Die holländische Wollmotte

Zugegeben, ich reise nicht eben viel. Gedanklich und imaginativ zwar schon, mitsamt meiner Ganzheit aber eher weniger. Letztes Jahr immerhin war ich in verschiedenen deutschen Ländern und in der Schweiz, in (Ober-) Italien und Österreich. Das Absonderlichste aber habe ich nicht in Zürich, Essen, Frankfurt, Innsbruck, Wien oder am Gardasee gesehen, sondern in Westfalen, nämlich ein seltenes Exemplar der holländischen Wollmotte. Die bis zu vierzig Zentimetern großen Motten, bei einer Flügelspannweite von bis zu fünfzig Zentimetern, leben sehr im Verborgenen, durchaus nicht nur in den Niederlanden, sondern auch in den Nachbarländern Belgien und Westfalen. Da sie sich nur des Nachts bewegen, ihre Nahrung besteht aus Kleininsekten, Mäusen, Fröschen und so weiter, glauben viele zufällige Beobachter, sie hätten eine Eule gesehen, die, aus welchen Gründen auch immer, untypische Flugbewegungen vollzieht. Eine Wollmotte tagsüber zu beobachten ist dagegen, wie allgemein bekannt, fast unmöglich, so dass ich nicht wenig staunte, ein Exemplar mitten am Tage an der Fensterscheibe meiner westfälischen Stipendienunterkunft in Schöppingen kleben zu sehen. Zum Glück von außen, denn ich ekele mich ein wenig vor behaarten und bewollten Flugtieren. Es gelang mir, trotz meiner nachvollziehbaren Aufregung, ein Foto des Exemplars zu schießen, weswegen ich nun einer der ganz wenigen Menschen überhaupt bin, denen dies Kunststück gelungen ist. Die Motte machte sich, kaum hatte ich sie abgelichtet, leider wieder von dannen, ich hätte sie gerne noch ein wenig betrachtet. Dennoch aber hat dieses kleine Erlebnis, das muss ich sagen, meinen Aufenthalt in Schöppingen um einiges aufgewertet, was ja nun auch nicht das Schlechteste ist.

Norbert W. Schlinkert – Holländische Wollmotte

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Lesen schadet nur! Paul Jandl hat’s begriffen

Während auf der einen Seite beklagt wird, immer weniger Menschen läsen*, so wird auf der anderen Seite bejubelt, dass es das Buch zum Event** geschafft hat und das literarische Leben floriert. Schreibt beides der Journalist Paul Jandl. Nun ja, wer sich in den Literaturbetrieb begibt, kommt darin um. Festzustellen ist in jedem Fall, das gute Buch, der gute Roman ist so gut wie tot, die Totenfeier des Buches aber ist von steter Dauerhaftigkeit. Nicht etwa, dass man dem Buch die Unschuld geraubt hätte und es so an Wert verlöre, so eine Art Heintje***-Effekt, nein, ganz im Gegenteil, man hat dem Buch die Schuld geraubt, nämlich verantwortlich zu sein für alles, was in ihm und aus ihm heraus geschieht. Das dunkle Geheimnis eines jeden guten Buches, allein dem jeweiligen Leser, der Leserin ganz und gar subjektiv im Leseprozess erkennbar, hat man einfach mal knallbunt angemalt, hat es, wie ein lebendiges Tier, in ein totes verwandelt und in kleinen Einzelteilen dem Publikum zum Fressen vorgeworfen. Häppchenweise. So wenig wie die Teilnehmer eines Festmahls Köche sind, so wenig sind Besucher eines Literaturfestivals nunmal Leser, und Schriftsteller schon gar nicht, sie sind Gäste, Eventhopper, die zu bespaßen eine lukrative Aufgabe zu sein hat. Während also beispielsweise die Möglichkeit einer Aufführung von Musik auf einer Bühne einen fundamentalen Grund der Musik als solcher darstellt und ihr keineswegs Schaden zufügt, kommt dem Buch durch seine Eventisierung der Leser abhanden, denn wer ist schon so blöd, nach der schon genossenen Feier noch draufzuzahlen, mit Geld und Zeit. Und selbst wenn, selbst wenn denn einer nach einem Literaturevent ein Buch kaufte, hätte er dann nicht den Sound der Autorin, des Autors im Kopfe statt des eigenen, was ja nun überhaupt nicht Sinn der Sache ist. Aber wie dem auch sei, es erscheint immer sinnloser, in dieser Welt Jahre damit zu verbringen, einen Roman zu schreiben, der nur noch als garnierendes Häppchen zu gebrauchen ist. Wer trotzdem schreibt weiß, er ist verrückt geworden oder geblieben und zieht seiner eigenen Wege, im Text wie im Leben. Das dazu!

Fleischer-Metzger-Schlachter-Fleischhacker-Fleischhauer. Copyright: www.wurstakademie.com Illustration und Fotos: Mario Pizzinini

 

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Romananfänge ohne Ende I

Ob nun eine Geschichte in Tritt kommt, die Figuren sich verlebendigen, die Orte sich gleichsam materialisieren – oder eben nicht, das zeigt sich (mir) während des Schreibvorgangs. Vorherige Textplanung findet kaum statt. Mancher Anfang bleibt dabei nun in sich selbst stecken, muss deswegen aber noch lange nicht schlecht oder falsch oder misslungen sein, nur weiter geht es eben nicht – wenn wider Erwarten dann doch noch, erfahren Sie es als erste.
Hier ist ein solcher Anfang:

Weiersbach von Weiersbach

Ich wage es, von mir zu schreiben. Über mich. In einem hohen Ton! Auch das wage ich. Ich bin, also erscheine ich. Wer das liest folgt mir bereits, und zwar nicht in diesem seltsamen Sinne der sogenannten sozialen Netzwerke, kein Hinterherschleichen, kein Hinterherhecheln, nein, wer das liest folgt mir unmittelbar. Ich führe. Es werden Zeiten kommen, in denen dieses unmittelbare, eigenständige, von Interesse geleitete Folgen, das Gefolge, als ein Wunder erkannt und auch als solches verkauft werden wird. Sollen sie es verkaufen, Markt ist immer, aber das ändert nichts am Wunder selbst. Ich brauche nur Ich zu schreiben, schon sind wir ein Herz und eine Seele. Ich hätte es allerdings nie, hören Sie: nie!, in Erwägung gezogen, weder Sie überhaupt mit Geschriebenem zu behelligen noch Ihnen wunderliche Weisheiten zu präsentieren, wäre nicht Außerordentliches mit mir und meiner kleinen Welt – klein im Vergleich zum Globus, zu unserem Sonnensystem und so weiter – geschehen. Alles begann damit, dass ich eines Tages, eines Morgens, der Kirschbaum unten im Hof trug erste Blüten, zwei Stare und ein paar Nebelkrähen hockten auf den Müllcontainern, der Wind pfiff scharf sein Liedchen, einen Entschluss fasste, der auf dem Begriff des Aufbruchs fußte. Sich aufbaute. Aus den Ruinen, geschickt mit Kulisse verhängt, meines Daseins sich erhob. Empor, immer empor! Pflichtschuldig nahm ich die Hände aus den Hosentaschen, stieg in die Stiefel und kletterte aus dem Fenster die Feuerleiter hinab. Den letzten Meter springe ich, die Krähen hoppen kurz in die Höhe – und die Geschichte beginnt.

Ich bin als Wigald von Weiersbach geboren, das „von“ habe ich an meinem achtzehnten Geburtstag auf dem Standesamt Weiersbach aus meinem Namen entfernen lassen. Der Beamte war kein Anderer als der Bruder meines Vaters, mein Onkel Walter von Weiersbach. Er sprach davon, dass ich mir da nun etwas aus den Rippen schneide. Er sagte es drei Mal. Seitdem spüre ich unter dem Herzen am Rippenbogen einen Schmerz, einen leichten, aber einen Schmerz. In mancher Nacht verfolgt mich das „von“, es will sich mit mir vereinigen, das weiß ich. Es ist eine Art Tier, ich spüre es in meinem Nacken, es schlüpft mir zwischen den Beinen hindurch, sehen kann ich es nie. Ich fühle es. Es bedroht mich. Meine ältere Schwester Athilde hat ihren Mann gezwungen, unseren Namen anzunehmen und sich vom Gemeindepfaffen im Weiersbach evangelisch taufen zu lassen. Nicht in, im Weiersbach! Zum Glück war es leidlich warm. Er gab ihr das Ja-Wort, sie ihm das „von“. Meine jüngere Schwester Mona, genau genommen ist sie meine Halbschwester, ist mit mir noch am ehesten solidarisch, sie ist vier Jahre jünger, aber auch sie nennt mich nach der Beschneidung der Namens nur noch Weiersbach. Ich heiße Weiersbach. Das habe ich mir später, in Berlin, als Künstlernamen in meinen Personalausweis einprägen lassen. Niemand tat eine Bemerkung. Weiersbach, das ist mein Name. Mein Vater starb während meiner Geburt. Ich bin der einzige Mann in unserer Familie, dem Blute nach, wie meine Mutter sagt.

Mein Stiefvater, ein geborener Schmelkmann, Werner jun., schweigt zu all dem. Er neigt ohnehin eher zu stereotypen Aussagen, repariert den alten grünen Landrover, wann immer der muckt, und kümmert sich auch sonst um alles Häusliche. Mona nennt ihn „den Schmelk“, „kann der Schmelk machen“, sagt sie oft, oder „wenn der Schmelk sich nicht kümmert, ich kümmere mich nicht“. Auch so Stereotype, möchte man meinen, und dabei ist Werner ihr richtiger, ihr biologischer Vater. Mona sagte einmal, der Schmelk hätte gerne bei ihrer Geburt sterben dürfen, Herzinfarkt oder so.

Mit achtzehneinhalb, direkt nach dem mit 3,7 bestandenen Abitur, bin ich weg von Weiersbach, weg vom „von“. Mona gab mir die Hand, machte einen Knicks, drehte sich um und verließ den Bahnsteig. Der Zug brachte mich in eine Stadt, ich sage nicht in welche, denn alle sind gleich heutigentags. Sie ist groß, trotzdem aber kann man in weniger als sechs, sieben Stunden quer hindurchgehen. Groß ist relativ. Die Stadt heißt Berlin. Jetzt habe ich es doch gesagt. In Berlin bin ich verschwunden. Die Krähen, die Krähen. Der Rest ist Schweigen.

© Norbert W. Schlinkert 2018 – Alle denkbaren Rechte weltweit und darüber hinaus beim Autor
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Norbert W. Schlinkert: Der Zerbrochene (Kurzgeschichte)

Der Richter stellte die Frage noch einmal, etwas lauter diesmal. Doch der Mann dort unten wand sich weiter in Krämpfen, presste die Hände an den Kopf und riss immer wieder den Mund auf, so als wolle er schreien. Der Richter machte dem Wachtmeister ein Zeichen. Als der Arzt endlich erschien, ein schier unmöglicher Mensch, war der Angeklagte aber schon wieder ruhig und saß stattdessen still und gefasst und mit geschlossenen Augen aufrecht da, die Hände reglos im Schoß. Er spürte sein Herz schlagen, kawumm, kawumm machte es, aber nein, wirklich, nein, sagte er sich, der Schmerz sitzt im Kopf, das Herz ist ganz schuldlos daran. Auf einen Wink des Richters hin ließ sich der Arzt unwillig auf die dem Angeklagten nächste der Zuschauerbänke fallen, die ansonsten ganz leer waren. Der Arztkoffer krachte zu Boden. War der Saal nicht eben noch voll gewesen, bis auf den letzten Platz besetzt, voll auch mit Getuschel, Hüsteln, Schnauben, Lachen und Poltern? Der Angeklagte öffnete die Augen. Die große, runde Lampe aus milchigem Glas, hoch an der Wand, flackerte noch immer, darunter das über der roten Robe ganz klein wirkende Gesicht des Richters. Mild blickte der jetzt hinunter in den Saal, räusperte sich und legte den Kopf ein wenig schief.

