Nichtsdestowenigertrotzalledem! (II)

Ich will ja nicht irgendeinen Roman abliefern, sondern den mir bestmöglichen! Klar, was sonst! Es kommt auf jeden Satz an, aber auch auf Stimmigkeit über die gesamte Distanz, darauf, eine Welt zu entfalten. Konzessionen an den vermeintlichen Zeitgeschmack werde ich auch bei dieser nun wirklich letzten Bearbeitung des Gesamttextes nicht machen. Der Text wird allerdings länger werden, wie es aussieht, er bekommt mehr Schmackes, mehr in die Satzverläufe integrierte wörtliche Rede, mehr Lust und Laune und mehr Leid und Schmerz, denn all dies war beim ersten Schreiben nicht immer auszuführen, ich war ungeduldig und darauf aus, zunächst einmal den in mir ablaufenden „Film“ in Schrift, in Textur zu übertragen, ein tragfähiges Gewebe herzustellen. Jetzt aber, wo Fleisch dran kommt, fange ich an, den Text wirklich zu lieben, mit ihm zu sein, zu spüren, welche Wucht von ihm ausgeht. Es ist noch viel konzentrierte Arbeit zu leisten, die ich mir selbst schuldig bin – also weiter im Text! 

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Nachwirkung der Kinderbuchsache

Jetzt komme ich vor lauter Gedöns und Unruhe doch nicht zum Arbeiten an dem Roman. So ein Mist! Aber ich weiß wenigstens, warum ich unruhig bin, denn es ist schwer, bei einer Diskussion wie der zuletzt auf Tainted Talents, ruhig, höflich und bestimmt zu bleiben, wenn einem denn ein gewisses Maß an Unverfrorenheit begegnet, mit dessen Ursache man offensichtlich nichts zu tun hat. Noch dazu geschah dies zu einem Zeitpunkt, als die Blogbetreiberin nicht mittun konnte. Sollen doch die, sage ich, die es gerne aggressiv angehen, und zwar in dem Sinne, daß sie damit beginnen und andere unter Druck setzen und letztlich zwingen, sich zurückzuziehen oder zu beherrschen, ein eigenes Blog aufmachen! Oder sich ein bestehendes Blog suchen, wo ihresgleichen rumwütet, wo sie dann mitwüten können. Dann können sie sich gegenseitig in ihre Hüte scheißen! Natürlich geht es auch anders, denn das Gespräch auf meiner Seite zum selben Thema war ja auch recht angenehm, so soll es sein, ohne Aggressivität und hin und her gehend, ohne kindische Schmollereien und Machtspiele. Das Ende des Lieds ist jedenfalls, daß das gestrige Sichbeherrschen Folgen hat und mich heute teilweise daran hindert, zu arbeiten, und das macht mich schon wütend, ohne daß ich das anders abbaue als durch Darübernachdenken, quasi durch einen Diskurs mit mir selbst, und mithilfe dieses kleinen, unbedeutenden Textes.

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Dunkel wars …

Nach all den Aufregungen um die Kinderbuchsache ist nun wieder Ruhe eingekehrt – hoffe ich. Die Argumente sind ausgetauscht, die Verständigen kennen sowohl ihre eigenen als auch die der anderen und kümmern sich wieder um andere wichtige Dinge, Familie, Geldverdienen, Kunstmachen, Gesundheit und so weiter. Alles in allem ist ja nichts passiert. Auch ich muß mich nun wieder um meinen Roman kümmern, auf den die Leser sich sicher schon freuten, wüßten sie um ihr Glück, ihn lesen zu dürfen. Ich stehe also in der Pflicht, um die mich offensichtlich manch ein ins gemeine Lebensgeschehen Eingetakteter beneidet, doch immerhin, das sollte man durchaus mal sagen dürfen, ist Neid nichts Schlechtes in dieser Gesellschaft. Wenn dann noch Geld ins Spiel kommt, gehts los, das treibt die Welt an. So, nun aber ans Werk!

