch junge Weimarer Republik war durch den schließlich nach wenigen Tagen beendeten Kapp-Putsch vom 13. März in Unruhe versetzt worden, wozu sicher auch beitrug, dass der „Märzaufstand“ linksgerichteter Arbeiter, der in Reaktion auf den Putsch im Ruhrgebiet losbrach, schließlich von Reichswehreinheiten und rechtsgerichteten Freikorps, von denen auch einige am Kapp-Putsch in Berlin beteiligt gewesen waren, blutig niedergeschlagen wurde. Auch nach der Reichstagswahl vom 6. Juni konnte von stabilen und friedlichen Verhältnissen in Deutschland nicht die Rede sein – Unsicherheit und Angst herrschten vor.

Katarina Botsky beginnt so auch ihre Novelle, indem sie gleichsam für alle feststellt: „Wir suchen Freude; aber wir finden sie nicht. Wir bangen vor Unheil und vergessen es mitten darin. Wir haben Mitleid und empfinden nichts dabei. Unsere armselige Maschine, die nichts mehr erregen kann als der Tod, ist stumpf geworden durch den Krieg. Wir suchen krampfhaft Freude – mit kläglichem Erfolg. Auch scheinen immer bald von irgendwo die Worte zu ertönen: «Ihr dürft Euch nicht freuen. Es ist noch nicht an der Zeit.»“ Um eben dies zu zeigen, gleichsam zu illustrieren, wählt Botsky einen Mann aus, der hinausgeht, den Frühling zu sehen, hinaus aus der Stadt zu den Bäumen, Wiesen und Teichen, um sich zu freuen. Anders aber als in ihrer Novelle Das Krachen über alle Maßen von 1917, in der der Protagonist Johann als Individuum erscheint, bevor er als Soldat in den Krieg ziehen muss und zur Nummer wird, ist dieser Mann namenlos, ein ehemaliger Soldat, der sich während des Krieges im Schützengraben noch hatte freuen können, es nun aber verlernt zu haben scheint. Immerhin, der Frühling zeigt sein schönstes Gesicht, und so schafft es der Mann, beziehungsweise seine „armselige Maschine“, wie es später heißt, etwas zustande zu bringen, „was einem Genuß etwas ähnlich sah, etwa so ähnlich, wie ein Greis seinem Jugendbildnis ist“. Der Mann spricht also zu sich: „Du freust Dich“, er stellt sich sogar, wie auf Befehl, hin und versuchte, goldene Träume zur goldenen Sonne aufsteigen zu lassen. Wer ist dieser Mann, der hier so kämpft um ein bißchen Lebensfreude? Wer ist er, was hat er erlebt? Aber da wird die Suche des Mannes nach Freude jäh gestört, eine Rauchsäule taucht auf jenseits der Teiche, er will sie zuerst ignorieren, weil er sich doch freuen wollte, doch dann …

Katarina Botsky errichtet in dieser Novelle ein Szenario, das ein wenig an die biblische Geschichte der Zerstörung von Sodom und Gomorra erinnert, wo es (Genesis 19.28) heißt: „(…); und siehe, da ging ein Rauch auf vom Lande wie ein Rauch vom Ofen“, doch Botsky ist es keineswegs vordergründig um religiöse Gleichnisse zu tun, denn das, was hier in den Himmel hineinwächst, überflügelt schon drei Mal den am nächsten liegenden hohen Kirchturm, ist größer und gewaltiger als die Kirche mit ihrer Religion, ein gewaltiger Mittagsspuk, der dröhnt und in grauenhafter Einförmigkeit die gellende Warnung vom anderen Ufer herüberbrüllt, wie ein ganzes Heer von bösen Geistern: „Du darfst dich nicht freuen! Es ist noch nicht an der Zeit!“ Der Mann zwingt sich jetzt zur Umkehr angesichts des Rauchungeheuers und wendet sich zur Stadt, doch nun scheint das Ungeheuer ihm zu folgen, ein zweiter Mann, der auch ausgegangen war, Freude zu finden, schließt sich ihm an, bis sie schließlich mit letzter Not die Stadt erreichen, wo das Rauchgespenst ihrer bereits „unheimlich und majestätisch“ wartet.

