Norbert W. Schlinkert: Der Zerbrochene (Kurzgeschichte)

Der Richter stellte die Frage noch einmal, etwas lauter diesmal. Doch der Mann dort unten wand sich weiter in Krämpfen, presste die Hände an den Kopf und riss immer wieder den Mund auf, so als wolle er schreien. Der Richter machte dem Wachtmeister ein Zeichen. Als der Arzt endlich erschien, ein schier unmöglicher Mensch, war der Angeklagte aber schon wieder ruhig und saß stattdessen still und gefasst und mit geschlossenen Augen aufrecht da, die Hände reglos im Schoß. Er spürte sein Herz schlagen, kawumm, kawumm machte es, aber nein, wirklich, nein, sagte er sich, der Schmerz sitzt im Kopf, das Herz ist ganz schuldlos daran. Auf einen Wink des Richters hin ließ sich der Arzt unwillig auf die dem Angeklagten nächste der Zuschauerbänke fallen, die ansonsten ganz leer waren. Der Arztkoffer krachte zu Boden. War der Saal nicht eben noch voll gewesen, bis auf den letzten Platz besetzt, voll auch mit Getuschel, Hüsteln, Schnauben, Lachen und Poltern? Der Angeklagte öffnete die Augen. Die große, runde Lampe aus milchigem Glas, hoch an der Wand, flackerte noch immer, darunter das über der roten Robe ganz klein wirkende Gesicht des Richters. Mild blickte der jetzt hinunter in den Saal, räusperte sich und legte den Kopf ein wenig schief.

– „Nun“, fragte er also wieder, „warum haben Sie das letzte Angebot Ihrer Hausbank nicht angenommen, um so die Insolvenz zu vermeiden?“

Der Arzt begann mit den Fingern auf der Armlehne eine Art Melodie zu trommeln. Der Angeklagte sah zum Richter hinauf und blinzelte ihn an, ohne etwas zu sagen. War denn da überhaupt, dachte er, etwas zu vermeiden gewesen und nicht schon längst alles entschieden? Ohne dass er überhaupt gefragt worden wäre oder hätte etwas tun können?

– „Das ist“, zischte ihm der Arzt in den Nacken, „aus der Symphonie Fantastique von Hector Berlioz. Das kennen Sie sicher.“

– „Nun?“, fragte der Richter.

– „Sie wissen schon, der 4. Satz, der Gang zum Schafott.“

– „Nun?“

Man hat diese Lampe dort, denkt er, statt zu antworten, an eben der Stelle angebracht, wo zuvor das Kreuz gehangen hatte! Jahrzehntelang. Links und rechts und unten sieht man es noch, die noch hellen Stellen im Graugelb der Wand. Von der Decke her hat man über Putz, in einem weißen Plastikrohr, ein Elektrokabel verlegt. Ein von der Wand nach so langer Zeit abgenommenes Kreuz bleibt ja sichtbar, denkt er, die ganze Wand muss neu gestrichen werden, will man das unsichtbar machen. Muss mehrmals gestrichen werden! Eine Lampe ist billiger. Das spart Geld.

– „Mein Mandant möchte auf diese Frage im Augenblick nicht antworten“, hörte er sagen.

Sagte also jemand bei einer Aussage, fiel ihm ein, grad eben, als sein Verteidiger ihm väterlich die Hand auf die linke Schulter legte, sagt also hier im Gerichtssaal jemand „So wahr mir Gott helfe“, so ist da immer dieses Kreuz gewesen, jahrzehntelang, dort, wo jetzt die Lampe ist, die flackert. Jeder, der diesen Satz sagte oder auch nur dachte, wer weiß, vielleicht zum ersten Mal im Leben, blickte auf zu diesem Kreuz, ein ihm bis dahin ganz fremdes Ding womöglich.

Der Arzt begann die Melodie des 4. Satzes zu summen und ließ weiter die Finger tanzen.

– „Kennen Sie sicher“, flüsterte er scharf.

– „Nun gut“, sagte der Richter, „aber vielleicht nehmen Sie Stellung zu der Frage, warum Sie ausgesagt haben, von der Bankfiliale nach Hause gefahren zu sein, um Ihre Frau und Kinder zu ermorden!“

– „Einspruch“, rief der Verteidiger, „der Angeklagte hat ausgesagt, er habe seine Familie ermordet vorgefunden.“

– „Uns liegen, wie Sie wohl wissen, mehrere widersprüchliche Aussagen vor, die wir im Gesamtkontext zu bewerten haben, zunächst unabhängig vom Wahrheitsgehalt der einzelnen Aussagen.“

Der Arzt kicherte im Takt.

– „Die Staatsanwaltschaft“, brummte es von der Seite, „geht davon aus, dass der Angeklagte zunächst zu Protokoll gab, seine Familie ermordet und das Haus angezündet zu haben.“

Für einen Moment sagte niemand etwas und der Angeklagte machte sich auch nicht die Mühe, sich dem Staatsanwalt zuzuwenden. Stattdessen ließ er seinen Blick weiter auf der Lampe ruhen. Eine große, gewölbte Milchglasscheibe auf einer Blechfassung montiert, in der vage drei Röhren zu erkennen waren, hochkant, von denen eine, die mittlere, flackerte, kaum erkennbar bei hellem Tageslicht.

