In die Tonne gekloppt

„Was?!“ Ganz und gar scharf wurde dieses Wort mir entgegengezischt. „Was hast Du getan?!“ Ungerührt lächelte ich mein Gegenüber an, eine schmallippige, dürre Zicke. „Ich hätte den Mist auch verbrannt“, sagte ich, „aber dazu war keine Gelegenheit, und da ich nicht wollte, daß irgendjemand diese Bücher in die Hand bekommt oder sie gar liest, habe ich sie in die Tonne gekloppt, und zwar nicht in die Papiertonne, das erschien mir unethisch.“ Das mit dem Unethischen war natürlich ein Witz, der nicht fruchten konnte. „Wie kann man denn als Deutscher“, preßte sie hervor, „Bücher vernichten?“ Ich klimperte mit den Augendeckeln. „Wie jeder andere Mensch auch“, erwiderte ich, „indem man sie zerreißt, zerschreddert, verbrennt, aufweicht, in Säure auflöst, als Klopapier benutzt oder eben in die Tonne kloppt.“ Schweigendes Kopfschütteln. „Willst Du wissen, welche Bücher das waren, die ich vernichtete?“, fragte ich nach einer Weile. Nö, wollte sie nicht.

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Das System

Wenn die neue Empfindsamkeit auf die kaum noch gezügelte Welt des Durch-und-Durch-Kapitalismus trifft, braucht es keine Träume mehr, um Monster zu gebären. Alles schon schönste Gegenwart: die Durchkapitalisierung aller Lebensbereiche, von Liebe und Sex über den Sport bis zur Gastfreundschaft, die Totalüberwachung jedes einzelnen Menschen, damit der Terrorismus nicht so alleine ist und noch ein Schwesterchen bekommt, dazu noch der neue, alte Drang, an etwas glauben zu wollen, zu müssen, ob Gott oder Geld oder Fortschritt oder Spaghettimonster oder gleich das Gute – Hauptsache man ist nicht so allein mit sich oder den anderen, die aber am besten das Selbe denken und glauben, denn sonst wüßte man ja nicht, über was und über wen (die anders Anderen) man reden sollte. So ist die Lage. Die schlechte Nachricht ist, daß all jene, die sich wohl fühlen im System, dem System nur Material sind (stimmt, hört sich ein wenig nach Faschismus oder Kommunismus an!), während die, die am und im System leiden und sich nicht wohlfühlen können, das auch besser nicht sollten, weil nämlich das System sonst kaputt wäre, ohne sie. Und wer will das schon?

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Schmunzeln

Ein Schmunzeln, ich mach mir selbst eine Freude. Mir nichts vor. Ich denke nach, ziellos, manches fällt mir ein: vor dreißig Jahren etwa, der Lehrer eines Freundes, ich erinnere mich, der mir sagte, ich mache es mir aber sehr leicht, wenn ich Ehrlichkeit fordere von mir zuerst und damit auch von anderen. Das sollte und könne ich nicht tun. Ich hatte mich dergestalt geäußert und erntete, das bemerkte ich durchaus, scheele Blicke. Sicher, das habe ich kurz darauf selbst begriffen, sich selbst und anderen eine Rolle vorzuspielen ist das, was erwartet wird, denn damit rechnen alle und stellen sich darauf ein – fast alle zumindest. Mir aber wird das Rollenspielen schnell nicht nur langweilig, es wird mir leicht auch zuwider, schon einfach deswegen, weil mir jeder neue Tag ein neues Leben ist. Dabei weiß ich längst, daß Wertschätzung nur dann gewährt wird, wenn man denn seine Rolle zu spielen vermag, kontinuierlich, wenn man in seiner und mit seiner Rolle funktioniert. In dieser Hinsicht jedenfalls habe ich versagt, denke ich mir jetzt und schmunzle, allein nur für mich selbst.