Was sich bis hierher fast wie eine Schauergeschichte ausnimmt aus alter Zeit, wie der Zorn Gottes oder die Rache böser Geister, zwingt Botsky Zeile um Zeile immer mehr zur Gegenwart der Nachkriegszeit hin, in der der einzelne Mensch nunmehr nur noch Teil der Masse zu sein scheint, so wie die zwei in die Stadt fliehenden Männer, die Teil werden einer Menge, die es, so Botsky, zu Freude oder Entsetzen treibt, je nachdem, denn „nach Sensationen treibt es die Menschen umher wie eine tolle Herde“. Und tatsächlich sind die Neugierigen nicht aufzuhalten, sie laufen „in ihrem wütenden Sensationshunger“ durch die um sie herum zerberstende Stadt, während der Rauchbaum ins Gigantische wächst, bis er dasteht wie eine Gottheit, dem Himmel so nah. Das Unheil jedoch ist menschengemacht, und ihm sind die Überlebenden ausgeliefert – „sie fühlten es und schwiegen in dumpfer Ergebenheit“, während die vielen Opfer des Explosionsunglücks nicht einmal einen Todesschrei zum Himmel hinaufschallen lassen können.

Katarina Botsky nimmt sich in dieser Novelle keines Individuums und seiner Geschichte an, sondern skizziert auf sprachlich großartige Weise gleichsam den letzten Akt einer großen Tragödie, in der kein deus ex machina Erlösung bringen kann und in der unterschiedslos die Gerechten und die Ungerechten dahingerafft werden, in der der Einzelne, wie im Krieg, zählt, aber nichts gilt. So spricht Botsky schließlich auch von den „tragischen Puppen des großen Dramas“, die, wenn sie nicht in Atome zerrissen waren, überall hockten und lagen. Kein Gott spendet also Trost, man geht nach Hause, die verstörte Herde zerstreut sich, bis sich morgen dann wieder die heute ein wenig verschüttete Gier nach Freude zeigen wird. Der einzelne Mensch, das zeigt Katarina Botsky auf, ist nach den Jahren des Krieges und des Hungers und all der Verluste kaum mehr Herr seines Schicksals, er dringt nicht mehr zu sich selbst und seinen Gefühlen durch und ist nur noch, als „armselige Maschine“, Teil der Masse. Diese Thematik, den Wunsch nach Freude und die Deformation des Einzelnen, greift sie in der Ende 1933 erschienenen Novelle Dezembertraum dann noch einmal auf, die furchtbaren Entwicklungen nach der sogenannten Machtergreifung durch die Nationalsozialisten gleichsam vorausahnend.

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Katarina Botsky: In den Finsternissen. Novellen.

Herausgegeben von Martin A. Völker.

Elsinor Verlag 2012. 108 Seiten. ISBN-10: 3942788071

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Nomen est omen?

Ist es nicht absonderlich: das Leben, wie wir es führen, macht einen Satz nach dem anderen, wir leben ja praktisch in der Zukunft, doch wenn man genau überlegt, dann bleibt etwas immer bestehen, die Nachnamen nämlich. Sicher, in Deutschland sind infolge des 30jährigen Krieges viele Familiennamen ausgestorben, doch die, die geblieben sind, bleiben – neue kommen nicht dazu. Oder kennen Sie einen Herrn Automechaniker oder eine Frau Tierärztin, eine Frau Programmiererin oder einen Herrn Quantenphysiker? Doch vielleicht sollte man mal einfach so, damit vom Jetzt was bleibt, eine neue Nachnamensrunde einläuten, und wenn man schon dabei ist, kann man auch gleich einführen, den Vornamen ab dem vierzehnten Lebensjahr offiziell ändern zu dürfen, falls der einem zugewiesene nicht paßt, was ja vorkommen soll. Dann hieße es auch wieder ganz richtig nomen est omen.

