Dialog, kurz

„Ich bin kein Symbolist!“, antwortete ich spontan.

Im Gesicht meines Gegenübers, einer jungen Frau in den Dreißigern, erschien die Frage, „na was denn dann!?“

Ich sagte, Realist sei ich auch nicht, oder wenn, so würde ich mich im Bereich des magischen Realismus verorten müssen, wenn das denn überhaupt ein Ort sein könne.

„Ein Roman ist immer auch ein Ort, oder viele.“

„Am wohlsten fühle ich mich schreibend nicht in der literarischen Form des Romans, sondern in der Arabeske„, bekannte ich nach kurzer Überlegung, „also in dem, was für Klabund die Groteske war.“

„Hattest du nicht mal den Roman als die Königsdisziplin der Literatur bezeichnet?“

„Das nehme ich zurück, für immer! Das war mal! Der Roman wird immer unzeitgemäßer, oder er wird zum Schmöker für den Massenmarkt.“

„Hat also durchaus seine Berechtigung?“

„Ja, für den Markt.“

„Höre ich da was raus?“

„Was denn?“

„Na, Wut, Enttäuschung, so etwas in der Art.“

„Ich hab meinen Spaß gehabt und werde ihn ganz sicher weiterhin haben.“

„Gut. Noch’n Bier?“

„Ja!“

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Selbstschöpfung aus dem Nichts

Was mich seit je her umtreibt ist die Frage, was ich literarisch zu erzählen habe. Eingeschlossen in diese Frage ist, was geschähe, wenn ich sie mit einem Nichts zu beantworten hätte. Aber dann würde ich sicher auch aufhören zu lesen, und mit dem Lesen begann ja schließlich alles. Ich schrieb zuletzt in irgendeinem Kommentar (in Die Dschungel. Anderswelt.), daß die Texte von Uwe Johnson unterhalb meiner Wahrnehmungsschwelle liegen – ich habe ernsthaft versucht sie zu lesen, konnte aber überhaupt nichts in ihnen erkennen, keine nennenswerte Handlung, nicht mal eine nennenswerte Nichthandlung, auch fand ich keine Stimme, die spricht oder schweigt, keine Ästhetik der Sprache, der Auslassung, der Reduktion, nichts von all dem. Für bestimmte Bewundererkreise bin ich damit natürlich disqualifiziert, da hat es auch keinen Sinn, zu diskutieren. (Ich bin schließlich kein Literaturwissenschaftler, ich zerlege Texte nicht, dadurch werden sie weder lebendiger noch gar verständlicher.) Demgegenüber verfalle ich geradezu in literarische Liebesräusche, lese ich (zum wiederholten Male) Samuel Beckett, Robert Musil, Flann O’Brien, Robert Walser, auch Franz Kafka, und allerdings schöpfen all diese Autoren auch aus ihrem eigenen Leben – wobei ich beim Thema wäre. Ist das, was zu erzählen ist und was sich zu erzählen lohnt, in Form gebrachtes Persönliches, Privates, Intimes? Eine Nachverwertung des Erlebten, des Erlittenen, alles „nur“ in einem anderen Modus, mit anderen Namen, Orten, Umständen? Eigentlich intimes Tagebuch plus einem gewissen literarischen Extra, letztlich eine Zurechtästhetisierung des ganz wesentlich Eigenen? Die Veröffentlichung der ersten gegen sich selbst rücksichtslosen Autobiographie, 1738 von Adam Bernd in Leipzig erschienen und mit dem Bewußtsein geschrieben und veröffentlicht, erstens nichts mehr zu verlieren zu haben und zweitens sicher nicht der Einzige zu sein, der sich mit Ängsten, Krankheiten und Lüsten plagt, trug im deutschen Sprachraum einiges dazu bei, öffentlich nicht nur in seiner jeweiligen gesellschaftlich starren Rolle in Erscheinung treten zu dürfen, sondern nachweislich und nachlesbar als ein Mensch mit Leib und Seele. Die sogenannte Eigene Lebens-Beschreibung Adam Bernds war noch nicht eine neue Form des Romans, erst Karl Philipp Moritz (Anton Reiser) und Goethe (Die Leiden des jungen Werthers) taten die entscheidenden Schritte, doch die Saat war gelegt. Zweieinhalb Jahrhunderte später ist es gang und gäbe, dem eigenen Leben nachzuspüren, zum Teil mit großem Erfolg, man denke nur Karl Ove Knausgård, der sich zugleich als Autor in seine Romane einschreibt, wie das ja auch schon Jean Paul tat, sich aber auch als ganz normaler, ohne Unschärfe erkennbarer, ganz und gar normaler Zeitgenosse präsentiert, wie das, am Rande bemerkt, Jean Paul nie tat und auch kaum hätte tun können, weil er eben das dann doch nicht war. Die eingangs gestellte Frage also, ob ich etwas zu erzählen habe, muß ich somit, der heutigen Schreibpraxis eingedenk, mit einem klaren Ja beantworten. Aber verträgt sich das, vorwärts leben und ins Rückwärtige erzählen? Sicher nicht, also muß vorwärts gelebt und vorwärts geschrieben werden, wenn man so will, der Bogen, darauf ging ich zuletzt erst in einem kleinen Beitrag ein, muß gespannt werden vom Vergangenen ins Jetzt, auch literarisch in je eigener, angemessener Weise. Interessanterweise wies mich ein Autorenkollege vor Jahren in einem Gespräch (während eines Autorentreffens in Bad Münstereifel) über meinen noch unveröffentlichten Roman darauf hin, daß eine der beiden Hauptfiguren, selbst wenn die Handlung an der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert angesiedelt sei, doch eindeutig aus meinem eigenen Leben geschöpft ist – und da hatte dieser Kollege im Geiste und im Tun noch mich kaum gekannt und auch nur einen kleinen Teil des Textes und meine Zusammenfassung der Handlung gehört, dennoch aber etwas erkannt, das mir selbst noch kaum zu Bewußtsein gekommen war: da schreib ja ich! Nur ich! Mich in meine Welt hinein, meine Welt in mich. Wie hieß es doch gleich im später so bezeichneten ältesten Systemprogramm des deutschen Idealismus, verfaßt von den Studenten Hölderin, Schelling und Hegel: „Die erste Idee ist natürlich die Vorstellung von mir selbst, als einem absolut freien Wesen.“ Und weiter: „Mit dem freien, selbstbewußten Wesen tritt zugleich eine ganze Welt – aus dem Nichts hervor – die einzig wahre und gedenkbare Schöpfung aus dem Nichts –“. Da haben die Herren Studenten wohl den Nagel auf den Kopf getroffen – ergo muß geschöpft werden!

