Verkappter Schriftsteller

Wie jedes Jahr zur Zeit der Frankfurter Buchmesse halte ich, als einziger in Berlin verbliebener Schriftsteller, hier die Stellung. Alle anderen sind Buchmessemachen. Das liegt, also dass ich in Berlin bleibe, daran, dass ich zur Spezies des verkappten Schriftstellers gehöre. Doch wir Verkappten haben, im kleinen Kreis, natürlich auch unsere Buchmesse. Was denken Sie denn!? Ich bin also keineswegs neidisch auf die, die genhessen haben reisen müssen, und mir reicht ja auch schon immer der Rummel auf der Leipziger Buchmesse, wie im Hirn eines schlechten, albtraumgeplagten Schriftstellers fühle ich mich da, kaum habe ich die heiligen Hallen betreten. Mag sein, mir fehlt die Wettkampfhärte, oder ich nehme die falschen Drogen, kann auch sein. Wenn es da wenigstens Rückzugsräume gäbe, auf so einer Messe, zum Ausruhen, Quatschen, Essen, Trinken oder Poppen, aber nein, Rummel allüberall, dazu in Leipzig die irgendwie immer im Weg stehenden Cosplayers, so phantasievoll das ist, dann diese Fetzen von Lesungen, quietschende Mikrophone, scheppernde Stimmen, miese Ansagen, die in Kleinstkojen gesteckten Kleinstverlage mit fatalistischen Verlegern, authentischen Autoren und all diesen Kleinstverlagsbüchern, die trotzdem gemacht werden, was allerdings das einzig Gute ist auf so einer Messe, diese Trotzdembücher. Alles also eher, so summa summarum, nicht mein Ding. Folgerichtig warnten mich eine Menge nichtverkappter Schriftsteller, wenn ich denn schon in Leipzig an meine Grenzen stieße, so sollte ich doch die Buchmesse in Frankfurt meiden – man hätte da auch eine kleine Aufgabe für mich, wenn ich denn schon zuhause bliebe …

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Der doppelt verdoppelte Popowicz (Romanauszug/Entwurf)

Erregt betritt Dessoir eine Gastwirtschaft. Einige kleine Angestellte in schlechten Anzügen, quarzend und trinkend. Oder Arbeitslose. Niemand sieht zu ihm hin, einer mit einem Musterkoffer auf dem Schoß, übergroß, wer weiß, was da drin ist, Schuhe, Stoffe, Messer? Pistolen? Die Luft zum Schneiden, Tabakrauch, Kohlsuppe, schlecht ziehender Ofen, Schweiß, aber Dessoir konnte einfach noch nicht nach Hause, das war ihm klar, erst noch war über Popowicz nachzudenken. Ihn ausmerzen, wieder, aus dem Hirn! Der tischhohe Tresen im Dämmerlicht, kupfern, fleckig.

„Was darf’s denn …?“

„Ein Bier und einen Schnaps, bitte.“

„Ein Herrengedeck, jawoll, kommt sofort, der Herr“, murmelt der Wirt, ein kleiner, glattrasierter Dicker mit flachsblonden Haaren wie Bindfäden so dick, legt seine halbgerauchte Zigarre auf den Rand des Gläserbords und macht sich ans Zapfen. Dabei sieht er zwei, drei Mal aus seinen kleinen Äuglein prüfend zu dem seltsamen Gast hinüber, so eener kommt hier sonst nich rin, der sich an einen Zweiertisch setzt und nun ins Leere starrt. Susanne würde sofort riechen, wo er gewesen war, sie würde ahnen, ach was, wissen, daß er sich Sorgen um etwas machte, Liebe mag blind machen, die Ehe aber hellsichtig, doch bloß nichts sagen, wiederholte er, wiederholte sich in ihm der Gedanke von vorhin, bloß nichts über Popowicz sagen! Irgendetwas anderes sagen, Ärgerliches, du Prels neues Buch vielleicht, ja. Oder diese Angelegenheit mit De Selby, den er zu einer Konferenz nach Berlin einladen wollte, damit er über das Phänomen der zeitlosen Seelenhaftigkeit einen Vortrag halten könne, wofür die Fakultät die Kosten nicht übernehmen wollte, weil sie die Wissenschaftlichkeit von De Selbys Forschungen in Dublin bezweifelten. Wahrscheinlich, weil De Selby ein akademischer Titel einer europäischen Universität fehlte! Diese Ignoranten! Notfalls würde er die Kosten selbst übernehmen. Er überlegte, während er seinen Blick schweifen ließ, wirklich eine üble Kaschemme, in die er da geraten war, oder nein, fiel ihm da plötzlich ein, der Ärger mit diesem Scharlatan, das werde ich Susanne sagen, das ist glaubwürdig und stimmt zudem, mit diesem Menschenfänger, diesem Rudolf Steiner, ein schmutziger Mensch, der nichts als Unsinn erzählt und dem das Handwerk gelegt werden sollte! Der Wirt brachte das Bier und den Schnaps.