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Zeit zum Lesen

Selten hatte ich Zeiten ohne Tageszeitung, nun werde ich mich bis auf weiteres daran gewöhnen müssen. Ohne die völlig überteuerte Krankenkasse, dem nun immensen GEZ-Beitrag, den hohen Berliner Wasserpreisen und überhaupt der ganzen, nur kleinen Kreisen zugute kommenden Preissteigerung würde ich mir aber natürlich weiterhin eine Zeitung gönnen, wahrscheinlich die Süddeutsche, trotz ihres mäßigen Kulturteils und schlechten Sportteils. Naja, ist ja kein Weltuntergang. So lese ich also (früh-)morgens als erstes den Roman, den ich grad in der Mangel habe, zur Zeit Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften, ohne Zweifel eines der herausragendsten Werke der deutschsprachigen Literatur. Als ich das Werk vor zwanzig Jahren zum ersten Mal las, las ich schon allein meines noch jugendlichen Alters wegen das Werk anders, doch auch schon damals natürlich nicht zur reinen Unterhaltung, sondern im Rahmen meines Soseins als künstlerisch tätiger Mensch, der sich diese Zeit des Lesens immer sofort nehmen muß, allein deswegen, weil ihm aufgrund einer himmelschreienden Ungerechtigkeit im deutschen Rentensystem ja ohnehin keine Ruhestandsrente mit Zeit zum Lesen zuteil werden wird, wie ich damals schon wußte, denn die Bescheidenen, die nur das verdienen, was sie zum Leben benötigen, werden krass benachteiligt gegenüber den Gierigen, den Zusammenraffenden, die nicht genug verdienen bzw. bekommen können, um in überflüssigem Luxus zu schwelgen. Aber was rege ich mich auf, erstens übertreibe ich natürlich glossengemäß ein klein wenig, und zweitens soll doch jeder nach seiner eigenen Façon glücklich werden, was übrigens Friedrich der Große zwar mal so formulierte, dann aber als Aktennotiz verstaubte und somit nicht seinen Mitmenschen und Untertanen übermittelt wurde, so daß diese leider nichts wußten von ihrer Freiheit. Wer weiß, was da in den Akten des ein oder anderen Regimes noch so schlummert an freiheitlichem Gedankengut – was aber natürlich nichts daran ändert, daß man sich die Freiheit ohnehin nehmen muß, nicht nur die des Lesens.

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Rezension: Katarina Botsky “In den Finsternissen” (III) / Die Novelle „Das Krachen über alle Maßen“

Katarina Botskys Novelle Das Krachen über alle Maßen erschien am 20. März 1917 in der Zeitschrift Simplicissimus. Es herrscht zu diesem Zeitpunkt seit fast drei Jahren Krieg, die Menschen litten unter der das ganze deutsche Reich betreffenden Hungersnot, die als „Steckrübenwinter“ in die Geschichtsschreibung einging, obwohl sie noch weit in das Jahr 1917 hineinreichte. Die Geschichte, die Botsky erzählt, scheint mit diesem Krieg aber zunächst nichts weiter zu tun zu haben. Es geht um den kleinen Johannes, ein etwas ängstliches Kind, das aus lauter Angst lauschend im Bett liegt und nicht schlafen kann, wann immer der Sturm durch die Straßen läuft. Er befürchtet dann, das Pfeifen und Heulen könne plötzlich zu einem Geräusch über alle Maßen anschwellen, zu einem „Weltuntergangskrachen“, wie der Großvater, der es liebte, zu prophezeien, immer sagte. Doch des Morgens nach solch einem Sturm ist seine Welt immer noch heile, er hört die vertrauten Geräusche, das Holzpantoffelklappern der zur Schule gehenden Waisenkinder und die Fischfrau, die gellend „Ei Broatfösch, ei Botterfisch, ei Broatfösch!“ ruft. Nach der Schule darf er manchmal mit, wenn Lena und die anderen Kinder auf die Wiesen hinauslaufen, um über die im Frühjahr und Herbst mit Wasser gefüllten Gräben zu springen. Außer Lena gibt es da noch Nelly, die krank ist und in einem geheimnisvollen Haus wohnt und die Johannes aus dem Fenster der Schule heraus, während der dicke Religionslehrer den Kindern von Martin Luther erzählt, beobachtet. Manchmal sieht sie gleichgültig zur Schule hinüber, und dieses Bild bleibt ihm auch noch im Gedächtnis, als Nelly längst schon gestorben war.