– „So wahr mir Gott helfe“, flüsterte er, „so wahr mir Gott helfe, so wahr mir Gott helfe.“

Der Richter winkte dem Wachtmeister, der einmal quer durch den Saal humpelte. Ob ihm nicht gut sei, ob er ein Glas Wasser wolle, wurde gefragt, und als er nicht antwortete, ging der Wachtmeister auf einen weiteren Wink des Richters hinaus.

Man wartete schweigend, nur der Arzt summte leise weiter die Melodie von Berlioz, bis endlich das Glas hereingetragen wurde. Wie eine Monstranz, so dachte der Angeklagte, als er die Hand ausstreckte, es entgegenzunehmen, und im jetzt plötzlich schräg in den Gerichtssaal fallenden Sonnenlicht erkannte er, dass das Wasser nicht ganz sauber war. Er nahm einen Schluck, voll Widerwillen, und stellte das Glas neben sich auf die helle Buchenholzbank, die ursprünglich hochglänzend lackiert gewesen sein musste, nun aber dort, wo die Angeklagten saßen, nur noch matt glänzte. Die Hosenböden der Angeklagten, dachte er, haben den Glanz zum Ermatten gebracht. Auch die Armlehnen waren matt, während unter ihnen, am Rand der Sitzfläche, eine Spur des alten Glanzes erhalten geblieben war.

– „Sind Sie in der Lage, weitere Fragen zu beantworten?“, hörte er den Richter sagen.

Sein Verteidiger stieß ihn leicht an.

– „Warum riefen Sie nicht die Polizei, nachdem Sie Ihre Familie ermordet vorgefunden haben wollen? Statt einige Stunden später die Polizeiwache aufzusuchen?“

– „Haben wollen, haben wollen“, kicherte der Arzt, hauchte ihm seinen heißen Atem in den Nacken und trommelte wieder auf der Armlehne herum.

Ja, warum bin ich nicht auf das Angebot der Bank eingegangen, dachte er, statt zu antworten. „Sie sind ein toter Mann“, hatte der Bankdirektor, zu ihm gesagt, fiel ihm ein, der sich persönlich hatte überzeugen wollen vom Unglück seines Kunden und urplötzlich aufgetaucht war an jenem entscheidenden Tag, als alle anderen schon fort waren und er allein durch die verwaisten Räume streifte.

– „Wenngleich natürlich nur in finanzieller Hinsicht, mein Lieber“, hatte der Direktor noch lächelnd hinzugesetzt, „aber das ist die Botschaft! Kein Geld, kein Leben. So sind, mein Gott, die Regeln, finden Sie sich damit ab! Wir als Bank gewinnen natürlich doppelt, so oder so, das entspricht dem System. Ich sage das rundheraus, mein Bester! Aber vielleicht kommen Sie doch noch einmal bei mir vorbei, womöglich habe ich noch ein letztes Angebot für Sie.“

Ein letztes Angebot! Und hatte der Kerl nicht sogar unter den Zuschauern gesessen? Dort, wo nun der Arzt saß, der jetzt leise vor sich hin pfiff.

Eine ganze Weile sagte niemand etwas, sowohl der Richter als auch der Staatsanwalt machten sich Notizen. Das Wummern in seiner Brust verstärkte sich wieder, schlug ihm jetzt sogar schmerzhaft bis in den Hals, ja es schien ihm fast, als müsse man sein Herz deutlich sehen, wenn er nur den Mund weit genug öffnete, sehen, wie es in den Mundraum drängte, pulsierend, rot schimmernd, immer ein wenig mehr sich hinein- oder vielmehr aus dem Körper sich herausarbeitend, um schließlich den Mund völlig auszufüllen. Er bekam immer schlechter Luft. Der Richter sagte etwas, doch er hörte nichts außer seinem eigenen Atmen, wie gegen ein Ventil hatte er anzuatmen, ein wie auch immer verkehrt herum eingesetztes Ventil, dachte er. Verkehrt herum! Das Glas mit dem Wasser fiel zu Boden, es drehte sich, auf der Seite liegend, einige Male um sich selbst und lag dann still. Es glotzte ihn an. Er war zu Boden gesunken.

– „Ohnmacht?“, fragte einer, und da packte ihn auch schon jemand unter die Achseln, so dass er mit einem Male zwei kräftige Fäuste vor seinem Gesicht hatte, geballt und zu allem bereit. Ein anderer hatte seine Füße ergriffen, vielmehr seine Fersen, so dass ihn nun diese beiden, der Jemand, von dem er nur die Fäuste sah, und der Andere, von dem er nichts sah, in der Schwebe hielten.

– „So wahr mir Gott helfe“, sagte er leise.

Um ihn herum wurde gesprochen. Ein Kichern war zu hören. Der Arzt? Er schloss die Augen. Aber, überlegte er, wie hilft denn Gott überhaupt? Wie spricht denn Gott zu demjenigen, der Hilfe benötigt? Was tut er, was sagt er? Welche Worte wählt er? Spricht er überhaupt, rät er, was zu tun ist, zu kämpfen, aufzugeben, die andere Wange hinzuhalten? Warum habe ich nie darüber nachgedacht und tue es erst jetzt, dachte er, angesichts eines Kreuzes in einem Gerichtssaal, das nicht einmal mehr vorhanden ist? Brachte ihm Gott also jetzt Hilfe, Rettung? Oder lähmte ihn das Nachdenken über Kreuz, Gott und Sprache nur? Hinderte ihn also eher, als dass es ihm nutzte? Warum musste denn Gott überhaupt helfen, wenn etwas wahr ist? Und hilft Gott nicht auch denen, die die Unwahrheit sagen?

