DER TAUGENICHTS

Ich bin auf der Suche nach dem Taugenichts! Oja, es gibt ihn noch. Nur der eichendorffsche Taugenichts gilt gemeinhin als ausgestorben, so wie auch der Flaneur benjaminscher Art von uns ging und kaum mehr aufzufinden sein wird. Letzteres ist unendlich schade, Ersteres nicht. Der Flaneur verdient ganz sicher in einem schönen Buch beschrieben, ja wiederbelebt zu werden – ich will mir das notieren und damit vornehmen, nicht ohne den Respekt vor einer solchen Aufgabe von nun an mit mir und in mir zu tragen. Es kann Jahre dauern, bis ich mein Flaneur-Buch auch nur beginnen, geschweige denn abschließen werde. So ging es mir auch mit meinem Taugenichts-Buch. Jahre der Fokussierung, der Lektüre, der tastenden Texte, der Zeichnungen in sonst nur mit unleserlichen Notizen vollgekrakelten Heften. Relativ früh ging mir auf, dass ausgerechnet der quasi namensgebende Taugenichts des Joseph von Eichendorff kein solcher ist, nicht jedenfalls in meinem Sinne, denn was soll ich mit einer Figur beginnen, die als Naivling und Dümmling sondergleichen straff an den Fäden seines Erfinders hängt! Nichts, damit ist partout nichts anzufangen. Also weg damit! Neben diesem Naivling aber gibt es in der Literatur der, sagen wir mal, letzten 250 Jahre eine solche Vielzahl echter Taugenichtse, dass sich dazu glatt ein wissenschaftliches Werk enormen Umfangs schaffen lassen könnte – aber keine Angst, ich belasse es bei einem Büchlein geringen Umfanges, dafür aber mit Tiefe. So wie ich es verstehe, wie es sich, man könnte meinen von selbst, herausgebildet hat. Und was ein echter Taugenichts ist, so kommt er nicht nur in gewisser Weise doppelt vor, nein, ihn treiben auch noch Dinge um wie X- und O-Beine, eine polnische Gräfin, das Straßenfegen und die Rechtspflegerei, bis es ihn schließlich zu essayistischen Betrachtungen treibt zu den Themen Makulatur, Fatalismus, protestantische Arbeitsethik und die eigentlichen Tücken des Taugenichtsdaseins. Und so weiter und so fort. Nicht etwa, dass ich bereits fertig wäre mit meinem Büchlein, doch in der Ferne schimmert schon, wenn ich mich nicht täusche, das Reißband. Wir sehen uns!

Norbert W. Schlinkert. Wer nicht taucht … 2019

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Ankündigung: „all over Heimat“, Anthologie mit Lyrik und Prosa von 150 Autoren und Autorinnen aus über 20 Ländern

Jetzt ist’s nicht nur angekündigt, sondern auch raus:  all over Heimat.

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Der Tod der Poesie. Zitat eines unbekannten Dichters aus einem unbekannten Werk

„Das Leben ist ohne jede Poesie. Noch vor hundert Jahren war der technische Fortschritt die poetische Antwort auf alles Nonpoetische. Es gab Tote. Doch die Lebenden ließen sich nicht beirren. Heute, ein Jahrhundert später, ist der Mensch der Sklave alles Technischen, mehr denn als je zuvor. Es gibt abermals Tote, doch diesesmal wütet der Tod auch schon unter den noch Lebenden und macht sie stumm und taub, tumb gegen alles Beginnen der Poesie. Tot ist sie, die Poesie, das ist die traurige Wahrheit. Allenfalls gelehrt wird sie noch.“

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Völliger Quatsch mit völliger Soße