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Die deutschsprachige Bibel muß umgeschrieben werden, weil Martin Luther da so Worte verwendet hat, die …

… nein, natürlich nicht, die Bibel ist heilig und Luther natürlich auch. War nur ein Scherz! Ehrlich! Was aber umgeschrieben, umgewidmet, verändert werden soll, sind die Kinderbücher, wahrscheinlich auch all die Kinderbibeln, wenn sie Worte oder Wörter enthalten, die bäh sind. Kluge Menschen, liebe Kinder, wenden sich zum Glück vehement, also ganz dolle, gegen solch ein Vorhaben, was man hier und da nachlesen kann, damit ihr Kinder nicht für dumm verkauft werdet und noch etwas zu fragen habt, warum die Negerprinzessin Negerprinzessin heißt zum Beispiel, und ob alle Negerinnen Prinzessinnen sind und warum man das früher so gesagt hat, und dann kann es und sollte es natürlich auch eine Antwort geben, etwa daß das schon damals keineswegs in Ordnung war, wenn man damit einen Menschen oder ganz viele Menschen schlecht machen wollte, und daß es aber immer, immer auf den Kontext ankommt, den Zusammenhang, den nämlich muß man erkennen, und wenn man ihn nicht erkennt, aber irgendwie merkt, daß da was nicht ganz koscher, nicht ganz richtig sein könnte, dann fragt man und bohrt solange nach, bis das einer mal erklärt – und dann weiß man hoffentlich, um was es geht, und dann kann man sich selbst Gedanken machen. Kennt ihr noch dieses alte Lied aus der Sesamstraße, wer nicht fragt bleibt dumm? Ich persönlich mag das Lied nicht und hab es auch noch nie gemocht, es ist fürchterlich, aber es zeigt wenigstens, was passiert, wenn man nicht fragt. Was könnte das wohl sein?

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Das Wort „Zeitläufte“ ist ein trauriges

Im Jahre 2164 fällt mein Geburtstag auf einen Dienstag, doch niemand der heute lebenden Menschen wird diesen Geburtstag mit mir feiern können – ist das nicht traurig! Milliarden von Menschen werden bis dahin gestorben sein, der Tod wird ihr Leben zu einem Leben gemacht haben, das im besten Falle – gelebt worden ist. Was soll man sagen, panta rhei, alles fließt, mitnehmen, wohin auch immer, kann man nix, nur ein bißchen hierlassen, wenn man Glück hat. I will do my very best!

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Typoskriptbearbeitung des ROMANs (V) und Kommando zurück und frisch ans Werk

Wochenlang habe ich nachgesonnen, also nicht etwa sachlich überlegt und abgewogen, sondern nachgedacht und vor allem -gefühlt, wie es mit meinem Roman nun weitergehen soll. Die schon lange in Zeit und Raum stehende Frage, wie der Duktus des Romans schließlich sein soll, mußte entschieden werden. Alfred Döblin hat mal gesagt, ein Romanschriftsteller müsse vor allem schweigen können, was wohl nicht mehr und nicht weniger heißt, als daß er seinen Figuren nicht das Wort abschneiden darf und sich also so weit als möglich zurückhalten muß, wenn sich die Figuren ihren Raum nehmen. Im Falle meines Textes heißt das dann, es wohl nicht bei den etwa 450 Normseiten belassen zu können, das Ding wird dann wohl länger werden, aber nun ja, ich bin ja keine Romanmanufactur, die auf Bestellung arbeitet – ich muß dem Werk Leben einhauchen, aber es sich auch so entwickeln lassen, wie wir alle, ich und die Figuren des Textes, es wollen und können. Auf denn, Werk, wachse und gelinge!

