Zeit zum Lesen

Selten hatte ich Zeiten ohne Tageszeitung, nun werde ich mich bis auf weiteres daran gewöhnen müssen. Ohne die völlig überteuerte Krankenkasse, dem nun immensen GEZ-Beitrag, den hohen Berliner Wasserpreisen und überhaupt der ganzen, nur kleinen Kreisen zugute kommenden Preissteigerung würde ich mir aber natürlich weiterhin eine Zeitung gönnen, wahrscheinlich die Süddeutsche, trotz ihres mäßigen Kulturteils und schlechten Sportteils. Naja, ist ja kein Weltuntergang. So lese ich also (früh-)morgens als erstes den Roman, den ich grad in der Mangel habe, zur Zeit Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften, ohne Zweifel eines der herausragendsten Werke der deutschsprachigen Literatur. Als ich das Werk vor zwanzig Jahren zum ersten Mal las, las ich schon allein meines noch jugendlichen Alters wegen das Werk anders, doch auch schon damals natürlich nicht zur reinen Unterhaltung, sondern im Rahmen meines Soseins als künstlerisch tätiger Mensch, der sich diese Zeit des Lesens immer sofort nehmen muß, allein deswegen, weil ihm aufgrund einer himmelschreienden Ungerechtigkeit im deutschen Rentensystem ja ohnehin keine Ruhestandsrente mit Zeit zum Lesen zuteil werden wird, wie ich damals schon wußte, denn die Bescheidenen, die nur das verdienen, was sie zum Leben benötigen, werden krass benachteiligt gegenüber den Gierigen, den Zusammenraffenden, die nicht genug verdienen bzw. bekommen können, um in überflüssigem Luxus zu schwelgen. Aber was rege ich mich auf, erstens übertreibe ich natürlich glossengemäß ein klein wenig, und zweitens soll doch jeder nach seiner eigenen Façon glücklich werden, was übrigens Friedrich der Große zwar mal so formulierte, dann aber als Aktennotiz verstaubte und somit nicht seinen Mitmenschen und Untertanen übermittelt wurde, so daß diese leider nichts wußten von ihrer Freiheit. Wer weiß, was da in den Akten des ein oder anderen Regimes noch so schlummert an freiheitlichem Gedankengut – was aber natürlich nichts daran ändert, daß man sich die Freiheit ohnehin nehmen muß, nicht nur die des Lesens.

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Rezension: Katarina Botsky “In den Finsternissen” (III) / Die Novelle „Das Krachen über alle Maßen“

Katarina Botskys Novelle Das Krachen über alle Maßen erschien am 20. März 1917 in der Zeitschrift Simplicissimus. Es herrscht zu diesem Zeitpunkt seit fast drei Jahren Krieg, die Menschen litten unter der das ganze deutsche Reich betreffenden Hungersnot, die als „Steckrübenwinter“ in die Geschichtsschreibung einging, obwohl sie noch weit in das Jahr 1917 hineinreichte. Die Geschichte, die Botsky erzählt, scheint mit diesem Krieg aber zunächst nichts weiter zu tun zu haben. Es geht um den kleinen Johannes, ein etwas ängstliches Kind, das aus lauter Angst lauschend im Bett liegt und nicht schlafen kann, wann immer der Sturm durch die Straßen läuft. Er befürchtet dann, das Pfeifen und Heulen könne plötzlich zu einem Geräusch über alle Maßen anschwellen, zu einem „Weltuntergangskrachen“, wie der Großvater, der es liebte, zu prophezeien, immer sagte. Doch des Morgens nach solch einem Sturm ist seine Welt immer noch heile, er hört die vertrauten Geräusche, das Holzpantoffelklappern der zur Schule gehenden Waisenkinder und die Fischfrau, die gellend „Ei Broatfösch, ei Botterfisch, ei Broatfösch!“ ruft. Nach der Schule darf er manchmal mit, wenn Lena und die anderen Kinder auf die Wiesen hinauslaufen, um über die im Frühjahr und Herbst mit Wasser gefüllten Gräben zu springen. Außer Lena gibt es da noch Nelly, die krank ist und in einem geheimnisvollen Haus wohnt und die Johannes aus dem Fenster der Schule heraus, während der dicke Religionslehrer den Kindern von Martin Luther erzählt, beobachtet. Manchmal sieht sie gleichgültig zur Schule hinüber, und dieses Bild bleibt ihm auch noch im Gedächtnis, als Nelly längst schon gestorben war.