Sich der Aufgabe zu widmen, zu der dem Text als Idee vorangegangenen Überschrift einen sinngemäßen Text zu verfassen, ist völliger Quatsch mit völliger Soße. Nachdem diese Aufgabe also bereits mit dem ersten Satz überzeugend gelöst worden ist, kann ich mich jedem anderen Thema zuwenden, beispielsweise der Thematik der schwindenden Bedeutung von Wort und Text. Wobei dies falsch ausgedrückt zu sein scheint, denn je kürzer und gedrängter eine Aussage präsentiert werden muss, also etwa bei Nutzung des Mikrobloggingdienstes Twitter, desto gewichtiger scheint auch jedes einzelne Wort und damit die Gesamtaussage. Das ist keine neue Erfindung, denn bereits seit der Einführung der Depesche bzw. des Telegramms Mitte des 19. Jahrhundert verkürzten die Sender Nachrichten auf das absolute Minimum, allerdings aus finanziellen Erwägungen heraus und nicht, wie heute, aus Agitationsgründen, denn die „Depesche“ des 21. Jahrhunderts richtet sich nicht mehr an den Einzelnen, sondern an alle Einzelnen, an die Masse – der Wähler, Konsumenten, Follower. So ist die sogenannte catchword argumentation / Schlagwortargumentation Gang und Gäbe geworden und wendet sich weniger an den Verstand als vielmehr an das emotionale Zentrum des Menschen, von den in Tränen gebadeten Augäpfeln und den zusammengebissenen Zähnen also abwärts über Bauch und Geschlechtsteile zum aufstampfenden Fuß. Wer komplexere Dinge mitzuteilen hat, der bleibt (dieser Praxis des Verkürzens, Verknappens und Vereinfachens wegen) außen vor und wird nicht gelesen und gehört, es sei denn von denen in der Seines-, Meines-, Ihresgleichen-Blase. Ergo: Je länger und komplexer der Text, desto kleiner die Blase, je kürzer und unterkomplexer der Text, desto größer die Blase. Wie gesagt: Völliger Quatsch mit völliger Soße!

Zusammenfassend hier noch das oben Beschriebene in einer knappen Bild-Text-Komposition:

„V.Q.m.v.S.“ Norbert W. Schlinkert 12/2018

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Ute Zscharnt: Fotografien aus dem Archiv. 6. Dezember ’18 – 6. Januar ’19

Ute Zscharnt, Fotografien aus dem Archiv. 6. Dezember ’18 bis 6. Januar ’19

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Geht schon wieder los!

Es geht wieder los, zwiefach: Auf der einen Seite schreibe ich im Moment in einem Textverbund intensiv einiges zum Thema Taugenichts, Nichtsnutz, Hallodri usw., nämlich einen literarischen Text und einen Essay, die linksrechts gegenüber, also nicht nacheinander, in einem kleinen Buche erscheinen sollen. Wechselbezüge. Womöglich kommen auch noch Zeichnungen oder so dazu. Wenn man so will ist das eine rein künstlerische und nicht am großen Literaturmarktgeschehen ausgerichtete Arbeit, etwas für das sogenannte kleine Publikum. Der Vorlauf zu dieser Arbeit war langes Nachsinnen, Tiefe ausloten, in den Himmel gucken und – kommen lassen. Den Ideen, und seien sie noch so schräg, die Türen öffnen. Ist viel Arbeit, funzt aber! Auf der anderen Seite schicke ich bald meinen kürzlich fertiggestellten Roman, und der funzt auch, in die Welt hinaus, alles unter Umgehung aller literarischen Agenturen, denn ob Sie es glauben oder nicht, mit den in diesem Bereich Tätigen verbindet mich nunmal überhaupt nichts, das musste ich mehrmals feststellen. Die ticken komplett anders als ich. Warum sich also gegenseitig quälen mit Anfragen, Absagen, Wartereien und so weiter! Also raus zu den Verlagen mit dem Exposé und der Textprobe, ohne alles Ranschleimen, ohne Tricks und hinterfotziges Getue, einfach geradeaus mit meiner Arbeit, die entweder gefällt oder nicht gefällt. Nach einer bereits erfolgten Ablehnung stehen noch neun Verlage aus, denen ich mein Angebot unterbreiten werde. Natürlich erwarte ich das Schlimmste, nämlich trockene, fiese und nette Absagen; in der bereits erfolgten ist zu lesen, in der Belletristik sei man auf Jahre quasi ausgebucht, kannste machen nix; klar, sage ich dazu, es gibt nicht nur ein Qualitätsproblem, sondern auch eins der Quantität, denn heutzutage schreibt ja auch jeder Idiot Romane, wodurch eben alles verstopft wird. So ist die Lage, eindeutig, und wenn ich könnte, so würde ich mit dem Schreiben aufhören – aber leider geht das partout nicht, mein Schreiben ist Wollen und Müssen zugleich, Wollenmüssen, Müssenwollen, ein Zwang sondergleichen, wenn auch ohne alle artfremde Gestörtheit. Weiter im Text …

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Alle Welt wird immer intoleranter, nur ich schaff’s partout nicht – eine Klage aus den Prenzlauer Bergen