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Die Wacht oder: gegenwärtig tot sein, geht das?

Kann man das, kann der Mensch das, kann ich das, meine Vergangenheit nicht annehmen, also nicht etwa die jüngstvergangene, sondern gleichsam die ganze? Sie sein lassen! Und doch zugleich aus meinem Erfahrungsschatz schöpfen, der mir kürzlich erst zu begreifen half, was überhaupt vor sich geht, mit mir und in der kleinen Welt, die ich die meine nenne. Vor sich gehen, mit seinen Absichten einen Schritt in die Zukunft tun, wenn notwendig ins Dunkle hineinschreiten, besser ins Helle. Und was heißt Erfahrungsschatz, heißt das denn nicht, eben nur das Wertvolle zu bewahren, gleich ob bitter oder süß, und das andere entgleiten zu lassen, ihm nicht hinterherzuspringen, wenn es sich denn verflüchtigt? Dem anderen also sein Sein zu lassen, zu überlassen, es zu vergessen? Einen Schritt zu tun heißt immer, stürzen, fallen, stolpern zu können, der Länge nach hinschlagen. Bliebe wer liegen, es müßte bedeuten, er oder sie sei tot oder wie tot, nahezu gestorben, in sich verreckt, ohne den Willen noch aufzustehen, weiterzuschreiten, Schritte zu tun. Die Richtung zu wählen, gegenwärtig zu sein. Gegenwärtig tot zu sein ist keine Option! Denn ist Gegenwart nicht zugleich und immer eigentlich die Wacht und die Warte dem Möglichen gegenüber, schon Teil des Zukünftigen also, mit diesem mit festem Band verknüpft? Dem Gewünschten, dem Gewollten? Von der Warte aus schaut man hinaus ins Land. Gegen Mittag zu reisen oder gegen Morgen oder Abend hieß in der Literatur noch des 18. Jahrhunderts, in die Richtung zu reisen, in der die Sonne steht, des morgens im Osten, des mittags im Süden, des abends im Westen, wohin gegen Mitternacht reisen bedeutete, sich nach Norden hin aufzumachen. Sich aufmachen, nur darauf kommt es an!