„Wohl bekomms.“

Dessoir nickte dem Wirt knapp zu und kippte den Schnaps hinter. Schluck Bier zum Nachspülen. Sonst seine Sache nicht. Der Mann mit dem Musterkoffer setzte sich seinen Hut auf, ging aber nur aufs Klo, wie es schien. Der Koffer auf dem Stuhl. Hat wohl doch mehr Angst, der Hut ginge ihm flöten als sein Koffer, dachte Dessoir, tja, und dann steht ihm plötzlich wieder so eine Schlagzeile vor Augen, „Dessoir-Affäre, neueste Enthüllungen“, die Angst damals, die Hilflosigkeit, der Skandal, die Affäre, die es nicht hat geben dürfen und die es dann auch nicht gab, Gottlob! Wenn auch der Preis, das zu verhindern, ungeheuerlich war, er nahm noch einen tiefen Schluck Bier, kalt, malzig, sämig, selbst wenn Popowicz ihm nichts weiter abverlangt hatte als Stillschweigen und Duldung, das tägliche, abendliche Schauspiel von Normalität, in seinem eigenen Haus! Susanne und Popowicz! Demütigung, Betrug, jeder hatte jeden betrogen, auf unterschiedlichste Art und Weise, jeder spielte Theater, damals! Vor dem großen Kriege. Ein Fußweg nur zur nächsten Zeitungsredaktion, ein kurzes Aushandeln der Konditionen, Popowicz mit dicker Brieftasche, Weiteres in Aussicht gestellt, kommt per Post nach Anweisung des Geldes, bin ja nicht doof, würde sich Popowicz gedacht haben, Koffer gepackt, eine Zugfahrkarte, gleich wohin, Paris wäre ihm zuzutrauen gewesen, dem Kerl, Name dann geändert, Leben neu. Wäre aber aus gewesen, mit meinem Leben wäre es aus gewesen. Und dem Lehrstuhl für Psychologie, schlagartig. In der Hand, ich, des Popowicz, Geheimnisverrat, Sie, Sie sind doch verantwortlich für Ihre Mitarbeiter, deren Auswahl, fahrlässiges Handeln, was stellen Sie den Kerl denn ein, unentschuldbar, das! Popowicz, Witold Firmian, in Abwesenheit drei Jahre, Dessoir, Max, anwesend, Entzug der Lehrerlaubnis, acht Jahre Zuchthaus.

