Zufrieden

Ich bin sehr zufrieden, sage ich. Unsinn, sagt mein Unterbewusstsein, unzufrieden bist du! So geht das noch eine Weile, dann schalte ich es für heute ab. Zufrieden wende ich mich wichtigen Dingen zu und schreibe erst einmal einen kleinen Beitrag in mein Blog hinein, mit dem ich bis hierher auch sehr zufrieden bin. Daran gibt es nichts zu deuteln.

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Glückskekse

Ich werde mir einen neuen Ort zum Schreiben suchen müssen, nur weiß ich noch nicht, ob dieser neue Ort in mir liegen wird oder ich in ihm. Oder beides? Ich wünschte manchmal, es gäbe die Prenzlauer Berge in wirklicher Wirklichkeit, statt dass das nur ein Stadtteil ist inmitten anderer Stadtteile. Vor Jahren habe ich mal einiges geschrieben über die negative Entwicklung, die dem Stadtteil widerfährt, die ganzen blöden Mütter und Väter und deren kindgewordene Glückskekse, aber eigentlich war das alles noch ziemlich untertrieben. Es ist wie bei den Kommunisten: der einzelne, gut genährte Kommunist kann durchaus ein netter und kulturbeflissener Kerl sein, was aber nichts daran ändert, dass es sich beim Kommunismus um eine menschenverachtende Ideologie handelt. Die Masse macht’s, und die besteht in den Prenzlauer Bergen nun mal überwiegend aus angepassten Glückskekszüchtern mit eingebauter Weltrettungslarmoyanz und ausgeprägtem Kinderfestfeierbedürfnis. Natürlich beklage ich das alles nicht, das wäre verschwendete Energie, aber es schadet meiner Arbeit, obwohl, hört hört, man sich als künstlerisch tätiger Mensch doch eigentlich glücklich schätzen müßte, nicht allzu viel andere Künstler um sich zu haben. Aber stimmt das überhaupt: sind hier nicht Unmengen von Schauspielern tätig, ja spielen nicht nahezu alle hier ständig Theater? Nicht ganz, denke ich, denn während die Erwachsenen durchaus das PrenzlauerBergSein beständig mimen, spielen die Kinder nicht eigentlich Theater – sondern Kindsein, und das nicht einmal schlecht. Aber wer will schon in einem Theaterstück leben, noch dazu mit einer miesen Rolle. Ich jedenfalls nicht!

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Futsch oder nicht futsch, das ist hier die Frage!

Das hört sich so dramatisch an, aber es geht mir tatsächlich jetzt darum, die Weichen in die richtige Richtung zu stellen oder vom Gleis zu fallen. Nach und nach werde ich nun also meinen Roman einer gewissen Anzahl von mir passend erscheinenden Verlagen anbieten, nachdem ein ganz sicher passender Verlag den Roman nicht haben will, zu kostspielig und zudem in Konkurrenz mit bereits geplanten Texten. Imgrunde wird das überall so der Fall sein – ich brauche einfach Glück, dass ein paar Verlagsmenschen meinen Roman unbedingt machen wollen und an einen Erfolg glauben. Ich glaube dran, und selbst an meinen eben erst neu begonnenen Roman mit nicht einmal hundert Manuskriptseiten glaube ich bereits, jedenfalls so lange, bis nicht die letzte Hoffnung futsch ist. Was soll so falsch daran sein, frage ich mich manchmal, ein paar tausend oder zehntausend Menschen mit einer spannenden, anspruchsvollen, gut lesbaren Geschichte zu beglücken, ja ihnen sozusagen etwas zu schenken!? Wobei schenken natürlich nicht heißt, nicht entsprechend der vorherrschenden Lebensweise in bestimmten Ecken dieses Planeten angemessen dafür entlohnt werden zu wollen – klar, denn wo kämen wir sonst hin: ja, das ist die Frage. Ich würde mal sagen, man käme ohne Zweifel in die Künstlerhölle, wenn man denn nicht schon drin steckt!