Als vor einigen Jahren die ersten dünnen Stutzer an den Straßenecken des Prenzlauer Bergs auftauchten und sich mit anderen dünnen Stutzern augenklimpernd über ihre Pinscher austauschten, während eben diese Pinscher sich die klitzekleinen Hintern beschnüffelten, hätte man Herrchen und Frauchen und Hündchen ohne viel Federlesens in den Gully stopfen sollen. Oder den Herrchen und Frauchen auf die Fresse hauen, bis sie lachen und dann weil sie lachen. Und die blöden Köter im Wald aussetzen. Hört sich hart an, aber, da sind sich heute alle einig, das ist absolut versäumt worden, und zwar weil wir alle so scheißenfriedlich, so scheißentolerant und so scheißennachsichtig sind! Wehrlos! Und nun haben wir, nur wenige Jahre später, die Kacke am dampfen, allüberall ihrem Hedonismus erlegene Hipster, ihrem scheiß Nachwuchs untertänige Schwangere und Mütter und hilflos lächerliche Väter, Bartaffen auf Elektrorollern und Mietfahrrädern und Kleinstadtidioten aller Provenienz in ihren SUVs, dazu Möchtegernintellektuelle, die sich in Achtsamkeitskursen zusammenfinden und gegen Geld Dinge gesagt bekommen, die richtige Menschen längst selbst herausgefunden haben, naja, und so weiter und so weiter. So jedenfalls gestaltet sie sich, die hässliche Masse Mensch, die hier in den Prenzlauer Bergen alle höhere Kultur erstickt, ihre kranken Keime verbreitet und mit Hilfe bösartiger Investoren Raum verbraucht, der ihnen nicht zusteht, weil sie ihn nur gekauft haben mit ihrem dreckigen westdeutschen Geld. Der süßliche Geruch kultureller Verwesung und grassierender Dummheit durchzieht inzwischen alle Winkel. Nachmittags auf die Straße zu gehen ist kaum mehr möglich, ohne mit einem Kotzreiz kämpfen zu müssen angesichts der desolaten Lage, und gäbe es nicht hier und da noch Verbündete oder hier und da noch letzte Orte zum Verweilen, man täte schier verzweifeln an einer Situation, die sich nur ändern ließe mit Mitteln, die uns den Spießern, Hipstern und Stutzern gleich machte, gleich dumm, gleich käuflich, gleich verlogen, gleich konsumistisch und gleich unterwürfig. Wie gesagt, hilflos ist man mit all seiner Friedlichkeit, Toleranz und Nachsichtigkeit, wehrlos gegen all die Auswüchse neoliberaler Politik, zurückgezogen letztlich in Nischen, die man nun aber zu verteidigen hat mit allem, was die anderen nicht haben. So, das dazu!

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Alban Nikolai Herbst, sein plötzlich anwesender Namensvetter, die durch Lektüre grandioser Werke vorgegebene Fallhöhe, die man aber erst einmal erreichen muss, sowie das eigene Weiterschreiben

Alban Nikolai Herbst, vom Leiter des Internationalen Literaturfestivals Ulrich Schreiber süffisant als Nikolai Alban Herbst vorgestellt, worauf der Gemeinte lächelnd korrigierte in Alban Nikolai Herbst, bemerkte bei seiner Werkschau im Rahmen des Festivals am 9. September diesen Jahres 2018 im Literaturhaus Fasanenenstraße gleich mehrfach, man könne im eigenen Schreiben nicht mehr zurück hinter das gelesene Grandiose, er verwies unter anderem auf Alfred Döblins tatsächlich herausragenden Roman Wallenstein (1920). Stimmt das so Gesagte, was wohl jeder Schriftsteller und jede Schriftstellerin von Anspruch aus eigener Erfahrung weiß, so habe ich seit jeher, möchte man meinen, manche „Lektürefehler“ begangen (schließlich setzt man sich unter immensen Druck und programmiert sein Scheitern schon vor), zuletzt Hans Henny Jahnns Fluß ohne Ufer (1949/50) und nun dessen Perrudja (1929), zuvor E.T.A. Hoffmann, Jean Paul, Edgar Allan Poe, Stifter, Dostojewski, Kierkegaard, Kafka, Robert Walser, Döblin, Joyce, Beckett, Musil, Laxness, Hamsun, Bulgakow, O’Brien und so weiter (fürwahr alles Männer, aber wen wundert’s*). In jedem Fall müsste ich Schlag auf Fall mit dem Schreiben aufhören … hiermit, liebe verstreute Leserschaft, verkünde ich kraft meiner Wassersuppe … ach was! Michael Lentz schreibt: „Tradition ist, wenn man trotzdem weitermacht. Trotz Kafka, Schmidt und Robert Walser mache ich weiter. Thomas Mann hindert mich am Weiterschreiben nicht.“ Und auch das, was die bürgerliche Welt als Misserfolg klassifiziert, den nämlich (noch) nicht veröffentlichten Roman, als Beispiel möge Ankerlichten dienen, hindert wenigstens mich nicht, wiederum einige Jahre dem selbstquälerischen Schreiben zu widmen. Denn irgenwann begann es und irgendwann wird es enden, dazwischen liegt die Spanne, und in der ist dem eigenen Zwang und der eigenen Lust zu folgen, was auch immer daraus entsteht.