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Rezension: Katarina Botsky “In den Finsternissen” (V) / Die Novelle “Ziehkinder”

Die Novelle beginnt folgendermaßen: „Wenn man durch den bogigen finstern Torweg des Räuberhofs trat, geriet man in ein galoppierendes Meer wildverworrener Töne hinein. Bei einem Schiffsuntergang konnte nicht wüster geschrieen werden, als es die spielenden Kinder auf dem Räuberhof taten. Daher sein Name. Auch waren die geschwärzten schiefen Häuser, die den Hof wie Festungswerke umschlossen, und die nicht minder geschwärzten Proletarier, die diese Häuser bewohnten, an der Benennung schuld. Die Häuser sahen alle aus, als ob sie schon einmal in Flammen gestanden hätten. Doch auf der Steinwüste des Hofs gab es etwas Schönes, etwas ganz Verwunderliches: einen alten anmutigen Springbrunnen, der immer noch ein paar silberne Wassertropfen in sein steinernes Muschelbecken fallen ließ. (…)“

Dieser von Katarina Botsky gewählte Einstieg gleicht fast einem Eintritt in die Hölle, möchte man meinen, ohne daß die Autorin etwa Mitleid anklingen ließe für die Menschen, die in ihr leben müssen. Botsky wählt also zunächst eine distanzierte Haltung, ganz anders als es etwa in der Arbeiterliteratur üblich ist. In dem Schauspiel Bergarbeiter von Lu Märten aus dem Jahr 1909 läßt die Autorin den jungen, schwindsüchtigen Hermann zum Beispiel programmatisch sagen: „Wenn einer von uns nun gar unter die Dichter geht, dann ist es sein Gesetz, daß er die Wahrheit seines Lebens darstellen muß. Und wenn einer von uns die Wahrheit seines Lebens darstellt, ist’s am stärksten … der Schmerz.“ Auf dem Räuberhof kann von solch einem Unterfangen jedenfalls nicht die Rede sein, Botsky wird weder etwas vom Stolz des Arbeiters auf seine Leistung und die Errungenschaften der Industrie anklingen lassen, wie das oft in der zeitgenössischen Arbeiterliteratur vorkommt, noch den Klagen über die Unmenschlichkeit der Arbeit und das Leid des Einzelnen Aufmerksamkeit schenken – sie wahrt eine kalte, wenn auch klar deutende und urteilende Distanz. So ist also allein der Springbrunnen, der dort „wie ein verlaufener Aristokrat“ steht, an und für sich etwas Schönes in der geschlossenen Welt, die der Hof darstellt – der einzige Ausblick, so als könne man von einem unteren Höllenkreis die Welt der Schuldlosen sehen, ist hingegen der Blick auf den auf einem Berg liegenden „Kirchhof der Reichen mit seinem wehenden Laub“. Dazwischen, vom Räuberhof durch einen bemoosten Bretterzaun getrennt, liegt auf gleicher Ebene dann noch der Armenkirchhof, der ungepflegt ist und wo ein seltsames Holzkreuz steht mit der Inschrift „Die Reihe kombt auch an Dir“, die die Räuberhofjungen besonders mögen.

Das also ist die Bühne, auf der Katarina Botsky das immer gleiche Drama von Armut, Roheit, Dummheit, Gewalt und Mißbrauch ablaufen läßt. Neben den Proletarierfamilien mit ihren Kindern und den Schlafburschen gibt es nun auch noch, gleichsam als noch Niedrigere, die sogenannten „Ziehkinder“, Ganz- oder Halbweisen; doch „bei manchen dieser Kinder stimmte nicht alles im Gehirn“, das stellt die Autorin gleich einmal deutlich fest, wie man das bei Ziehkindern öfters beobachten könne. Jedes vierte Kind auf dem Hof ist ein solches Ziehkind, etwa zwanzig insgesamt, deren Unterhalt meist von der Stadt bezahlt wird und die jeweils einer Familie zugewiesen sind. Botsky wählt zwei für ihre Leser aus, die vierjährige, etwas zurückgebliebene Herta, Tochter einer Landstreicherin, und ihre achtjährige Freundin Trude, die ebenfalls kaum begreift, was um sie herum vor sich geht. So werden beide aus Spaß von den Räuberhofjungen auf dem Armenkirchhof in ein Loch gelegt und, gemäß der Inschrift, zugebuddelt, ohne daß die andere eingreift, wenngleich die Jungs mit Herta Mitleid haben, weil sie hübsch ist; erst der greisenhafte Kirchhofwärter zerrt Trude schließlich, etwa so “wie ein alter Affe eine Gliederpuppe ergreifen würde“, an einem Arm aus der Grube heraus.