– „Nun“, fragte er also wieder, „warum haben Sie das letzte Angebot Ihrer Hausbank nicht angenommen, um so die Insolvenz zu vermeiden?“

Der Arzt begann mit den Fingern auf der Armlehne eine Art Melodie zu trommeln. Der Angeklagte sah zum Richter hinauf und blinzelte ihn an, ohne etwas zu sagen. War denn da überhaupt, dachte er, etwas zu vermeiden gewesen und nicht schon längst alles entschieden? Ohne dass er überhaupt gefragt worden wäre oder hätte etwas tun können?

– „Das ist“, zischte ihm der Arzt in den Nacken, „aus der Symphonie Fantastique von Hector Berlioz. Das kennen Sie sicher.“

– „Nun?“, fragte der Richter.

– „Sie wissen schon, der 4. Satz, der Gang zum Schafott.“

– „Nun?“

Man hat diese Lampe dort, denkt er, statt zu antworten, an eben der Stelle angebracht, wo zuvor das Kreuz gehangen hatte! Jahrzehntelang. Links und rechts und unten sieht man es noch, die noch hellen Stellen im Graugelb der Wand. Von der Decke her hat man über Putz, in einem weißen Plastikrohr, ein Elektrokabel verlegt. Ein von der Wand nach so langer Zeit abgenommenes Kreuz bleibt ja sichtbar, denkt er, die ganze Wand muss neu gestrichen werden, will man das unsichtbar machen. Muss mehrmals gestrichen werden! Eine Lampe ist billiger. Das spart Geld.

– „Mein Mandant möchte auf diese Frage im Augenblick nicht antworten“, hörte er sagen.

Sagte also jemand bei einer Aussage, fiel ihm ein, grad eben, als sein Verteidiger ihm väterlich die Hand auf die linke Schulter legte, sagt also hier im Gerichtssaal jemand „So wahr mir Gott helfe“, so ist da immer dieses Kreuz gewesen, jahrzehntelang, dort, wo jetzt die Lampe ist, die flackert. Jeder, der diesen Satz sagte oder auch nur dachte, wer weiß, vielleicht zum ersten Mal im Leben, blickte auf zu diesem Kreuz, ein ihm bis dahin ganz fremdes Ding womöglich.

Der Arzt begann die Melodie des 4. Satzes zu summen und ließ weiter die Finger tanzen.

– „Kennen Sie sicher“, flüsterte er scharf.

– „Nun gut“, sagte der Richter, „aber vielleicht nehmen Sie Stellung zu der Frage, warum Sie ausgesagt haben, von der Bankfiliale nach Hause gefahren zu sein, um Ihre Frau und Kinder zu ermorden!“

– „Einspruch“, rief der Verteidiger, „der Angeklagte hat ausgesagt, er habe seine Familie ermordet vorgefunden.“

– „Uns liegen, wie Sie wohl wissen, mehrere widersprüchliche Aussagen vor, die wir im Gesamtkontext zu bewerten haben, zunächst unabhängig vom Wahrheitsgehalt der einzelnen Aussagen.“

Der Arzt kicherte im Takt.

– „Die Staatsanwaltschaft“, brummte es von der Seite, „geht davon aus, dass der Angeklagte zunächst zu Protokoll gab, seine Familie ermordet und das Haus angezündet zu haben.“

Für einen Moment sagte niemand etwas und der Angeklagte machte sich auch nicht die Mühe, sich dem Staatsanwalt zuzuwenden. Stattdessen ließ er seinen Blick weiter auf der Lampe ruhen. Eine große, gewölbte Milchglasscheibe auf einer Blechfassung montiert, in der vage drei Röhren zu erkennen waren, hochkant, von denen eine, die mittlere, flackerte, kaum erkennbar bei hellem Tageslicht.

– „So wahr mir Gott helfe“, flüsterte er, „so wahr mir Gott helfe, so wahr mir Gott helfe.“

Der Richter winkte dem Wachtmeister, der einmal quer durch den Saal humpelte. Ob ihm nicht gut sei, ob er ein Glas Wasser wolle, wurde gefragt, und als er nicht antwortete, ging der Wachtmeister auf einen weiteren Wink des Richters hinaus.

Man wartete schweigend, nur der Arzt summte leise weiter die Melodie von Berlioz, bis endlich das Glas hereingetragen wurde. Wie eine Monstranz, so dachte der Angeklagte, als er die Hand ausstreckte, es entgegenzunehmen, und im jetzt plötzlich schräg in den Gerichtssaal fallenden Sonnenlicht erkannte er, dass das Wasser nicht ganz sauber war. Er nahm einen Schluck, voll Widerwillen, und stellte das Glas neben sich auf die helle Buchenholzbank, die ursprünglich hochglänzend lackiert gewesen sein musste, nun aber dort, wo die Angeklagten saßen, nur noch matt glänzte. Die Hosenböden der Angeklagten, dachte er, haben den Glanz zum Ermatten gebracht. Auch die Armlehnen waren matt, während unter ihnen, am Rand der Sitzfläche, eine Spur des alten Glanzes erhalten geblieben war.

– „Sind Sie in der Lage, weitere Fragen zu beantworten?“, hörte er den Richter sagen.

Sein Verteidiger stieß ihn leicht an.