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Die Zeit der Nachteulen

„Die Zeit der Nachteulen bricht an“ – so gestern eine Stimme in meinem Kopf, meine Stimme. Das kommt nicht selten vor, daß da diese Stimme, leise und ernst, unwillkürlich erklingt; es ist, als wenn unter dem Sternenhimmel nur ein einziger Satz gesagt werden dürfe, und das ist dann eben dieser. Ich fragte still nach, was das zu bedeuten habe, aber keine Antwort, natürlich. Seitdem denke ich nach über die Zeit der Nachteulen – deute mir diesen Satz, nicht im banalen Sinne der Nachtschwärmerei, nein, viel eher auf die Weise, die mir bedeutet, Stellung zu beziehen, im Sinne des Wortes, wieder genauer hinzusehen im Leben, darauf zu achten, wie und mit wem ich meine Lebenszeit verbringe, und mit was. Meinen Plan, mit hundsgemeiner Lohnarbeit ein wenig mehr Geld zu verdienen, ist allerdings vom Tisch, Freunde haben mir diese Idee madig gemacht, indem sie anzweifelten, daß ich es überhaupt ernst meine damit, und überhaupt würde so etwas zu mir absolut nicht passen, das müßte ich selbst doch am besten wissen. Da ist mir die Lust dazu vollkommen vergangen, und wenn ich daran denke, wie viele Verbrecher in Deutschland über die Maßen „verdienen“ und zugleich eine hohe gesellschaftliche Stellung haben, vergeht sie mir gleich noch mehr. Außerdem habe ich ja Arbeit, nämlich meine mir eigene, ganz gleich, ob diese wertgeschätzt wird oder nicht. Warum mich dann also selbst zu Markte tragen, denke ich, und wer wollte mir da widersprechen, von biedermeierlichen Dummschwätzern mal abgesehen! Da sitze ich doch lieber startbereit auf meiner Warte und richte meine lichten Gedanken auf’s Wesentliche, schäle es aus dem Dunkeln heraus, ohne dabei für andere den großen Zampano zu spielen, ja ohne überhaupt im Theater der anderen eine Rolle haben zu wollen. Wie schrieb noch Samuel Beckett in Worstward Ho / Aufs Schlimmste zu ganz und gar und trotz allem grundoptimistisch: „All of old. Nothing else ever. Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.“

Es dunkelt in den Prenzlauer Bergen, Norbert W. Schlinkert

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Mein lieber Scholli

Ich hab mir noch mal viele meiner Beiträge der letzten (längeren) Zeit angesehen, und ich muß sagen, mein lieber Scholli, da sind ja Sachen dabei, die wären besser von jemand anderem geschrieben worden, so spannend sind die und gut. Natürlich kann man sich nicht einfach selber loben, so ganz ohne Selbstlobungskonzept. Klar, also lasse ich es. Selbst aber auch die bei einigen Leser:inne:n auf den Mutterboden des Lamento gefallenen Texte zeichnen sich unter anderem eben dadurch aus, daß sie sich, ganz ohne beliebig zu sein, sehr gegensätzlich lesen und verstehen lassen, und wenn das nicht auch eine Qualität ist, na, dann weiß ich’s auch nicht. Hab eben so meine Bandbreite, das ist mir schon immer um die Ohren gehauen worden, diese Uneinseitigkeit ist ganz offensichtlich für manche schwer zu ertragen, ganz gleich, ob es sich nun um literarische oder wissenschaftliche Texte handelt. Da sind viele natürlich schnell mal beleidigt und wollen mich nicht in ihrer kleinen Weltecke haben (huuuu), kann ich dann aber auch nicht ändern, ich duck mich sowieso weg, wenn die mit dem Umdieohrenschlagen anfangen, kuck-kuck, ich tauch dann einfach woanders wieder auf. Beispiele dafür gibt es genug, also für dieses Unverständnis gegenüber meiner permanenten Nichtfestlegung, schon als Jugendlicher habe ich Chopin gehört und Status Quo und Meredith Monk und Bo Diddley und Klaus Nomi und Tom Waits und Beethoven und und und – so what! Auch beim Lesen hab ich früh schon meinen Mitmenschen vor die Köpfe stoßen, die haben sich durchaus nicht weggeduckt, und dem üblichen (fürchterlichen!) Repertoire meiner gymnasialen Oberstufenfreunde einiges hinzufügen müssen, von dem manch einer annahm, ich verstünde das als Tischlerlehrling sowieso nicht – doch ich hatte damals im zarten Alter von 17 Jahren den Übertritt auf das Gymnasium einfach mit voller Absicht verweigert, indem ich das zweite Halbjahr des zehnten Schuljahres Realschule einfach mal nix tat und mir die Noten versaute – so konnte mich niemand zwingen, weiter die Schulbank zu drücken und mich festlegen zu lassen. Richtige Entscheidung, das, von heute aus betrachtet, denn ich wäre womöglich dann in einer wie auch immer bestimmten Ecke gelandet und nie, nie wieder herausgekommen. Welch Verschwendung das gewesen wäre – darauf ein schönes Klagelied, reflexis-spekulativ sozusagen. In diesem Sinne …