Bis hierher schildert Katarina Botsky mit aller Deutlichkeit und in klar faßbaren Bildern diese Welt, ohne Mitgefühl für die in ihr agierenden Geschöpfe zu zeigen, denn es geht ihr offensichtlich um eben diese klare Sicht ohne vernebelnde Sentimentalitäten. Als schließlich noch eine uralte, nicht sehr helle Frau auftaucht, die auch einst Ziehkind gewesen war und noch immer sehr schlecht behandelt wird, scheint sich das beschriebene Grauen nur noch weiter zu verdichten, ohne daß auch nur ein Funken Hoffnung zu erkennen ist. Dann aber bleibt die kleine Herta allein, nur die uralte Frau sitzt noch teilnahmslos auf ihrer Bank, auf dem Hof zurück, nachdem ein großer Bengel sie auf den ziemlich hohen Rand des Wasserbeckens gesetzt hat, bevor er reingerufen wurde. Hier scheint sich die Erzählung nun zu wenden, sie bekommt etwas Märchenhaftes durch den Brunnen und auch dadurch, daß die Herta sich den Daumen verletzt hat und blutet; es macht ihr sogar Spaß zu sehen, wie das Blut in das Wasser des Brunnens tropft. Dann jedoch verliert die Kleine plötzlich das Gleichgewicht und fällt hinein. Wird ihr jetzt etwa das Selbe zuteil wie der armen Stieftochter in dem Märchen Frau Holle, die von der Stiefmutter in den Brunnen gezwungen wird, um nach einer Spindel zu tauchen, dadurch aber in eine bessere Welt gerät, wo sie sich bewähren kann und aus der sie als goldene Jungfrau wiederkehrt? „Das steinerne Engelsantlitz am Brunnen“ scheint jedenfalls, als ein Schlafbursche die Kleine herauszieht und so vor dem Ertrinken rettet, traurig zu seufzen, und auch die Autorin seufzt nun gleichsam teilnehmend mit, denn nun stellt sie klar fest: „Sie war dem Schicksal der kleinen Meta nicht entgangen“, was so viel heißt, daß der Tod für das Mädchen besser gewesen wäre. Der Herausgeber des Bandes, Martin A. Völker, erläutert im ausführlichen Anmerkungsteil diese Feststellung, die Bezug nimmt auf das Märchen Die kleine Meta von Friedrich Hofmann, in dem jeder Blutstropfen des Mädchens zu einem blanken doppelten Goldstück wird, die alle von der Stiefmutter genommen werden, bis das Mädchen tot ist. Eine kurz zuvor in die Novelle eingeflochtene Bemerkung zu den Schlafburschen, die „bereits auf die Vorzüge der kleinen Herta aufmerksam zu werden begannen“, weist deutlich darauf hin, welches Schicksal Herta droht, nämlich gleichsam das der Leibeigenschaft und des sexuellen Mißbrauchs, denn ihre „Mama“ gehörte zu „jenen furchtbaren Weibern“, die solch ein Interesse nicht ungern sehen. Die uralte Frau auf der Bank, die auch Trude heißt, war übrigens stumpfsinnnig sitzen geblieben, als Herta ins Wasser fiel.