Der Mann kommt zurück vom Klo und nimmt seinen Musterkoffer wieder auf den Schoß. Ein Schoßmusterkoffer. Was da wohl drin sein mag, vielleicht wirklich mal fragen, Pistolen für den letzten Schuß, wir lassen Sie mal allein, Herr Professor, eine Sache der Ehre, kein weiteres Wort notwendig, Schreckensszenario, tiefster Höllenkreis, und wie sollte ich, ein Mann der Wissenschaft, das überstehen, die Frau des berühmten Herrn Professors Dessoir sinkt in sich zusammen, Unruhe, der Richter droht, den Saal räumen zu lassen, im Namen seiner Majestät, Riechsalz, ist ein Arzt anwesend, der Angeklagte unbeweglich, starr, innerlich gebrochen, mit flackernden Pupillen, wie ein Irrsinniger, Extrablatt, Extrablatt, lesen Sie alles zur Dessoir-Affäre … Oder nein! Wo denke ich hin, denkt er, trinkt das Bier aus, des Wirtes Blick, geübt in tausend Schlachten, trifft den seinen, passgenau, nicht zu früh, nicht zu spät, Dessoir nickt, Susanne wäre doch nie in Ohnmacht gefallen, nein, sie wäre nicht zusammengesunken, und da kam auch schon das Gedeck, Bier war sicher schon gezapft gewesen, „bittschön, der Herr“, mit Popowicz geflohen wäre sie, nach Paris, Rom, Wien, in Wien hatte sie, als junge Sängerin, noch unbekannt, paar Konzerte gegeben, hatte sie gleich bei ihrem ersten Treffen erzählt, oder nach Übersee, New York, San Francisco, Buenos Aires, hatte Popowicz nicht einmal davon gesprochen, in Übersee Verwandte zu haben, ja, beide fort, ich hätte allein vor Gericht gestanden, Geheimnisverrat, Verleumdung, der Kaiser selbst betroffen, in Schimpf und Schande davongejagt, Schierlingsbecher oder Flucht, Carl du Prel hätte den Lehrstuhl übernommen und alles ruiniert mit seiner, seinem …, Auflösung des Haushalts, Scheidung der Ehe, immense Anwaltskosten, Ruin, doch wäre ich nicht selbst, er kippte den Schnaps hinter, dachte er, besser zeitig geflohen, in London wäre ich doch sicher willkommen gewesen, 1913, was ging die der königkaiserliche, kaiserkönigliche Hof an, da lachten die sich doch drüber kaputt, eine deutsche Flotte, lächerlich, doch dann der Krieg, Internierung aller Deutschen im Vereinigten Königreich, hätten mich die Kollegen schützen können, Ellman oder Woolf, Spekulation, ihm drehte sich schon alles, rauchende, grinsende Gestalten starrten zu ihm hin, Fratzen, ein noch junges Mädchen in gewagt kurzem Rock bringt ihm einen weiteren Schnaps und knickst lächelnd, „geht aufs Haus“, lispelt sie, am Fenstertisch gegenüber sitzen zwei und stecken die Köpfe zusammen, „ist noch Sauerkraut da mit Wurst“ sagt das Mädchen und knickst und lächelt wieder, Dessoir nickt, nimmt einen Schluck Bier, die beiden Männer gegenüber grüßen ihn mit schräggelegten Köpfen, warum tun sie das, einer nach rechts, einer nach links, voneinander weg nach außen, dann fallen die Köpfe nach innen gegeneinander, dong, prallen auseinander und über die Schulter zu Boden in die Sägespäne hinein, kullern zu ihm, „Prost, Max“, sagen beide unisono, „prost, alter Haudegen, wohl bekomms“, so von unter herauf sagen sie das, „wie geht’s denn deiner Frau, immer noch auf jeder Gesellschaft die Schönste und Rassigste?“, Schnaps geht aufs Haus, hinterkippen, nochn Bier, nochn Bier,  nochn Schnaps, „Sauerkraut mit leckerer Wurst, bitte schön“, Knicks, Lächeln, „guten Appetit“, Beine bis zum Po, lecker, lecker, Kartoffelbrei mit Zwiebeln, das Kraut, die Wurst, er hatte nicht gewußt, wie hungrig er gewesen war, Schnaps, Bier, die Kleine wieder zurück, legt ihre Hand auf seinen Unterarm, „heiße Milli“, Wimperschlag, das geht ihm durch und durch, „laß den Herrn in Ruhe essen, Kleene“, der Wirt ruft quer durch die dicke Luft, pfeift, „in die Küche, wo du hingehörst“, die Herren gegenüber, jetzt wieder mit Kopf, wünschen guten Appetit, er dankt nickend, und dann, schlagartig, die Wurst rein in den Mund und zwischen die Zähne, Haut platzt auf, eigener Darm, das Kraut, der Kartoffelbrei, ein Zusammenreißen, Anspannung aller Kräfte, Essen und Trinken, Leib und Seele, Arsch und Titten, und dann, ja, ist Max Dessoir, Professor an der Friedrich-Wilhelms-Universität, erster Inhaber des Lehrstuhls für Psychologie und als solcher bekannt und in Fachkreisen weithin akzeptiert, ja bewundert, plötzlich wieder klar, der Wirt döst am Tresen, alles schweigt, er ißt, kaut und schluckt, trinkt sein Bier, den Schnaps hinter, winkt dann dem Wirt mit Zeige- und Mittelfinger, komm mal her, mein Gutester, zahlt, dicker Packen Scheine, Inflation, Trinkgeld, steht auf, geht zur Türe, der Musterkoffermann blickt kurz auf, „beehren Sie uns ba“, knarrrz-bumm, die Tür fällt hinter ihm ins Schloß, schwabbert kurz nach und hängt dann wieder stille in ihren alten Scharnieren.
(…)