Dann, Jahre später, ist Krieg. Johannes, inzwischen Buchbinder geworden, hatte ganz naiv gedacht, so etwas gäbe es nicht mehr, doch nun sieht er bestürzt „die Soldaten zum Tore ziehen, um – um zu töten“. Er will nicht Soldat werden, er hat Angst, die „Riesenhand“ des Staates, der „Macht über Leben und Tod jedes einzelnen“ hat, würde sich ihm auf die Schulter legen und sagen: „Du kommst auch mit“. Eines Tages ist es soweit, er wird eingezogen und zum Soldaten ausgebildet. Seinen alten Eltern sagt er an dem Tage, als er auszurücken hat, nun sei er nur noch eine Nummer, die auf einer Blechmarke steht. Der alte Vater betet still: „Laß diesen nicht umkommen, Gott! Laß Nummer 3524 nicht umkommen, O – Gott!!“, so als sei das Leben und auch der Krieg eine bitterböse Lotterie. Die Dinge nehmen nun ihren Lauf …

Katarina Botsky hat mit Das Krachen über alle Maßen eine meisterhafte Novelle geschrieben, die den Leser tief ergreift und mitnimmt in die Welt eines Menschen, dessen Geschichte in einem kleinen Haus beginnt und die gewissermaßen auch dort endet. Vom ängstlich von Johann herbeiphantasierten maßlosen Krachen schlägt sie den Bogen über den Soldaten mit der Nummer 3524 in seinem Schützengraben, der inmitten des tatsächlichen Höllenlärms sich nun als Schönstes die Stille vorzustellen vermag, ein „wenig Trost bei der krachenden Todesmusik der Geschütze“, auch wenn die „Angst seiner Kindheit vor einem Weltuntergangskrachen“ in seinem Innern aufgewacht war, bis hin zu der tatsächlichen Stille, die die alten Eltern umgibt, die wie kleine, erstarrte Marionetten in ihrer Stube stehen und unheilahnend auf die Rückkehr ihres Sohnes hoffen.

Höllenlärm und Stille, das Hoffen des Einzelnen und die Macht des Staates, Fülle und Leere, Wirklichkeit und Traum, dies alles verwebt Botsky in die Geschichte eines einfachen Menschen, der wie alle Menschen leben will und seine kleinen Hoffnungen und Wünsche hat. Sie nimmt dabei kein Blatt vor den Mund, sie spricht aus, was der Staat schlimmstenfalls ist, nicht Schutz der Menschen, sondern im Gegenteil die Riesenhand, die den Einzelnen zu einer Nummer werden lässt und ihn in die Hölle führt und dem Tode preisgibt, und sie spricht deutlich aus, dass der Soldat zu Felde zieht, um zu töten. Rettung scheint nicht denkbar, in keiner Zeile, und auch nicht zwischen den Zeilen, findet sich ein Ausweg, denn auch in dieser Novelle kommt etwa die Religion zwar am Rande vor (wie auch in der Novelle G), doch weder spielt der dicke Religionslehrer mit seinem Martin Luther eine Rolle noch kann das verzweifelte Gebet des Vaters, der Gott um die Schonung der „Nummer 3524″ bittet, eine Wirkung haben. Auch in ihrem Gedicht Die Verkündigung, das der Herausgeber Martin A. Völker dem Band als Prolog voranstellt, erkennt Botsky Gott als tot, so dass auch die Gebete kein Ziel mehr finden können. Es heißt dort: „Immer fliegen noch Gebete himmelan. / O wie traurig dieser Flug ins Leere! / Ihr wißt ja nicht –! Laßt ab!“ Bedenkt man, dass seit je her alle Kriegsparteien den Segen Gottes (und zuzeiten auch den der Kirche) für sich beanspruchen, so ist dieser Ansicht womöglich nicht viel entgegenzuhalten.

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Katarina Botsky: In den Finsternissen. Novellen.