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Das wirkliche Leben im Falschen

Das wirkliche Leben im Falschen – wer kennt das nicht! Besonders einfühlsame, hilfsbereite, im besten Sinne erwachsene, gebildete, intelligente Menschen kennen das und sind sich zugleich ihrer Ohnmacht bewußt. Sie hätten alle Voraussetzungen für eine Führungsposition, zum Wohle der Verwirrten, zum Allgemein- und auch dem eigenen Wohle, doch sie nehmen solch Position nur selten und nur unter besonderen Umständen wahr, eben weil sie weder bevormunden noch unterdrücken noch gängeln oder lügen und betrügen wollen, weil eben das ihrem Wesen und ihrer Grundüberzeugung widerspricht, selbst wenn sich damit Gutes erreichen ließe. Sie müssen also in jedem Fall eigene Wege finden, die ihnen entsprechen und nicht nur den schon ausgelatschten keine Spuren hinzufügen. Dafür haben sie sich Sinnsprüche erfunden, steter Tropfen höhlt den Stein, so etwas in der Art – zur Beruhigung. Die Angst, im Vollrausch der (wenn auch nur begrenzten) Macht zu einem schlechten Menschen zu werden und Schaden anzurichten, sitzt jedenfalls tief und verhindert, wenn nicht generell, so doch viel zu oft, die Tat. Stattdessen verrichten diese Menschen nicht selten wichtige soziale oder künstlerische, aber kaum auffällige Arbeit, schlecht- oder sogar unbezahlt, während die stark auftretenden Schwachen eiskalt ihre Macht ausbauen und ihre Konten füllen, sich wenn nötig zusammenrotten, Seilschaften bilden, das Wohlwollen anderer ebenso ausnutzen wie Gesetzeslücken und die allgemeine Gleichgültigkeit. Das alles wäre zu beklagen, sicher, doch warum überhaupt Dinge ansprechen, die sich nicht ändern lassen!? Was kratzt es die Eiche …, Sie wissen schon: Sinnsprüche. In Die Liebe in Zeiten der Cholera fügt Gabriel García Márquez immer wieder Bilder ein, die als Gegensatzpaare funktionieren, meist bezogen auf zwei Arten von Menschen, solche, die gut scheißen und jene, die schlecht scheißen, solche, die vögeln und die, die das nicht tun, naja, solche Dinge eben, die aber keineswegs einem Schwarz-Weiß-Denken entspringen, sondern – dem guten Leser – viel Platz zum Leben dazwischen lassen, einem Lebendigsein trotz aller Falschheit. Aber lassen nicht literarische Texte ohnehin immer viel Platz zum Leben? Gute ja, bis zum letzten Loch gefüllte aber eher nicht, würde ich sagen – ich will ja schließlich nicht von der prasselnden Autor:inn:enphantasie gesteinigt werden, und da fällt mir ja gleich wieder ein Sinnspruch ein, der mit den schlechten Lesern, die ein Trost sind für schlechte Autoren, aber ich will’s mal gut sein lassen – schlechte Leser empfinden diesen Text hier spätestens jetzt ja ohnehin als langweilig, als das Gegenteil der Dienstleistung, auf die sie ein Recht zu haben glauben, so eine Art literarische Ganzexistenzmassage mit Penetration. Grad darüber, quasi andersherum gedacht, über das absolute Recht des Autors, der Autorin, gute Leser zu haben, sollte ich aber vielleicht mal einen Text schreiben, und wenn der nur den einen Sinn hätte, schlechte „Kunden“ auf