Die Novelle Ziehkinder ist eine beeindruckende, ungeheuer dicht gestaltete Erzählung, die all das menschengemachte Unglück offenlegt, ohne dabei die Schuld plakativ im Gesellschaftlichen zu suchen. Katarina Botsky spricht deutlich aus, was sie „sieht“ und behält dabei zumeist die notwendige Distanz, die es ihr erlaubt, das Handeln der Menschen, ohne sich zu einer verurteilenden Instanz aufzuschwingen, zu beurteilen, besonders auch und dann auch mit Teilnahme, wenn die Erniedrigten und Ausgebeuteten selbst an jenen zu Tätern werden, die ihnen schutzlos ausgeliefert sind. Dieses Geschehen gestaltet Katarina Botsky mit meisterhafter Sprachkunst zu einem bedrückenden Drama.

Fazit: Der von Martin A. Völker mit Anmerkungen und einem sehr informativen Nachwort herausgegebene Band Katarina Botsky In den Finsternissen (Elsinor Verlag, Coesfeld 2012), der insgesamt zehn Novellen enthält, ist eine durch und durch lohnende Lektüre und mag, so ist zu hoffen, den Beginn der Wiederentdeckung einer Autorin bedeuten, die Literatur nicht aus Lektüre schafft, sondern aus eigenem Erleben und Erleiden und aus dem Beobachten ihrer Zeit, vom späten Kaiserreich über die Weimarer Republik bis hinein in die faschistische Diktatur. Daß Katarina Botsky das Handwerk des Schreibens so meisterhaft beherrscht und für jeden Stoff, sei dieser schauerlich-komisch oder grauenhaft-abgründig, die richtige Sprache findet, macht die Lektüre insgesamt zu einem außerordentlichen Leseerlebnis!  

(Sie finden alle Rezensionen hier!)

Katarina Botsky: In den Finsternissen. Novellen.

Herausgegeben von Martin A. Völker.

Elsinor Verlag 2012. 108 Seiten. ISBN-10: 3942788071

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Kunstformen, Lebensformen

Es gibt Arten von Kunst, die kann man nicht alleine machen, oder wenn, dann ist das die Ausnahme, die die Regel bestätigt. Ich für meinen Teil arbeite am liebsten allein, denn sonst mache ich mir Gedanken, die nicht der Sache dienen oder habe banale Befürchtungen, etwa daß jemand mich zur Unzeit fragt, ob ich einen Kaffee will, und schon ist der Gedanke futsch, ganz gleich, ob er genial war oder nicht. Die Phase der Zusammenarbeit kommt aber natürlich dann meistens doch, im Bereich Literatur scharwenzelt irgendwann der Lektor zur Tür herein und in der bildenden Kunst fährt der Galerist wie eine Erscheinung ins Leben des armen Malers, es sei denn, Herr oder Frau Künstler ist nicht interessiert am Sichvermittelnlassen und frönt dem Außenseitertum, und zwar dem echten, nicht dem zu Werbezwecken. Im Falle des echten Außenseitertums ist die Kunst so sehr das Leben des Künstlers, daß sie, die Kunst, ihm, dem Leben, im Weg steht – warum, wieso, weshalb auch immer. Einige Fälle echten Außenseitertums sind bekannt geworden, etwa H. P. Lovecraft, der sich ganz sicher nicht, das sollte man sich einmal ganz allgemein bewußt machen, für den Studiengang des literarischen Schreibens beworben hätte.

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Rezension: Katarina Botsky “In den Finsternissen” (IV) / Die Novelle “Es ist noch nicht an der Zeit”

Auch für die Novelle Es ist noch nicht an der Zeit, sie erschien am 4. August 1920 im Simplicissimus, ist der zeitliche Kontext bedeutsam, denn das zweite Nachkriegsjahr hatte bisher für Deutschland keine politische Stabilität gebracht, ganz im Gegenteil. Die noch junge Weimarer Republik war durch den schließlich nach wenigen Tagen beendeten Kapp-Putsch vom 13. März in Unruhe versetzt worden, wozu sicher auch beitrug, dass der „Märzaufstand“ linksgerichteter Arbeiter, der in Reaktion auf den Putsch im Ruhrgebiet losbrach, schließlich von Reichswehreinheiten und rechtsgerichteten Freikorps, von denen auch einige am Kapp-Putsch in Berlin beteiligt gewesen waren, blutig niedergeschlagen wurde. Auch nach der Reichstagswahl vom 6. Juni konnte von stabilen und friedlichen Verhältnissen in Deutschland nicht die Rede sein – Unsicherheit und Angst herrschten vor.