Dann, Jahre später, ist Krieg. Johannes, inzwischen Buchbinder geworden, hatte ganz naiv gedacht, so etwas gäbe es nicht mehr, doch nun sieht er bestürzt „die Soldaten zum Tore ziehen, um – um zu töten“. Er will nicht Soldat werden, er hat Angst, die „Riesenhand“ des Staates, der „Macht über Leben und Tod jedes einzelnen“ hat, würde sich ihm auf die Schulter legen und sagen: „Du kommst auch mit“. Eines Tages ist es soweit, er wird eingezogen und zum Soldaten ausgebildet. Seinen alten Eltern sagt er an dem Tage, als er auszurücken hat, nun sei er nur noch eine Nummer, die auf einer Blechmarke steht. Der alte Vater betet still: „Laß diesen nicht umkommen, Gott! Laß Nummer 3524 nicht umkommen, O – Gott!!“, so als sei das Leben und auch der Krieg eine bitterböse Lotterie. Die Dinge nehmen nun ihren Lauf …

Katarina Botsky hat mit Das Krachen über alle Maßen eine meisterhafte Novelle geschrieben, die den Leser tief ergreift und mitnimmt in die Welt eines Menschen, dessen Geschichte in einem kleinen Haus beginnt und die gewissermaßen auch dort endet. Vom ängstlich von Johann herbeiphantasierten maßlosen Krachen schlägt sie den Bogen über den Soldaten mit der Nummer 3524 in seinem Schützengraben, der inmitten des tatsächlichen Höllenlärms sich nun als Schönstes die Stille vorzustellen vermag, ein „wenig Trost bei der krachenden Todesmusik der Geschütze“, auch wenn die „Angst seiner Kindheit vor einem Weltuntergangskrachen“ in seinem Innern aufgewacht war, bis hin zu der tatsächlichen Stille, die die alten Eltern umgibt, die wie kleine, erstarrte Marionetten in ihrer Stube stehen und unheilahnend auf die Rückkehr ihres Sohnes hoffen.

Höllenlärm und Stille, das Hoffen des Einzelnen und die Macht des Staates, Fülle und Leere, Wirklichkeit und Traum, dies alles verwebt Botsky in die Geschichte eines einfachen Menschen, der wie alle Menschen leben will und seine kleinen Hoffnungen und Wünsche hat. Sie nimmt dabei kein Blatt vor den Mund, sie spricht aus, was der Staat schlimmstenfalls ist, nicht Schutz der Menschen, sondern im Gegenteil die Riesenhand, die den Einzelnen zu einer Nummer werden lässt und ihn in die Hölle führt und dem Tode preisgibt, und sie spricht deutlich aus, dass der Soldat zu Felde zieht, um zu töten. Rettung scheint nicht denkbar, in keiner Zeile, und auch nicht zwischen den Zeilen, findet sich ein Ausweg, denn auch in dieser Novelle kommt etwa die Religion zwar am Rande vor (wie auch in der Novelle G), doch weder spielt der dicke Religionslehrer mit seinem Martin Luther eine Rolle noch kann das verzweifelte Gebet des Vaters, der Gott um die Schonung der „Nummer 3524″ bittet, eine Wirkung haben. Auch in ihrem Gedicht Die Verkündigung, das der Herausgeber Martin A. Völker dem Band als Prolog voranstellt, erkennt Botsky Gott als tot, so dass auch die Gebete kein Ziel mehr finden können. Es heißt dort: „Immer fliegen noch Gebete himmelan. / O wie traurig dieser Flug ins Leere! / Ihr wißt ja nicht –! Laßt ab!“ Bedenkt man, dass seit je her alle Kriegsparteien den Segen Gottes (und zuzeiten auch den der Kirche) für sich beanspruchen, so ist dieser Ansicht womöglich nicht viel entgegenzuhalten.