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Nähe, Distanz, Räume

Wenn es wirkliche Nähe ist, die zwei Seelen und zwei Körpern widerfährt, und sei es nur kurz, ist das keine Illusion der Vergangenheit, sondern entweder ganz und gar gegenwärtig oder gänzlich inexistent. Letzteres mit Leib und Seele zu begreifen, dem gewiß zu sein, ist kein Geschenk des Himmels, sondern liegt allein in meiner ureigensten Verantwortung. Gerade in diesen Tagen begreife ich, klare Worte von woher auch immer (und seien es die eigenen) vorausgesetzt, ausnehmend schnell, wenn etwas vorbei, eine Nähe zu einer Distanz geworden ist. Doch wenn die Fehler getan und empfangen worden sind, wenn der eine Mensch sich dem anderen verschenkte, eine Sekunde, ein paar Tage oder wie lange auch immer, ist das Danach eines Jeden in der Distanz ganz wieder hergestellt, mit leeren Stellen und blinden Flecken zwar, aber immer ganz und gar. Nur begreifen, empfangen muß man das, als Erkenntnis! Dann, allein mit sich, ist es eine Weile so, als lebe man in einem zu großen Haus, gehe von Zimmer zu Zimmer, Raum zu Raum, ohne einer Menschenseele zu begegnen – aber bin ich nicht selbst Raum, trage ich mich nicht als Ganzes in diese Gemächer hinein und laufe dann weiter durch das Gebäude und die Räume des toten Hauses, um schließlich aber zu entkommen aus dem Vergangenen, mich wieder frei bewegen zu können, immer noch und wieder in mir selbst, aber frei? Ein In-sich-verloren-Gehen, ein Kreisen in sich selbst, ein ewig scheinendes Durchwandern des großen, leeren toten Hauses mit den blinden Flecken, dies geschah mir vor Jahren, ich verbrachte mich in mir selbst eine geraume Zeit. Jetzt aber bin ich, länger schon, frei für was auch immer geschehen mag, Schönes inbegriffen.

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Oscar Wilde trifft Samuel Beckett

„Du mußt beides tun, einerseits Deinen Stil leben und zugleich jeden, der will, in die banale Alltäglichkeit dahinter blicken lassen. Nur so entkommst Du den Klischees und, vor allem, den Symbolen.“ So etwas hatte ich ihn, den Freund, noch nie sagen hören, ich sah ihn skeptisch an, wie er da so saß, lächelnd am Kaffeehaustisch. „Hätte“, fuhr er fort, „Dorian Gray in Oscar Wildes‘ Roman das alternde Bildnis seiner selbst der Welt zugänglich gemacht, also zugegeben, seine Seele verkauft zu haben, er wäre nicht seiner Alterslosigkeit und seines Glanzes wegen bewundert worden, sondern geliebt seiner Grausamkeit wegen, so wie die Racheengel geliebt werden.“ „Gut“, erwiderte ich zögernd, „doch eine Figur mit dem sprechenden Namen Gray wie Grau muß einem Extrem zustreben, um sich selbst zu entkommen. Dem Mittelmaß zu entkommen. Zwingend.“ Der Freund nickte zustimmend, sagte aber nichts. Schweigen trat ein. „Samuel Becketts Figuren“, erwiderte ich schließlich, „werden von ihren Körpern verraten, doch am Ende ist, wiederum in den Anfang hinein, alles Erzählung, sie bleibt, die Worte bleiben, denn so lange es Worte gibt, wird erzählt werden müssen, mit dem und gegen den Zerfall, in einem Circulus Vitiosus.“ Wieder Schweigen, länger noch dieses Mal. „Ja“, hob der Freund endlich an, „da haben diese beiden irischen Schriftsteller etwas Wesentliches gemein, so verschieden sie sonst auch sein mögen.“ „Wirst Du etwas darüber schreiben“, fragte ich. „Nein“, sagte er aufstehend, „ich werde jetzt gehen.“ Dann zerstob der Freund vor meinen Augen zu einer Leere, die die seine war, nur Worte blieben zurück.

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Von Paris nach Berlin: keine Reise