So weit und schlüssig, was mal wieder gesagt werden musste, denn da beißt die Maus kein‘ Faden ab.

* Anmerkung dazu, dass eben dies nicht verwunderlich ist, denn mündlich wurde mir einige Kritik an eben diesem Ausspruch mitgeteilt, so etwas könne man heutzutage nicht mehr sagen, wurde gesagt, was aber hieße, sage ich, die Wahrheit nicht mehr sagen zu dürfen, weil sich wer weiß wer gekränkt fühlen könnte, oder angegriffen, missachtet, herabgewürdigt, auf den Schlips getreten, was auch immer, was dann aber zu ähnlichen Auswüchsen von Dummheit führte wie im Falle der immer öfter ins Feld geführten religiösen Gefühle, auf die man besondere Rücksicht zu nehmen habe – als wenn Menschen, die nicht ausgerechnet an Götter glauben, sondern an die Kunst, die Anarchie, die Logik oder die Besonderheit ihres Fußballclubs oder einer Musikband, keine Gefühle hätten. Die Mimosesierung des Menschengeschlechts ist offensichtlich in vollem Gange! Ständig wird das Böse hinter allem vermutet, weil man ja nur selbst recht haben kann – liberales Denken und Handeln ist offenbar nicht mehr zeitgemäß! Ich gebe deswegen zu diesem meinem ganz wörtlich gemeinten Ausspruch zu bedenken: Es handelt sich bei den Genannten um ausschließlich bereits verstorbene Autoren, die in Zeiten wirkten, in welchen es Schriftstellerinnen nicht verwehrt, aber außerordentlich schwer gemacht wurde, zu veröffentlichen. Die Wahrscheinlichkeit veröffentlichter großer Werke von Frauen ist also relativ gering, die nicht veröffentlichter oder gar nicht erst geschriebener großer Werke umso größer. Da, wo ich als junger Mann zu suchen anfing, waren dementsprechend wenig Autorinnen zu finden, zudem ist mir Geschlecht, Hautfarbe, Herkunft, politische Einstellung und sexuelle Orientierung bei der Auswahl meiner Lektüre nie Kriterium gewesen – Texte aus welchen Gründen auch immer nicht lesen zu dürfen oder Texte lesen zu müssen habe ich seit je her abgelehnt, denn ohne Lust kein Lesen, keine Ewigkeit, kein Leben überhaupt! Warum mich nun aber Emily Brontë, Charlotte Brontë, Anna Seghers, Simone de Beauvoir oder Gertrude Stein weniger prägten, entzieht sich dementsprechend naturgemäß meiner Kenntnis. Interesse an Texten wird geweckt, indem Lust entsteht/Punkt/Aus.

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Jan Kuhlbrodts Novelle „Das Stockholmsyndrom“

