Pessilist + Fatamist = Optisoph

Es ist ganz, ganz wichtig, eine Haltung zu haben, am besten natürlich eine wiedererkennbare, die wie ein Label wirkt und die man selbst ausgestaltet, um sie, wiederum selbst, den anderen aufzudrängen, notfalls mit mehr oder weniger sanfter Gewalt. Was mich betrifft, so habe ich in den letzten 25 Jahren bemerken müssen, daß meine allzu natürliche Haltung oftmals Überraschung auslöst, wenn denn nicht von Anfang an klar ist, was ich bin – mit dem „was“ meine ich das, was die meisten Menschen den Beruf nennen. Sie wirken gar nicht wie ein Handwerker / Künstler / Kulturwissenschaftler / Schriftsteller, so hörte und höre ich dann oft und konnte und kann mir anhand des Gesichtsausdrucks meines Gegenübers ausmalen, wie das gemeint war bzw. ist. Gelernt habe ich aus diesen Situationen nichts, oder jedenfalls nicht viel, mein Auftreten in Gesellschaft läßt weiterhin zu wünschen übrig, denn dieses ist offensichtlich fehlerhaft, weil nämlich dieses Was-ich-bin nie wirklich erkannt wird. Daran muß ich also noch arbeiten, oder müßte ich, denn wenn das alles auch pessimistisch stimmen mag, so wächst es sich doch zu einem Fatalismus aus, der im Optimismus münden kann, so lange man nur Elefanten mag, die im Porzellanladen herumgaloppieren. Naja, Hauptsache heutzutage ist, man fällt auf, der Ruf ergibt sich dann von ganz alleine.

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Schreiben ist wie Pflügen, Säen und Ernten

Den Boden aufreißen, etwas zum Leben Strebendes hineinlegen und es betreuen und bearbeiten, so lange es wächst, bis man es schließlich erntet – das ist Schreiben. Wie oft habe ich nicht schon gedacht, wie schön es wäre, ein schönes Stück Land zu besitzen, nicht um darauf zu wohnen, sondern um darauf herumzuspazieren und zu sehen, wie es lebt, wie es sich verändert, aber da ich solch ein Land nicht habe, lese ich Bücher und schreibe Texte, lege Texturen an, die ich dann auf eine gewisse Weise besitze und in denen man herumgehen kann, um zu sehen, wie es in ihnen kreucht und fleucht. Mehr geht nicht.

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Prosagedicht II / Stirne

 

Stirne

Meine Stirn an Deine Stirn legen,
Stirnenhimmel,
das wäre mein Glück jetzt,
dies allein,
kein Meer,
keine Sonne,
Stirnen nur.
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

>>>Gedichte

 

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Unübersehbarer Reichtum, Chaos und Stoff

Ich kann mich nur noch auf Dinge konzentrieren, die mich wirklich, ganz persönlich und ganz direkt interessieren, unmittelbar „mir“ sind. Das ist natürlich eine Katastrophe, wenn auch eine nicht nur selbstgemachte, sondern auch bewußt angestrebte. Kein Wunder, daß mir in letzter Zeit nicht selten geraten wurde, mich doch wieder ein wenig zu zerstreuen – allein der Begriff spricht Bände! Fest steht in jedem Fall, ich lebe in einem Irrenhaus, bin der einzige Insasse und alle anderen sind das Personal. Nun ja, so ähnlich werden das andere sicher auch empfinden, selbst wenn sie nicht vom Virus der Ästhetik befallen sind, doch die von eben diesem Virus Befallenen haben es nunmal besonders schwer. Wie heißt es doch (in einer neuzeitlichen Übersetzung aus dem Lateinischen) in Alexander Gottlieb Baumgartens Aesthetica von 1750/58: „Der Ästhetiker freut sich innerhalb seines Horizontes an seinem unübersehbaren Reichtum, an dem Chaos und dem Stoff.“ (§ 564) Sag ich ja: wir leben alle in einem Irrenhaus!

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Wert-Schätzung Pi mal Daumen mal Geld

Immer wieder diese doofe Frage, was ich denn damit verdiene! Ich sage dann immer: „ausreichend“ – wenngleich ich das, was ich verdiene, nicht bekomme, was dann eben daseinsmäßig zu Geldproblemen führt, was ich dann manchmal eben auch noch sage, je nach Laune. In einer launigen Runde, in der solche Kennenlernfragen nach dem Verdienst gestellt werden und in der weitere Fragen darauf ausgerichtet sind zu erfahren, was jemand ist und nicht wer jemand ist, fühle ich mich nicht sehr wohl, aber auch in Runden, in denen es darum geht, wer am meisten zu leiden hat für seinen Beruf oder seine Familie, ist der Spaß weit weg und die Frustration danach schon präfiguriert. Was also tun? Die Antwort ist wie immer einfach: man tut einfach so, als sei alles in bester Ordnung, als würde alles peu a peu besser werden, so lange man sich nur: anstrengt – ohne dabei zu: verkrampfen – und, ganz wichtig: ohne dem reinen Hedonismus zu frönen, weil der nämlich schon wieder Ideologie ist und auch noch: teuer. Also alles halb so wild, so lange man nicht eines morgens als Ungeziefer aufwacht, nur so als Beispiel, doch davon sind wir ja alle zum Glück weit entfernt, es sei denn, wir schliefen schon als Ungeziefer ein, weswegen sich in den meisten Schlafzimmern nämlich ein Spiegel befindet, auf daß man sich absichere, sich noch einmal anglotzt, ja, das bin ich ich, ich sehe zwar scheiße aus, bin aber ich, also Licht aus für den Schönheitsschlaf und die kostenlose Traumbespaßung angeschaltet, damit wir am nächsten Tag nicht platt sondern fit sind für: allerlei Leistung. So soll es sein!