Er öffnete die Augen. Man musste wohl beschlossen haben, ihn fortzutragen. Die Lampe, nun aus seinem Blickfeld verschwindend, flackerte noch immer weit oben an der Wand, er bekam noch immer keine Luft und seine Füße waren jetzt eiskalt. Er hob ein klein wenig den Kopf, auch wenn es ihn sehr anstrengte. Der Andere, der ihn an den Fersen trug und rückwärts ging statt vorwärts, fast so, als sei er daran gewöhnt und mache es regelmäßig, kam ihm durchaus bekannt vor, doch war es nicht etwa sein Verteidiger, keineswegs, und es war auch durchaus nicht der Richter, auf keinen Fall. Auch nicht der Arzt, nicht der Bankdirektor, nicht der Wachtmeister. Er ließ den Kopf wieder sinken. Noch immer schlug sein Herz dumpf und wie in Zeitlupe, er erkannte den Türrahmen aus Eiche und die zweiflügelige Tür, die er nur im Anschnitt sehen konnte, dann den Flur, die Tonnendecken, die weißen, erleuchteten Kugellampen, in denen tote Insekten den unteren Bereich grau und schmutzig erscheinen ließen. Auch als es eine große und breite Treppe hinunterging, er konnte sich nicht erinnern, sie hinaufgegangen zu sein, und er den immer noch rückwärtsgehenden Anderen besser sehen konnte, wollte ihm nicht einfallen, wer dieser Andere nur sein könnte. Ein Tropfen fiel auf seine Stirn und lief ihm die Nase hinab in den Mund. Auch der Andere schwitzte jetzt, sah er. Doch schon hatten sie die Treppe bewältigt und waren im Freien, nun ging es ebenerdig weiter. Er erkannte einen blauen, hohen Himmel. In großer Höhe waren Vögel zu sehen. Keine Wolken. Kies knirschte unter den Schuhen, sie schritten voran, wie Soldaten, im Gleichschritt, nur dass Soldaten nicht rückwärts marschierten, wie der Andere es tat. Er hörte sie keuchen und er spürte, dass sie sich ansahen und sich gegenseitig Mut machten, nur mit den Augen. Der Jemand hinter ihm fasste jetzt nach, indem er ihn kurz nach oben stieß und die Fäuste neu ballte, was den Anderen aus dem Tritt zu bringen schien, jedoch nur kurz. Baumkronen waren zu sehen, die Schritte aber nicht mehr zu hören, so als liefen sie auf Gras. Nur ein leichtes Keuchen war noch zu vernehmen, ein kurzes Hüsteln, ein pfeifendes Atmen, mehr nicht. Auch sie bekamen schlecht Luft, wenngleich nicht in dem Maße wie er selbst. Der Andere musste nun mit der Sohle eine Tür aufgestoßen haben, sicher eine Metalltür, die in ihren Angeln quietschte, eine Pendeltür. Eine weitere Tür folgte, ein Türrahmen aus Metall, kaltes Licht in einem großen Raum mit hoher Decke. Die Tür fiel leise ins Schloss.

Der Raum war kühl, und irgendwo tropft sicher ein Wasserhahn, dachte er, wenn auch nichts zu hören war außer den jetzt schlurfenden Schritten. Er wandte noch einmal alle Kraft auf, den Kopf ein wenig zu heben, um den Anderen noch einmal anzusehen, doch im selben Moment stieß man ihn zur Seite. Er spürte die harte Unterlage, auf der er nun lag. Kein Zweifel möglich, er lag wieder, diesmal aber nicht auf dem Boden, wie im Gerichtssaal, er lag höher, auf einer schmalen Pritsche womöglich, über ihm die weiße Decke. Wenn er jetzt nur den Kopf ein wenig drehen könnte, das musste gelingen, es war deutlich leichter, als ihn zu heben, so viel Kraft sollte er noch aufbringen, unbedingt, dann könnte er nochmals einen Blick werfen auf den Anderen und, zum ersten Mal, auf den Jemand. Es gelang ihm. Der Jemand, der ihn unter die Achseln gefasst und so getragen hatte, war ohne Zweifel sein Verteidiger. Er schwitzte, der Schweiß rann ihm von der Stirn. Er atmete schwer und blickte ernst auf ihn hinunter. Der Andere aber, mit vor der Brust verschränkten Armen dastehend, wirkte keineswegs ernst, im Gegenteil, er schien zufrieden und lächelte vor sich hin. Wer nur mochte er sein? Plötzlich aber nickten beide sich wortlos zu und schoben die Lade, auf der er lag, mit Schwung in die Tiefe der Wand, eine dunkle, schmale Kammer. Ein Klicken noch, dann Dunkelheit, tiefe Stille und eisige Kälte. Sie sind ein toter Mann, dachte er, hatte der Bankdirektor gesagt, so wahr mir Gott helfe, dachte er, so wahr mir Gott helfe, und da war auch schon wieder dieses Kichern hinter ihm und das Trommeln der Finger auf der Armlehne. Er saß auf der Bank und die Lampe flackerte. Alle sahen ihn an.