Ausschau halten, Norbert W. Schlinkert

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Schreibsel V

Die Prenzlauer Berge zu verlassen erweist sich als undenkbar, ja nicht einmal auf den Balkon mag ich hinaustreten. Es ist einfach zu heiß da draußen. Wasser zum Drinherumplantschen gibt es hier ohnehin nicht und auch Grünflächen sind rar. Dafür aber ist alles frisch angepinselt. Das macht sich gut in der Sommerhitze. In den Gründerzeitvierteln der Städte in Westdeutschland findet sich inzwischen mehr durch bröckelnde Fassaden illustrierte Tristesse als hierzuostberlin, das muss man schon sagen. Gäbe es nicht das Realleben-Paradies gleich nebenan im Wedding, manch einer langweilte sich schier krank im Prenzlauer Berg. Da hilft auch kein Yoga. Der Gleimtunnel als Geburtskanal, allerdings mit Rückfahrkarte. Manchmal habe ich den Eindruck, ich lebte hier im Experimentierfeld par excellence fürs Großstadtleben der Zukunft, etwa nach dem Motto Langeweiler aller Länder, vereinigt euch!, so wie ich in meiner Jugend mich des Eindrucks nicht erwehren konnte, inmitten einer Kleinstadtversuchsanordnung zu leben. Das war natürlich Unsinn, damals, in der Vormoderne.

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Schreibsel IV

Den Menschen gibt es jetzt endlich auch als Maschine, ein alter Diktatorentraum wird wahr. Unsere Aufklärer allerdings, Christian Thomasius, Immanuel Kant & Consorten, drehen sich im Grabe herum wie die Milchsäure im Joghurt. Es gibt ja sogar auch schon Menschenmaschinen, die nicht nur von außen mit Sensoren bestückt sind, sondern sich sogar Chips implantieren lassen, um sich noch besser selbst zu überwachen und um überwachbar zu werden durch gewinnorientierte Weltkonzerne und machtorientierte Regierungen oder einfach durch die nächstbeste Versicherung, die bei bravem Verhalten die Beiträge senkt. Diese disziplinierten Jungs beiderlei Geschlechts wissen jedenfalls alles über sich, was sie für ihren Arbeitgeber leisten und wie sie geschlafen haben und wie viel Kalorien sie verbraucht haben und wie das alles noch besser werden kann. Tja, wie sagten noch die Altvorderen: die Dummen werden nicht weniger – diese neue Spezies nennt sich nun aber nicht Maschinenmenschen sondern Quantified Self und würde, wäre sie nicht so supernützlich, sicher allgemein als gefährlich eingestuft werden müssen, zumindest in den Gesellschaften, in denen man grausige Erfahrungen gemacht hat mit auf strikter Disziplin und Kontrolle ausgerichteten Herrenmenschenmentalitäten. Die besten Untertanen sind eben immer noch die, die selbstdiktatorisch einer „großen“ Sache dienen, mag die nun heißen, wie sie will. Wenn also in nicht ferner Zukunft die QS aufmarschieren und Sie als Nichtoptimierter und Effizienzverweigerer zur Seite treten müssen, dann leisten Sie bitte auch mal was, nämlich Widerstand, vielleicht einfach, indem Sie sich der Sache in den Weg stellen.

Kommunikation Maschine-Mensch, Norbert W. Schlinkert

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Schreibsel III

Wenn das so weitergeht in diesem Land, dann haben wir bald Kaiserreich reloaded, eine Klassengesellschaft, gewachsen aus neoliberalem Boden. Was hat dieses Deutschland nicht alles schon durchleiden müssen an Wendungen zum Negativen hin, Luther, Bismarck, Hitler, Ulbricht, Kohl, Schröder, und wer nun glaubt, mit Merkel habe sich das Land erfolgreich den Schrecken des zusammenbrechenden Kapitalismus entzogen, ist eine hohle Nuss. Die (den Hartz-IV-Empfängern einstmals angedichtete) römische Dekedanz von Teilen der Mittelschicht und der Oberschicht ist aber zu eindeutig auf Pump finanziert, zu eindeutig abhängig von Stimmungen und Zufällen, zu gefährdet durch kriminelle Elemente, Banker, Mafiosos, Spekulanten, Militärköppe, manch Politiker, als dass sich irgendjemand gleich wo auf der Welt auch nur halbwegs sicher fühlen könnte. Es wird nicht mehr lange gut gehen, allein das ist sicher. Abgesehen von dieser meiner Unkerei versuche ich für meinen Teil, jeder hat seinen, mich weiterhin an meinem Lebensmodell Hedonismus light, dem ich seit je her fröne und das nicht auf Wachstum und Überfluss beruht, sondern auf Verhältnismäßigkeit, Lust und Zeit. Wäre es nicht so anstrengend, würde ich glatt ein Buch zu dem Thema verfassen, allerdings, und das wäre dann notwendigerweise Hedonismus hard, auch nur dann, wenn ein schöner Vorschuss mir die Zeit des Arbeitens versüßte.

