Völliger Quatsch mit völliger Soße

Sich der Aufgabe zu widmen, zu der dem Text als Idee vorangegangenen Überschrift einen sinngemäßen Text zu verfassen, ist völliger Quatsch mit völliger Soße. Nachdem diese Aufgabe also bereits mit dem ersten Satz überzeugend gelöst worden ist, kann ich mich jedem anderen Thema zuwenden, beispielsweise der Thematik der schwindenden Bedeutung von Wort und Text. Wobei dies falsch ausgedrückt zu sein scheint, denn je kürzer und gedrängter eine Aussage präsentiert werden muss, also etwa bei Nutzung des Mikrobloggingdienstes Twitter, desto gewichtiger scheint auch jedes einzelne Wort und damit die Gesamtaussage. Das ist keine neue Erfindung, denn bereits seit der Einführung der Depesche bzw. des Telegramms Mitte des 19. Jahrhundert verkürzten die Sender Nachrichten auf das absolute Minimum, allerdings aus finanziellen Erwägungen heraus und nicht, wie heute, aus Agitationsgründen, denn die „Depesche“ des 21. Jahrhunderts richtet sich nicht mehr an den Einzelnen, sondern an alle Einzelnen, an die Masse – der Wähler, Konsumenten, Follower. So ist die sogenannte catchword argumentation / Schlagwortargumentation Gang und Gäbe geworden und wendet sich weniger an den Verstand als vielmehr an das emotionale Zentrum des Menschen, von den in Tränen gebadeten Augäpfeln und den zusammengebissenen Zähnen also abwärts über Bauch und Geschlechtsteile zum aufstampfenden Fuß. Wer komplexere Dinge mitzuteilen hat, der bleibt (dieser Praxis des Verkürzens, Verknappens und Vereinfachens wegen) außen vor und wird nicht gelesen und gehört, es sei denn von denen in der Seines-, Meines-, Ihresgleichen-Blase. Ergo: Je länger und komplexer der Text, desto kleiner die Blase, je kürzer und unterkomplexer der Text, desto größer die Blase. Wie gesagt: Völliger Quatsch mit völliger Soße!

Zusammenfassend hier noch das oben Beschriebene in einer knappen Bild-Text-Komposition:

„V.Q.m.v.S.“ Norbert W. Schlinkert 12/2018

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Ute Zscharnt: Fotografien aus dem Archiv. 6. Dezember ’18 – 6. Januar ’19

Ute Zscharnt, Fotografien aus dem Archiv. 6. Dezember ’18 bis 6. Januar ’19

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Geht schon wieder los!

Es geht wieder los, zwiefach: Auf der einen Seite schreibe ich im Moment in einem Textverbund intensiv einiges zum Thema Taugenichts, Nichtsnutz, Hallodri usw., nämlich einen literarischen Text und einen Essay, die linksrechts gegenüber, also nicht nacheinander, in einem kleinen Buche erscheinen sollen. Wechselbezüge. Womöglich kommen auch noch Zeichnungen oder so dazu. Wenn man so will ist das eine rein künstlerische und nicht am großen Literaturmarktgeschehen ausgerichtete Arbeit, etwas für das sogenannte kleine Publikum. Der Vorlauf zu dieser Arbeit war langes Nachsinnen, Tiefe ausloten, in den Himmel gucken und – kommen lassen. Den Ideen, und seien sie noch so schräg, die Türen öffnen. Ist viel Arbeit, funzt aber! Auf der anderen Seite schicke ich bald meinen kürzlich fertiggestellten Roman, und der funzt auch, in die Welt hinaus, alles unter Umgehung aller literarischen Agenturen, denn ob Sie es glauben oder nicht, mit den in diesem Bereich Tätigen verbindet mich nunmal überhaupt nichts, das musste ich mehrmals feststellen. Die ticken komplett anders als ich. Warum sich also gegenseitig quälen mit Anfragen, Absagen, Wartereien und so weiter! Also raus zu den Verlagen mit dem Exposé und der Textprobe, ohne alles Ranschleimen, ohne Tricks und hinterfotziges Getue, einfach geradeaus mit meiner Arbeit, die entweder gefällt oder nicht gefällt. Nach einer bereits erfolgten Ablehnung stehen noch neun Verlage aus, denen ich mein Angebot unterbreiten werde. Natürlich erwarte ich das Schlimmste, nämlich trockene, fiese und nette Absagen; in der bereits erfolgten ist zu lesen, in der Belletristik sei man auf Jahre quasi ausgebucht, kannste machen nix; klar, sage ich dazu, es gibt nicht nur ein Qualitätsproblem, sondern auch eins der Quantität, denn heutzutage schreibt ja auch jeder Idiot Romane, wodurch eben alles verstopft wird. So ist die Lage, eindeutig, und wenn ich könnte, so würde ich mit dem Schreiben aufhören – aber leider geht das partout nicht, mein Schreiben ist Wollen und Müssen zugleich, Wollenmüssen, Müssenwollen, ein Zwang sondergleichen, wenn auch ohne alle artfremde Gestörtheit. Weiter im Text …