Jeder Mensch kennt Lehrer. Jeder hat einem Lehrer schon einmal etwas wenig Schönes an den Hals gewünscht. Aber ihn entführen? In Hans Henny Jahnns Monumentalroman „Fluß ohne Ufer“ wird einmal ohne weiteren Zusammenhang ein Lehrer namens Sierk erwähnt, der, so das Gerücht, von Zigeunern entführt worden und deshalb nicht zum Unterricht erschienen sei. Der Lehrer in der Novelle von Jan Kuhlbrodt heißt Herr Rudolph und wird von Kollegen wie Schülern Kroll genannt. Und ist entführt worden! Sicher wäre Kroll nie auf den Gedanken verfallen, etwas aus seinem durchgeplanten und geordneten Leben zu berichten, geschweige denn seine innersten Gedanken, seine Gefühle preiszugeben. Nun aber, nachdem er ohne jede Forderung wieder freigelassen wurde, brennt es in ihm. Er muss, so sagt er, seinen Entführer ausfindig machen. Kaum dass er dessen Gesicht gesehen hat – ein Polizeigriff, in einen Lieferwagen geworfen, in eine Halle gesperrt, so lief es ab. Kroll denkt nach, es müsse sich um einen Irrtum handeln, oder er wäre eine Art Übungsopfer. Am meisten irritiert ihn, dass der Entführer ihn Hundsfott nannte, wie jemand, so stellt er sich das vor, der sein Deutsch mit einem alten Lehrbuch erlernte. Vielleicht ein Rumäne? Kroll ist sich bald schon dessen fast sicher. Seine Schüler würden dieses Wort, Hundsfott, nie benutzen, wahrscheinlich kennen sie es nicht einmal. Oder sollte der Rumäne nur Werkzeug gewesen, der Auftraggeber ein anderer sein? Seine Freilassung, dasselbe nur andersherum, Polizeigriff, Lieferwagen, Freiheit, ist verbunden mit dem drohenden Satz des Rumänen, er, Kroll, könne sich an nichts erinnern. Doch Kroll kann sich erinnern. Und er muss den Entführer suchen, er muss wissen, wer er ist. Eingesperrt in der Halle dachte er ja sogar darüber nach, dass sich nach Aufklärung des Irrtums vielleicht sogar eine Freundschaft mit dem Rumänen entwickeln könnte. Womöglich aber, denkt er weiter, ist es einer seiner Schüler, der den Auftrag gab zur Entführung, Schroth vielleicht, der nicht nur in der Körperhaltung an den Rumänen erinnert, sondern auch noch in den Schulpausen spurlos verschwindet. Kroll beginnt damit, Schroth in den Pausen zu beschatten und folgt ihm in ein seltsames Haus hinein …

Jan Kuhlbrodt, 1966 in Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) geboren, zeitweilig Lehrer für straffällig gewordene Jugendliche und heute freier Schriftsteller in Leipzig, entführt den Lehrer Kroll gewissermaßen in den Kopf der Lesenden, die sich im Gegenzug im Kopf Krolls wiederfinden. Kuhlbrodt gelingt es auf ansprechende und lesenswerte Weise, das Ringen des sonst so kontrollierten und gewissenhaften Lehrers für Mathematik und Geographie als einen Kampf um sich selbst aufzuzeigen, der nur über die Suche nach dem Entführer zu betreiben ist. Immerhin hat der Rumäne Kroll am Ende einer für ihn unnützen, nicht erklärbaren Tat unverletzt freigelassen, Grund genug für Kroll, ihm nach dem Geschehen persönlich begegnen zu wollen, ja zu müssen.

Kuhlbrodt verdichtet das titelgebende Stockholm-Syndrom als eine sich erweiternde Wahrnehmungsverzerrung im Kopf des Opfers und als eine Abhängigkeit, einen persönlichen Bezug zum hier unbekannten Täter. Sprunghaftes Denken und absurde, ja völlig unwahrscheinlich erscheinende Erlebnisse, durchsetzt noch mit den kraftlosen Wahrheiten seines früheren Lebens, treten an die Stelle des Geordneten. Und dann hat Kroll am Ende auch noch eine Begegnung mit seinem Alter Ego …

Jan Kuhlbrodt: Das Stockholmsyndrom. Eine Novelle. Elif Verlag 2018. 87 Seiten. 12 €. ISBN 978-3946989066 https://elifverlag.de/

Zu finden ist der Text auch hier ==>

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Claus Heck im Gespäch mit Norbert W. Schlinkert, Freitag, 25. Mai 2018, 19 Uhr, Künstlerhaus Edenkoben

„Über Wolken“, der Stipendiat Claus Heck im Gespäch mit Norbert W. Schlinkert

Claus Heck, 1966 geboren und in Essen aufgewachsen, lebt seit 1987 in Berlin. Nach einem Studium der Literaturwissenschaft und Philosophie war er mehr als zehn Jahre in einem Berliner Unternehmen beschäftigt, zuletzt als Director of Sales & Marketing. Seit 2009 ist er freiberuflicher Schriftsteller. Er schreibt und publiziert unter dem Künstlernamen „Aléa Torik“ („Das Geräusch des Werdens“, „Aléas Ich“).