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Katarina Botsky: In den Finsternissen. Novellen.

Herausgegeben von Martin A. Völker.

Elsinor Verlag 2012. 108 Seiten. ISBN-10: 3942788071

 

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Rezension: Katarina Botsky “In den Finsternissen” (II) / Die Novelle “Die Hinrichtung”

Die zweite Novelle des Bandes beginnt mit einer Überzeichnung: „Wie häßlich war dieser Saal! Es war der häßlichste, den die Stadt besaß; aber auch der größte. Eigentlich glich er dem leeren grauen Bauch eines alten ausgedörrten toten Riesenfisches.“ Der größte Saal einer Kleinstadt ist zudem, so erfährt man weiter, staubig und schlecht beleuchtet durch altmodische Gaskronleuchter, ja sogar das himmlische Deckengemälde wirkt nur noch stumpf und hat etwas Tragisches, wie überhaupt der ganze Saal – alles an ihm spricht von „Gewesenheit“.

So die Exposition, die Katarina Botsky dem Leser darbietet – eingedenk des Titels scheint der Schauplatz ein Saal zu sein, den man, wegen der Wichtigkeit eines Prozesses, zum Gerichtssaal umfunktionierte. Doch weit gefehlt, es geht um eine Darbietung auf der Bühne, vor der noch der Vorhang herunter ist, während nach und nach das Publikum Platz nimmt, mit dunklen Handschuhen an den Händen; nur eine elegante, laute und anmaßende kleine Gesellschaft ist ohne Handschuhe. Das Publikum wartet, tückisch schweigend und steif wie ein „Pinguinenvolk“. In der weiblichen Hauptrolle einer Geisha wird eine reiche, „sehr vornehm tuende Dame“ zu sehen sein, die vor Jahren aus der Hauptstadt in die Kleinstadt kam und ihrer rotgefärbten Haare wegen „die Löwin aus Berlin“ genannt wird. Der Vorhang geht auf, die Szenerie einer Frühlingslandschaft, das Gegenteil des tristen Saals, wird sichtbar, das Publikum macht Ah!, und dann beginnt das Stück eines stadtbekannten Gymnasialprofessors, ein japanisches Drama …

Auch von dieser Novelle will ich nicht zu viel an Handlung verraten und deswegen ein wenig auf die Mittel eingehen, derer sich Katarina Botsky bedient, um von der „Hinrichtung“ zu berichten. Wie schon gesagt, es beginnt mit einer Überzeichnung, denn nicht nur ist der Schauplatz der hässlichste und größte Saal der Stadt, sondern er ist eigentlich noch viel mehr, nämlich gleichsam das Innere von etwas Totem, eines ausgedörrten Riesenfisches, wozu auch die meterlangen schlaffen Vorhänge passen, die wie „Leichentücher vor den mächtigen Fenstern“ hängen. Nur wenige Zeilen benötigt Botsky, um so den Eindruck des Morbiden zu erzeugen, des Gewesenen, und auch das sich langsam sammelnde Publikum scheint sofort im Bann dieser Stimmung zu sein und ihr, sie selbst weiter ausbildend, anzugehören. Die Seltsamkeit, dass das Publikum, später das „Grauvolk“ genannt, „mit dunklen Handschuhen an den Händen“, so als wolle sich niemand die Hände schmutzig machen, Platz nimmt und in tückischem Schweigen verharrt, ist eine weitere Überzeichnung, und als dann die handschuhlose elegante Truppe laut und anmaßend und erst kurz vor Beginn in den Saal kommt, ist dies nicht nur als ein Gegensatz zum gleichsam normalen Kleinstadtpublikum zu erkennen, sondern eine letzte Bestätigung dafür, dass sich von Anfang an all das hier Gegebene in einem Gegensatzverhältnis befindet, nicht zuletzt auch der hässliche Saal zur schönen Landschaft der Bühne, selbst wenn diese nur gemalt ist.