immer zu vergrätzen. Grad und besonders in diesem Jahr 2014 habe ich ja, neben den guten, besonders viele Leser:innen gehabt, die in ihrer Ablehnung meiner Texte mehr von sich offenbarten, als ihnen lieb sein kann, als sie selber womöglich zu begreifen vermögen. Das mag auch daran liegen, daß ich nie in meinem Leben nach einer Muse verlangt hätte, daß mir dies seit jeher allenfalls als eine Mode aus dem quasi langen 19. Jahrhundert erscheint – zwei Mal wurde ich dieses Jahr, Anfang des 21. Jahrhunderts, damit konfrontiert, doch gefälligst gefördert und gefordert werden zu wollen, wortgleich, ich hab’s schriftlich, von Frauenseite, doch was andere Autoren als Glück zu begreifen vermögen, ist mir das Gegenteil erwachsener Anteilnahme, es ist devot und anmaßend zugleich, eine Melange, die mir zuwider ist. Reife Menschen mit einem stabilen Selbstwertgefühl sind nicht Muse, meiner bescheidenen Ansicht nach. Sicher, das Verhältnis Künstler – Muse hat große Kunst ermöglicht, das ist nicht zu bestreiten, man denke nur an Amedeo Modigliani, dessen arme Verlobte und Muse Hébuterne nach seinem Tod Suizid verübte, folgerichtig und aus Liebe zwar, aber ohne die Verzweiflung in ihrem Dasein leben zu können. Das arme Ding! Andererseits braucht die Kunst, und besonders die Literatur, womöglich Opfer und Täter als ihr eigentliches Lebenselixier, und manchmal frage ich mich, wie viel Unglück, Angst, Wut, Schwermut, Schwäche, Getriebensein und, ja, auch verzweifelter Mut allein in meiner (von schlechten Büchern inzwischen befreiten) Bücherwand steckt, wie viel Aufopferung, nicht nur der Autor:inn:en selbst, sondern auch die der Musen, Freunde, Partner, Eltern, Geschwister, völlig Fremder vielleicht! Auch wie viel Krankheit, Irrtum, Wahnsinn, und alles nur, um das zu tun, was dem Menschen ursprünglich zu eigen ist, nämlich zu erzählen, „Wahres“ und Erfundenes, aus dem eigenen Leben (als Lebens-Roman sozusagen), aus dem Leben anderer, aus einem „rein“ erfundenen Leben, das nie war und nie wäre, würde es nicht erzählt werden wollen. Allerdings, und eben das frage ich mich auch nicht selten, wäre es da für mich nicht angemessener, die tätige Teilnahme an meiner Arbeit (über die „normale“ etwa in einer Lebenspartnerschaft hinaus) dann doch einzufordern, vehement einzufordern, gegen meine eigene Überzeugung? Wirkt nicht alles andere halbgar, lauwarm, nicht richtig gewollt, unentschlossen? Ja, allerdings, auf manche, die nur mit kräftiger Unterstützung von Freunden, Musen, Familie als Künstler zu existieren vermögen, wirkt das so, doch ich werde den Teufel tun, die Verseilschafteten von ihrem Irrtum zu befreien – es ist wie in Sachen Liebe: wer nicht auch allein glücklich sein kann, der kann es auch nicht mit einem anderen zusammen. Annehmen, Hilfe annehmen, Unterstützung – das allerdings muß ein Künstler trotzdem können, inmitten des Falschen, inmitten des bellum omnium contra omnes, des Krieges aller gegen alle, denn eben dies ist letztlich ja immer genau sein Thema, ist das, wovon erzählt wird: Krieg. Von Frieden keine Spur.