Herausgegeben von Martin A. Völker.

Elsinor Verlag 2012. 108 Seiten. ISBN-10: 3942788071

 

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Rezension: Katarina Botsky “In den Finsternissen” (II) / Die Novelle “Die Hinrichtung”

Die zweite Novelle des Bandes beginnt mit einer Überzeichnung: „Wie häßlich war dieser Saal! Es war der häßlichste, den die Stadt besaß; aber auch der größte. Eigentlich glich er dem leeren grauen Bauch eines alten ausgedörrten toten Riesenfisches.“ Der größte Saal einer Kleinstadt ist zudem, so erfährt man weiter, staubig und schlecht beleuchtet durch altmodische Gaskronleuchter, ja sogar das himmlische Deckengemälde wirkt nur noch stumpf und hat etwas Tragisches, wie überhaupt der ganze Saal – alles an ihm spricht von „Gewesenheit“.

So die Exposition, die Katarina Botsky dem Leser darbietet – eingedenk des Titels scheint der Schauplatz ein Saal zu sein, den man, wegen der Wichtigkeit eines Prozesses, zum Gerichtssaal umfunktionierte. Doch weit gefehlt, es geht um eine Darbietung auf der Bühne, vor der noch der Vorhang herunter ist, während nach und nach das Publikum Platz nimmt, mit dunklen Handschuhen an den Händen; nur eine elegante, laute und anmaßende kleine Gesellschaft ist ohne Handschuhe. Das Publikum wartet, tückisch schweigend und steif wie ein „Pinguinenvolk“. In der weiblichen Hauptrolle einer Geisha wird eine reiche, „sehr vornehm tuende Dame“ zu sehen sein, die vor Jahren aus der Hauptstadt in die Kleinstadt kam und ihrer rotgefärbten Haare wegen „die Löwin aus Berlin“ genannt wird. Der Vorhang geht auf, die Szenerie einer Frühlingslandschaft, das Gegenteil des tristen Saals, wird sichtbar, das Publikum macht Ah!, und dann beginnt das Stück eines stadtbekannten Gymnasialprofessors, ein japanisches Drama …

Auch von dieser Novelle will ich nicht zu viel an Handlung verraten und deswegen ein wenig auf die Mittel eingehen, derer sich Katarina Botsky bedient, um von der „Hinrichtung“ zu berichten. Wie schon gesagt, es beginnt mit einer Überzeichnung, denn nicht nur ist der Schauplatz der hässlichste und größte Saal der Stadt, sondern er ist eigentlich noch viel mehr, nämlich gleichsam das Innere von etwas Totem, eines ausgedörrten Riesenfisches, wozu auch die meterlangen schlaffen Vorhänge passen, die wie „Leichentücher vor den mächtigen Fenstern“ hängen. Nur wenige Zeilen benötigt Botsky, um so den Eindruck des Morbiden zu erzeugen, des Gewesenen, und auch das sich langsam sammelnde Publikum scheint sofort im Bann dieser Stimmung zu sein und ihr, sie selbst weiter ausbildend, anzugehören. Die Seltsamkeit, dass das Publikum, später das „Grauvolk“ genannt, „mit dunklen Handschuhen an den Händen“, so als wolle sich niemand die Hände schmutzig machen, Platz nimmt und in tückischem Schweigen verharrt, ist eine weitere Überzeichnung, und als dann die handschuhlose elegante Truppe laut und anmaßend und erst kurz vor Beginn in den Saal kommt, ist dies nicht nur als ein Gegensatz zum gleichsam normalen Kleinstadtpublikum zu erkennen, sondern eine letzte Bestätigung dafür, dass sich von Anfang an all das hier Gegebene in einem Gegensatzverhältnis befindet, nicht zuletzt auch der hässliche Saal zur schönen Landschaft der Bühne, selbst wenn diese nur gemalt ist.