Förderungen (Auswahl): Literaturstipendium für Berliner Schriftstellerinnen und Schriftsteller der Stiftung Preußische Seehandlung (2012), Stipendium der Stiftung Künstlerdorf Schöppingen (2014), Arbeitsstipendium des Berliner Senats (2016).

www.aleatorik.eu (seit 1.5.2009) mit mehr als fünfhundert Einträgen zur Literatur.

Im Künstlerhaus liest Claus Heck aus einem noch unveröffentlichten Manuskript mit folgendem Inhalt: „Die Ereignisse finden unmittelbar vor dem Post-Kyoto-Protokoll im Jahr 2100 statt. Ein Wissenschaftler hat offenbar eine Möglichkeit gefunden, eines der zentralen Probleme der Zeit – die Beschränkung physikalischer Datenspeicher – zu lösen, indem er Datenpartikel in Wassermoleküle einbringt. Aufgrund der verschiedenen Zirkulationssysteme der Atmosphäre würden diese sich innerhalb kürzester Zeit im gesamten Wasservorrat des Planeten verteilen und das Verdunstungsverhalten des Wassers erheblich verändern. Von verschiedenen Seiten wird versucht, dieses Projekt zu befördern oder zu verhindern.“
Moderiert wird die Veranstaltung von Norbert W. Schlinkert.

Eintritt: 7 Euro/4 Euro (ermäßigt für Schüler und Studenten)

Freitag, 25. Mai 2018, 19 Uhr, Künstlerhaus Edenkoben, Klosterstraße 181
67480 Edenkoben

***

Als Ergänzung quasi für die Nachwelt hier der mir jetzt erst (am 30.10.2018) zugetragene Artikel von Brigitte Schmalenberg in der Zeitung Die Rheinpfalz vom 29. Mai 2018:

Wie neu geboren

Literaturstipendiat Claus Heck in Edenkoben

Von Brigitte Schmalenberg

Heck reimt sich auf keck. Und genau so präsentierte sich der Literaturstipendiat Claus Heck denn auch, als er am Freitagabend von seinem Schriftstellerkollegen Norbert W. Schlinkert in ziemlich privater Runde im Künstlerhaus Edenkoben vorgestellt wurde. Wobei der kecke Herr Heck gleich in doppelter Gestalt anwesend war und aus seinen Texten als Autorin Aleá Torik las.

Benutzt man eigentlich das Adjektiv „vorlaut“ noch? Unweigerlich kommt es einem in den Sinn, wenn man es mit Claus Heck zu tun hat. Der Schriftsteller verhält sich wie ein aufsässiges Kind, das unentwegt auf sich aufmerksam machen muss, wenn sich zwei Erwachsene miteinander unterhalten wollen. In unbremsbaren Wortschwallen redet der 1966 geborene, in Essen groß gewordene, seit 1987 in Berlin lebende Autor von sich, von sich und wieder von sich.

Oder von Aleá Torik, einer 28 Jahre alten Deutsch-Rumänin, die er ja auch ist, sobald er selbst zur Feder greift. Und von deren – also auch seinem – Roman, der beider Lebenselixier ist, weil beide nur „durch ihn und mit ihm und in ihm“ leben können, was genauso religiös beeinflusst ist, wie „der Anfang vom Anfang vom Wort, mit dem Aleá Toriks Blog 2009 begann oder das Spannungsfeld vom Alpha zum Omega, das ihren Roman „Aleá Ich“ durchzieht. Ein abschließendes Amen indes kennt der Autor nicht, es sei denn, er will die ihm mitunter unliebsamen Fragen seines Schriftstellerkollegen Norbert W. Schlinkert vom Tisch fegen.

Die Handvoll Gäste taucht tief in das Seelenleben des Stipendiaten ein, der nach seinem Studium der Literaturwissenschaft und Philosophie über zehn Jahre in Sachen Sales & Marketing arbeiten musste, weil er keinen Verlag für seine Texte fand. Seine tiefe Sinnkrise überwand er dank eines neuen Namens, ja einer neuen Identität: Aleá Torik. Mit ihr fühlt er sich wie neu geboren.

Im entstehenden Buch mit dem Arbeitstitel „Clouds“ wundert sich ein geschlechtsfreies Wesen über eine Bekanntschaft, die durch Sex entstanden und durch eine leibliche Geburt auf die Welt gekommen ist. Die Handlung spielt im Jahr 2100 und dreht sich um neue Methoden der Datenspeicherung, die künftig in Wassermolekülen erfolgen könnte.

https://www.rheinpfalz.de/lokal/landau/artikel/wie-neu-geboren/

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