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Abgesehen davon, dass die Welt also mal wieder zugrunde geht, wäre ich persönlich im Moment lieber auf Island, wo es schön kühl ist und regnet, denn mal ehrlich, was soll denn diese Sommerhitze, man kann ja nix machen, und arbeiten schon gar nicht. Im Juli und August probiere ich nie, etwas zustande zu bringen, obgleich mir letztens erst nahegelegt wurde, zum Zwecke des Geldverdienens mal unter schlechten Bedingungen einen schlechten Unterhaltungstext zu schreiben, denn gute Texte, so sagte die gute Frau, seien schlecht zu verkaufen. Eine Alternative wäre übrigens meiner Ansicht nach das nächtliche Arbeiten, aber dann müsste es am Tag ruhig sein, doch so lange man den Kindern nicht die Stimmbänder stilllegt und den Arbeitern die Hämmer und Sägen entwendet, wird daraus nix. Also bleibt mir nur Hedonismus light, ich sagte es ja schon.

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Schreibsel II

Ist Literatur tanzbar? Und wenn doch, wo findet dieser Tanz statt? Zunächst einmal muss der richtige Ton getroffen sein, ganz wichtig, um sich als Leser auf den Rhythmus des Textes und schließlich auf dessen Inhalt einzulassen. Wenn der Text dann in mir schwingt, ist also schon einiges gewonnen. Ob ich dann Robert Musil lese oder Brendan Behan, macht dann keinen wirklichen Unterschied mehr aus. Kapellen allerdings, die mir mit moralischer Schmalzmusik kommen, bringen in mir nichts in Wallung, allenfalls die Wut, die ja bekanntlich nur zum Veitstanz führen kann. Also raus mit jedweder Moral, raus aus der Literatur! Hurtig! Mach dich vom Acker, du alte Pottsau! Só! Natürlich, das muss unbedingt erwähnt werden, kann im Text jemand, der ordentlich ins Dintenfass der Moral getaucht worden ist, durchaus auftauchen und fürchterlich rumfuhrwerken. Inhaltlich geht alles. Gestern las ich übrigens auf einer kurzen Fahrt mit der Regionalbahn, und die war voll, weil das Volk am Sonntag frei hat und ins Grüne will, und was soll ich sagen, außer dass ich das nächste Mal, wenn ich da raus fahre nach Falkensee, sicher nicht den heiligen Sonntag wählen werde. Auf der Rückfahrt war es noch voller, voll, voller, am vollersten, die Jugend selbst auf dem Rückweg von irgendwelchen Festivals, alles in bester Laune, bis auf ein zusteigendes spandauer Proletenpärchen älteren Semesters, die konnten das  gar nicht ab.