– „Sie haben der Polizei gegenüber unter anderem angegeben“, sagte der Richter, „Ihre Frau und Ihre Kinder ermordet in Ihrem Haus vorgefunden und dieses in Brand gesetzt zu haben. Was haben Sie damit beabsichtigt?“

Beeinflusst denn, dachte er, statt auf die Frage zu antworten, ein Kreuz an der Wand die Wahrheitsfindung?

Der Richter machte dem Verteidiger ein Zeichen, dass er nicht jedes Mal darauf hinweisen müsse, wenn der Angeklagte sich nicht äußern wolle.

– „Nun“, sagte der Richter, sich räuspernd, „dann nochmals die andere Frage: Warum haben Sie das Angebot der Bank nicht angenommen, um so die Insolvenz zu vermeiden?“

– „Das ist“, hörte der Angeklagte den Arzt wieder leise sagen, er neigte sogar den Kopf zu ihm hin, „aus der Symphonie Fantastique von Hector Berlioz. Sie wissen schon, der 4. Satz, der Gang zum Schafott.“

– „Und noch einmal: Warum haben Sie“, fuhr der Richter jetzt ungeduldig fort, „bei der Polizei angegeben, Frau und Kinder ermordet und Ihr Haus angezündet zu haben? Sie haben weder Frau noch Kinder noch besitzen Sie ein Haus!“

Die Lampe hoch an der Wand flackerte.

Stille.

– „Ich hätte gerne“, sagte er dann endlich, „etwas zu verlieren gehabt. Wie dieser Kerl aus der Bibel.“

– „Hiob“, brummte der Staatsanwalt.

– „Ja, Hiob“, sagte er, „der hat etwas zu verlieren gehabt! Und zu gewinnen! Nicht wahr?“

Norbert W. Schlinkert: Am Gardasee, 2017

© Norbert W. Schlinkert 2017 – Alle denkbaren Rechte weltweit und darüber hinaus beim Autor
PS: Aufmerksame Leser werden bemerkt haben, dass der Zerbrochene eine andere Version des Anderen ist!

 

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Wie ich Schriftsteller wurde

Als Kind verbrachte ich eine Woche damit herauszufinden, ob ich an Gott glauben könne. Nach Ablauf der angesetzten sieben Tage war die Sache für mich erledigt, denn gäbe es, so dachte ich, einen Gott, an den zu glauben wäre, so würde er sich doch wohl gemeldet haben. Ich muss etwa acht Jahre alt gewesen sein. Die mich umgebende Welt der Erwachsenen war mir derweil übrigens weitgehend unverständlich. Genau genommen ging ich davon aus, all die großen Menschen müssten mehr oder weniger dumm sein, denn meine häufigen Fragen, sei es nun bezüglich eines Gottes oder wo denn all die Vergangenheit geblieben sei, das Leben vor mir, von dem ja zum Beispiel ältere Häuser, Kirchen, Straßen und große Bäume zeugten, blieben entweder gänzlich unbeantwortet oder wurden mit den gängigen Stereotypen abgetan. Natürlich kannte ich damals das Wort Stereotyp noch nicht, doch glauben Sie mir, ich habe dieses automatisch Dahingesagte schwer am eigenen Leibe erlitten, denn Sätze dieser Art dringen erbarmungslos in die Ohren des unschuldigen Kindes ein und verursachen eine Bitterkeit, die sich nicht nur vom Hirn aus bis in die Zehenspitzen ausbreitet, sondern sich auch im Gemüt festsetzt, einnistet. Ein jedes Mal, wenn etwa der Satz „das verstehst du noch nicht“ fiel und ich hätte denken, ja hätte sagen müssen, „aber eben deswegen frage ich doch“, durchfuhr mich eben diese Bitterkeit, gepaart mit der erwähnten Erkenntnis, wie dumm doch diese Leute alle sind. Dementsprechend fruchteten Versuche, mir so etwas wie Intelligenz, Sachverstand und Bildung vorzuspielen immer weniger, selbst Lehrer verrieten sich, indem sie mich nicht verstanden und stattdessen auf irgendetwas verwiesen oder zeigten, auf Texte, Bilder, Landkarten oder was auch immer. Hatte ich Gott noch eine Frist von sieben Tagen gewährt, sich mir zu erkennen zu geben, so gab ich den Sterblichen um mich herum immer öfter nicht mehr als ein paar Augenblicke, mich davon zu überzeugen, dass sie mir, wie es den Jahren nach hätte sein müssen, voraus sind. Es gelang keinem einzigen von ihnen, das sei gesagt, auch wenn ich nicht den Stab über sie brach. Das wäre ungerecht gewesen. Die an meine Zeitgenossen gerichtete Fragerei als solche gab ich indes, den Umständen entsprechend, nach und nach weitgehend auf, und heute frage ich sogar überhaupt nicht mehr, denn natürlich kann ich mir erstens alle möglichen Antworten selber ausdenken, und zweitens werde ich selbst gerne gefragt, was mich in die Lage versetzt eben das zu tun, was ich gerne tue, zu antworten nämlich. Genau genommen warte ich nicht einmal mehr auf die ganze Fragerei, sondern frage mich ganz einfach selbst, um mir dann, ganz meinem eigenen Wissensdurst hingegeben, in vorauseilendem Eifer selbst zu antworten. Und da ja nun jede Antwort wieder Fragen nach sich zieht, sie aufwirft, geradezu aufwühlt wie das Wildschein den Kartoffelacker, komme ich überhaupt gar nicht mehr aus dem Antworten, dem Erzählen heraus. Antwort folgt auf Frage und Frage auf Antwort. So also, Welt!, wurde ich, kurz gesagt, Schriftsteller, was noch immer, keine Frage, der schönste Beruf der Welt ist.