– „Warum riefen Sie nicht die Polizei, nachdem Sie Ihre Familie ermordet vorgefunden haben wollen? Statt einige Stunden später die Polizeiwache aufzusuchen?“

– „Haben wollen, haben wollen“, kicherte der Arzt, hauchte ihm seinen heißen Atem in den Nacken und trommelte wieder auf der Armlehne herum.

Ja, warum bin ich nicht auf das Angebot der Bank eingegangen, dachte er, statt zu antworten. „Sie sind ein toter Mann“, hatte der Bankdirektor, zu ihm gesagt, fiel ihm ein, der sich persönlich hatte überzeugen wollen vom Unglück seines Kunden und urplötzlich aufgetaucht war an jenem entscheidenden Tag, als alle anderen schon fort waren und er allein durch die verwaisten Räume streifte.

– „Wenngleich natürlich nur in finanzieller Hinsicht, mein Lieber“, hatte der Direktor noch lächelnd hinzugesetzt, „aber das ist die Botschaft! Kein Geld, kein Leben. So sind, mein Gott, die Regeln, finden Sie sich damit ab! Wir als Bank gewinnen natürlich doppelt, so oder so, das entspricht dem System. Ich sage das rundheraus, mein Bester! Aber vielleicht kommen Sie doch noch einmal bei mir vorbei, womöglich habe ich noch ein letztes Angebot für Sie.“

Ein letztes Angebot! Und hatte der Kerl nicht sogar unter den Zuschauern gesessen? Dort, wo nun der Arzt saß, der jetzt leise vor sich hin pfiff.

Eine ganze Weile sagte niemand etwas, sowohl der Richter als auch der Staatsanwalt machten sich Notizen. Das Wummern in seiner Brust verstärkte sich wieder, schlug ihm jetzt sogar schmerzhaft bis in den Hals, ja es schien ihm fast, als müsse man sein Herz deutlich sehen, wenn er nur den Mund weit genug öffnete, sehen, wie es in den Mundraum drängte, pulsierend, rot schimmernd, immer ein wenig mehr sich hinein- oder vielmehr aus dem Körper sich herausarbeitend, um schließlich den Mund völlig auszufüllen. Er bekam immer schlechter Luft. Der Richter sagte etwas, doch er hörte nichts außer seinem eigenen Atmen, wie gegen ein Ventil hatte er anzuatmen, ein wie auch immer verkehrt herum eingesetztes Ventil, dachte er. Verkehrt herum! Das Glas mit dem Wasser fiel zu Boden, es drehte sich, auf der Seite liegend, einige Male um sich selbst und lag dann still. Es glotzte ihn an. Er war zu Boden gesunken.

– „Ohnmacht?“, fragte einer, und da packte ihn auch schon jemand unter die Achseln, so dass er mit einem Male zwei kräftige Fäuste vor seinem Gesicht hatte, geballt und zu allem bereit. Ein anderer hatte seine Füße ergriffen, vielmehr seine Fersen, so dass ihn nun diese beiden, der Jemand, von dem er nur die Fäuste sah, und der Andere, von dem er nichts sah, in der Schwebe hielten.

– „So wahr mir Gott helfe“, sagte er leise.

Um ihn herum wurde gesprochen. Ein Kichern war zu hören. Der Arzt? Er schloss die Augen. Aber, überlegte er, wie hilft denn Gott überhaupt? Wie spricht denn Gott zu demjenigen, der Hilfe benötigt? Was tut er, was sagt er? Welche Worte wählt er? Spricht er überhaupt, rät er, was zu tun ist, zu kämpfen, aufzugeben, die andere Wange hinzuhalten? Warum habe ich nie darüber nachgedacht und tue es erst jetzt, dachte er, angesichts eines Kreuzes in einem Gerichtssaal, das nicht einmal mehr vorhanden ist? Brachte ihm Gott also jetzt Hilfe, Rettung? Oder lähmte ihn das Nachdenken über Kreuz, Gott und Sprache nur? Hinderte ihn also eher, als dass es ihm nutzte? Warum musste denn Gott überhaupt helfen, wenn etwas wahr ist? Und hilft Gott nicht auch denen, die die Unwahrheit sagen?

Er öffnete die Augen. Man musste wohl beschlossen haben, ihn fortzutragen. Die Lampe, nun aus seinem Blickfeld verschwindend, flackerte noch immer weit oben an der Wand, er bekam noch immer keine Luft und seine Füße waren jetzt eiskalt. Er hob ein klein wenig den Kopf, auch wenn es ihn sehr anstrengte. Der Andere, der ihn an den Fersen trug und rückwärts ging statt vorwärts, fast so, als sei er daran gewöhnt und mache es regelmäßig, kam ihm durchaus bekannt vor, doch war es nicht etwa sein Verteidiger, keineswegs, und es war auch durchaus nicht der Richter, auf keinen Fall. Auch nicht der Arzt, nicht der Bankdirektor, nicht der Wachtmeister. Er ließ den Kopf wieder sinken. Noch immer schlug sein Herz dumpf und wie in Zeitlupe, er erkannte den Türrahmen aus Eiche und die zweiflügelige Tür, die er nur im Anschnitt sehen konnte, dann den Flur, die Tonnendecken, die weißen, erleuchteten Kugellampen, in denen tote Insekten den unteren Bereich grau und schmutzig erscheinen ließen. Auch als es eine große und breite Treppe hinunterging, er konnte sich nicht erinnern, sie hinaufgegangen zu sein, und er den immer noch rückwärtsgehenden Anderen besser sehen konnte, wollte ihm nicht einfallen, wer dieser Andere nur sein könnte. Ein Tropfen fiel auf seine Stirn und lief ihm die Nase hinab in den Mund. Auch der Andere schwitzte jetzt, sah er. Doch schon hatten sie die Treppe bewältigt und waren im Freien, nun ging es ebenerdig weiter. Er erkannte einen blauen, hohen Himmel. In großer Höhe waren Vögel zu sehen. Keine Wolken. Kies knirschte unter den Schuhen, sie schritten voran, wie Soldaten, im Gleichschritt, nur dass Soldaten nicht rückwärts marschierten, wie der Andere es tat. Er hörte sie keuchen und er spürte, dass sie sich ansahen und sich gegenseitig Mut machten, nur mit den Augen. Der Jemand hinter ihm fasste jetzt nach, indem er ihn kurz nach oben stieß und die Fäuste neu ballte, was den Anderen aus dem Tritt zu bringen schien, jedoch nur kurz. Baumkronen waren zu sehen, die Schritte aber nicht mehr zu hören, so als liefen sie auf Gras. Nur ein leichtes Keuchen war noch zu vernehmen, ein kurzes Hüsteln, ein pfeifendes Atmen, mehr nicht. Auch sie bekamen schlecht Luft, wenngleich nicht in dem Maße wie er selbst. Der Andere musste nun mit der Sohle eine Tür aufgestoßen haben, sicher eine Metalltür, die in ihren Angeln quietschte, eine Pendeltür. Eine weitere Tür folgte, ein Türrahmen aus Metall, kaltes Licht in einem großen Raum mit hoher Decke. Die Tür fiel leise ins Schloss.