Katarina Botsky ist gleichsam sowohl Teil des Geschehens als auch zugleich distanzierte Chronistin dieses Abends, sie changiert zwischen den Möglichkeiten, je nachdem, ob sie nur die Handlung des banalen Stückes referiert oder ob sie das eigentliche Geschehen beleuchtet. Sie bedient sich dabei weder einer ihrer Personen, um das Vorgehende zu bewerten, noch überlässt sie es allein dem Leser, sondern bewertet und urteilt deutlich federführend selbst. Über das aufzuführende Stück des kurzsichtigen Gymnasialprofessors bemerkt sie in Klammern, es sei ein „(langes Geschwätz in einem Akt, durch Lektüre erzeugt)“, wodurch nicht nur die auch heutigentags noch vorherrschende Meinung, Lehrer sollten sich des Schreibens von Literatur besser enthalten, zum tragen kommt, sondern auch ihre Ablehnung des Weltfremden und Vergangenen, wie es in der klassischen Literatur ihrer Ansicht nach zu finden ist. Der Herausgeber Martin A. Völker weist im Nachwort, wie in der Rezension zur Novelle G bereits erwähnt, ja darauf hin, dass sich Botsky „von dem oberflächlichen bürgerlichen Unterhaltungsbedürfnis ebenso abgrenzt wie von dem ästhetisch amalgamierten Humanismus in der Nachfolge Goethes und Schillers“. Eben diese quasi aus der Vergangenheit exhumierte „Gewesenheit“ ist es nun aber, die nicht nur, das betont sie ja bereits im ersten Absatz, aus dem Saal spricht, sondern sie attestiert sie auch der „Löwin aus Berlin“, denn ihr Gesicht habe, so heißt es, eine „unverkennbare Ähnlichkeit mit dem des Saals; es sprach ebenso deutlich von Gewesenheit“. Kaum hat das Stück also begonnen, ist die Maniriertheit durch das Wort der Autorin bereits aufgebrochen – noch aber bleibt dem Publikum der Blick ins intime Geschehen hinein, wie beim naturalistischen Theater durch die sogenannte vierte Wand, verwehrt, wenn auch von nun an die Dinge ihren Lauf nehmen …

Katarina Botsky hat mit der Novelle Die Hinrichtung eine sehr gelungene und lesenswerte kleine Erzählung geschaffen, die an der Schnittstelle, ja Bruchstelle angesiedelt ist, die sich zwischen der untergehenden überschaubaren, auf festen Werten fußenden, alten bürgerlich-klassischen Welt und ihren Normen und derjenigen auftut, in der der Mensch angesichts von Industrialisierung und zunehmender Urbanisierung mit sich und den menschenverachtenden Umständen der Moderne zu kämpfen hat.

(Sie finden alle Rezensionen hier!)

Katarina Botsky: In den Finsternissen. Novellen.

Herausgegeben von Martin A. Völker.

Elsinor Verlag 2012. 108 Seiten. ISBN-10: 3942788071

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Rezension: Katarina Botsky „In den Finsternissen“ (I) / Die Novelle „G“

Die Königsberger Schriftstellerin Katarina Botsky (1880 bis 1945) ist heute nahezu unbekannt, ihre Schriften sind selbst antiquarisch kaum noch zu bekommen. Umso wichtiger ist es, dass nun einige ihrer Novellen, zuerst gedruckt im Simplicissimus, und zwei sie (als Pro- und Epilog) einrahmende Gedichte neu unter dem Titel In den Finsternissen im Elsinor Verlag erschienen sind, herausgegeben von Martin A. Völker. Im Nachwort stellt der Herausgeber die Novellen Botskys in den jeweiligen kulturhistorischen Zusammenhang; die Spanne reicht dabei vom Ende des Kaiserreichs und der Zeit des Ersten Weltkriegs über die Weimarer Republik bis hin zu den ersten Jahren des sogenannten Dritten Reiches.

Botsky schildert in ihren Novellen sehr eindringlich und, das sei hier bereits vorweggenommen, auf hohem literarischen Niveau, wie entschieden die Zeitumstände das Leben des einzelnen, schwachen, am Rande der Gesellschaft lebenden Menschen prägen und beeinflussen. Die Novellen, erschienen im Zeitraum von 1912 bis 1935, tauchen tief ein in das elende Dasein geschundener Gestalten, die kaum mehr besitzen als einen Hoffnungsschimmer auf ein vielleicht doch noch besseres Leben, auf ein (Über-)Leben in Würde, ohne Fremdbestimmung, Angst, Gewalt und Demütigung.