Norbert W. Schlinkert, Alexander Graeff, 22.05.2016 in der Brotfabrik, Berlin Weißensee

 

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Volksbühne Berlin, Chris Mess 2017

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Von mir einmal abgesehen. Oder: Überall nur Väter

Ganz sicher wäre es interessant, wenn auch vollkommen sinnlos, sich aus kulturwissenschaftlicher Sicht noch einmal die Ich-Literatur der Kriegs- und Nachkriegskinder ganz genau anzusehen, denn so etwas wird es nie wieder geben. Dieser Gedanke ist mir (und den Leser:Innen meiner Generation) natürlich nicht neu, nachdem wir jahrzehntelang lesen mussten oder zumindest lesen hätten können, welche Auswirkungen die Nazizeit und der Krieg, die Nachkriegszeit und das Leben in BRD und DDR auf das zarte Ich-Gespinst hatte, welche Verluste zu beklagen, welche Schäden an Geist und Gemüt angerichtet worden sind und so weiter. Große Kunst ist dabei nicht allzu häufig herausgekommen, wenn auch mancher sagt, darum sei es auch nie gegangen, was dann allerdings als ein Schaden besonderer Art zu verbuchen ist. Mittelmaß mit Inhalt reicht einfach nicht, jedenfalls nicht über den Tag hinaus. Die wenigen herausragenden Texte dieser Autoren werden demzufolge nicht wegen der persönlichen Auseinandersetzung mit Faschismus, Krieg, Shoah und Vertreibung bleiben, sondern aufgrund ihrer künstlerischen Substanz, denn sie beschreiben nicht primär das in Sachbüchern ohnehin besser Aufgehobene, sondern sind viel mehr, in einem Übermaß frisch erfunden nämlich und weniger protokollierend, ergründend, erforschend und verarbeitend. Nicht etwa, dass ich der Meinung wäre, die nun also „befreite“ Literatur der späteren Generationen sei besser als die unmittelbar unter dem Kreuz geschriebene, nein, nein, aber ich will ohnehin auf etwas ganz anderes hinaus, nämlich auf die der heutigen Geschwätzigkeit geradezu entgegengesetzten Schweigsamkeit, Sturheit und Ich-Versunkenheit der Väter meiner Generation (die zwischen 1930 und 1950 geborenen). Mein Vater etwa, letztes Jahr im Alter von 82 Jahren verstorben, war nie bereit, nie fähig, sich auf eine Diskussion einzulassen, zu welchem Thema auch immer – eine Mauer aus Sturheit, uneinreißbar, verhinderte das. Schon als Kind bin ich mit allen mir wichtigen Fragen an seinem Schweigen gescheitert oder an stereotypen Entgegnungen – die einem Kind und auch noch dem jungen Erwachsenen so eminent wichtige ideelle Unterstützung hat es, demzufolge, nie gegeben. Hätte ich mich nun je alleine gefühlt mit dieser Erfahrung, wer weiß, womöglich würde ich zu diesem Thema einen Roman geschrieben haben, hätte damit allen anderen aus dem Herzen gesprochen und Erfolg geerntet. Dazu ist es, wem auch immer sei Dank, nicht gekommen, denn ich hatte den Zwang eben nicht, Zwangsjacken zu beschreiben, weder die, in der der Vater steckte, noch die meine, in die ich, wie noch alle meiner Generation, gesteckt wurde. Das Thema des zwanghaften, nachkriegsgenerationstypischen Rückzugs ins Private, wohlig Kleinbürgerliche, ließ ich also tiefverschlossen im Vater, denn ich hätte um der Kunst willen Sprachlosigkeit sprachlich nachvollziehen müssen, indem ich all das auf mich bezogen hätte. Das zwanghafte Anpassen meines Vaters, aller Väter an das vom miefigpiefigen Zeitgeist Geforderte, verbunden mit fleißigem Arbeiten, mit dem man sich so oder so schadlos zu halten glaubte, warf zwar seinen Schatten auf mich als Vaters Kind, bis in meine Dreißiger hinein, aber zu meinem großen Glück wurde ich früh schon eben jener anderer Väter ansichtig, die ebenso verschlossen waren wie meiner, ebenso resistent gegen alles Künstlerische, Intellektuelle, neu Gedachte. Dieser Ichverbunkerung stand, Stichwort 68er-Generation, ein Aufbruch entgegen, dem die oben benannte Ich-Literatur entronnen ist und der ich, der wenigen ganz gelungenen Werke wegen, immerhin zu verdanken habe, ahnen zu können, mit welchen Widerwärtigkeiten, Ängsten, Schmerzen und Verlusten die Vätergeneration zu kämpfen hatte, so dass ich heute weiß, dass das mir Abverlangte wenig ist gegenüber dem Leiden der Väter, sähe man es vergleichend, abwägend – und eben an diesem Punkt bin ich dann doch ausschließlich bei mir, indem ich aus ganz egozentrischer Betroffenheit beschließe, all das hier Beschriebene eben nicht zu meinem Thema zu machen, oder eben nur, verworren und nicht zuende gedacht, dieses einzige Mal.