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Alle Welt wird immer intoleranter, nur ich schaff’s partout nicht – eine Klage aus den Prenzlauer Bergen

Als vor einigen Jahren die ersten dünnen Stutzer an den Straßenecken des Prenzlauer Bergs auftauchten und sich mit anderen dünnen Stutzern augenklimpernd über ihre Pinscher austauschten, während eben diese Pinscher sich die klitzekleinen Hintern beschnüffelten, hätte man Herrchen und Frauchen und Hündchen ohne viel Federlesens in den Gully stopfen sollen. Oder den Herrchen und Frauchen auf die Fresse hauen, bis sie lachen und dann weil sie lachen. Und die blöden Köter im Wald aussetzen. Hört sich hart an, aber, da sind sich heute alle einig, das ist absolut versäumt worden, und zwar weil wir alle so scheißenfriedlich, so scheißentolerant und so scheißennachsichtig sind! Wehrlos! Und nun haben wir, nur wenige Jahre später, die Kacke am dampfen, allüberall ihrem Hedonismus erlegene Hipster, ihrem scheiß Nachwuchs untertänige Schwangere und Mütter und hilflos lächerliche Väter, Bartaffen auf Elektrorollern und Mietfahrrädern und Kleinstadtidioten aller Provenienz in ihren SUVs, dazu Möchtegernintellektuelle, die sich in Achtsamkeitskursen zusammenfinden und gegen Geld Dinge gesagt bekommen, die richtige Menschen längst selbst herausgefunden haben, naja, und so weiter und so weiter. So jedenfalls gestaltet sie sich, die hässliche Masse Mensch, die hier in den Prenzlauer Bergen alle höhere Kultur erstickt, ihre kranken Keime verbreitet und mit Hilfe bösartiger Investoren Raum verbraucht, der ihnen nicht zusteht, weil sie ihn nur gekauft haben mit ihrem dreckigen westdeutschen Geld. Der süßliche Geruch kultureller Verwesung und grassierender Dummheit durchzieht inzwischen alle Winkel. Nachmittags auf die Straße zu gehen ist kaum mehr möglich, ohne mit einem Kotzreiz kämpfen zu müssen angesichts der desolaten Lage, und gäbe es nicht hier und da noch Verbündete oder hier und da noch letzte Orte zum Verweilen, man täte schier verzweifeln an einer Situation, die sich nur ändern ließe mit Mitteln, die uns den Spießern, Hipstern und Stutzern gleich machte, gleich dumm, gleich käuflich, gleich verlogen, gleich konsumistisch und gleich unterwürfig. Wie gesagt, hilflos ist man mit all seiner Friedlichkeit, Toleranz und Nachsichtigkeit, wehrlos gegen all die Auswüchse neoliberaler Politik, zurückgezogen letztlich in Nischen, die man nun aber zu verteidigen hat mit allem, was die anderen nicht haben. So, das dazu!