Ich kann’s ja auch nicht ändern, aber ich habe nunmal keinen wirklichen, so allgemein erkennbaren und paßgenauen Beruf, und ja, es nervt, wenn alle Welt mich danach fragt! Aber ich weiß, was ich tue, ich weiß, was ich kann, ich habe ein stabiles Selbstwertgefühl und freu mich des Lebens, auch wenn ich arbeite. Só. Das alles hat natürlich eine Geschichte, aber da ich als Autor nicht mein eigenes Leben ausbeute, so als fiele mir sonst nichts ein, muß diese unerzählt bleiben, wäre auch langweilig. Erschüttert war ich allerdings einstens durchaus, das kann ich natürlich schon erzählen, ohne gleich Literatur daraus zu machen, als ich als Jugendlicher durch Lektüre und Filme feststellte, daß es auch noch ein Leben gibt außerhalb primitiver sozialdemokratischer Facharbeiterkultur, und ich weiß noch, wie ich dann mit glaube ich 19 Jahren am ersten Weihnachtstag von der Autobahnraststätte Lichtendorf nach Paris getrampt bin, und wie selbstverständlich ich mich da bewegt habe. Ich wußte plötzlich, ich muß raus aus der Sozenkloake Ruhrgebiet, ich muß in eine richtige Stadt, statt irgendwann in einem Vorortreihenhaus zu Lebzeiten zu vermodern. Allerdings, man erinnere sich, war das noch vor der sogenannten Wende, der Wiedervereinigung, da gab es in Deutschland noch keine wirklich faszinierende Großstadt, geschweige denn eine Weltstadt. Berlin war noch inexistent, zwei von Spießern am spärlichen Leben gehaltene Hälften, da wollte kein Mensch hin, in den Westteil jedenfalls, der noch alle Fünfe beisammen hatte. Also habe ich mir, weil Paris mir letzlich fremd blieb, die ein oder andere Stadt angesehen, doch leider war nix dabei. Heute weiß ich, daß die Achtziger-Jahre des letzten Jahrhunderts kulturell das schlimmste Jahrzehnt überhaupt waren, und dafür habe ich mich, denke ich, dann ja doch ganz gut geschlagen mit allem und das Beste draus gemacht, sogar dann einer Stadt wie Dortmund fünf Jahre lang ein intensives, spannendes Leben in der Nordstadt abgetrotzt, mir das Glück also verdient, im noch jugendlichen Alter von 33 Jahren in eine so oder so neue Stadt ziehen zu können, weil Berlin plötzlich wieder da war, wie Phönix aus der Asche. So, und nachdem ich das jetzt alles so kurz wie lückenhaft mal zusammengefaßt habe, haben Sie sicher auch eine Ahnung, warum ich keinen sogenannten Beruf habe, denn ich hatte was anderes im Sinn, Leben, Lieben, Kunst und Literatur nämlich, wo sollte da die Zeit gewesen sein, etwas zu lernen, was die Sozen glauben einen Beruf nennen zu müssen.

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Leidenschaft ff.

Wie schade für Sie, liebe Leser:innen, dass auf dieser Website die persönlichen und privaten Dinge des Norbert W. Schlinkert immer nur verklausuliert auftauchen. Nicht etwa, dass ich der Ansicht wäre, meine Angelegenheiten würden die Welt zwingend über die Maßen bereichern. Keineswegs. Wie schreibt noch bersarin, dessen Website ich oft besuche, in seinem Über mich selbst/Ich ist ein anderer: „Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.“ Man beachte, neben dem Sinnhaften selbstverständlich, auch und besonders das vielsagende „Wir“, und wo sollte denn dieses „Wir“ herkommen, frage ich, wenn nicht jeder einzelne der schreibenden Seelen seinen Teil dazu beitrüge, aus sich selbst schöpfend, so wie er oder sie es eben vermag. Auch auf ein „Wir“ zielt der Schriftsteller Tomás Ó Criomhthain , wenn er sagt “… mar ná beidh ár leithéidí arís ann” – “… denn unseresgleichen wird es nie wieder geben.” Da bleibt uns doch gar nichts anderes übrig, als jetzt leidenschaftlich zu leben, wirklich zu leben! Und lebt man nicht auch in den Zeiten wirklich, in denen es einem schlecht geht, weil Leidenschaft leben immer heißt, sich verletzbar zu machen, angreifbar zu sein, eine offene Flanke zu haben! Und zeigt dies nicht auch, wie vertrauensvoll man sein will, sein kann, wenn man sagt, ich weiß, du kannst mich verletzen, da wo ich ungeschützt mich zeige, aber ich glaube, du wirst es nicht tun, weil du mir so viel bedeutest. Geschieht es aber doch, so weiß man zu schätzen, dass die deutsche Sprache in ihrer ihr innewohnenden Weisheit das Wörtchen „Leiden-schaft“ für all dies gewählt hat, denn mit dem französischen Passion verbindet sich nichts dergleichen, für mich jedenfalls nicht. Wie schrieb bersarin im Kommentar zu meinem kleinen Beitrag Leidenschaft ganz richtig: „Man muß einmal Emotionen gehabt haben, um dann emotionsfrei, und das heißt der Sache gemäß in der Konstruktion ruhend, schreiben zu können.“ Nunja, immerhin denke ich jetzt ruhig über meine Leidenschaft nach und schreibe eben dies hier hin, ohne mehr zu verraten als das, was leidenschaftliche Menschen ohnehin wissend zu ergänzen vermögen – eben dies bedeutet ja dieses „Wir“.