Katarina Botsky stammt, so berichtet es der Herausgeber Martin A. Völker im Nachwort, aus einer Königsberger Kaufmannsfamilie, die dort eine Flachs-, Hanf- und Getreidehandlung betreibt. Schon in einer ihrer ersten Buchveröffentlichungen, dem Roman Der Trinker von 1911, wendet sich Botsky den Schattenseiten des Daseins zu. Völker vermutet hier einen autobiografischen Hintergrund, ist doch in ihrem ersten Werk, dem tagebuchartigen Vor den Gittern des Lebens (1905), von einem von Krankheit gezeichneten Bruder die Rede. Viel mehr als diese Hinweise auf schwierige und bedrückende Lebensumstände ist allerdings über Katarina Botsky nicht bekannt, allein eine Selbstdarstellung, die sie den in einer Anthologie erschienenen Gedichten beigibt, gibt Auskunft beispielsweise über ihren ursprünglichen Berufswunsch, sie wollte zunächst Schauspielerin werden, und ihre Hinwendung zu einer modernen Literatur, die sich, so Völker, „von dem oberflächlichen bürgerlichen Unterhaltungsbedürfnis ebenso abgrenzt wie von dem ästhetisch amalgamierten Humanismus in der Nachfolge Goethes und Schillers“.

Botsky will also dezidiert zeitgemäß schreiben und greift infolgedessen die Themen ihrer Zeit auf, jedoch nicht distanziert und abgeklärt, sondern mit einem gewissen expressionistischen Furor, der wissend und nachfühlend tief hineinfährt in die armen, vom Leben deformierten Seelen. Gleich in der ersten Novelle des Bandes, G, veröffentlicht 1912, spannt Botsky den Himmel „wie ein totes, bleiernes Meer, das nur hier und da kleine graue Wellen aufwarf“, über die Dächer, und das ist dann die Szenerie, in der eine einsame, verhärmte Frau in ihrer Wohnung unter dem Dach (vor hundert Jahren wohnten die Armen oben und die Reichen unten) wartet, so wie sie als junger Mensch wartete auf denjenigen, der sie retten würde; sie hatte sogar mal eine Novelle geschrieben, in dem ein Graf vorkommt, der liebeglühend ihr zu Füßen lag. Nun aber ist sie alt geworden und wartet, „ohne etwas erwarten zu dürfen“. Von ihrer einzigen Freundin wird sie nur noch „G“ genannnt, und bereits hier ahnt der Leser, dass es Botsky selbst sein muss, die ihre einzige, wenngleich ihr unbekannte Freundin ist, heißt es doch im Text, „ich nenne sie G, weil sie sich einbildete, keinen Vornamen mehr zu besitzen“.

Kaum jemand beachtet jemals G, nur ein seltsames Augenpaar sieht sie täglich auf ihrem Heimweg von der Arbeit aus einem Fenster heraus an, worauf sie jedes Mal schnell fortzukommen versucht, was aber eine plötzliche, seltsame Lähmung ihres linken Fußes erschwert. Geht sie hinaus, um beim Apotheker, der sie herablassend bedient, ihre Herztropfen zu bestellen, so nimmt allein ein verrückter Schuster Notiz von ihr, dem sie, da wieder ihr linker Fuß seinen Dienst nicht tut, nicht entfliehen kann. „Glück zieht Glück“, so kommentiert Botsky dies, „Schönheit zieht Schönheit an, und Jammer und Häßlichkeit gesellt sich zu Jammer und Häßlichkeit“. Einmal aber sieht sie, als sie doch vom Schuster fortkommt, schöne Blumen hinter einem Gitter und greift nach ihnen, doch diese weichen, schön wie sie sind, zurück. Sie eilt erschöpft in ihre Wohnung, und sie weiß nicht recht, was mit ihr vor sich geht, ob all diese Geschehnisse etwas zu bedeuten haben, doch immerhin, das macht ihr ein wenig Hoffnung, hat sie ja seit Wochen das Gefühl, etwas komme näher und näher, wie ein ferner Reiter, und das, glaubte sie meistens, müsse wohl „das lange ersehnte Glück sein, das, was sie jetzt herannahen fühlte; aber manchmal – – aber manchmal …“