© und alle Rechte bei Norbert W. Schlinkert 2014

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Das eigene Himmelreich

Manche sagen, du lamentierst nur noch, dabei denke ich einfach nur laut – oder schriftlich. Und was heißt schon „nur“ – machen Sie das mal, das Lamentieren, und zwar durch und durch produktiv. Mit Fleiß käme man da aber nicht weiter, Fleiß ist der Sklaventreiber der westlichen Moderne – sei immer schön fleißig, dann wirste was, hieß es immer. Doch als Kind sieht man ja überdeutlich, man spürt es, riecht es, was die Fleißigen geworden sind, wie sie geworden sind, worauf man beschließt, ich jedenfalls tat das, nie fleißig zu werden, zu sein, ganz gleich, was einem dafür versprochen wird. Lieber Mensch bleiben und werden als fleißig sein, sagte ich mir, flüsterte ich mir selbst ins Ohr, von innen, was ja in der Konsequenz auch immer heißt, mit Leidenschaft eben das gegenwärtig zu tun, was man will. In diesem Tun kommt mir dann oft der Satz in den Sinn, den ich von jeher auf meine Weise ernst genommen habe, dass nämlich des Menschen Wille sein Himmelreich sei. Wie oft habe ich das gehört! Natürlich, die Fleißigen meinten das negativ, das mit dem Willen und dem Himmelreich, das bekam ich schon mit, als Kind, aber ich spürte auch die Sehnsucht dahinter, seinem eigenen Willen gemäß auf seine eigene Weise zu leben und nicht so, wie der Chef das will oder die Gewerkschaft oder die Familie oder die Kirche oder die Partei oder die „Gesellschaft“. Albern natürlich die Vorstellung, für diese, meine Haltung zum Leben auch noch belohnt zu werden, wenngleich das nicht ausgeschlossen ist, weil die Sehnsüchtigen, womöglich ganz unbewusst, immer und immer suchen nach ihrem Willen und ihrem Himmelreich, sich also auch mal, qua Film oder Roman etwa, entführen lassen wollen, und sei es in eine Geschichte hinein, in der der am Fleiß und im Fleißigsein Gescheiterte dann schließlich im eigenen Himmelreich zugrunde geht – dies allerdings erst, und darauf kommt es an, am Ende seines Daseins und nicht schon während desselben. So gesehen kann Kunst ein Antifleißmedicamentum sein und hätte somit sogar einen Sinn. Wer hätte das gedacht!