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Alban Nikolai Herbst, sein plötzlich anwesender Namensvetter, die durch Lektüre grandioser Werke vorgegebene Fallhöhe, die man aber erst einmal erreichen muss, sowie das eigene Weiterschreiben

Alban Nikolai Herbst, vom Leiter des Internationalen Literaturfestivals Ulrich Schreiber süffisant als Nikolai Alban Herbst vorgestellt, worauf der Gemeinte lächelnd korrigierte in Alban Nikolai Herbst, bemerkte bei seiner Werkschau im Rahmen des Festivals am 9. September diesen Jahres 2018 im Literaturhaus Fasanenenstraße gleich mehrfach, man könne im eigenen Schreiben nicht mehr zurück hinter das gelesene Grandiose, er verwies unter anderem auf Alfred Döblins tatsächlich herausragenden Roman Wallenstein (1920). Stimmt das so Gesagte, was wohl jeder Schriftsteller und jede Schriftstellerin von Anspruch aus eigener Erfahrung weiß, so habe ich seit jeher, möchte man meinen, manche „Lektürefehler“ begangen (schließlich setzt man sich unter immensen Druck und programmiert sein Scheitern schon vor), zuletzt Hans Henny Jahnns Fluß ohne Ufer (1949/50) und nun dessen Perrudja (1929), zuvor E.T.A. Hoffmann, Jean Paul, Edgar Allan Poe, Stifter, Dostojewski, Kierkegaard, Kafka, Robert Walser, Döblin, Joyce, Beckett, Musil, Laxness, Hamsun, Bulgakow, O’Brien und so weiter (fürwahr alles Männer, aber wen wundert’s*). In jedem Fall müsste ich Schlag auf Fall mit dem Schreiben aufhören … hiermit, liebe verstreute Leserschaft, verkünde ich kraft meiner Wassersuppe … ach was! Michael Lentz schreibt: „Tradition ist, wenn man trotzdem weitermacht. Trotz Kafka, Schmidt und Robert Walser mache ich weiter. Thomas Mann hindert mich am Weiterschreiben nicht.“ Und auch das, was die bürgerliche Welt als Misserfolg klassifiziert, den nämlich (noch) nicht veröffentlichten Roman, als Beispiel möge Ankerlichten dienen, hindert wenigstens mich nicht, wiederum einige Jahre dem selbstquälerischen Schreiben zu widmen. Denn irgenwann begann es und irgendwann wird es enden, dazwischen liegt die Spanne, und in der ist dem eigenen Zwang und der eigenen Lust zu folgen, was auch immer daraus entsteht.

So weit und schlüssig, was mal wieder gesagt werden musste, denn da beißt die Maus kein‘ Faden ab.

* Anmerkung dazu, dass eben dies nicht verwunderlich ist, denn mündlich wurde mir einige Kritik an eben diesem Ausspruch mitgeteilt, so etwas könne man heutzutage nicht mehr sagen, wurde gesagt, was aber hieße, sage ich, die Wahrheit nicht mehr sagen zu dürfen, weil sich wer weiß wer gekränkt fühlen könnte, oder angegriffen, missachtet, herabgewürdigt, auf den Schlips getreten, was auch immer, was dann aber zu ähnlichen Auswüchsen von Dummheit führte wie im Falle der immer öfter ins Feld geführten religiösen Gefühle, auf die man besondere Rücksicht zu nehmen habe – als wenn Menschen, die nicht ausgerechnet an Götter glauben, sondern an die Kunst, die Anarchie, die Logik oder die Besonderheit ihres Fußballclubs oder einer Musikband, keine Gefühle hätten. Die Mimosesierung des Menschengeschlechts ist offensichtlich in vollem Gange! Ständig wird das Böse hinter allem vermutet, weil man ja nur selbst recht haben kann – liberales Denken und Handeln ist offenbar nicht mehr zeitgemäß! Ich gebe deswegen zu diesem meinem ganz wörtlich gemeinten Ausspruch zu bedenken: Es handelt sich bei den Genannten um ausschließlich bereits verstorbene Autoren, die in Zeiten wirkten, in welchen es Schriftstellerinnen nicht verwehrt, aber außerordentlich schwer gemacht wurde, zu veröffentlichen. Die Wahrscheinlichkeit veröffentlichter großer Werke von Frauen ist also relativ gering, die nicht veröffentlichter oder gar nicht erst geschriebener großer Werke umso größer. Da, wo ich als junger Mann zu suchen anfing, waren dementsprechend wenig Autorinnen zu finden, zudem ist mir Geschlecht, Hautfarbe, Herkunft, politische Einstellung und sexuelle Orientierung bei der Auswahl meiner Lektüre nie Kriterium gewesen – Texte aus welchen Gründen auch immer nicht lesen zu dürfen oder Texte lesen zu müssen habe ich seit je her abgelehnt, denn ohne Lust kein Lesen, keine Ewigkeit, kein Leben überhaupt! Warum mich nun aber Emily Brontë, Charlotte Brontë, Anna Seghers, Simone de Beauvoir oder Gertrude Stein weniger prägten, entzieht sich dementsprechend naturgemäß meiner Kenntnis. Interesse an Texten wird geweckt, indem Lust entsteht/Punkt/Aus.