Katarina Botsky ist gleichsam sowohl Teil des Geschehens als auch zugleich distanzierte Chronistin dieses Abends, sie changiert zwischen den Möglichkeiten, je nachdem, ob sie nur die Handlung des banalen Stückes referiert oder ob sie das eigentliche Geschehen beleuchtet. Sie bedient sich dabei weder einer ihrer Personen, um das Vorgehende zu bewerten, noch überlässt sie es allein dem Leser, sondern bewertet und urteilt deutlich federführend selbst. Über das aufzuführende Stück des kurzsichtigen Gymnasialprofessors bemerkt sie in Klammern, es sei ein „(langes Geschwätz in einem Akt, durch Lektüre erzeugt)“, wodurch nicht nur die auch heutigentags noch vorherrschende Meinung, Lehrer sollten sich des Schreibens von Literatur besser enthalten, zum tragen kommt, sondern auch ihre Ablehnung des Weltfremden und Vergangenen, wie es in der klassischen Literatur ihrer Ansicht nach zu finden ist. Der Herausgeber Martin A. Völker weist im Nachwort, wie in der Rezension zur Novelle G bereits erwähnt, ja darauf hin, dass sich Botsky „von dem oberflächlichen bürgerlichen Unterhaltungsbedürfnis ebenso abgrenzt wie von dem ästhetisch amalgamierten Humanismus in der Nachfolge Goethes und Schillers“. Eben diese quasi aus der Vergangenheit exhumierte „Gewesenheit“ ist es nun aber, die nicht nur, das betont sie ja bereits im ersten Absatz, aus dem Saal spricht, sondern sie attestiert sie auch der „Löwin aus Berlin“, denn ihr Gesicht habe, so heißt es, eine „unverkennbare Ähnlichkeit mit dem des Saals; es sprach ebenso deutlich von Gewesenheit“. Kaum hat das Stück also begonnen, ist die Maniriertheit durch das Wort der Autorin bereits aufgebrochen – noch aber bleibt dem Publikum der Blick ins intime Geschehen hinein, wie beim naturalistischen Theater durch die sogenannte vierte Wand, verwehrt, wenn auch von nun an die Dinge ihren Lauf nehmen …

Katarina Botsky hat mit der Novelle Die Hinrichtung eine sehr gelungene und lesenswerte kleine Erzählung geschaffen, die an der Schnittstelle, ja Bruchstelle angesiedelt ist, die sich zwischen der untergehenden überschaubaren, auf festen Werten fußenden, alten bürgerlich-klassischen Welt und ihren Normen und derjenigen auftut, in der der Mensch angesichts von Industrialisierung und zunehmender Urbanisierung mit sich und den menschenverachtenden Umständen der Moderne zu kämpfen hat.

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Katarina Botsky: In den Finsternissen. Novellen.

Herausgegeben von Martin A. Völker.

Elsinor Verlag 2012. 108 Seiten. ISBN-10: 3942788071

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Rezension: Katarina Botsky „In den Finsternissen“ (I) / Die Novelle „G“

Die Königsberger Schriftstellerin Katarina Botsky (1880 bis 1945) ist heute nahezu unbekannt, ihre Schriften sind selbst antiquarisch kaum noch zu bekommen. Umso wichtiger ist es, dass nun einige ihrer Novellen, zuerst gedruckt im Simplicissimus, und zwei sie (als Pro- und Epilog) einrahmende Gedichte neu unter dem Titel In den Finsternissen im Elsinor Verlag erschienen sind, herausgegeben von Martin A. Völker. Im Nachwort stellt der Herausgeber die Novellen Botskys in den jeweiligen kulturhistorischen Zusammenhang; die Spanne reicht dabei vom Ende des Kaiserreichs und der Zeit des Ersten Weltkriegs über die Weimarer Republik bis hin zu den ersten Jahren des sogenannten Dritten Reiches.

Botsky schildert in ihren Novellen sehr eindringlich und, das sei hier bereits vorweggenommen, auf hohem literarischen Niveau, wie entschieden die Zeitumstände das Leben des einzelnen, schwachen, am Rande der Gesellschaft lebenden Menschen prägen und beeinflussen. Die Novellen, erschienen im Zeitraum von 1912 bis 1935, tauchen tief ein in das elende Dasein geschundener Gestalten, die kaum mehr besitzen als einen Hoffnungsschimmer auf ein vielleicht doch noch besseres Leben, auf ein (Über-)Leben in Würde, ohne Fremdbestimmung, Angst, Gewalt und Demütigung.

