Alt und neu zugleich

Mit einer gewissen Vorfreude betrachte ich dieses Buch aus dem Elsinor Verlag, nämlich In den Finsternissen von Katarina Botsky, (neu) herausgegeben von Martin A. Völker. Der Klappentext verrät folgendes: Die Auswahl „In den Finsternissen“ enthält zehn Novellen und zwei Gedichte der heute nahezu unbekannten Königsberger Schriftstellerin Katarina Botsky (1880-1945). Ihre Zeitgenossen schätzten sie als starke Vertreterin der literarischen Moderne. Ludwig Goldstein, Feuilletonleiter der bekannten Hartungschen Zeitung, bezeichnete Botsky als Ostpreußens „erstes weibliches Kraft- und Originalgenie“. In den Novellen, die sie zwischen 1911 und 1936 für die Zeitschrift Simplicissimus schrieb, widmet sich die Autorin den Verworfenen und Missgestalteten, jenen Menschen, die ausziehen, um Freude zu suchen und das Entsetzen finden.

Gestern erhielt ich also das Rezensionsexemplar. Wer jemals in den großen Bibliotheken nicht nur nach Büchern und Zeitschriften gesucht hat, die er ebenso gut im Buchhandel finden kann, der weiß, welche Schätze dort zu heben sind und wie wichtig es ist, daß Menschen und Verlage sich kümmern. Also, wie gesagt, die Vorfreude ist groß, und sobald die Muße mich umfängt, werde ich es lesen, um dann hier darüber zu berichten, mutmaßlich Anfang des nächsten Jahres. Wer liest mit?

 

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6 Antworten auf Alt und neu zugleich

  1. Andreas Wolf sagt:

    Bis Neujahr sollte ich ja mit dem Grünen Heinrich durch sein, insofern: Bin dabei!

  2. Schön! Ich bin wirklich sehr gespannt auf diese Novellen, vor allem da ich seit einer Weile wieder intensiv die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts bearbeite (Werfel, Th. Mann, Döblin, Robert Walser, Joyce). Den Grünen Heinrich (zweite Fassung) habe ich übrigens auch mit großem Vergnügen gelesen, doch irgendwann hat man auch die schönsten Bücher durch.

  3. Andreas Wolf sagt:

    Ah, interessant, ich selber lese des Heinrichs erste Fassung, weil ich gehört hatte, die zweite sei irgendwie geglättet und entschärft. Da zog es mich eher zur vielleicht etwas roheren und nicht so perfekten Unmittelbarkeit des ersten Zugriffs. Ist ja eh ein bemerkenswert seltener Luxus bei Romanen, dass man mal so die Wahl hat als Leser.
    Auf die Botsky-Novellen freue ich mich jetzt auch schon, habe das Buch schon bestellt. Irgendetwas reizt mich an der Idee der Ausgrabung und Wiederentdeckung vergessener und lang schon toter Autoren, ohne dass ich genau sagen könnte, was eigentlich. Die immer noch berühmten Werfel und Döblin wollen von mir schon seit Jahren auch mal gelesen werden, aber vorher ist jetzt Katarina Botsky dran, von der ich bis gestern noch nie gehört hatte. Pech gehabt, meine Herren: wer zuerst kommt, mahlt eben doch nicht immer zuerst.

  4. Die zweite Fassung des Grünen Heinrich hat vor allem eine durchgehende Erzählperspektive, nämlich die der ersten Person Singular, und das reizte mich mehr. Der erste Satz „Mein Vater war ein Bauernsohn aus einem uralten Dorfe“ hat mich sofort gepackt, vielleicht auch, weil er an den Beginn von Stifters „Nachsommer“ erinnert. Sollte ich die Geschichte noch einmal lesen wollen, würde ich aber sicher die erste Fassung aus dem Regal ziehen. (Ich sehe grade, ich habe in der ersten Fassung einiges unterstrichen und auch reingeschrieben, das aber offensichtlich nicht verwendet.) In meinem Buch „Das sich selbst erhellende Bewußtsein als poetisches Ich. Von Adam Bernd zu Karl Philipp Moritz, von Jean Paul zu Sören Kierkegaard“ schreibe ich ein paar Seiten zu Kellers zweiter Fassung, das führe ich mir jetzt mal wieder zu Gemüte – man vergißt ja allzu schnell, was man selbst mal geschrieben hat.
    Die Botsky werde ich wohl um den Jahreswechsel herum lesen können, hoffe ich. Ich bin sicher, das lohnt sich, denn der Herausgeber Martin A. Völker hat ein gutes Näschen für lohnenswerte „vergessene“ Literatur, wie hier nachzulesen ist.

  5. Andreas Wolf sagt:

    Der völlig unvermittelte Bruch der Erzählperspektive in der ersten Fassung traf mich selbst beim Lesen wie ein Schlag und ist mitunter der Grund, warum mir der grüne Heinrich als ein so modernes Buch erscheint. Das weist ja voraus auf den Ulysses, mit seinen vielfältigst gebrochenen Perspektiven. (Immer nur der hundertjahralte Ulysses als das olle Paradigma des angeblich modernen Buches – auch ein Klischee, aber sei es drum).

    Die Botsky-Lektüre habe ich mir jetzt auch für Anfang Januar eingeplant, so dass wir da eine schöne Parallellaktion durchführen können. Freue mich schon aufs Lesen und auf den Austausch.

  6. Ja, das wird spannend mit dem gleichzeitigen Lesen und dem Austausch! Der Herausgeber des Botsky-Bandes, Martin A. Völker, wird sich dann womöglich auch einschalten.
    Was den modernen Roman angeht, so wird tatsächlich oft versucht, ein einziges Werk als Auslöser darzustellen, je nachdem, welches Label grad eben nützlich ist, um die eigene Forschung in den Vordergrund zu bringen oder Bücher zu verkaufen. Für mich fängt die moderne (deutschsprachige) Literatur aber ohnehin schon mit Moritz‘ „Anton Reiser“ an und auch mit Jean Pauls „Siebenkäs“ und mit Achim von Arnims „Die Kronenwächter“ und mit Mörikes „Maler Nolten“ und E.T.A. Hoffmanns „Kater Murr“ (der ja die Erzählperspektive auch immer wieder bricht) und so weiter und so fort. Die Schatztruhe ist jedenfalls gut gefüllt, denke ich.

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