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Jan Kuhlbrodts Novelle „Das Stockholmsyndrom“

Jeder Mensch kennt Lehrer. Jeder hat einem Lehrer schon einmal etwas wenig Schönes an den Hals gewünscht. Aber ihn entführen? In Hans Henny Jahnns Monumentalroman „Fluß ohne Ufer“ wird einmal ohne weiteren Zusammenhang ein Lehrer namens Sierk erwähnt, der, so das Gerücht, von Zigeunern entführt worden und deshalb nicht zum Unterricht erschienen sei. Der Lehrer in der Novelle von Jan Kuhlbrodt heißt Herr Rudolph und wird von Kollegen wie Schülern Kroll genannt. Und ist entführt worden! Sicher wäre Kroll nie auf den Gedanken verfallen, etwas aus seinem durchgeplanten und geordneten Leben zu berichten, geschweige denn seine innersten Gedanken, seine Gefühle preiszugeben. Nun aber, nachdem er ohne jede Forderung wieder freigelassen wurde, brennt es in ihm. Er muss, so sagt er, seinen Entführer ausfindig machen. Kaum dass er dessen Gesicht gesehen hat – ein Polizeigriff, in einen Lieferwagen geworfen, in eine Halle gesperrt, so lief es ab. Kroll denkt nach, es müsse sich um einen Irrtum handeln, oder er wäre eine Art Übungsopfer. Am meisten irritiert ihn, dass der Entführer ihn Hundsfott nannte, wie jemand, so stellt er sich das vor, der sein Deutsch mit einem alten Lehrbuch erlernte. Vielleicht ein Rumäne? Kroll ist sich bald schon dessen fast sicher. Seine Schüler würden dieses Wort, Hundsfott, nie benutzen, wahrscheinlich kennen sie es nicht einmal. Oder sollte der Rumäne nur Werkzeug gewesen, der Auftraggeber ein anderer sein? Seine Freilassung, dasselbe nur andersherum, Polizeigriff, Lieferwagen, Freiheit, ist verbunden mit dem drohenden Satz des Rumänen, er, Kroll, könne sich an nichts erinnern. Doch Kroll kann sich erinnern. Und er muss den Entführer suchen, er muss wissen, wer er ist. Eingesperrt in der Halle dachte er ja sogar darüber nach, dass sich nach Aufklärung des Irrtums vielleicht sogar eine Freundschaft mit dem Rumänen entwickeln könnte. Womöglich aber, denkt er weiter, ist es einer seiner Schüler, der den Auftrag gab zur Entführung, Schroth vielleicht, der nicht nur in der Körperhaltung an den Rumänen erinnert, sondern auch noch in den Schulpausen spurlos verschwindet. Kroll beginnt damit, Schroth in den Pausen zu beschatten und folgt ihm in ein seltsames Haus hinein …

Jan Kuhlbrodt, 1966 in Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) geboren, zeitweilig Lehrer für straffällig gewordene Jugendliche und heute freier Schriftsteller in Leipzig, entführt den Lehrer Kroll gewissermaßen in den Kopf der Lesenden, die sich im Gegenzug im Kopf Krolls wiederfinden. Kuhlbrodt gelingt es auf ansprechende und lesenswerte Weise, das Ringen des sonst so kontrollierten und gewissenhaften Lehrers für Mathematik und Geographie als einen Kampf um sich selbst aufzuzeigen, der nur über die Suche nach dem Entführer zu betreiben ist. Immerhin hat der Rumäne Kroll am Ende einer für ihn unnützen, nicht erklärbaren Tat unverletzt freigelassen, Grund genug für Kroll, ihm nach dem Geschehen persönlich begegnen zu wollen, ja zu müssen.