Dieser Text ist in freier „kleistscher“ Gedankenassoziation entstanden und ohne Unterschrift gültig.

Spiegelschrift

 

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Ist Literatur nur noch Beipackzettel?

Wie lange ist es eigentlich her, dass von freien Schriftstellern und Schriftstellerinnen die Rede war? So weit ich mich erinnere ist das „Frei“ einmal nichts weiter gewesen als das Unterscheidungsmerkmal gegenüber im Fremdauftrag Schreibenden. Heutigentags aber sagt das keine Sau mehr, Freier Schriftsteller, Freie Schriftstellerin, was daran liegen mag, dass so Mancher und Manche der gleichsam Veröffentlichten das Schreiben von Texten nicht in einem per se künstlerischen Kontext betreibt, sondern sich von Anfang an in der Sphäre des Bürgerlichen bewegt, also im Dauerzustand des per se Beauftragtseins. Allein schon die um sich greifende, mit keinem rhetorischen Geschwafel je zu rechtfertigende Verquickung von literarischem Schreiben und Journalismus ist Ausdruck dafür. Für das Schaffen von Kunst aber gilt nach wie vor, um das mal wieder all jenen Verwirrten ins Gedächtnis zu rufen, dass man diese zum einen aus eigenem Antrieb heraus zu erschaffen sucht und zum anderen durchaus nicht zwingend zu Markte, ins bürgerlich konstituierte Lager zu tragen hat, sondern dass ganz im Gegenteil der bürgerliche Mensch sich zitternd und zagend mit dem der Wohlverhaltensdoktrin (Ordnung und Fleiß) abgepressten Mute sich der Kunst nähert, so weit er dies vermag, nicht um sie zu kaufen und zu musealisieren, sondern um Fremdes, Unerhörtes, Falsches, Böses, Abgründiges, aber auch durchaus Schönes und Gutes zu erahnen, zu erschmecken, wohl bemerkend, wie sehr die Verachtung des Künstlers für sein bürgerliches Unterwerfungsleben jede Zeile etwa eines Romans durchdrungen hat, ohne jede Anbiederung an die Leserschaft, ohne eine einzige Geste des Wohlwollens. So wird der Bürgerliche in einen, ja in seinen Malstrom gerisssen, Ekel, Angst und Lust zugleich verspürend – oder würde gerissen werden, denn die gegenwärtig Schreibenden und dies oft und sicher bald ausschließlich in Instituten Lernenden streben, so scheint mir, nichts weiter an als eine bürgerliche Karriere, indem sie im Kontext von Preisen, Stipendien und Journalismus systemimmanent und reibungsfrei funktionieren und nichts anderes mehr im Kopf haben als jene, die ihnen ihre Werke abkaufen. Die bildende Kunst ist derweil schon völlig auf den Hund gekommen, dient entweder pädagogischer Bespaßung oder politischen Zwecken, während es in der Literatur noch, so denke ich, Hoffnung gibt, gelegentlich einmal eine Nadel im Misthaufen zu finden, ein Werk, dessen entscheidender Antrieb nicht vorauseilender Gehorsam war, sondern die Lust, aus der Wirklichkeit heraus etwas offen Anderes zu erschaffen, etwas Gewalttätiges aus Sprache, eine Herausforderung der Welt, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat. Alles andere ist keine Kunst.

Illustration zu Edgar Allan Poes „A Descent into the Maelstrom“, Harry Clarke (1889-1931)

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Tillmans Wahl-Werbung!