Katarina Botsky beginnt so auch ihre Novelle, indem sie gleichsam für alle feststellt: „Wir suchen Freude; aber wir finden sie nicht. Wir bangen vor Unheil und vergessen es mitten darin. Wir haben Mitleid und empfinden nichts dabei. Unsere armselige Maschine, die nichts mehr erregen kann als der Tod, ist stumpf geworden durch den Krieg. Wir suchen krampfhaft Freude – mit kläglichem Erfolg. Auch scheinen immer bald von irgendwo die Worte zu ertönen: «Ihr dürft Euch nicht freuen. Es ist noch nicht an der Zeit.»“ Um eben dies zu zeigen, gleichsam zu illustrieren, wählt Botsky einen Mann aus, der hinausgeht, den Frühling zu sehen, hinaus aus der Stadt zu den Bäumen, Wiesen und Teichen, um sich zu freuen. Anders aber als in ihrer Novelle Das Krachen über alle Maßen von 1917, in der der Protagonist Johann als Individuum erscheint, bevor er als Soldat in den Krieg ziehen muss und zur Nummer wird, ist dieser Mann namenlos, ein ehemaliger Soldat, der sich während des Krieges im Schützengraben noch hatte freuen können, es nun aber verlernt zu haben scheint. Immerhin, der Frühling zeigt sein schönstes Gesicht, und so schafft es der Mann, beziehungsweise seine „armselige Maschine“, wie es später heißt, etwas zustande zu bringen, „was einem Genuß etwas ähnlich sah, etwa so ähnlich, wie ein Greis seinem Jugendbildnis ist“. Der Mann spricht also zu sich: „Du freust Dich“, er stellt sich sogar, wie auf Befehl, hin und versuchte, goldene Träume zur goldenen Sonne aufsteigen zu lassen. Wer ist dieser Mann, der hier so kämpft um ein bißchen Lebensfreude? Wer ist er, was hat er erlebt? Aber da wird die Suche des Mannes nach Freude jäh gestört, eine Rauchsäule taucht auf jenseits der Teiche, er will sie zuerst ignorieren, weil er sich doch freuen wollte, doch dann …

Katarina Botsky errichtet in dieser Novelle ein Szenario, das ein wenig an die biblische Geschichte der Zerstörung von Sodom und Gomorra erinnert, wo es (Genesis 19.28) heißt: „(…); und siehe, da ging ein Rauch auf vom Lande wie ein Rauch vom Ofen“, doch Botsky ist es keineswegs vordergründig um religiöse Gleichnisse zu tun, denn das, was hier in den Himmel hineinwächst, überflügelt schon drei Mal den am nächsten liegenden hohen Kirchturm, ist größer und gewaltiger als die Kirche mit ihrer Religion, ein gewaltiger Mittagsspuk, der dröhnt und in grauenhafter Einförmigkeit die gellende Warnung vom anderen Ufer herüberbrüllt, wie ein ganzes Heer von bösen Geistern: „Du darfst dich nicht freuen! Es ist noch nicht an der Zeit!“ Der Mann zwingt sich jetzt zur Umkehr angesichts des Rauchungeheuers und wendet sich zur Stadt, doch nun scheint das Ungeheuer ihm zu folgen, ein zweiter Mann, der auch ausgegangen war, Freude zu finden, schließt sich ihm an, bis sie schließlich mit letzter Not die Stadt erreichen, wo das Rauchgespenst ihrer bereits „unheimlich und majestätisch“ wartet.