Katarina Botsky stammt, so berichtet es der Herausgeber Martin A. Völker im Nachwort, aus einer Königsberger Kaufmannsfamilie, die dort eine Flachs-, Hanf- und Getreidehandlung betreibt. Schon in einer ihrer ersten Buchveröffentlichungen, dem Roman Der Trinker von 1911, wendet sich Botsky den Schattenseiten des Daseins zu. Völker vermutet hier einen autobiografischen Hintergrund, ist doch in ihrem ersten Werk, dem tagebuchartigen Vor den Gittern des Lebens (1905), von einem von Krankheit gezeichneten Bruder die Rede. Viel mehr als diese Hinweise auf schwierige und bedrückende Lebensumstände ist allerdings über Katarina Botsky nicht bekannt, allein eine Selbstdarstellung, die sie den in einer Anthologie erschienenen Gedichten beigibt, gibt Auskunft beispielsweise über ihren ursprünglichen Berufswunsch, sie wollte zunächst Schauspielerin werden, und ihre Hinwendung zu einer modernen Literatur, die sich, so Völker, „von dem oberflächlichen bürgerlichen Unterhaltungsbedürfnis ebenso abgrenzt wie von dem ästhetisch amalgamierten Humanismus in der Nachfolge Goethes und Schillers“.

Botsky will also dezidiert zeitgemäß schreiben und greift infolgedessen die Themen ihrer Zeit auf, jedoch nicht distanziert und abgeklärt, sondern mit einem gewissen expressionistischen Furor, der wissend und nachfühlend tief hineinfährt in die armen, vom Leben deformierten Seelen. Gleich in der ersten Novelle des Bandes, G, veröffentlicht 1912, spannt Botsky den Himmel „wie ein totes, bleiernes Meer, das nur hier und da kleine graue Wellen aufwarf“, über die Dächer, und das ist dann die Szenerie, in der eine einsame, verhärmte Frau in ihrer Wohnung unter dem Dach (vor hundert Jahren wohnten die Armen oben und die Reichen unten) wartet, so wie sie als junger Mensch wartete auf denjenigen, der sie retten würde; sie hatte sogar mal eine Novelle geschrieben, in dem ein Graf vorkommt, der liebeglühend ihr zu Füßen lag. Nun aber ist sie alt geworden und wartet, „ohne etwas erwarten zu dürfen“. Von ihrer einzigen Freundin wird sie nur noch „G“ genannnt, und bereits hier ahnt der Leser, dass es Botsky selbst sein muss, die ihre einzige, wenngleich ihr unbekannte Freundin ist, heißt es doch im Text, „ich nenne sie G, weil sie sich einbildete, keinen Vornamen mehr zu besitzen“.

Kaum jemand beachtet jemals G, nur ein seltsames Augenpaar sieht sie täglich auf ihrem Heimweg von der Arbeit aus einem Fenster heraus an, worauf sie jedes Mal schnell fortzukommen versucht, was aber eine plötzliche, seltsame Lähmung ihres linken Fußes erschwert. Geht sie hinaus, um beim Apotheker, der sie herablassend bedient, ihre Herztropfen zu bestellen, so nimmt allein ein verrückter Schuster Notiz von ihr, dem sie, da wieder ihr linker Fuß seinen Dienst nicht tut, nicht entfliehen kann. „Glück zieht Glück“, so kommentiert Botsky dies, „Schönheit zieht Schönheit an, und Jammer und Häßlichkeit gesellt sich zu Jammer und Häßlichkeit“. Einmal aber sieht sie, als sie doch vom Schuster fortkommt, schöne Blumen hinter einem Gitter und greift nach ihnen, doch diese weichen, schön wie sie sind, zurück. Sie eilt erschöpft in ihre Wohnung, und sie weiß nicht recht, was mit ihr vor sich geht, ob all diese Geschehnisse etwas zu bedeuten haben, doch immerhin, das macht ihr ein wenig Hoffnung, hat sie ja seit Wochen das Gefühl, etwas komme näher und näher, wie ein ferner Reiter, und das, glaubte sie meistens, müsse wohl „das lange ersehnte Glück sein, das, was sie jetzt herannahen fühlte; aber manchmal – – aber manchmal …“