Inmitten lesen! Norbert W. Schlinkert

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Rezension zu Renate Gutzmer: 26 Gefährdungen

Bei FIXPOETRY >>> ist meine Rezension zu dem kleinen Band 26 Gefährdungen. Kurzprosa und Lyrik von Renate Gutzmer erschienen. Klicken Sie doch mal rüber!

Renate Gutzmer, 26 Gefährdungen, Elsinor Verlag

 

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HEUTE: 1. Rixdorfer Literaturnacht

1. Rixdorfer Literaturnacht

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In Romanen muß getötet werden (Manuskriptauszug)

Heinrich hat in diesem Herbst alle Mühe, am Abend all die vielen Schweine wieder in den Stall zu bekommen. Noch im letzten Jahr war der Bauer ernstlich besorgt gewesen, ob überhaupt eine der Säue abferkeln würde, und nun waren mehr Schweine auf dem Hof als jemals zuvor. Nach der Ernte würden sie auf den Feldern die Mäuse fressen und dann auch im Sölder Holz nach Eicheln und Bucheckern gehen. Man sah schon die geräucherten Schinken an den Haken hängen, die zu lange leer geblieben waren. Die Vorstellung, dem Grafen im schlimmsten Fall alle Schweine abtreten zu müssen, lastete schwer auf den Bauersleuten. Jetzt im Herbst konnte man die Schweine natürlich noch tief im Wald verstecken, eine Magd sollte sofort, das war der Plan, zu Heinrich laufen, wenn Knu auftauchen würde. Allerdings ließ sich das Ungeheuer weder im September noch im Oktober oder November blicken, so daß die Schweine wenigstens schön fett werden konnten. Eines regnerischen Tages aber, Anfang Dezember, kam Knu lange nach Einbruch der Dunkelheit auf einem von zwei Pferden gezogenen Ackerwagen auf den Hof gefahren. Ohne sich um irgendjemanden zu scheren, man saß um das Feuer herum und aß, trampelte er, über und über mit Schlamm bespritzt, herein und sah sich die Schweine in den Ställen an. Er lallte etwas von vieren, die er holen solle, dann suchte er die fettesten aus und verfrachtete eins nach dem anderen der quiekenden und schreienden Viecher auf den Wagen. Den Bauersleuten standen vor Wut die Tränen in den Augen. Als endlich alle schon dachten, der Wagen würde sich jeden Augenblick in Bewegung setzen, kam das Ungetüm noch einmal herein. Er fragte den Bauern etwas, doch es war nur ein unverständliches Gestammel. Wütend wiederholte es der Riese, worauf der Bauer in seiner Not nickte. Nun begann das Untier grinsend das Haus zu durchsuchen, stampfte in die Gesindestube, öffnete die Truhen, knallte sie zu, stammelte irgend etwas, stapfte weiter, und als er in die kleine Webkammer, die auch als Spinnstube diente, trat, gab er ein triumphierendes Geheul von sich. Die Mädchen, Tine und Margarethe, die sich dort hinter allerlei Gerät verborgen hatten, schrien vor Angst, doch Knu hob Tine, wie zuvor die Schweine, einfach hoch und klemmte sie sich unter die Achsel. Keiner rührte sich, als er aus der Tür trat, alles sah mit offenem Mund auf das zappelnde, schreiende Mädchen. Knu grinste nur höhnisch, der Speichel lief ihm aus dem fast zahnlosen Mund mit dem Stummel einer Zunge, um dann plötzlich auf den Bauern zuzugehen und ihm in langen, unverständlichen Sätzen laut brüllend zu drohen. Endlich aber stiefelte er los und war bereits unter der Tür zum Hof, als Heinrich aufstand und behende wie eine Katze auf ihn sprang und ihm ohne viel Federlesens ein Messer in den Rücken hieb. Das Untier ließ Tine los, die, so dünn sie sein mochte, schwer auf den Boden klatschte und sofort wimmernd davonkroch. Ein kleiner Moment der Stille trat ein, man hörte das Feuerholz knacken, dann jedoch drehte sich Knu laut brüllend um und langte nach dem hinter ihm stehenden Heinrich, verfehlte ihn jedoch. Dieser lief, die Irritation des Kerls nutzend, einfach an ihm vorbei und verschwand in der Dunkelheit. Mit erstaunlicher Geschwindigkeit setzte Knu, das Messer noch im Rücken, ihm nach. Natürlich dachten alle, Heinrich würde über das Feld in den Wald laufen, wo er sich gut verstecken konnte. Der Bauer wies, mit hochrotem Kopf und stotternd die Knechte an, einige Forken, die Axt und was sonst noch als Waffe zu gebrauchen war, zu holen, damit man sich gegen den Kerl verteidigen könne, käme dieser zurück. Heinrich aber floh nicht in den Wald, sondern in die Scheune. Knu folgte ihm. In fast völliger Dunkelheit hörte er mehr als daß er es sah, wie Heinrich zuerst die Leiter zum Heuboden erkletterte und dann das Gebälk hinaufhuschte. Wilde Drohungen ausstoßend hastete Knu ihm keuchend nach, erklomm die Leiter, zog sich brüllend und geifernd an einem Balken hoch, kletterte weiter, außer sich vor Wut, grapschte ins Leere, hatte bald aber Heinrichs linke Hosenbein in Händen, er zieht und ruckt, packt zu, schreit, zieht weiter, doch Heinrich hat, was soll man sagen, längst mit beiden Händen festen Halt gefunden, holt Schwung und tritt mit dem rechten Fuß in das Gesicht des Riesen, einmal, zweimal, noch einmal und wieder, bis der losläßt, das Gleichgewicht verliert und laut aufbrüllend auf die Kante des Heubodens stürzt und dann satt und mächtig ganz hinunterfällt. Das Brechen des Genicks ist bis ins Haus deutlich zu hören.