Der Raum war kühl, und irgendwo tropft sicher ein Wasserhahn, dachte er, wenn auch nichts zu hören war außer den jetzt schlurfenden Schritten. Er wandte noch einmal alle Kraft auf, den Kopf ein wenig zu heben, um den Anderen noch einmal anzusehen, doch im selben Moment stieß man ihn zur Seite. Er spürte die harte Unterlage, auf der er nun lag. Kein Zweifel möglich, er lag wieder, diesmal aber nicht auf dem Boden, wie im Gerichtssaal, er lag höher, auf einer schmalen Pritsche womöglich, über ihm die weiße Decke. Wenn er jetzt nur den Kopf ein wenig drehen könnte, das musste gelingen, es war deutlich leichter, als ihn zu heben, so viel Kraft sollte er noch aufbringen, unbedingt, dann könnte er nochmals einen Blick werfen auf den Anderen und, zum ersten Mal, auf den Jemand. Es gelang ihm. Der Jemand, der ihn unter die Achseln gefasst und so getragen hatte, war ohne Zweifel sein Verteidiger. Er schwitzte, der Schweiß rann ihm von der Stirn. Er atmete schwer und blickte ernst auf ihn hinunter. Der Andere aber, mit vor der Brust verschränkten Armen dastehend, wirkte keineswegs ernst, im Gegenteil, er schien zufrieden und lächelte vor sich hin. Wer nur mochte er sein? Plötzlich aber nickten beide sich wortlos zu und schoben die Lade, auf der er lag, mit Schwung in die Tiefe der Wand, eine dunkle, schmale Kammer. Ein Klicken noch, dann Dunkelheit, tiefe Stille und eisige Kälte. Sie sind ein toter Mann, dachte er, hatte der Bankdirektor gesagt, so wahr mir Gott helfe, dachte er, so wahr mir Gott helfe, und da war auch schon wieder dieses Kichern hinter ihm und das Trommeln der Finger auf der Armlehne. Er saß auf der Bank und die Lampe flackerte. Alle sahen ihn an.

– „Sie haben der Polizei gegenüber unter anderem angegeben“, sagte der Richter, „Ihre Frau und Ihre Kinder ermordet in Ihrem Haus vorgefunden und dieses in Brand gesetzt zu haben. Was haben Sie damit beabsichtigt?“

Beeinflusst denn, dachte er, statt auf die Frage zu antworten, ein Kreuz an der Wand die Wahrheitsfindung?

Der Richter machte dem Verteidiger ein Zeichen, dass er nicht jedes Mal darauf hinweisen müsse, wenn der Angeklagte sich nicht äußern wolle.

– „Nun“, sagte der Richter, sich räuspernd, „dann nochmals die andere Frage: Warum haben Sie das Angebot der Bank nicht angenommen, um so die Insolvenz zu vermeiden?“

– „Das ist“, hörte der Angeklagte den Arzt wieder leise sagen, er neigte sogar den Kopf zu ihm hin, „aus der Symphonie Fantastique von Hector Berlioz. Sie wissen schon, der 4. Satz, der Gang zum Schafott.“

– „Und noch einmal: Warum haben Sie“, fuhr der Richter jetzt ungeduldig fort, „bei der Polizei angegeben, Frau und Kinder ermordet und Ihr Haus angezündet zu haben? Sie haben weder Frau noch Kinder noch besitzen Sie ein Haus!“

Die Lampe hoch an der Wand flackerte.

Stille.

– „Ich hätte gerne“, sagte er dann endlich, „etwas zu verlieren gehabt. Wie dieser Kerl aus der Bibel.“

– „Hiob“, brummte der Staatsanwalt.

– „Ja, Hiob“, sagte er, „der hat etwas zu verlieren gehabt! Und zu gewinnen! Nicht wahr?“

Norbert W. Schlinkert: Am Gardasee, 2017

© Norbert W. Schlinkert 2017 – Alle denkbaren Rechte weltweit und darüber hinaus beim Autor
PS: Aufmerksame Leser werden bemerkt haben, dass der Zerbrochene eine andere Version des Anderen ist!