Die Novelle G, von deren Handlung ich mit Rücksicht auf das Lesevergnügen nicht zu viel verraten will, ist klassisch als Novelle aufgebaut, durchaus aber, wie bereits angedeutet, keinem Ideal verpflichtet, es sein denn, man sähe die schonungslose Beschreibung des Nichtbürgerlichen und des Außenseitertums als ein solches an. Zeitlich und auch inhaltlich kann man diesen Text dem Beginn des Expressionismus in Deutschland zuordnen, für den eben dieses Außenseitertum eines der Hauptthemen bedeutet. Als Leser gerät man mit hinein in die Katastrophe eines misslingenden Lebens, gewahr einer vielleicht letzten Wendung, die unabänderlich kommen muss, ist ein Mensch zu schwach, sich gegen die Kräfte einer gottlosen Welt zu wehren. Und G ist schwach, denn, so heißt es im Text eindeutig, sie verdanke ihren Eltern nichts weiter „als das bißchen erbärmliche Vorhandensein“. Ihr einziges kleines Glück scheint, von außen betrachtet, darin zu liegen, sich der ganzen Tragik ihrer Verhältnisse nicht klar bewußt zu sein, „denn ihr Denken ging gewissermaßen noch immer in Kinderschuhen“.

Was ist neu an dieser Geschichte? G wartet, so also hebt die Novelle an, ohne auf etwas warten zu dürfen. Unruhig verlässt sie ihre Wohnung, sie muss ihre Herztropfen in der Apotheke bestellen, und da ist ja auch noch diese Ahnung, diese Erwartung, diese Hoffnung auf Glück, auf Erlösung, auf was auch immer, das nun endlich kommen mag. Warum also, denn hier läge die gewöhnliche Erwartung eines Lesers, zumindest noch im Jahr 1912, geht diese arme, kranke und einsame Frau nicht in die Kirche, warum betet sie nicht und sucht Trost bei Gott? Wäre nicht die Erwartung der meisten Leser in eben diese Richtung gegangen? Katarina Botsky weiß dem von Anfang an zu begegnen, denn schon ganz zu Beginn heißt es bereits, „der Abend zog in die Stadt, und die katholischen Glocken klingelten. Sie klingelten fast den ganzen Tag“, womit wohl angedeutet sein soll, daß sie nicht läuten, nicht rufen, den Menschen nicht zu Bewusstsein kommen, ihrer Kläglichkeit wegen. So weist auch im weiteren Verlauf der Erzählung kein Wort mehr auf Gott hin, auf den Trost, den der Glaube womöglich zu geben vermag.

Martin A. Völker hat den Novellen Botskys Gedicht Die Verkündigung, veröffentlicht 1926, als Prolog vorangestellt, wo es zu Beginn heißt: „Klagend hörte ich im Traum,/ im Weltenraum,/ die Engel singen:/ ‚Er ist gestorben – Gott!’/ (…)“. Dieses Gedicht und auch die Novellen sieht Völker als eine Reaktion auf Friedrich Nietzsches Wort vom Tode Gottes, gleichsam Folge des Phänomens der Abnabelung des Menschen von überirdischen Mächten durch Vernunft und Verstand. Ob man nun diesem Gedanken folgen will oder nicht, eines ist in jedem Fall deutlich, dass nämlich Trost und Hilfe, denn dies stellt Katarina Botsky eindringlich dar, kein Mensch mehr erwarten darf, der sich selbst nicht zu helfen vermag – der Himmel ist verschlossen, der einzelne Mensch auf sich allein gestellt und ohne Trost.

(Sie finden alle Rezensionen hier!)

Katarina Botsky: In den Finsternissen. Novellen.

Herausgegeben von Martin A. Völker.

Elsinor Verlag 2012. 108 Seiten. ISBN-10: 3942788071

 

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