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Wenn der Sommer eine Spur zu warm ist (eine Spur = 5 Grad°) kann man zweierlei machen. Entweder sieht man sich Filme an, die in warmen Weltregionen spielen, oder solche mit Eis und Schnee. Bloß nichts Gemäßigtes, da kommt man in Teufels Küche. Das Gleiche gilt fürs Lesen. Wenn ich gegen Abend mich auf die ein oder andere Parkbank der Prenzlauer Berge hocke, dann lese ich entweder kalte oder heiße Literatur, deren Lektüre ich auch nur unterbreche, um kurze Blicke zu schönen Frauen hinüberzuwerfen. In meiner momentanen Hauptlektüre ist jedenfalls Winter, Liverpool so Anfang der 1940er-Jahre, Untersuchungsgefängnis für Jugendliche. Das erfrischt sehr, wenn man da liest, wie der arme Kerl kaum bekleidet in seiner kalten Zelle hockt und strengen Arrest verbüßt, weil er einem, der es nicht besser verdient hat, die Fresse polierte. Das andere Buch, das ich mir wieder mal vorgenommen habe, ist ‚Die Insel des zweiten Gesichts‚ von Albert Vigoleis Thelen, und das spielt von 1931 bis 1936 auf Mallorca, und da ist ja wohl meistens Sommer. Beide Bücher sind autobiographische Romane von Autoren, die das Glück hatten, etwas Erzählenswertes gelebt zu haben – heutzutage erleben viele Autoren hierzulande ja eher nicht viel mehr als Unibetrieb, Praktikum in Dingsda, ein paar Drogen und dann Kinder, Haus, Baum und so weiter, also jedenfalls die Autoren, die vom staatlich-offiziellen Literaturbetrieb gepampert werden oder des Volkes Gunst auch ohne das erfahren. Naja, Hauptsache, die Qualität stimmt, und das ist ja wohl eindeutig nicht der Fall.

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Schreibsel I

Ganz zu Recht, oder nicht ganz zu Unrecht, erwartet die Welt von mir nichts weiter. Das mag einerseits daran liegen, dass ich die Welt, wie sie sich mir als Welt darstellt, nicht als solche akzeptiere. Sie ist mir eine von vielen möglichen Welten, wenn ich auch zugebe, in ihr auf eine banale Weise die doch konkreteste zu sehen. Andererseits weiß die Welt mit mir nichts anzufangen, so scheint mir wenigstens. Manchmal tauchen Menschen aus dem Dunst auf und nehmen Kontakt mit mir auf, dann verschwimmen sie wieder, während ich da bleibe. Es kommt immer wieder vor, dass Menschen mich nicht verstehen, meine Seins- und Lebensweise, meine Ansichten, meine Wertungen, aber meist liegt von Anfang an ein Missverständnis vor, denn ich will gar nicht verstanden werden, nicht, weil es ohnehin unmöglich ist, sondern weil es der Welt als solcher und auch meiner Welt nichts hinzufügt. Eher noch nähme Verständnis etwas fort. Also kein Verständnis. Darum geht es nicht. Es geht immer nur um Zuneigung, und wenn zwei Menschen einander zugeneigt sind, lehnen sie die Köpfe aneinander. Das vereinfacht das Zusammensein sehr, das Schauspiel des Einanderverstehens, das Menschen, die sich mögen, sich spielen. So entsteht ein angenehmes Miteinander zweier Welten, die oft verschiedener nicht sein könnten.

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Kultur in ihrer bürokratischen Erscheinungsform war mir schon immer suspekt, weil ich, die Bürokraten mögen mir das nachsehen, die dort Tätigen immer als Dienstleister für die wahren Künstler angesehen habe. Sicher, ohne die Kulturbürokraten gäbe es keine Festivals und keine Ausstellungen und so weiter, viele Künstler würden überhaupt gar nicht das Licht der Öffentlichkeit erblicken, gäbe es die Arbeiter in Verlagen und Redaktionen nicht. Also alles in bester Ordnung. Einerseits. Andererseits ist eine Eventisierung des Kulturellen nicht mit allen Künsten so ohne weiteres vereinbar, aber was gemacht wird und Publikum findet, wird eben gemacht und findet Publikum, so einfach ist das gemeinhin. Meine persönlichen Events finden eher mittels eines guten Romans beim Lesen statt, durch die Nähe zum gemeinhin Unveräußerlichen, zum Autor selbst und dessen Gedankenwelt, über alle Grenzen und Zeiten hinweg. Also lese ich. Das Lesen ist mir zum Glück nie versaut worden durch schlechten Deutschunterricht, während mir zum Beispiel alles Naturwissenschaftliche durchaus versaut wurde durch schlechte Lehrer, die als 68er kein Interesse am Schüler, wohl aber am Wohlstand hatten – so war sie halt, viele erinnern sich bestens, die Kultur der ehemaligen BRD. Kein Wunder eigentlich, dass meine Generation so viele so oberflächliche Karrieristen hervorgebracht hat, die sich in ihrer Wohlstandsbenommenheit auch noch für die besseren Menschen halten, während die Welt außerhalb dieser Nester wieder einmal bankrott geht.