Ein schwarzer Schatten erscheint in der offen stehenden Tür der Scheune und geht, seltsam schwankend, langsam ein paar Schritte zum Haus hin. Die kleine Gruppe auf halbem Weg atmet erleichtert aus, ein Hauch nur. Der Bauer mit der Laterne in der Hand und die Knechte hinter ihm, alle mit irgendetwas bewaffnet, sei es auch nur ein Knüppel oder ein kurzes Messer. Die Köpfe ein wenig vorgereckt, breitbeinig, stehen sie wie lauernd da. Die Laterne beleuchtet Heinrichs Gesicht von unten, er glüht, die Wangen rot und feurig, wie der Beelzebub selbst. Für Momente bewegt sich nichts und niemand, die Vorstellung, gemeinschaftlich über den Feind, das Ungetüm herfallen zu müssen, ihm den Schädel einzuschlagen und die Augen auszustechen, so als sei er allein dadurch dem Erdboden gleichzumachen, wich nur langsam aus den Köpfen. Wohl jeder von ihnen hatte gedacht, als sie dieses Krachen hörten, es sei aus mit Heinrich. Er ist tot, sagte der endlich und wies mit einem leichten Heben den Kopfes hinter sich. Engelbert, als der älteste der Knechte, nahm dem Bauern die Laterne aus der Hand und ging hinüber zur Scheune. Den Knüppel noch hochhaltend tat er zögernd die paar Schritte, denn das Knacken des Genicks und auch das, was Heinrich sagte, konnte eine Täuschung des Satans sein, das wußte er. Doch ein Blick genügte ihm, es war so, wie Heinrich gesagt hatte. Bald stand man im Kreis um den Toten, dessen Kopf in einem ganz und gar unnatürlichen Winkel zum Leib dalag, die Augen und den Mund weit aufgerissen.

Manuskriptauszug / © und alle Rechte bei Norbert W. Schlinkert

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Übermorgen: 1. Rixdorfer Literaturnacht!

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