Die Novelle G, von deren Handlung ich mit Rücksicht auf das Lesevergnügen nicht zu viel verraten will, ist klassisch als Novelle aufgebaut, durchaus aber, wie bereits angedeutet, keinem Ideal verpflichtet, es sein denn, man sähe die schonungslose Beschreibung des Nichtbürgerlichen und des Außenseitertums als ein solches an. Zeitlich und auch inhaltlich kann man diesen Text dem Beginn des Expressionismus in Deutschland zuordnen, für den eben dieses Außenseitertum eines der Hauptthemen bedeutet. Als Leser gerät man mit hinein in die Katastrophe eines misslingenden Lebens, gewahr einer vielleicht letzten Wendung, die unabänderlich kommen muss, ist ein Mensch zu schwach, sich gegen die Kräfte einer gottlosen Welt zu wehren. Und G ist schwach, denn, so heißt es im Text eindeutig, sie verdanke ihren Eltern nichts weiter „als das bißchen erbärmliche Vorhandensein“. Ihr einziges kleines Glück scheint, von außen betrachtet, darin zu liegen, sich der ganzen Tragik ihrer Verhältnisse nicht klar bewußt zu sein, „denn ihr Denken ging gewissermaßen noch immer in Kinderschuhen“.

Was ist neu an dieser Geschichte? G wartet, so also hebt die Novelle an, ohne auf etwas warten zu dürfen. Unruhig verlässt sie ihre Wohnung, sie muss ihre Herztropfen in der Apotheke bestellen, und da ist ja auch noch diese Ahnung, diese Erwartung, diese Hoffnung auf Glück, auf Erlösung, auf was auch immer, das nun endlich kommen mag. Warum also, denn hier läge die gewöhnliche Erwartung eines Lesers, zumindest noch im Jahr 1912, geht diese arme, kranke und einsame Frau nicht in die Kirche, warum betet sie nicht und sucht Trost bei Gott? Wäre nicht die Erwartung der meisten Leser in eben diese Richtung gegangen? Katarina Botsky weiß dem von Anfang an zu begegnen, denn schon ganz zu Beginn heißt es bereits, „der Abend zog in die Stadt, und die katholischen Glocken klingelten. Sie klingelten fast den ganzen Tag“, womit wohl angedeutet sein soll, daß sie nicht läuten, nicht rufen, den Menschen nicht zu Bewusstsein kommen, ihrer Kläglichkeit wegen. So weist auch im weiteren Verlauf der Erzählung kein Wort mehr auf Gott hin, auf den Trost, den der Glaube womöglich zu geben vermag.

Martin A. Völker hat den Novellen Botskys Gedicht Die Verkündigung, veröffentlicht 1926, als Prolog vorangestellt, wo es zu Beginn heißt: „Klagend hörte ich im Traum,/ im Weltenraum,/ die Engel singen:/ ‚Er ist gestorben – Gott!’/ (…)“. Dieses Gedicht und auch die Novellen sieht Völker als eine Reaktion auf Friedrich Nietzsches Wort vom Tode Gottes, gleichsam Folge des Phänomens der Abnabelung des Menschen von überirdischen Mächten durch Vernunft und Verstand. Ob man nun diesem Gedanken folgen will oder nicht, eines ist in jedem Fall deutlich, dass nämlich Trost und Hilfe, denn dies stellt Katarina Botsky eindringlich dar, kein Mensch mehr erwarten darf, der sich selbst nicht zu helfen vermag – der Himmel ist verschlossen, der einzelne Mensch auf sich allein gestellt und ohne Trost.

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Katarina Botsky: In den Finsternissen. Novellen.

Herausgegeben von Martin A. Völker.