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Kompatibilitätsberichtsveröffentlichung 1

Nachdem zuletzt noch die Sonne mir in die Küche lachte und meinen emotionalen Genickbruch mit einem samtenen Tüchlein bedeckte, ist heute wieder die weiße Schnee-Hölle angesagt, worauf ich einfach bis zum Mittag im Bett blieb, nachdem ich des nachts einen äußerst interessanten Traum hatte, bizzar, expressionistisch, komisch, spannend, alles drin, könnte man sagen. Wer mich kennt, der weiß, daß ich das überhaupt gar nicht kann, im Bett liegenbleiben nämlich, weil ich eigentlich immer zur Tat schreite und immer tätig bin. Also an alle, die mir bisher immer vorgeworfen haben, nicht einmal im Bett liegenbleiben zu können: es ist mir heute gelungen – man lernt ja nie aus. Imgrunde aber war ich sogar im Bett nicht untätig, weil ich mir ja im Halbschlaf diesen Traum noch einmal verinnerlichte, in dem ich tatsächlich trotz aller Schrägnis verbunden war mit den Ereignissen, kompatibel mit ihnen war, sie auf irgendeine Weise im Griff hatte, selbst wenn sie mich überraschten und ich oft unbeachtet herumstand und mich niemand erkannte, obwohl ich alle erkannte, die da in diesem seltsamen Haus auftauchten, in das ich nach langer Reise geriet. In der wirklichen Wirklichkeit dieser Tage habe ich dieses Gefühl überhaupt nicht, nämlich etwas im Griff zu haben und die Nichtbeachtung zu meistern, spannend also, daß ich mir selbst diese Vorstellung schickte – Dank dafür! Wie, würde nun manch einer fragen, ist sich selbst zu danken nicht doch sehr selbstbezüglich, ja, schon, würde ich antworten, doch so macht das der Künstlermensch nunmal, sich selbst am Schopf aus dem Sumpf ziehen, so wie das Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen so überaus treffsicher beschrieb. Also ziehe ich mich aus dem Sumpf, in den ich hineingeriet, nicht mit Absicht natürlich, wenn auch nur in der Art unschuldig, wie ich es mir selbst nie zugestehen würde, schließlich bin ich ja kein Spielball des Schicksals, wie ich hoffe, auch wenn ich im Moment wohl besser in den Sumpf als in andere Landschaften passen mag, in die mich niemand freiwillig hineinließe, um das mal so kryptisch wie möglich auszudrücken, denn dem seit der Einführung der Ohrenbeichte im 13. Jahrhundert herrschenden Zwang zum Geständnis kann ich mich zwar nicht vollkommen entziehen, ihn aber doch hintertreiben, dem ganzen Öffentlichkeits- und Psychologiegedöns zum Trotz! Ach ja, an alle, die jeden verdammten Werktagsmorgen um fünf oder sechs Uhr oder wann auch immer aufstehen müssen und die sich fürchterlich aufregen über solch faules Künstlerpack: ich habe selbstverständlich in meiner Freizeit im Bett gelegen, die Arbeitszeit verbringe ich zumeist am Schreibtisch. Also, ganz ruhig bleiben, tief atmen! So, nun aber genug geschwafelt, auf zum Gefecht, auf daß es mir am Ende einbringen möge, wieder einigermaßen kompatibel zu sein, mit was auch immer.

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Lebenslesezeit

Literarisch betrachtet ist der Frühling eine hoffnungsvolle Zeit – so begann ich vor einer Weile einen Beitrag und brach ihn ab, worauf er in den Entwürfen landete. Also keine Ahnung, was ich sagen wollte, wäre wahrscheinlich sowieso der übliche Blödsinn gewesen. Das war’s dann auch schon, oder wäre es gewesen, wenn mir nicht eben eingefallen wäre, daß ich nach Döblins Wallenstein ein Buch lesen will, auf das ich mich freue, eine Wiederveröffentlichung, nämlich Die erbeuteten Frauen. Sieben dramatische Geschichten von Johannes Urzidil, erschienen im Elsinor Verlag. Die Erstausgabe erschien 1966, es gilt also, literarisch mal wieder eine Zeitreise anzutreten, die all jene nicht tun können, die sich ausschließlich mit der „aktuellen“ Literatur zu beschäftigen haben – eben diesen Zeitgenossen möchte ich hiermit mein Bedauern aussprechen, ich bemitleide sie ganz herzlich, denn die Lebenslesezeit ist ja schließlich begrenzt wie alles andere auch, selbst wenn ich nicht abstreiten will, daß es 1) auch unter den Neuerscheinungen gute Literatur gibt und auch mir 2) am Ende etwas Lesenswertes verloren gehen wird. Ich wünsche einen schönen Lesefrühling!