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Die wohlgefällige Interessenlosigkeit

Zugegeben, es fällt mir nicht leicht, den Sinn, das Gewicht, den Gehalt und die tiefere Bedeutung von Literatur heutigentags einzuschätzen. Zum einen hat die engagierte Literatur sartrescher Ausprägung hierzulande, in den sogenannten westlichen Gesellschaften, sicher längst ausgedient, weil die Botschaften gleichwelcher Art nun von überallher längst wohlfeil zu bekommen sind, ob man will oder nicht – sie schallen aus allen medialen Kanälen, verbeißen sich gemeinhin in ein totes Stück Aufmerksamkeit, bleiben eine Weile vor Ort und verenden schließlich, so inhalts- und bedeutungsreich sie auch sein mögen. Andererseits hat jedwede Literatur auch schon ohne ausgesprochene Botschaft Inhalt, aus dem einfachen Grunde, weil mit Worten letztlich eben nicht alles adäquat zu bezeichnen ist und sich beim Lesen also etwas über das in Worten Gesetzte hinaus einstellt, sei es Unverständnis, Unbehagen oder auch Einsicht, Wissbegierde, Lust, Laune, träumerische Seligkeit, Bilderwelten. Was auch immer.

Um der Frage nachzugehen, was Literatur gegenwärtig ist und sein kann, sein könnte, sollte man, zumindest meiner bescheidenen Ansicht nach, sie nunmehr als eine Art Reduktion in unserer schönen neuen Welt wahrnehmen – denn wird nicht unablässig geredet, gequatscht, palavert, getratscht, geklönt und, mit oder ohne ein Gegenüber, monologisiert? Werden nicht unablässig Filme und TV-Serien gesendet auf jedem nur denkbaren Niveau und in alle nur möglichen Empfangsgeräte hinein? Sind nicht alle Arten von Schicksal und das allgegenwärtige Morden und Mordaufklären und das Sichverlieben und Sichtrennen und was sonst alles noch als eine Erzählung dauerhaft greifbar? Selbst auch in der Werbung wird nicht selten etwas erzählt, eine kleine Geschichte von Menschen, die Träume haben und sich diese, mittels einer Ware, eines Gegenstandes, erfüllen. Die Nachrichten bilden demgegenüber meist die andere Seite der Medaille ab, die geplatzten Träume nämlich. Gemeinsam aber haben all diese Arten des Erzählens in bewegten Bildern und gesprochenen Worten, dass sie einen unveränderbaren Rhythmus haben, einen unveränderbaren Sound, ein unveränderbares Gesicht, auch wenn es Versuche gibt, dieses Bestimmtwerden des Zuschauers durch eben diesen selbst wieder veränderbar zu machen, ihn Einfluss nehmen lassen zu können auf das Geschehen in einer Geschichte – was der Zuschauer aber bisher nicht zu wollen scheint. (Ausgenommen der Bereich Computerspiele.)

Wenn das nun alles der Fall ist, muss demgegenüber dann nicht, frage ich, auch das wortreichste Werk der Literatur, die längste Erzählung, wie eine Ruhezone aus präzise gesetzten, stillen Worte wirken, wie eine Hingabe an die Sprache selbst erscheinen, die erst vom Leser in ein mitunter nur vages Sein erhoben wird? Ein Aufatmen, ein Rückzug in die eigene und zugleich in die Welt des Autors, der Autorin, ohne dabei der Welt als solcher auch nur im geringsten verlustig zu gehen? Ist Lesen somit ein Sein in einem Wohlgefallen, weil der Mensch so dem dauernden medialen Gewittersturm ein Schnippchen schlagen kann, teilhaben kann, ohne vom ganzen Außen gelenkt, geleitet und vermeintlich beglückt zu werden? Ja, so, denke ich, lässt sich das durchaus sagen.

Leseecke, analog. Norbert W. Schlinkert

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Literaturbetrieb mal lustig

Verlag an Autor: „Wir machen jedes Jahr nur ein Buch, Ihres ist leider nicht dabei.“

(Fiel mir gestern während eines Gesprächs über Literatur spontan ein, nämlich im Garten der hessischen Landesvertretung in Berlin, wo, also in einem Saal derselben, die sehr gelungene Buchpremiere von Ricarda Junges neuem Roman Die letzten warmen Tage stattgefunden hat.)