 

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Wie ich Schriftsteller wurde

Als Kind verbrachte ich eine Woche damit herauszufinden, ob ich an Gott glauben könne. Nach Ablauf der angesetzten sieben Tage war die Sache für mich erledigt, denn gäbe es, so dachte ich, einen Gott, an den zu glauben wäre, so würde er sich doch wohl gemeldet haben. Ich muss etwa acht Jahre alt gewesen sein. Die mich umgebende Welt der Erwachsenen war mir derweil übrigens weitgehend unverständlich. Genau genommen ging ich davon aus, all die großen Menschen müssten mehr oder weniger dumm sein, denn meine häufigen Fragen, sei es nun bezüglich eines Gottes oder wo denn all die Vergangenheit geblieben sei, das Leben vor mir, von dem ja zum Beispiel ältere Häuser, Kirchen, Straßen und große Bäume zeugten, blieben entweder gänzlich unbeantwortet oder wurden mit den gängigen Stereotypen abgetan. Natürlich kannte ich damals das Wort Stereotyp noch nicht, doch glauben Sie mir, ich habe dieses automatisch Dahingesagte schwer am eigenen Leibe erlitten, denn Sätze dieser Art dringen erbarmungslos in die Ohren des unschuldigen Kindes ein und verursachen eine Bitterkeit, die sich nicht nur vom Hirn aus bis in die Zehenspitzen ausbreitet, sondern sich auch im Gemüt festsetzt, einnistet. Ein jedes Mal, wenn etwa der Satz „das verstehst du noch nicht“ fiel und ich hätte denken, ja hätte sagen müssen, „aber eben deswegen frage ich doch“, durchfuhr mich eben diese Bitterkeit, gepaart mit der erwähnten Erkenntnis, wie dumm doch diese Leute alle sind. Dementsprechend fruchteten Versuche, mir so etwas wie Intelligenz, Sachverstand und Bildung vorzuspielen immer weniger, selbst Lehrer verrieten sich, indem sie mich nicht verstanden und stattdessen auf irgendetwas verwiesen oder zeigten, auf Texte, Bilder, Landkarten oder was auch immer. Hatte ich Gott noch eine Frist von sieben Tagen gewährt, sich mir zu erkennen zu geben, so gab ich den Sterblichen um mich herum immer öfter nicht mehr als ein paar Augenblicke, mich davon zu überzeugen, dass sie mir, wie es den Jahren nach hätte sein müssen, voraus sind. Es gelang keinem einzigen von ihnen, das sei gesagt, auch wenn ich nicht den Stab über sie brach. Das wäre ungerecht gewesen. Die an meine Zeitgenossen gerichtete Fragerei als solche gab ich indes, den Umständen entsprechend, nach und nach weitgehend auf, und heute frage ich sogar überhaupt nicht mehr, denn natürlich kann ich mir erstens alle möglichen Antworten selber ausdenken, und zweitens werde ich selbst gerne gefragt, was mich in die Lage versetzt eben das zu tun, was ich gerne tue, zu antworten nämlich. Genau genommen warte ich nicht einmal mehr auf die ganze Fragerei, sondern frage mich ganz einfach selbst, um mir dann, ganz meinem eigenen Wissensdurst hingegeben, in vorauseilendem Eifer selbst zu antworten. Und da ja nun jede Antwort wieder Fragen nach sich zieht, sie aufwirft, geradezu aufwühlt wie das Wildschein den Kartoffelacker, komme ich überhaupt gar nicht mehr aus dem Antworten, dem Erzählen heraus. Antwort folgt auf Frage und Frage auf Antwort. So also, Welt!, wurde ich, kurz gesagt, Schriftsteller, was noch immer, keine Frage, der schönste Beruf der Welt ist.

Norbert W. Schlinkert, Alexander Graeff, 22.05.2016 in der Brotfabrik, Berlin Weißensee

 

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Volksbühne Berlin, Chris Mess 2017

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Von mir einmal abgesehen. Oder: Überall nur Väter

Ganz sicher wäre es interessant, wenn auch vollkommen sinnlos, sich aus kulturwissenschaftlicher Sicht noch einmal die Ich-Literatur der Kriegs- und Nachkriegskinder ganz genau anzusehen, denn so etwas wird es nie wieder geben. Dieser Gedanke ist mir (und den Leser:Innen meiner Generation) natürlich nicht neu, nachdem wir jahrzehntelang lesen mussten oder zumindest lesen hätten können, welche Auswirkungen die Nazizeit und der Krieg, die Nachkriegszeit und das Leben in BRD und DDR auf das zarte Ich-Gespinst hatte, welche Verluste zu beklagen, welche Schäden an Geist und Gemüt angerichtet worden sind und so weiter. Große Kunst ist dabei nicht allzu häufig herausgekommen, wenn auch mancher sagt, darum sei es auch nie gegangen, was dann allerdings als ein Schaden besonderer Art zu verbuchen ist. Mittelmaß mit Inhalt reicht einfach nicht, jedenfalls nicht über den Tag hinaus. Die wenigen herausragenden Texte dieser Autoren werden demzufolge nicht wegen der persönlichen Auseinandersetzung mit Faschismus, Krieg, Shoah und Vertreibung bleiben, sondern aufgrund ihrer künstlerischen Substanz, denn sie beschreiben nicht primär das in Sachbüchern ohnehin besser Aufgehobene, sondern sind viel mehr, in einem Übermaß frisch erfunden nämlich und weniger protokollierend, ergründend, erforschend und verarbeitend. Nicht etwa, dass ich der Meinung wäre, die nun also „befreite“ Literatur der späteren Generationen sei besser als die unmittelbar unter dem Kreuz geschriebene, nein, nein, aber ich will ohnehin auf etwas ganz anderes hinaus, nämlich auf die der heutigen Geschwätzigkeit geradezu entgegengesetzten Schweigsamkeit, Sturheit und Ich-Versunkenheit der Väter meiner Generation (die zwischen 1930 und 1950 geborenen). Mein Vater etwa, letztes Jahr im Alter von 82 Jahren verstorben, war nie bereit, nie fähig, sich auf eine Diskussion einzulassen, zu welchem Thema auch immer – eine Mauer aus Sturheit, uneinreißbar, verhinderte das. Schon als Kind bin ich mit allen mir wichtigen Fragen an seinem Schweigen gescheitert oder an stereotypen Entgegnungen – die einem Kind und auch noch dem jungen Erwachsenen so eminent wichtige ideelle Unterstützung hat es, demzufolge, nie gegeben. Hätte ich mich nun je alleine gefühlt mit dieser Erfahrung, wer weiß, womöglich würde ich zu diesem Thema einen Roman geschrieben haben, hätte damit allen anderen aus dem Herzen gesprochen und Erfolg geerntet. Dazu ist es, wem auch immer sei Dank, nicht gekommen, denn ich hatte den Zwang eben nicht, Zwangsjacken zu beschreiben, weder die, in der der Vater steckte, noch die meine, in die ich, wie noch alle meiner Generation, gesteckt wurde. Das Thema des zwanghaften, nachkriegsgenerationstypischen Rückzugs ins Private, wohlig Kleinbürgerliche, ließ ich also tiefverschlossen im Vater, denn ich hätte um der Kunst willen Sprachlosigkeit sprachlich nachvollziehen müssen, indem ich all das auf mich bezogen hätte. Das zwanghafte Anpassen meines Vaters, aller Väter an das vom miefigpiefigen Zeitgeist Geforderte, verbunden mit fleißigem Arbeiten, mit dem man sich so oder so schadlos zu halten glaubte, warf zwar seinen Schatten auf mich als Vaters Kind, bis in meine Dreißiger hinein, aber zu meinem großen Glück wurde ich früh schon eben jener anderer Väter ansichtig, die ebenso verschlossen waren wie meiner, ebenso resistent gegen alles Künstlerische, Intellektuelle, neu Gedachte. Dieser Ichverbunkerung stand, Stichwort 68er-Generation, ein Aufbruch entgegen, dem die oben benannte Ich-Literatur entronnen ist und der ich, der wenigen ganz gelungenen Werke wegen, immerhin zu verdanken habe, ahnen zu können, mit welchen Widerwärtigkeiten, Ängsten, Schmerzen und Verlusten die Vätergeneration zu kämpfen hatte, so dass ich heute weiß, dass das mir Abverlangte wenig ist gegenüber dem Leiden der Väter, sähe man es vergleichend, abwägend – und eben an diesem Punkt bin ich dann doch ausschließlich bei mir, indem ich aus ganz egozentrischer Betroffenheit beschließe, all das hier Beschriebene eben nicht zu meinem Thema zu machen, oder eben nur, verworren und nicht zuende gedacht, dieses einzige Mal.