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Warum machen Sie das …

so, auf diese Art? Ich fragte zurück: „Wie meinen Sie das – auf diese Art?“ „Ohne“, erwiderte sie, „das Drumherum zu berücksichtigen, das Networking und überhaupt die Karriereplanung.“ Sie legte den Kopf schief, sah mich aus ihren undurchdringlich grünen Augen kalt an, nippte an ihrem Perlwein und wartete, wie ich aus dieser Falle mich herauszuwinden versuchte. „Ich denke“, sagte ich nach einer Weile, „daß ich das mir Wesentliche nicht wirklich tun würde, wenn ich viel Zeit für andere Dinge aufwenden müßte.“ Sie kippte ihr Getränk hinunter und nahm zielsicher ein neues Glas von einem Tablett, das ein junger Mann durch die Grüppchen balancierte. Ich hielt mich an meiner Bierflasche fest. „Das ist es ja eben“, nahm sie mich fest in den Blick, „daß nämlich die wirklich guten Leute beides können, ihre Karriere befeuern und zugleich gute Bücher schreiben. Nur eines von beiden zu machen, kann jeder Idiot.“ „Also halten Sie mich für einen Idioten?“, sagte ich und nahm einen Schluck Bier, das schon zuvor nicht wirklich kalt gewesen war, wie immer auf solchen Empfängen. „Aber nein, nicht doch“, lächelte sie mich an, legte die beringten Finger ihrer rechten Hand auf mein linkes Handgelenk und tätschelte es, „so meinte ich das nicht, um Gottes Willen. Nein. Sie entschuldigen mich, es war nett Sie kennenzulernen, ich werde erwartet.“ Schwerelos seidig rauschte sie zwischen den Grüppchen hindurch Richtung Terrasse und stellte sich zwanglos zu einer Gruppe junger Studenten mit karierten Sakkos. Mmh, dachte ich, wo kriege ich jetzt bloß ein kaltes Bier her, und zwängte mich durch zur Bar. „Gibt’s das Bier auch in kalt“, raunzte ich unfreundlich, die noch halbvolle Flasche auf die Theke knallend, eine junge Frau an, die mich im Kellnerinnenkostüm dienstbeflissen anlächelte. „Aber ja, für Sie immer“, hauchte sie, glitt zum Edelstahlkühlschrank, zog die Tür auf, griff hinein, nahm eine Flasche, öffnete sie und reichte sie mir hinüber. „Kalt genug?“, fragte sie. „Ja“, nickte ich, „aber Entschuldigung, ich bin ein Idiot.“ „Bitte“, sagte sie und wendete sich dem nächsten Gast zu. Ist ja ein wunderbarer Abend, dachte ich, wie gemalt.

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Prosagedicht I / Weg und Weite

Weg und Weite

Kaum daß einzelne Worte ausreichten,
 noch weniger dürre Buchstaben nur,
 nein, nicht einmal diese,
 ein Blatt Papier,
 leer und voll des Lichts mit einem Bedauern,
 so sprachlos, plan und weiß.

 

>>>Gedichte

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Baum, Borke

Für die meisten Menschen gilt doch, daß sie am falschen Ort zur falschen Zeit mit dem falschen Namen und dem falschen Geschlecht und der falschen Hautfarbe geboren sind, woraus dann die meisten Menschen das Beste zu machen versuchen mit mal mehr und mal weniger Erfolg und Zuversicht und Glück. Zwischen Baum und Borke zu sitzen ist allerdings nicht jedem Menschen möglich, dafür muß man schon ein wenig mehr Glück haben, so daß es also eine besondere Auszeichnung des Daseins darstellt, dauerhaft die Nachteile dieses Zustandes genießen zu dürfen, wenn auch nur wegen derjenigen Menschen, die sich ihrer Eindimensionalität halber die Gewalt im Staate Dänemark teilen. Das ist nun nicht sehr deutlich ausgedrückt und nur denjenigen Zeitgenossen verständlich, die eben auch genau da sitzen, dazwischen, ohne den anderen Menschen etwas Böses zu wollen, was diese aber wiederum kaum verstehen werden, so sich also nichts ändern wird an keinem der wie auch immer gearteten Zustände. Wie schwer es doch ist, einen Ausgleich zwischen Arbeit & Leben zu finden, könnte man denken.

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