Kuhlbrodt verdichtet das titelgebende Stockholm-Syndrom als eine sich erweiternde Wahrnehmungsverzerrung im Kopf des Opfers und als eine Abhängigkeit, einen persönlichen Bezug zum hier unbekannten Täter. Sprunghaftes Denken und absurde, ja völlig unwahrscheinlich erscheinende Erlebnisse, durchsetzt noch mit den kraftlosen Wahrheiten seines früheren Lebens, treten an die Stelle des Geordneten. Und dann hat Kroll am Ende auch noch eine Begegnung mit seinem Alter Ego …

Jan Kuhlbrodt: Das Stockholmsyndrom. Eine Novelle. Elif Verlag 2018. 87 Seiten. 12 €. ISBN 978-3946989066 https://elifverlag.de/

Zu finden ist der Text auch hier ==>

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Claus Heck im Gespäch mit Norbert W. Schlinkert, Freitag, 25. Mai 2018, 19 Uhr, Künstlerhaus Edenkoben

„Über Wolken“, der Stipendiat Claus Heck im Gespäch mit Norbert W. Schlinkert

Claus Heck, 1966 geboren und in Essen aufgewachsen, lebt seit 1987 in Berlin. Nach einem Studium der Literaturwissenschaft und Philosophie war er mehr als zehn Jahre in einem Berliner Unternehmen beschäftigt, zuletzt als Director of Sales & Marketing. Seit 2009 ist er freiberuflicher Schriftsteller. Er schreibt und publiziert unter dem Künstlernamen „Aléa Torik“ („Das Geräusch des Werdens“, „Aléas Ich“).

Förderungen (Auswahl): Literaturstipendium für Berliner Schriftstellerinnen und Schriftsteller der Stiftung Preußische Seehandlung (2012), Stipendium der Stiftung Künstlerdorf Schöppingen (2014), Arbeitsstipendium des Berliner Senats (2016).

www.aleatorik.eu (seit 1.5.2009) mit mehr als fünfhundert Einträgen zur Literatur.

Im Künstlerhaus liest Claus Heck aus einem noch unveröffentlichten Manuskript mit folgendem Inhalt: „Die Ereignisse finden unmittelbar vor dem Post-Kyoto-Protokoll im Jahr 2100 statt. Ein Wissenschaftler hat offenbar eine Möglichkeit gefunden, eines der zentralen Probleme der Zeit – die Beschränkung physikalischer Datenspeicher – zu lösen, indem er Datenpartikel in Wassermoleküle einbringt. Aufgrund der verschiedenen Zirkulationssysteme der Atmosphäre würden diese sich innerhalb kürzester Zeit im gesamten Wasservorrat des Planeten verteilen und das Verdunstungsverhalten des Wassers erheblich verändern. Von verschiedenen Seiten wird versucht, dieses Projekt zu befördern oder zu verhindern.“
Moderiert wird die Veranstaltung von Norbert W. Schlinkert.

Eintritt: 7 Euro/4 Euro (ermäßigt für Schüler und Studenten)

Freitag, 25. Mai 2018, 19 Uhr, Künstlerhaus Edenkoben, Klosterstraße 181
67480 Edenkoben

***

Als Ergänzung quasi für die Nachwelt hier der mir jetzt erst (am 30.10.2018) zugetragene Artikel von Brigitte Schmalenberg in der Zeitung Die Rheinpfalz vom 29. Mai 2018:

Wie neu geboren

Literaturstipendiat Claus Heck in Edenkoben

Von Brigitte Schmalenberg

Heck reimt sich auf keck. Und genau so präsentierte sich der Literaturstipendiat Claus Heck denn auch, als er am Freitagabend von seinem Schriftstellerkollegen Norbert W. Schlinkert in ziemlich privater Runde im Künstlerhaus Edenkoben vorgestellt wurde. Wobei der kecke Herr Heck gleich in doppelter Gestalt anwesend war und aus seinen Texten als Autorin Aleá Torik las.

Benutzt man eigentlich das Adjektiv „vorlaut“ noch? Unweigerlich kommt es einem in den Sinn, wenn man es mit Claus Heck zu tun hat. Der Schriftsteller verhält sich wie ein aufsässiges Kind, das unentwegt auf sich aufmerksam machen muss, wenn sich zwei Erwachsene miteinander unterhalten wollen. In unbremsbaren Wortschwallen redet der 1966 geborene, in Essen groß gewordene, seit 1987 in Berlin lebende Autor von sich, von sich und wieder von sich.