Elsinor Verlag 2012. 108 Seiten. ISBN-10: 3942788071

 

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Die „Aufgabe der Aufgabe“ als Vielfachsinn

Wenn man einmal über das Wort Aufgabe nachsinnt, so springt einen der Doppelsinn geradezu an! Etwa ist die Bemerkung, es ginge um die „Aufgabe der Aufgabe“ in jedem Fall nicht eindeutig und bedarf eines vollkommen eindeutigen Kontextes, um klar verständlich zu sein, denn genau genommen kann es sich ohne diesen darum handeln, daß eine geplante Handlung aufgegeben wird und auch darum, daß eine aufgegebene Handlung wieder aufgenommen wird oder darum, daß es eine Aufgabe ist, etwas aufzugeben oder darum, daß es sich um die Aufgabe gleichsam aller Aufgaben, sich somit um die herausragende Aufgabe überhaupt handelt oder – ach wissen Sie was, das ist mir zu schwierig, ich geb’s auf, denn so etwas ist doch eher Aufgabe der Sprachwissenschaftler als diejenige eines armes Schreibers, der weißgott besseres zu tun hat, als sich mit dem Aufgeben von Aufgaben zu beschäftigen!

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Ein grausiges Beispiel für die Freigeisterei

Eines der wenigen Dinge, die man nicht kaufen muß, ist Leistungsdruck. Ganz im Gegenteil, man wird gemeinhin sogar dafür bezahlt, daß man sich ihm aussetzt, vorausgesetzt natürlich, er kommt von außen. Selbstgemachter Leistungsdruck ist dagegen zunächst rein selbstbezüglich und muß der Welt nicht nur vermittelt, sondern auch noch, umgewandelt in ein Produkt oder eine Dienstleistung, verkauft werden. Das ist schwer, man braucht dafür Geduld und Ausdauer und Glück und Unterstützung und eine Portion Wahnsinn und gute Freunde und überhaupt viel mehr, als man benötigte, ließe man sich den Druck vernünftigerweise von außen liefern und entspräche ihm entsprechend, was nicht leicht, immerhin aber regelkonform ist. Die ganz und gar nichtregelkonformen Gestalten dieser Welt sind von eben diesen immerhin mannigfach in die Welt eingeschrieben worden, man denke nur an James Joyce‘ Alter ego Stephen Dedalus, der dem Engländer Haines, mit dem er im ersten Ulysses-Kapitel, zusammen mit Buck Mulligan, irisch-englisch gefrühstückt hatte (zum Thema Frühstück siehe auch dort), mit grimmigem Mißvergnügen auf die Frage nach der Idee eines persönlichen Gottes antwortet: „Sie erblicken in mir ein grausiges Beispiel für die Freigeisterei“. Kein Wunder, daß der Lohn für solch eine Haltung karg bleiben mußte, vom posthumen Lohn einmal abgesehen.

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Begegnung, gleichzeitig-ungleichzeitig

Für mich ist das Lesen eines literarischen Textes eine Begegnung mit dem Autor oder der Autorin, ganz gleich, wie viele Jahre oder Jahrhunderte seit der Niederschrift vergangen sind. Mit dem Lesen anonymer Texte hatte ich eben deswegen seit je her Schwierigkeiten, wenngleich ich keineswegs den Lebenslauf eines Autors kennen muß und tatsächlich mich auch immer erst um diesen wirklich bemühte, wenn ich mindestens die sogenannten Hauptwerke gelesen hatte. Wichtig ist für mich aber allein die Zwiesprache, die beim Lesen auf allen Ebenen stattfindet und gleichsam gleichzeitig-ungleichzeitig ist, was für mich ihren besonderen Reiz ausmacht, so daß ich auch weniger Zeitgenossen lese als eben solche, die vor mir und unserer Zeit gewirkt haben. Im Moment bin ich lesend mal wieder so etwa siebzig bis hundert Jahre zurück, Katarina Botsky, Alfred Döblin, Robert Musil, Robert Walser, Italo Svevo, James Joyce, Thomas Mann – denn warum, frage ich mich, sollte ich Zeitgenossen lesen, wenn ich doch die selbe Zeit bewohne und auch noch in ihr schreibe? Das kann man natürlich auch anders sehen, tue ich aber nicht.