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Textsprung

Ich weiß gar nicht, ob ich überhaupt etwas von mir oder über mich schreiben sollte. Womöglich wird mir das als Anmaßung übelgenommen. Also lasse ich es besser. Vielleicht nur ganz kurz: das ein oder andere für mich Wichtige wird sich, wie von mir beabsichtigt, dieses Jahr entscheiden und dann entschieden haben werden, wobei die zentrale Frage im Raum steht, ob sich jahrelange intensive literarische Arbeit nun gelohnt haben wird oder nicht. Nicht unbedingt im großen Maßstab gelohnt, auch wenn ich dazu nicht nein sagen würde, aber wenigstens in angemessener Art und Weise. Wenn also ja, dann geht’s wie gehabt weiter mit der Textarbeit, wenn aber nein, wenn ein Sprung in der Platte ist, dann so nicht. So einfach ist das.

Der Geist der Literatur, Norbert W. Schlinkert

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Wider die verzwickte Verzweckung der Kunst

Alles Überflüssige ist vollkommen hierarchiefrei, das macht die Kunst zur Kunst. In ihr ist es möglich, mit allem zu arbeiten, was Welt, Sinne, Denkapparat hergeben. Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, an sich bezogen vor allem auf die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts in Deutschland mit all seinen Parallelaktionen in Sachen Kunst und Denken, ist imgrunde Kern aller Kunst, ist Sinnspruch für das Zweckfreie im Menschen. Kunst, die sich instrumentalisieren läßt, ist demnach keine Kunst, sie hat eine spezielle Funktion, die der sehr ähnlich ist, die ein Gesetz hat oder ein Maschinengewehr. Wer heute Kunst betreibt, der muß sich klar darüber sein, wie in der immer noch unmittelbaren Moderne Faschismus und Kommunismus die Kunst in allen ihren Ausdrucksformen mißbraucht haben, indem sie sie benutzten entweder als Feindbild und als Feind und auch, in genehmer Form, als Deckmäntelchen und zu Glorifizierungszwecken, was nichts anderes hieß und heißt, als der Kunst ihre Zeitlosigkeit zu amputieren, sie zu verzwecken. Aber auch in der sich nun mit aller Gewalt neu herausbildenden Weltunordnung, in der mit Macht Ausgestattete (Beliehene) offensichtlich Orwells Roman 1984 für eine Gebrauchsanweisung nehmen, wird die Kunst als solche in dieser Art benutzt, nicht zuletzt auch deswegen, weil es Künstler aller Richtungen gibt, die von sich aus den Markt nach dessen Vorgaben zu bedienen trachten und damit vom Kern ihrer eigenen Welt aus eben das tun, was von Außen verlangt wird, nämlich einer Zweckmäßigkeit zu dienen, sei dieser Zweck nun Machterhalt oder Gewinnmaximierung. So ist Sichverkaufen gleich Sichverraten. Da hilft auch kein Argument, man wolle und müsse mit seiner Arbeit seinen Lebensunterhalt verdienen, denn so richtig das ist, so wenig darf sich ein künstlerisch Tätiger solch einer Zweckmäßigkeit unterwerfen. In der deutschen Romantik hieß es nicht von ungefähr, man müsse sich entscheiden, ob man Künstler oder Bürger sein wolle, beides ginge nicht. Wie wahr! Die einzige Zweckmäßigkeit, die der Künstler sich zu vergegenwärtigen hat, ist die, mit sich selbst identisch zu sein, eine 1/1-Existenz zu leben, so unmöglich das in letzter Konsequenz auch ist und immer schon war, seit Urzeiten. All dies heißt aber nicht, um keine Mißverständnisse aufkommen zu lassen, als Künstler von nicht künstlerisch tätigen Menschen gesondert zu sein oder aber von ihnen eine bestimmte Beziehung zur Kunst zu verlangen, eben dies auf keinen Fall, denn die Zweckfreiheit der Kunst ist ja zugleich Ausdruck ihrer tiefen Menschlichkeit, die nicht und nie verhandelbar sein darf.

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