Was sich bis hierher fast wie eine Schauergeschichte ausnimmt aus alter Zeit, wie der Zorn Gottes oder die Rache böser Geister, zwingt Botsky Zeile um Zeile immer mehr zur Gegenwart der Nachkriegszeit hin, in der der einzelne Mensch nunmehr nur noch Teil der Masse zu sein scheint, so wie die zwei in die Stadt fliehenden Männer, die Teil werden einer Menge, die es, so Botsky, zu Freude oder Entsetzen treibt, je nachdem, denn „nach Sensationen treibt es die Menschen umher wie eine tolle Herde“. Und tatsächlich sind die Neugierigen nicht aufzuhalten, sie laufen „in ihrem wütenden Sensationshunger“ durch die um sie herum zerberstende Stadt, während der Rauchbaum ins Gigantische wächst, bis er dasteht wie eine Gottheit, dem Himmel so nah. Das Unheil jedoch ist menschengemacht, und ihm sind die Überlebenden ausgeliefert – „sie fühlten es und schwiegen in dumpfer Ergebenheit“, während die vielen Opfer des Explosionsunglücks nicht einmal einen Todesschrei zum Himmel hinaufschallen lassen können.

Katarina Botsky nimmt sich in dieser Novelle keines Individuums und seiner Geschichte an, sondern skizziert auf sprachlich großartige Weise gleichsam den letzten Akt einer großen Tragödie, in der kein deus ex machina Erlösung bringen kann und in der unterschiedslos die Gerechten und die Ungerechten dahingerafft werden, in der der Einzelne, wie im Krieg, zählt, aber nichts gilt. So spricht Botsky schließlich auch von den „tragischen Puppen des großen Dramas“, die, wenn sie nicht in Atome zerrissen waren, überall hockten und lagen. Kein Gott spendet also Trost, man geht nach Hause, die verstörte Herde zerstreut sich, bis sich morgen dann wieder die heute ein wenig verschüttete Gier nach Freude zeigen wird. Der einzelne Mensch, das zeigt Katarina Botsky auf, ist nach den Jahren des Krieges und des Hungers und all der Verluste kaum mehr Herr seines Schicksals, er dringt nicht mehr zu sich selbst und seinen Gefühlen durch und ist nur noch, als „armselige Maschine“, Teil der Masse. Diese Thematik, den Wunsch nach Freude und die Deformation des Einzelnen, greift sie in der Ende 1933 erschienenen Novelle Dezembertraum dann noch einmal auf, die furchtbaren Entwicklungen nach der sogenannten Machtergreifung durch die Nationalsozialisten gleichsam vorausahnend.

(Sie finden alle Rezensionen hier!)

Katarina Botsky: In den Finsternissen. Novellen.

Herausgegeben von Martin A. Völker.

Elsinor Verlag 2012. 108 Seiten. ISBN-10: 3942788071

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Nomen est omen?

Ist es nicht absonderlich: das Leben, wie wir es führen, macht einen Satz nach dem anderen, wir leben ja praktisch in der Zukunft, doch wenn man genau überlegt, dann bleibt etwas immer bestehen, die Nachnamen nämlich. Sicher, in Deutschland sind infolge des 30jährigen Krieges viele Familiennamen ausgestorben, doch die, die geblieben sind, bleiben – neue kommen nicht dazu. Oder kennen Sie einen Herrn Automechaniker oder eine Frau Tierärztin, eine Frau Programmiererin oder einen Herrn Quantenphysiker? Doch vielleicht sollte man mal einfach so, damit vom Jetzt was bleibt, eine neue Nachnamensrunde einläuten, und wenn man schon dabei ist, kann man auch gleich einführen, den Vornamen ab dem vierzehnten Lebensjahr offiziell ändern zu dürfen, falls der einem zugewiesene nicht paßt, was ja vorkommen soll. Dann hieße es auch wieder ganz richtig nomen est omen.

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