Dieser Text ist in freier „kleistscher“ Gedankenassoziation entstanden und ohne Unterschrift gültig.

Spiegelschrift

 

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Ist Literatur nur noch Beipackzettel?

Wie lange ist es eigentlich her, dass von freien Schriftstellern und Schriftstellerinnen die Rede war? So weit ich mich erinnere ist das „Frei“ einmal nichts weiter gewesen als das Unterscheidungsmerkmal gegenüber im Fremdauftrag Schreibenden. Heutigentags aber sagt das keine Sau mehr, Freier Schriftsteller, Freie Schriftstellerin, was daran liegen mag, dass so Mancher und Manche der gleichsam Veröffentlichten das Schreiben von Texten nicht in einem per se künstlerischen Kontext betreibt, sondern sich von Anfang an in der Sphäre des Bürgerlichen bewegt, also im Dauerzustand des per se Beauftragtseins. Allein schon die um sich greifende, mit keinem rhetorischen Geschwafel je zu rechtfertigende Verquickung von literarischem Schreiben und Journalismus ist Ausdruck dafür. Für das Schaffen von Kunst aber gilt nach wie vor, um das mal wieder all jenen Verwirrten ins Gedächtnis zu rufen, dass man diese zum einen aus eigenem Antrieb heraus zu erschaffen sucht und zum anderen durchaus nicht zwingend zu Markte, ins bürgerlich konstituierte Lager zu tragen hat, sondern dass ganz im Gegenteil der bürgerliche Mensch sich zitternd und zagend mit dem der Wohlverhaltensdoktrin (Ordnung und Fleiß) abgepressten Mute sich der Kunst nähert, so weit er dies vermag, nicht um sie zu kaufen und zu musealisieren, sondern um Fremdes, Unerhörtes, Falsches, Böses, Abgründiges, aber auch durchaus Schönes und Gutes zu erahnen, zu erschmecken, wohl bemerkend, wie sehr die Verachtung des Künstlers für sein bürgerliches Unterwerfungsleben jede Zeile etwa eines Romans durchdrungen hat, ohne jede Anbiederung an die Leserschaft, ohne eine einzige Geste des Wohlwollens. So wird der Bürgerliche in einen, ja in seinen Malstrom gerisssen, Ekel, Angst und Lust zugleich verspürend – oder würde gerissen werden, denn die gegenwärtig Schreibenden und dies oft und sicher bald ausschließlich in Instituten Lernenden streben, so scheint mir, nichts weiter an als eine bürgerliche Karriere, indem sie im Kontext von Preisen, Stipendien und Journalismus systemimmanent und reibungsfrei funktionieren und nichts anderes mehr im Kopf haben als jene, die ihnen ihre Werke abkaufen. Die bildende Kunst ist derweil schon völlig auf den Hund gekommen, dient entweder pädagogischer Bespaßung oder politischen Zwecken, während es in der Literatur noch, so denke ich, Hoffnung gibt, gelegentlich einmal eine Nadel im Misthaufen zu finden, ein Werk, dessen entscheidender Antrieb nicht vorauseilender Gehorsam war, sondern die Lust, aus der Wirklichkeit heraus etwas offen Anderes zu erschaffen, etwas Gewalttätiges aus Sprache, eine Herausforderung der Welt, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat. Alles andere ist keine Kunst.

Illustration zu Edgar Allan Poes „A Descent into the Maelstrom“, Harry Clarke (1889-1931)

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Tillmans Wahl-Werbung!