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Textverlangen

Wenn ich sage, es geht mir am Arsch vorbei, wenn jemand meine Websitebeiträge belanglos findet oder schlecht oder langweilig oder überflüssig, dann ist das natürlich nicht die ganze Wahrheit. Ich kann’s ja auch verstehen, ich finde ja auch die meisten Texte (egal wo sie stehen) nicht lesenswert und freu mich deswegen wie ein Schneekönig, wenn es mal anders ist, wenn mich ein Text mal packt, mich elektrisiert, etwas in mir bewegt. Die meisten Texte sind also für die meisten Menschen langweilig, das kann man durchaus mal so feststellen, das ist die Wahrheit – auch wenn eines nicht passieren darf, dass nämlich der Autor selbst seine eigenen Texte nicht gut findet. Das wäre das Ende, denn ich bin ja als Autor erster Leser und erster Adressat in einer Person. Also ganz ehrlich: es geht mir nicht nur am Arsch vorbei, es freut mich sogar, wenn der ein oder andere Zeitgenosse meine Texte nicht mag, denn erstens ist das Geschmackssache und mir somit egal und zweitens eine Reaktion, von der es noch eine gegenteilige Version geben muss, denn wo Ablehnung ist muss auch Zustimmung sein. Viele, grad die, die nicht selbst schreiben oder daran mal gescheitert sind, denen es verloren ging oder die es nie wirklich gewonnen haben, neigen allerdings zu der fatalen Ansicht, etwas von einem Text verlangen zu dürfen, den Autor sozusagen in die Pflicht zu nehmen, doch das ist, ‚tschuldigung, ein viel zu geringer Anspruch, denn dann wäre so ein Text ja nur eine Ware wie viele andere. Sicher, ein Text bietet etwas, muss er auch, doch im wesentlichen verlangt er, nämlich Aufmerksamkeit und Hingabe, kurz: die Verlebendigung seines Leibes durch den Leser, die Leserin, das Einhauchen von Leben, das Hineinreißen in die Gegenwart des Lesenden, in seine oder ihre Imagination hinein auf dass sich Wort, Sinn und Sinnlichkeit verbinde zu einem Ganzen. Só! Wer diesen Text bis hierher gelesen hat und ihn belanglos findet oder schlecht oder langweilig oder überflüssig, der darf ihn gerne noch mal lesen, denn wer weiß, ob da nicht doch was in ihm steckt, was einen Funken schlägt. Wenn es Ihnen aber nicht so geht, trösten Sie sich, das Lesen war durchaus keine Lebenszeitverschwendung, so lange Sie sich nur ordentlich darüber ärgern!

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Leidenschaft

Ich kenne Menschen, die enthalten sich jeder Emotionalität, die irgendwie mit Liebe, Begehren und Sehnsucht zu tun hat. Ohne jedes Bedauern. Die motzen mal ein bißchen rum über Alltags- und Berufskram und Sachen, die es immer gab und immer geben wird, der Rest ihres Lebens aber ist ein Insichruhen. Ein wohlverdientes Insichruhen, bar jeder Leidenschaft. Ich hingegen ruhe nur äußerst selten in mir, wenn dann fahre ich auf der Landstraße mit dem Motorrad und bin sowohl hochkonzentriert als auch die Ruhe selbst. Auch beim Lesen gelingt es manchmal, aber wann liest man schon mal einen solchen Text, frage ich, zum genau richtigen Zeitpunkt! Sagen wir mal, es kommt gelegentlich vor. Im Moment aber bin ich emotional derartig in einer Berg- und Talfahrt, da hilft kein Motorradfahren und keine Literatur, da ist im einen Moment alles verloren, im anderen ist da doch so etwas wie ein Licht am Ende des Tunnels – oder täusche ich mich? Sie sehen ja, ich bekomme nicht mal einen ordentlichen Beitrag geschrieben! Neidisch sein aber auf die Emotionsfreien, nee, niemals!!!

[Nachtrag: Kein Licht am Ende des Tunnels. Ich drehe mich um und gehe in die andere Richtung – wer sagt denn, dass ich da in den Tunnel muss!]

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1. Rixdorfer Literaturnacht, 31. Oktober 2014

1. Rixdorfer Literaturnacht, 31. Oktober 2014

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