Oder von Aleá Torik, einer 28 Jahre alten Deutsch-Rumänin, die er ja auch ist, sobald er selbst zur Feder greift. Und von deren – also auch seinem – Roman, der beider Lebenselixier ist, weil beide nur „durch ihn und mit ihm und in ihm“ leben können, was genauso religiös beeinflusst ist, wie „der Anfang vom Anfang vom Wort, mit dem Aleá Toriks Blog 2009 begann oder das Spannungsfeld vom Alpha zum Omega, das ihren Roman „Aleá Ich“ durchzieht. Ein abschließendes Amen indes kennt der Autor nicht, es sei denn, er will die ihm mitunter unliebsamen Fragen seines Schriftstellerkollegen Norbert W. Schlinkert vom Tisch fegen.

Die Handvoll Gäste taucht tief in das Seelenleben des Stipendiaten ein, der nach seinem Studium der Literaturwissenschaft und Philosophie über zehn Jahre in Sachen Sales & Marketing arbeiten musste, weil er keinen Verlag für seine Texte fand. Seine tiefe Sinnkrise überwand er dank eines neuen Namens, ja einer neuen Identität: Aleá Torik. Mit ihr fühlt er sich wie neu geboren.

Im entstehenden Buch mit dem Arbeitstitel „Clouds“ wundert sich ein geschlechtsfreies Wesen über eine Bekanntschaft, die durch Sex entstanden und durch eine leibliche Geburt auf die Welt gekommen ist. Die Handlung spielt im Jahr 2100 und dreht sich um neue Methoden der Datenspeicherung, die künftig in Wassermolekülen erfolgen könnte.

https://www.rheinpfalz.de/lokal/landau/artikel/wie-neu-geboren/

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Die holländische Wollmotte

Zugegeben, ich reise nicht eben viel. Gedanklich und imaginativ zwar schon, mitsamt meiner Ganzheit aber eher weniger. Letztes Jahr immerhin war ich in verschiedenen deutschen Ländern und in der Schweiz, in (Ober-) Italien und Österreich. Das Absonderlichste aber habe ich nicht in Zürich, Essen, Frankfurt, Innsbruck, Wien oder am Gardasee gesehen, sondern in Westfalen, nämlich ein seltenes Exemplar der holländischen Wollmotte. Die bis zu vierzig Zentimetern großen Motten, bei einer Flügelspannweite von bis zu fünfzig Zentimetern, leben sehr im Verborgenen, durchaus nicht nur in den Niederlanden, sondern auch in den Nachbarländern Belgien und Westfalen. Da sie sich nur des Nachts bewegen, ihre Nahrung besteht aus Kleininsekten, Mäusen, Fröschen und so weiter, glauben viele zufällige Beobachter, sie hätten eine Eule gesehen, die, aus welchen Gründen auch immer, untypische Flugbewegungen vollzieht. Eine Wollmotte tagsüber zu beobachten ist dagegen, wie allgemein bekannt, fast unmöglich, so dass ich nicht wenig staunte, ein Exemplar mitten am Tage an der Fensterscheibe meiner westfälischen Stipendienunterkunft in Schöppingen kleben zu sehen. Zum Glück von außen, denn ich ekele mich ein wenig vor behaarten und bewollten Flugtieren. Es gelang mir, trotz meiner nachvollziehbaren Aufregung, ein Foto des Exemplars zu schießen, weswegen ich nun einer der ganz wenigen Menschen überhaupt bin, denen dies Kunststück gelungen ist. Die Motte machte sich, kaum hatte ich sie abgelichtet, leider wieder von dannen, ich hätte sie gerne noch ein wenig betrachtet. Dennoch aber hat dieses kleine Erlebnis, das muss ich sagen, meinen Aufenthalt in Schöppingen um einiges aufgewertet, was ja nun auch nicht das Schlechteste ist.