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Zustände sind das

Im Land der Dichter und Denker hat das Dichten und Denken einen außerordentlich geringen Stellenwert, was jedoch niemanden zu stören scheint außer den Dichtern und Denkern selbst. Das mag daran liegen, daß das Dichten und Denken eine das Leben als Ganzes bestimmende Tätigkeit ist, während die meisten normalen Menschen nach der Industrienorm Mensch gebildet sind und dementsprechend leben, was ja nunmal die Trennung von Arbeitsmensch und Freizeitmensch bedeutet, wann immer dies den Arbeitskraftnehmenden dienlich erscheint. In diesem System ist Widerstand gegen Zustände eben das, was Widerstand in jedem System ist, nämlich mindestens störend und schlimmstenfalls systemstörend, was Maßnahmen nötig macht, Dichter und sonstwede Künstler und Denker, die nicht primär der Produktion dienen oder gewinnbringend zu vermarkten sind, auszulöschen, auch wenn dies in zivilisierten Gesellschaften natürlich ganz ohne Schauprozesse, Gefängnis und Blutvergießen geschieht. Am Ende jedenfalls hat das System – denkt man einmal scharf darüber nach, so kommt man drauf – immer recht. Kann man machen nix.

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Alles neu? Alles anders?

Nun haben wir das Jahr 2013 angebrochen, es hat 365 Stücke a 24 Stunden. Was also hat sich geändert? Ich für meinen Teil habe nun neuerdings und zum ersten Mal seit Jahrzehnten, das ist dann schon eine Änderung, kein Abonnement einer Tageszeitung mehr, denn da vieles teurer geworden ist und meine GEZ-Gebühr sich verdreifacht hat, auf daß man den Gottschalks und Jauchs möglichst viel Geld in den Hintern zu stecken vermag, kann ich mir ein tägliches Presseerzeugnis nicht mehr leisten. Macht aber nichts, Bäckereibrot oder Käsethekenkäse oder Urlaub kann ich mir ja auch nicht leisten, dafür aber kann ich es mir leisten, Zeit zu haben. Kein Grund also, sich gegenseitig zu beneiden. Apropos Zeit: wie angekündigt nehme ich mir diese, um Katarina Botskys In den Finsternissen zu lesen, um eben darüber dann zu berichten. Die ersten beiden Novellen des Bandes habe ich bereits gelesen, und wenn die noch folgenden acht Novellen halten, was die ersten beiden versprechen, so ist der Literatur Wichtiges (zurück-)gegeben worden. Wie gesagt, ich werde Sie es wissen lassen, Rezension folgt.

Ansonsten setze ich die unterbrochene Überarbeitung meines Romans fort, ich hab noch über zweihundert Typoskriptseiten vor der Brust, bevor ich dann die handschriftlichen Änderungen in den Rechner hacke, um dann alles noch einmal vollständig zu lesen, bevor ich dann das Ganze dem willigsten Verlag übergebe – von Nix kommt eben Nix, außer natürlich das Leben als solches, das den Übergang darstellt vom Nichts zum Nichts, doch das ist ein anderes Thema. Zudem ist als eine der ersten Arbeiten im angebrochenen Jahr ein neues Konzept zu erstellen für ein Schreibseminar, es sind ältere Texte zu überarbeiten, Geldsorgen zu romantisieren und so weiter und so weiter. Wie heißt es so richtig: panta rhei. Schwimmen wir es an!

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Schraffur

Wo mein Leben aufhört und das der Anderen beginnt? Kann man das wissen? Nein. Man kann aber, meine ich, zumindest versuchen, das Grenzgebiet zu schraffieren, denn dann wird vieles einfacher. In der Literatur begegnen sich der Text der Autors und der lesende Mensch in eben diesem Schraffurgebiet und gestalten es gemeinsam aus, emotional, räumlich, intellektuell, zeitlich und so weiter, woraus sich dann der Lauf der Dinge ergibt und damit die Geschichten, die Ideen, die Erkenntnisse und die Gefühle. Das ist zum Glück nicht zu ändern, es sei denn, der Welt gingen die Texte verloren, was jedoch in naher Zukunft nicht zu erwarten ist, auch nicht im kommenden Jahr 2013.

Ich wünsche allen meinen Lesern und Leserinnen einen guten Übergang ins neue Jahr! – auf daß es ein gelingendes werden möge!

PS: Guido Rohm hat natürlich recht!

 

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