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Lebensentrümpelung

Ich habe keineswegs mit mir gerungen – was ist das auch für ein Bild: mit sich selbst ringen! Hört sich schwer nach Fight Club an, finde ich. Nein, nein, ich ringe nicht mit mir, ich debattiere, und zwar ständig, was sich auch nach was anhört, das mir aber grad nicht einfällt. Ich setzte mich also mit mir selbst auseinander, sagen wir es so, bilde zwei (oder mehr) Positionen ab und komme, ganz allein, gelegentlich zu Erkenntnissen – wie es war, wie es ist, wie es weitergehen soll, mit wem ich meine Zeit verbringe, was ich zu arbeiten gedenke und so weiter. Bis hin zu der Frage, an welchen Bäumen die schönsten Früchte wachsen und wie ich da hin und da dran komme, also wie ich meinen Lebensunterhalt erwirtschafte. Hätte ich Mitte 90er-Jahre auf den Rat eines Berufsberaters gehört, so könnte ich heute verbeamteter Lehrer sein, was mir aber schon damals als eine Form des schleichenden Selbstmords erschien, so dass ich schließlich etwas Richtiges zu studieren beschloss und das auch tat, nämlich Kulturwissenschaft / Ästhetik. (Das zweite Hauptfach, Theaterwissenschaft / Kulturelle Kommunikation, wählte ich, weil die Lehrveranstaltungen im selben Gebäude in der Sophienstraße stattfanden – oh ja, ich kann auch pragmatisch sein!) So trieb ich die Kulturwissenschaft ziemlich weit und vertiefte mich in meine Themen, woraus zunächst die Magisterarbeit entstand und schließlich die Dissertation. Warum ich Ihnen das erzähle? Natürlich nicht, um damit anzugeben, auch wenn das manchem so scheinen mag, was ich durchaus nachvollziehen kann, bin ich doch in einer Gegend aufgewachsen (südöstliches Ruhrgebiet), wo Ehrgeiz sehr skeptisch beäugt wird und wo, kurz gesagt, allein Fleiß, Fleißigsein zählt und eine ganz gewisse Form der Bescheidenheit. Doch nach der Tischlerlehre Tischler sein zu wollen, das kam für mich nicht infrage, ratzfatz, ich erinnere mich gut, hatte ich das entschieden, so wie ich mich jetzt, dreißig Jahre später, entschieden habe, die Kulturwissenschaft aufzugeben, sie dranzugeben, es bei dem zu belassen, was da ist als Ergebnis des Lernens und Erfahrens und Erforschens. Punkt also. So etwas nennt man dann wohl Das-Leben-Entrümpeln, es ist nicht dramatisch, aber notwendig, in jedem Fall nichts, was überbewertet werden sollte. (Was ist das Wort Entrümpelung doch schön und die deutsche Sprache ach so blümelig!) Hauptsache jedenfalls, ich fühle mich wohl damit und kann mich anderen Dingen widmen, die da heißen Schreiben und Schreiben, einmal als Kunst und einmal als Erwerbstätigkeit, was in dieser Welt wahrscheinlich heißt, da sollte man sich nichts vormachen, das eine vom anderen getrennt halten zu müssen. Also, wir werden sehen!

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Kein Problem

Gestern sagte A zu Z: „Heterosexuelle Männer und lesbische Frauen haben es in unserer Lebenswirklichkeit ungleich schwerer, sich hochzuschlafen“ A sah dabei mich an, meinte aber ganz sicher Z. Z antwortete: „Weil es zu wenige Frauen in relevanten Positionen gibt?“ „Exakt“, antwortete A, „denn während sich die einen munter oder auch weniger munter nach oben vögeln können, müssen männliche Heteros und weibliche Homos andere Wege finden, die aber zudem auch den homosexuellen Männern und den heterosexuellen Frauen offen stehen.“ Z blickte in meine Richtung und sagte dann zu A: „Das ist in höchstem Maße ungerecht, in der Tat!“ A überlegte eine Weile und antwortete schließlich: „So wären also bisexuelle Männer und Frauen in der besten Position und müssten dementsprechend erfolgreich sein?“ „Ich denke“, antwortete Z, „so wird es sein, was aber auch heißt, dass sich das Problem imgrunde von selbst löst.“ „Wunderbar!“, rief A, „es gibt also gar kein Problem!“ Dann lachten sie übermütig und gingen Arm in Arm fort, so als sei nichts gewesen. Und auch ich ging meiner Wege.