Norbert W. Schlinkert – Holländische Wollmotte

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Lesen schadet nur! Paul Jandl hat’s begriffen

Während auf der einen Seite beklagt wird, immer weniger Menschen läsen*, so wird auf der anderen Seite bejubelt, dass es das Buch zum Event** geschafft hat und das literarische Leben floriert. Schreibt beides der Journalist Paul Jandl. Nun ja, wer sich in den Literaturbetrieb begibt, kommt darin um. Festzustellen ist in jedem Fall, das gute Buch, der gute Roman ist so gut wie tot, die Totenfeier des Buches aber ist von steter Dauerhaftigkeit. Nicht etwa, dass man dem Buch die Unschuld geraubt hätte und es so an Wert verlöre, so eine Art Heintje***-Effekt, nein, ganz im Gegenteil, man hat dem Buch die Schuld geraubt, nämlich verantwortlich zu sein für alles, was in ihm und aus ihm heraus geschieht. Das dunkle Geheimnis eines jeden guten Buches, allein dem jeweiligen Leser, der Leserin ganz und gar subjektiv im Leseprozess erkennbar, hat man einfach mal knallbunt angemalt, hat es, wie ein lebendiges Tier, in ein totes verwandelt und in kleinen Einzelteilen dem Publikum zum Fressen vorgeworfen. Häppchenweise. So wenig wie die Teilnehmer eines Festmahls Köche sind, so wenig sind Besucher eines Literaturfestivals nunmal Leser, und Schriftsteller schon gar nicht, sie sind Gäste, Eventhopper, die zu bespaßen eine lukrative Aufgabe zu sein hat. Während also beispielsweise die Möglichkeit einer Aufführung von Musik auf einer Bühne einen fundamentalen Grund der Musik als solcher darstellt und ihr keineswegs Schaden zufügt, kommt dem Buch durch seine Eventisierung der Leser abhanden, denn wer ist schon so blöd, nach der schon genossenen Feier noch draufzuzahlen, mit Geld und Zeit. Und selbst wenn, selbst wenn denn einer nach einem Literaturevent ein Buch kaufte, hätte er dann nicht den Sound der Autorin, des Autors im Kopfe statt des eigenen, was ja nun überhaupt nicht Sinn der Sache ist. Aber wie dem auch sei, es erscheint immer sinnloser, in dieser Welt Jahre damit zu verbringen, einen Roman zu schreiben, der nur noch als garnierendes Häppchen zu gebrauchen ist. Wer trotzdem schreibt weiß, er ist verrückt geworden oder geblieben und zieht seiner eigenen Wege, im Text wie im Leben. Das dazu!

Fleischer-Metzger-Schlachter-Fleischhacker-Fleischhauer. Copyright: www.wurstakademie.com Illustration und Fotos: Mario Pizzinini

 

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Romananfänge ohne Ende I

Ob nun eine Geschichte in Tritt kommt, die Figuren sich verlebendigen, die Orte sich gleichsam materialisieren – oder eben nicht, das zeigt sich (mir) während des Schreibvorgangs. Vorherige Textplanung findet kaum statt. Mancher Anfang bleibt dabei nun in sich selbst stecken, muss deswegen aber noch lange nicht schlecht oder falsch oder misslungen sein, nur weiter geht es eben nicht – wenn wider Erwarten dann doch noch, erfahren Sie es als erste.
Hier ist ein solcher Anfang:

Weiersbach von Weiersbach

Ich wage es, von mir zu schreiben. Über mich. In einem hohen Ton! Auch das wage ich. Ich bin, also erscheine ich. Wer das liest folgt mir bereits, und zwar nicht in diesem seltsamen Sinne der sogenannten sozialen Netzwerke, kein Hinterherschleichen, kein Hinterherhecheln, nein, wer das liest folgt mir unmittelbar. Ich führe. Es werden Zeiten kommen, in denen dieses unmittelbare, eigenständige, von Interesse geleitete Folgen, das Gefolge, als ein Wunder erkannt und auch als solches verkauft werden wird. Sollen sie es verkaufen, Markt ist immer, aber das ändert nichts am Wunder selbst. Ich brauche nur Ich zu schreiben, schon sind wir ein Herz und eine Seele. Ich hätte es allerdings nie, hören Sie: nie!, in Erwägung gezogen, weder Sie überhaupt mit Geschriebenem zu behelligen noch Ihnen wunderliche Weisheiten zu präsentieren, wäre nicht Außerordentliches mit mir und meiner kleinen Welt – klein im Vergleich zum Globus, zu unserem Sonnensystem und so weiter – geschehen. Alles begann damit, dass ich eines Tages, eines Morgens, der Kirschbaum unten im Hof trug erste Blüten, zwei Stare und ein paar Nebelkrähen hockten auf den Müllcontainern, der Wind pfiff scharf sein Liedchen, einen Entschluss fasste, der auf dem Begriff des Aufbruchs fußte. Sich aufbaute. Aus den Ruinen, geschickt mit Kulisse verhängt, meines Daseins sich erhob. Empor, immer empor! Pflichtschuldig nahm ich die Hände aus den Hosentaschen, stieg in die Stiefel und kletterte aus dem Fenster die Feuerleiter hinab. Den letzten Meter springe ich, die Krähen hoppen kurz in die Höhe – und die Geschichte beginnt.