Immer wenn ich einen Kulturpessimisten sehen wollte, stellte ich mich vor den Spiegel. Meistens sah er mich nur an, der Kulturpessimist, bis ich aufgab und wegguckte. Ich weiß, was Du denkst, dachte ich jedesmal, aber das half mir dann auch nicht weiter. Einmal aber guckte ich nicht weg. „Unter der dünnen Schicht Zivilisationsschminke“, sagte ich, „scharrt doch die Barbarei mit den Hufen.“ Er guckte mich verächtlich an, als wäre er völlig anderer Meinung, drehte mir seine Hinteransicht zu und ging einfach weg. Das kann er doch nicht machen, dachte ich. Kurzentschlossen folgte ich ihm, ich sprang einfach in den Spiegel hinein, rollte mich gekonnt ab und lief ihm hinterher, packte ihn an der Schulter und riss ihn herum. Er grinste mich an. „Reingetappt!“, sagte er, machte sich mit einem Ruck los und ging seiner Wege. Ich aber war hinter den Spiegel geraten, das wurde mir erst jetzt richtig klar. „Verdammt!“, rief ich verdruckst in mich hinein. Ich sah mich um. Ich befand mich in einer Location in Berlin-Mitte, wie es aussah, überall lümmelten schicke Kulturschickeristen herum, tranken angesagte Getränke aus Pfanddosen, schleckten das beste Eis der Stadt von glutenfreien Hörnchen, pusteten nach Minze duftende, nikotinfreie Wasserwölkchen aus ihren wie kubanische Zigarren aussehenden E-Zigaretten teils selbst gezeugten Kindern mitten ins fröhliche Gesicht, präsentierten ihre Tätowierungen mittels extra zu diesem Zwecks in den Designerklamotten gelassenen Löchern, bewunderten sich selbst in den rundherum angebrachten Spiegeln, wiesen wie besoffen immer wieder mit aufgestülpten Lippen schwer nickend auf die wahrscheinlich mit speziellem Klebeband auf die Spiegel geklebten Plakate, … oha, dachte ich, was mochten diese wohl bedeuten? Schwungvoll trat ich näher heran. Blumen sind schön, las ich, Wählen gehen auch. Ein Foto von der Sorte Nicht-der-Rede-wert zeigt eine Blume, Wasser, Schiff und Berge, ich trat noch näher heran und, aha, im Kleingedruckten stand es, darum geht es also, dachte ich, zum Wählengehen am 24. September des Jahres 2017 wird hier aufgerufen, Bundestagswahl! Und es wird voll durchgeduzt, ergo ist die Jugend gemeint. „Geht wählen“, schallt es also von all den Plakaten, „wählt!, aber um der Gottheiten willen nicht die AfD!“ Ein weiteres Plakat der gleichen Sorte zeigt Menschen in einer angesagten Location, die angesagte Getränke aus Pfanddosen trinken und sicher irgendwo das beste Eis der Stadt von glutenfreien Hörnchen schlecken, naja, und so weiter, Sie wissen schon. Mannomann, dachte ich, da wird die Jugend es angesichts dieser Plakate aber schön bleiben lassen, die AfD zu wählen, denn schließlich kommt diese allerbestens gemeinte Aufforderung in der für die allgemeine Aufmerksamkeitsspanne genau richtigen Länge, Breite, Höhe und Größe daher, ist nicht weiter kompliziert und außerdem von eben den Menschen aus eben den Kreisen verfasst, in die doch alle Jugend hinein will. Feiern gehen, pastellfarbene Plakate angucken, angesagte Locations besuchen, das beste Eis der Stadt schlecken und so weiter. Welch herrliche Aussichten! Geht wählen! Und da rede noch einer von Kulturpessimismus, donnerwetternocheins!

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Zur Abwexlung mal wieder einen fluffigen Beitrag von der Sorte Hastenichgesehen

Was mir dann doch immer wieder verstärkt auffällt ist, dass die meisten Autoren und Autorinnen der Publikationen, in denen ich selbst kleine und größere Arbeiten veröffentlicht habe oder die mir so in die Hände fallen, laut Selbstauskunft garnichts gelernt, sondern nur studiert haben. Das ist seltsam. Zu hoffen ist natürlich, dass manche wenigstens früher arm waren und während des Studiums nebenbei haben arbeiten müssen. Aber egal! Außerdem kommt es natürlich auf die Qualität der Texte an, und zwar ausschließlich! Aber da ich grad drüber nachdenke, dass Baggerfahrer heutigentags keine Gedichte mehr veröffentlichen, will ich mal (mir selbst an-) sehen, was ich für meine Wenigkeit denn so an Arbeit getrieben, in welchen Bereichen ich also meine Arbeitskraft auf den Markt geworfen habe. Mannomann, da kommt scho‘ a bisserl z’ammen: die Lehre natürlich als Tischler, dann so eine Art Hausmeister in einer Jugendbildungsstätte (sogenannter Zivildienst), dann war ich eine Weile Möbelpacker, bin LKW gefahren (die großen), habe beim Fernsehen gearbeitet („Kabelaffe“), als Bühnenhandwerker in der Oper gewirkt, als Verkäufer auf dem Weihnachtsmarkt geschuftet, dann im Großhandel (Tischlereibedarf) ein paar Jahre gemacht, die Geräte in einem Fitnessstudio gewartet, Suchmaschinenoptimierung betrieben, als Barkeeper bei privaten Feierlichkeiten geschwitzt und dann natürlich auch noch wissenschaftliche Texte geschrieben, Vorträge gehalten, Lehrbeauftragter gewesen und, Hauptsache, (seit Jahrzehnten) literarische Texte verfasst – und wenn Sie mich fragen, jetzt wäre es schon an der Zeit, Letzteres, das Schreiben, als einzige (bezahlte) Tätigkeit auszuüben. Ich meine ja nur. Auf jeden Fall arbeite ich dran!

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[SIC] Zeitschrift für Literatur Nr. 6 – frisch erschienen

Darf ich mal kurz auf was hinweisen! [SIC] Zeitschrift für Literatur Nr. 6 ist frisch erschienen und käuflich zu erwerben! Ich sag das nicht nur, weil ich mit einem kleinen Beitrag, der Short-Story Loch’n’Schlauch, beteiligt bin, aber schon auch.

[SIC] ZEITSCHRIFT FÜR LITERATUR Nr.6. Aachen, Berlin 2017. S.39. ISSN: 1860-6156. 6,- €

 

 

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Die Volksbühne Berlin ist nun tot und Tim Renner ist auch irgendwie tot – das passt doch zusammen!