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Mach mal die Augen zu, dann siehst du, was dir gehört! Oder: Wortschöpfungsketten

Schlecht zu sagen, welcher Spruch mir in der Kindheit am allerhäufigsten verabreicht wurde, aber eben dieser: Mach mal die Augen zu, dann siehst du, was dir gehört!, der hat mich wohl am meisten geprägt. Denn es steckt Wahrheit in ihm und Wirklichkeit, ganze Welten sind darin, ja er hat mich sogar davon abgehalten, an Wertschöpfungsketten zu glauben, auch wenn ich letzten Endes nur das e nach dem W durch ein o ersetzte: Wortschöpfungsketten. Die Augen zugemacht und geträumt, das habe ich, das tue ich bis heute, selbst wenn es unter besseren Bedingungen durchaus auch zu einer Wertschöpfung hätte kommen können, bei all dem, was ich aus meinen Träumen heraus doch tatsächlich tat! Doch Wertgeschöpftes im gemeinhin gemeinten Sinne ist vergänglich, Träume aber sind so unfassbar und flüchtig wie unzerstörbar, sind mir, Wort für Wort, Bild für Bild, in gleich welcher Anmutung, wert. Sind mir wahr. Selbst auch jetzt, wo sich anscheinend niemand weiter für meine Schreiberei interessiert – würde ich ein Ladenschild an meiner Buchte anbringen wollen, so stünde da Schreiberei darauf – so bin ich doch mitten darin, im Träumen, gleichsam mit geschlossenen Augen tätig. Wahrscheinlich sollte ich dankbar sein für diese Weisheit – Mach mal die Augen zu, dann siehst du, was dir gehört!

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Samstagmorgengedanken

Ich denke oft an die Menschen, die mir wichtig sind, allerhöchstwahrscheinlich genau so oft, wie diese an mich denken. So ist die Welt nunmal eingerichtet, wenngleich auch all die Irrtümer im Leben ihren Platz haben. Schließlich kann der Mensch auf alle mögliche Art und Weise leben, zwischen Rummel und Einsamkeit, zwischen Angst und Zuversicht, immer hin und her, wie eine leere Schaukel, die noch schwingt, nachschwingt, als schon lange niemand mehr zu sehen ist. Vielleicht dass allein diese beiden Worte, hin & her, sie in Bewegung halten? Der Baum, an dem die Schaukel hängt, an seinem stärksten Ast, zwinkert mir derweil aufmunternd zu und rauscht ganz leise im Samstagmorgenwind. Soll ich?

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The Wahrheit is …

Wenn es denn wirklich sein muss, gegen alle Vernunft die Wahrheit zu sagen, dann täte ich das! Definitiv. Was sich allerdings auch immer gut macht, ist, einfach das Gegenteil der Wahrheit zu verkünden, denn es ist eine nicht zu bestreitende Tatsache, dass dir ohnehin, ganz egal was du sagst, die Hälfte der Leute nicht glauben wird und diese Leute dann einfach das Gegenteil annehmen. Das nennt man die Freiheit der Rede. Kann man also demnach sagen, was man will? Ja und nein!

Gar nicht selten denke ich über den Begriff Milieu nach. Und über den Begriff der Rolle. Und zwar, weil ich erstens in gleich welchem Milieu nicht zurechtkomme und mich nicht wohlfühle und ich mir zweitens schon immer verbeten habe, mir von außen eine Rolle überstülpen zu lassen wie dem Rittersmann seine Ritterrüstung. Aber wieso denn bloß? Was macht es denn so schlimm, sich in einem Milieu zu bewegen, und was ist so schlimm an einer Rolle? Die Wahrheit darüber findet sich oben im ersten Abschnitt dieser wegweisenden Schrift. Definitiv!

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