Ich bin als Wigald von Weiersbach geboren, das „von“ habe ich an meinem achtzehnten Geburtstag auf dem Standesamt Weiersbach aus meinem Namen entfernen lassen. Der Beamte war kein Anderer als der Bruder meines Vaters, mein Onkel Walter von Weiersbach. Er sprach davon, dass ich mir da nun etwas aus den Rippen schneide. Er sagte es drei Mal. Seitdem spüre ich unter dem Herzen am Rippenbogen einen Schmerz, einen leichten, aber einen Schmerz. In mancher Nacht verfolgt mich das „von“, es will sich mit mir vereinigen, das weiß ich. Es ist eine Art Tier, ich spüre es in meinem Nacken, es schlüpft mir zwischen den Beinen hindurch, sehen kann ich es nie. Ich fühle es. Es bedroht mich. Meine ältere Schwester Athilde hat ihren Mann gezwungen, unseren Namen anzunehmen und sich vom Gemeindepfaffen im Weiersbach evangelisch taufen zu lassen. Nicht in, im Weiersbach! Zum Glück war es leidlich warm. Er gab ihr das Ja-Wort, sie ihm das „von“. Meine jüngere Schwester Mona, genau genommen ist sie meine Halbschwester, ist mit mir noch am ehesten solidarisch, sie ist vier Jahre jünger, aber auch sie nennt mich nach der Beschneidung der Namens nur noch Weiersbach. Ich heiße Weiersbach. Das habe ich mir später, in Berlin, als Künstlernamen in meinen Personalausweis einprägen lassen. Niemand tat eine Bemerkung. Weiersbach, das ist mein Name. Mein Vater starb während meiner Geburt. Ich bin der einzige Mann in unserer Familie, dem Blute nach, wie meine Mutter sagt.

Mein Stiefvater, ein geborener Schmelkmann, Werner jun., schweigt zu all dem. Er neigt ohnehin eher zu stereotypen Aussagen, repariert den alten grünen Landrover, wann immer der muckt, und kümmert sich auch sonst um alles Häusliche. Mona nennt ihn „den Schmelk“, „kann der Schmelk machen“, sagt sie oft, oder „wenn der Schmelk sich nicht kümmert, ich kümmere mich nicht“. Auch so Stereotype, möchte man meinen, und dabei ist Werner ihr richtiger, ihr biologischer Vater. Mona sagte einmal, der Schmelk hätte gerne bei ihrer Geburt sterben dürfen, Herzinfarkt oder so.

Mit achtzehneinhalb, direkt nach dem mit 3,7 bestandenen Abitur, bin ich weg von Weiersbach, weg vom „von“. Mona gab mir die Hand, machte einen Knicks, drehte sich um und verließ den Bahnsteig. Der Zug brachte mich in eine Stadt, ich sage nicht in welche, denn alle sind gleich heutigentags. Sie ist groß, trotzdem aber kann man in weniger als sechs, sieben Stunden quer hindurchgehen. Groß ist relativ. Die Stadt heißt Berlin. Jetzt habe ich es doch gesagt. In Berlin bin ich verschwunden. Die Krähen, die Krähen. Der Rest ist Schweigen.

© Norbert W. Schlinkert 2018 – Alle denkbaren Rechte weltweit und darüber hinaus beim Autor
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