Immer wenn ich einen Kulturpessimisten sehen wollte, stellte ich mich vor den Spiegel. Meistens sah er mich nur an, der Kulturpessimist, bis ich aufgab und wegguckte. Ich weiß, was Du denkst, dachte ich jedesmal, aber das half mir dann auch nicht weiter. Einmal aber guckte ich nicht weg. „Unter der dünnen Schicht Zivilisationsschminke“, sagte ich, „scharrt doch die Barbarei mit den Hufen.“ Er guckte mich verächtlich an, als wäre er völlig anderer Meinung, drehte mir seine Hinteransicht zu und ging einfach weg. Das kann er doch nicht machen, dachte ich. Kurzentschlossen folgte ich ihm, ich sprang einfach in den Spiegel hinein, rollte mich gekonnt ab und lief ihm hinterher, packte ihn an der Schulter und riss ihn herum. Er grinste mich an. „Reingetappt!“, sagte er, machte sich mit einem Ruck los und ging seiner Wege. Ich aber war hinter den Spiegel geraten, das wurde mir erst jetzt richtig klar. „Verdammt!“, rief ich verdruckst in mich hinein. Ich sah mich um. Ich befand mich in einer Location in Berlin-Mitte, wie es aussah, überall lümmelten schicke Kulturschickeristen herum, tranken angesagte Getränke aus Pfanddosen, schleckten das beste Eis der Stadt von glutenfreien Hörnchen, pusteten nach Minze duftende, nikotinfreie Wasserwölkchen aus ihren wie kubanische Zigarren aussehenden E-Zigaretten teils selbst gezeugten Kindern mitten ins fröhliche Gesicht, präsentierten ihre Tätowierungen mittels extra zu diesem Zwecks in den Designerklamotten gelassenen Löchern, bewunderten sich selbst in den rundherum angebrachten Spiegeln, wiesen wie besoffen immer wieder mit aufgestülpten Lippen schwer nickend auf die wahrscheinlich mit speziellem Klebeband auf die Spiegel geklebten Plakate, … oha, dachte ich, was mochten diese wohl bedeuten? Schwungvoll trat ich näher heran. Blumen sind schön, las ich, Wählen gehen auch. Ein Foto von der Sorte Nicht-der-Rede-wert zeigt eine Blume, Wasser, Schiff und Berge, ich trat noch näher heran und, aha, im Kleingedruckten stand es, darum geht es also, dachte ich, zum Wählengehen am 24. September des Jahres 2017 wird hier aufgerufen, Bundestagswahl! Und es wird voll durchgeduzt, ergo ist die Jugend gemeint. „Geht wählen“, schallt es also von all den Plakaten, „wählt!, aber um der Gottheiten willen nicht die AfD!“ Ein weiteres Plakat der gleichen Sorte zeigt Menschen in einer angesagten Location, die angesagte Getränke aus Pfanddosen trinken und sicher irgendwo das beste Eis der Stadt von glutenfreien Hörnchen schlecken, naja, und so weiter, Sie wissen schon. Mannomann, dachte ich, da wird die Jugend es angesichts dieser Plakate aber schön bleiben lassen, die AfD zu wählen, denn schließlich kommt diese allerbestens gemeinte Aufforderung in der für die allgemeine Aufmerksamkeitsspanne genau richtigen Länge, Breite, Höhe und Größe daher, ist nicht weiter kompliziert und außerdem von eben den Menschen aus eben den Kreisen verfasst, in die doch alle Jugend hinein will. Feiern gehen, pastellfarbene Plakate angucken, angesagte Locations besuchen, das beste Eis der Stadt schlecken und so weiter. Welch herrliche Aussichten! Geht wählen! Und da rede noch einer von Kulturpessimismus, donnerwetternocheins!

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Zur Abwexlung mal wieder einen fluffigen Beitrag von der Sorte Hastenichgesehen

Was mir dann doch immer wieder verstärkt auffällt ist, dass die meisten Autoren und Autorinnen der Publikationen, in denen ich selbst kleine und größere Arbeiten veröffentlicht habe oder die mir so in die Hände fallen, laut Selbstauskunft garnichts gelernt, sondern nur studiert haben. Das ist seltsam. Zu hoffen ist natürlich, dass manche wenigstens früher arm waren und während des Studiums nebenbei haben arbeiten müssen. Aber egal! Außerdem kommt es natürlich auf die Qualität der Texte an, und zwar ausschließlich! Aber da ich grad drüber nachdenke, dass Baggerfahrer heutigentags keine Gedichte mehr veröffentlichen, will ich mal (mir selbst an-) sehen, was ich für meine Wenigkeit denn so an Arbeit getrieben, in welchen Bereichen ich also meine Arbeitskraft auf den Markt geworfen habe. Mannomann, da kommt scho‘ a bisserl z’ammen: die Lehre natürlich als Tischler, dann so eine Art Hausmeister in einer Jugendbildungsstätte (sogenannter Zivildienst), dann war ich eine Weile Möbelpacker, bin LKW gefahren (die großen), habe beim Fernsehen gearbeitet („Kabelaffe“), als Bühnenhandwerker in der Oper gewirkt, als Verkäufer auf dem Weihnachtsmarkt geschuftet, dann im Großhandel (Tischlereibedarf) ein paar Jahre gemacht, die Geräte in einem Fitnessstudio gewartet, Suchmaschinenoptimierung betrieben, als Barkeeper bei privaten Feierlichkeiten geschwitzt und dann natürlich auch noch wissenschaftliche Texte geschrieben, Vorträge gehalten, Lehrbeauftragter gewesen und, Hauptsache, (seit Jahrzehnten) literarische Texte verfasst – und wenn Sie mich fragen, jetzt wäre es schon an der Zeit, Letzteres, das Schreiben, als einzige (bezahlte) Tätigkeit auszuüben. Ich meine ja nur. Auf jeden Fall arbeite ich dran!

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