Gut ein Vierteljahr vor dem 2. Juli 2017, am 16. März, als die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin noch ein lebendiger kultureller Ort war und noch nicht Beute der internationalen High Society, goss, so wurde mir an diesem Abend in der Kantine der Volksbühne taufrisch berichtet, ein bekannter Schauspieler des Hauses einem gewissen, im Sternfoyer der Volksbühne sich aufhaltenden Tim Renner (SPD) Bier über den Kopf, verbunden mit der unmissverständlichen Aussage, er solle sich gefälligst in der Volksbühne nie wieder blicken lassen! Wahrscheinlich lief dazu die Musik von Rammstein. Diese Tat wurde, wie ich feststellen konnte, in der Folge ganz allgemein begrüßt. Jemand sagte lachend in der Kantine, Bier sei durchaus als Schädlingsbekämpfungsmittel geeignet, ein anderer gab eine Anekdote zum Besten über den Kampf gegen Kakerlaken in der Unterbühne, vor allem in alten Bühnenprospekten seien sie zu finden, und dann machte er noch mit den Fingernägeln dieses Geräusch nach, wenn man die Viecher zerknackt. Galgenhumor, keine Frage, denn der Schaden war ja schon angerichtet, die Volksbühne als einst von Arbeitern gegründetes Theater, als Stadttheater, als Bühne für das Volk, als Theater mit einem Ensemble, als Repertoiretheater war bereits der Vernichtung preisgegeben, eine nicht unbedingt einsame, vielmehr mit allerlei Köpfen abgestimmte Entscheidung jenes bedauernswerten Tim Renner in seiner Zeit als Kultursenator. Da kannste machen nix! Oder jedenfalls nix helfen das. Ein Nazi im Amt des Kultursenators hätte das nicht besser hingekriegt, denke ich mal, das Ausschalten freier künstlerischer Arbeit, das Inbetriebsetzen eines Veranstaltungsortes zwecks politisch folgenloser Bespaßung eines Eventpublikums – Chapeau, Herr Renner. Nun gut, vielleicht hätte der Nazi keine belgische Marionette als Intendant eingesetzt, sondern eine deutsche, kann schon sein, aber sonst … Ihresgleichen jedenfalls, Herr Renner, die international agierende Kulturschickeria, jubiliert => (der Link führt direkt zu dem Aufruf dieser Leute zur Unterstützung des nächsten Intendanten, Chris Dercon, und natürlich ist das Original in englischer Sprache abgefasst, klar, schließlich geht es ja um die Abwicklung eines deutschsprachigen Stadttheaters). Übrigens gab es auch krasse Kommentare zum Bierguss, die den Renner nicht nur als Schädling und Theaterzerstörer betitelt haben wollten, sondern ihm auch noch alles mögliche an den Hals wünschten, nicht zuletzt eine spezielle Behandlung, die man ihm gerne angedeihen lassen wolle … und so weiter und so weiter, Sie wissen schon, packt man Renner und Dercon in einen Sack … Geschenkt! Irgendwann sagte dann jemand mit allergrößter Ruhe und Überzeugung, der Renner sei für ihn gestorben und liege sozusagen klaftertief unter der Erde, und damit war das Thema an diesem Abend durch, Volksbühne bald tot, Renner tot, das schöne Wort „klaftertief“ mal wieder vernommen, am Tresen noch ein paar Bier geholt und weitergemacht …

Auch hier zu finden unter dem Titel „Die Volksbühne Berlin – Ruhe in Unfrieden!“, mitsamt einer Diskussion in Kommentaren.

Volksbühne Berlin 2016

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Hipstern auf die Fresse, bis sie lachen und dann weil sie lachen?

Da draußen ist Dauerregen, nur um das mal klarzustellen, vom Plattenteller her kommt ein Millionenspiel, das einigen Zeitgenossen schon zu intellektuell ist, vielleicht wegen der Flöte, die irgendwann einsetzt. Aber egal! Die Frage, die ich mir stelle ist die, ob Berlin grad eben untergeht, nachdem das OST vom Dach der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz verschwunden ist und gestern auch fast das Räuber-Rad vor der Volksbühne, während der Vorstellung. Und ob wir gegen die Hipster, in früheren Zeiten Stutzer genannt, seltsame Mischwesen, spießig, schmarotzernd, humorlos, hässlich, blöd und ungebildet, nur eine Schlacht verloren haben oder gleich den ganzen Krieg? Aber kann man gegen die Zivilarmee der internationalen Kulturschickeria überhaupt Krieg führen? Ludwig Börne, Karl Marx und im Grunde auch alle anderen, die sich um das soziale Miteinander Gedanken gemacht haben, sprachen sich immer eindeutig für Gewalt aus, um die Verhältnisse zu ändern – sollte man da heutzutage angesichts der geschickt verschleierten neoliberalen Gewaltstruktur nicht etwa auch mal ordentlich zurückschlagen? Allerdings ist Gewalt hässlich. Und was ist, wenn diese Hipster innen nur aus Drähten bestehen und ihre hässlichen Bärte aus Polyester? Für Sachbeschädigung sind die Strafen in Deutschland ja ungleich heftiger als für Körperverletzung. Was also tun, Kinders? Ich würde sagen, friedlich bleiben, Leute, denn unsere Kultur ist die bessere, die stärkere, die schönere, die menschlichere, die wertvollere und überhaupt die weitaus höher entwickelte, und vielleicht nimmt sich der ein oder andere da unten mal ein Beispiel an uns, schön wärs und man soll ja die Hoffnung auch in Zeiten des kulturellen Niedergangs nie aufgeben. Das dazu!

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